Thierry Mugler, das unberechenbare Genie, prägte wie kein anderer Designer die Mode der Achtziger. Mittlerweile pfeift er auf den Laufsteg und entwirft lieber Kostüme für Stars wie Beyoncé. Von Dirk van Versendaal

Duett der Diven - die Sängerin und Schauspielerin Beyoncé Knowles heuerte den Modeschöpfer Thierry Mugler als künstlerischen Berater für ihre Welttournee an© Bryan Bedder/Getty Images
Es johlten die Massen, wenn er die Diskotheken in Paris oder New York stürmte, in schwarzen Riemenstiefeln und Nietenhosen, dicke Ringe im Ohr, die Tattoos sonst wo. Er war der wildeste Partylöwe der 80er Jahre, zertrümmerte Hotelzimmer, pfiff auf Geschäftstermine. Seine Schauen waren ein Akt der Selbstkrönung, seine Kollektionen machten Skandale, und seine Definition von Wesen und Sinn der Mode, gesprochen in Robert Altmans "Prêt-à-porter", ist Legende: "Es geht darum, gut auszusehen. Es geht um einen guten Fick, Honey!"
Und heute? Da kommt er mit müdem Gesicht und in einer blaugrauen Windjacke aus Hartford, Connecticut - "weil Fräulein Beyoncé dort in einem Hangar probt". Mugler hat die Outfits für die Welttournee der amerikanischen Popsängerin Beyoncé Knowles entworfen, so wie es sich für ihn gehört: theatralisch, sexy, bombastisch. Er ist ihr künstlerischer Berater, kümmert sich um Choreografie und Showeffekte. "Meist lädt sie mich ein, mit ihrem Hubschrauber zu fliegen. Im Leben nicht, sage ich ihr dann und warne sie: Flieg nicht bei dem Nebel! Flieg nicht bei Regen!"
Seit Beyoncé im vergangenen Jahr die Ausstellung "Superheroes: Fashion and Fantasy" im New Yorker Metropolitan Museum besuchte, ist sie hin und weg von Thierry. Was den nicht wundert, hatte er die Ausstellung doch nahezu allein aus seinem Fundus bestritten. Nie besorgt, zu weit zu gehen, prägte er wie kein anderer Designer die Achtziger: Power-Look, Futurismus, Riesenschultern - Mugler zeigte die irrwitzigsten Outfits von tout Paris. Sich in seinen Defilees einen Platz zu erkämpfen war so hart "wie die Landung in der Normandie" (Bloomingdale's Einkäufer-Legende Kal Ruttenstein). Er war seiner Branche um Lichtjahre voraus, auch in seinem Größenwahn: Sein einziges Maß, sagte er einmal, sei die Maßlosigkeit.
Wie arbeitet es sich also mit einer Diva wie Beyoncé, wenn man selbst eine ist? Sie habe ihn ins Staunen gebracht, gibt er zu. "Neulich fährt sie im riesigen Chrysler vor ihrem Aufnahmestudio vor, fährt damit im Lastenaufzug in den zwölften Stock, rollt ins Studio, steigt aus, wechselt ihre Kleider und singt. Zwei Stunden später sitzt sie im Helikopter, der bringt sie zum Privatjet, der zum nächsten Termin fliegt. Total hysterisch das Ganze", sagt der Mann, der sich mit Extravaganzen auskennt wie kein anderer.

Designer Thierry Mugler bei der Präsentation seiner Frühjahr-Sommer-Kollektion für das Jahr 2000. Mittlerweile hat sich der 61-Jährige aus der Modebranche zurückgezogen, kümmert sich um Parfums und Bühnenkostüme© Picture Alliance
Eine Anfrage von Britney Spears hat Mugler gerade abgesagt. Zeitmangel. Er arbeitet an einem Musical und an einer Revue. Sein Ziel sei es immer gewesen, Spaß zu haben an dem Neuen. Er hat als Tänzer gearbeitet, als Fotograf, er drehte Filme und entwarf Kostüme für die Pariser Oper und die Comédie Française. Zuletzt hat er in Las Vegas für den Cirque du Soleil die 15-Millionen-Dollar-Revue "Zumanity" ausgestattet, sie mit Dominas und Satyrn, Insektenmenschen und Roboter-Göttinnen bevölkert. Muglers Trapezakte wurden zu Fesselnummern, der Pas de deux zum Sadomaso-Späßchen.
Er sei schon als Kind immer beschäftigt gewesen, erzählt er. Ein Einzelkind, ein Arztsohn, der zum Kummer seines strengen Vaters häufig die Schule schwänzte. "Ich wachte auf, verließ das Haus, ging ins Museum. Ich spielte Theater, bastelte Kleider, ich hing herum und dachte über meinen künftigen Ruhm nach." Mit neun Jahren nahm er dann im heimatlichen Straßburg Ballettunterricht an der Opéra du Rhin; gerade volljährig, flüchtete er aus dem biederen Elsass - zuerst nach London, dann auf ein Hausboot an der Amsterdamer Prinsengracht, schließlich nach Paris.
Im Berufsleben flatterhaft und unstet, hält Thierry Mugler seinen Parfüms die Treue. Und sie halten seinen Namen am Leben und bringen viel Geld: Angel rangiert seit seiner Einführung 1992 unter den weltweit erfolgreichsten Düften, Nachfolger Alien läuft kaum weniger gut. Er betreibt das Duftgeschäft durchaus mit Ernst: entwirft Sondereditionen seiner Dauerbrenner, bastelt an Flakons, im nächsten Jahr gibt es ein neues Frauenparfüm, und immer hält er seine Parfümeure auf Trab. Mal ließ er sie nach der Essenz von Schokolade fahnden, mal nach dem Geruch von Sperma - "ohne solche Herausforderungen wäre das Parfümgeschäft langweilig".
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 29/2009