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MÄNNERMODE: Einsatz in Manhattan

Nichts ist erotischer als ein perfekt sitzender Männeranzug: Das zeigen die Schauspielerin Natalia Wörner und ihr Kollege Tim Bergmann beim filmreifen Fotoshooting während einer Drehpause in New York

Nichts ist erotischer als ein perfekt sitzender Männeranzug: Das zeigen die Schauspielerin Natalia Wörner und ihr Kollege Tim Bergmann beim filmreifen Fotoshooting während einer Drehpause in New York

Letzten Endes, bemerkte der französische Designer Thierry Mugler einmal, gebe es nicht viel über Mode im Allgemeinen zu sagen: »Es geht darum, gut auszusehen«, meinte er, »und um einen guten Fick.«

Wie wunderbar also, dass es Anzüge gibt. Für Männer schon seit langem, ist ja auch völlig klar, warum: »Es gibt niemanden, absolut niemanden auf der Welt, der in einem schwarzen Anzug nicht gleich zwei Klassen besser aussehen würde«, befand Regisseur Quentin Tarantino. »Alles, was ich tun muss, ist, meinen Anzug vor die Kamera zu halten«, erklärte Schauspieler Robert Mitchum über seinen Erfolg. Und: »Keine Frau soll mit diesem Schiff untergehen, weil Benjamin Guggenheim ein Feigling war!«, verkündete der gleichnamige US-Millionär, der beim Untergang der »Titanic« galant den Damen den Vortritt beim Verlassen des Wracks ließ, stilvoll seinen Smoking anlegte und sein Ende abwartete.

Frauen tragen Anzüge weniger der großen Gesten wegen und seit längst nicht so langer Zeit wie die Männer. Es ist erst siebzig Jahre her, da wurde Marlene Dietrich von der französischen Polizei davor gewarnt, sich der Öffentlichkeit im Hosenanzug zu zeigen. Noch 1966 musste die Sängerin Esther Ofar im wegen ihres schwarz-samtenen Hosenanzugs die Bar des Hamburger First-Class-Hotels Atlantic verlassen.

1973 beschloss die deutsche Modemacherin Jil Sander, nie wieder Kleider zu tragen. Deshalb sah man sie seither nur noch in perfekt geschnittenen Hosenanzügen, und darum konnten auch Natalia Wörner und Tim Bergmann bei Fotoaufnahmen für den stern in New York zeigen, wie anzüglich Anzüge sein können. Die beiden sind die Hauptdarsteller bei der ARD-Verfilmung des Romans »Der Seerosenteich« - der Lebensgeschichte einer Frau, die durchaus und gerechterweise Jil Sander heißen könnte (Ausstrahlung am 6. und 7. Februar 2003).

Minirock und bauchfreies Hemdchen, Netzstrümpfe und durchsichtige Bluse, all dies kann für die Anmache eingesetzt werden - wirkungsvoller ist aber der Anzug. Denn sein Repertoire der Verführung ist um eine ganze Dimension reicher - jene nämlich, die von den dunkleren Seiten der Seele handelt, von sexueller Unterdrückung, Autorität und Obsessionen ähnlicher Art - einfach davon, dass, wer einen Anzug trägt, nicht nur begehrt werden, sondern selber verführen will.

Der erste Modemacher, der seine Frauen konsequent in Anzüge steckte, war Yves Saint Laurent. Sein Meisterwerk von 1966, unter Eingeweihten ehrfurchtsvoll »le smoking« genannt, wurde unsterblich durch die Fotos von Helmut Newton: Eine Frau steht allein auf der nächtlichen Rue Aubriot im Pariser Viertel Le Marais und trägt einen maskulin geschnittenen Anzug mit geraden, breiten Schultern. Mehr Sex auf einer Fotografie geht nicht.

Später um eine Selbsteinschätzung seines Oeuvres gebeten, antwortete Saint Laurent: »Wenn ich unter all den Kleidungsstücken, die ich entworfen habe, nur ein einziges als Wichtigstes auswählen müsste, dann wäre es dieses.«

Dirk van Versendaal