Wie ich Wichser wurde

Für Maßschuhe muss man richtig was in die Hand nehmen. So viel Geld an den Füßen verändert das Leben. Ein Selbsterfahrungsbericht. Von Ansbert von Tharnung

Männerschuhe, Maßschuhe

Schuhmacher Markus Scheer, 34, vor einem Teil seiner Leisten©

Ansbert von Tharnung ist hier mein Name, und dafür habe ich drei gute Gründe. Erstens reißt mir meine Frau den Kopf ab, wenn sie hört, dass ich mir ein Paar Schuhe für 2800 Euro gekauft habe. Zweitens werden auch meine Kollegen glauben, ich hätte sie nicht mehr alle. Und drittens hat mich die Firma Rudolf Scheer & Söhne, weiland k. u. k. Hofschuhmacher in Wien, in ihrer Rechnung mit "Hochwohlgeboren" angeschrieben, weswegen ich mir das aufgeblasene Alias gönnen darf. Ich bitte um Verständnis.

2800 Euro, ich geb's zu, scheint Wahnsinn. Anfangs ging das auch mir so. Und es war ja auch eine Affekthandlung, als ich zum Scheer sagte: "Gut, ich will jetzt solche Schuhe." Sowohl in dem Moment als auch später habe ich mich eine ganze Weile geschämt. Bis ich die Schuhe trug. Jetzt möchte ich mir das nächste Paar bestellen. Bin ich unheilbar? Im Gegenteil, ich bin geheilt! Ich kann wieder gehen. Ich springe und hüpfe wie Pan mit der Flöte. Zuvor schleppte ich mich dahin, erstens ganz generell und zweitens von einem Orthopäden zum anderen. Heute gehe ich auf Wolken, auch wenn ich bislang nur ein Paar Maßschuhe habe, aber die Wirkung ist groß. Frage: Wie viel ist Schmerzfreiheit wert? Antwort: zwo acht. Das ist viel, aber es ist der Lohn für ehrliche Arbeit, im Übrigen klebt kein Blut an meinen Schuhen, und sie sind keine Klimakiller.

"Handwerk, da tränen Ihnen die Augen"

"Sie müssen zum Scheer", sagte ein an Jahren und Geld schon sehr bemooster Weinhändler, mit dem ich über Qualität philosophiert hatte, Qualität im Allgemeinen und im Besonderen. "Sie müssen zum Scheer, das ist noch Handwerk, da tränen Ihnen die Augen." Ich liebe altes, echtes Handwerk, drücke auch gern ein Tränchen und hatte vorm Rückflug nach Berlin noch zwei Stündchen in Wien. Also schleppte ich mich in die Bräunerstraße 4, im 1. Bezirk am Graben gelegen. Meine Füße schmerzten, und ich hatte noch eine nette Knochenhautentzündung im Oberschenkelbereich. Aber ich kam an.

In der Auslage nichts als zwei Paar Männerschuhe. Aber die standen wie Standbilder da, wie aus Bronze gegossen und dann poliert. Ich betrat den Laden, ein dunkles Gelass mit knarrenden Dielen, kein Mensch zu sehen. Ein Schild bittet in den ersten Stock, über eine schmale, ächzende Treppe. Oh je, dachte ich, und oben steht jetzt garantiert ein Greis mit Höhrrohr und belegter Stimme. Oben stand ein Greis mit schlohweißem Schopf und von feinem Gesichtsschnitt, dem spross Haar aus den Ohren. Er trug einen abgetragenen, aber blitzsauberen Kittel. Ich sagte mein Sprüchlein: Journalist, Reportage, altes Handwerk ... Er schob die Hand wie einen Trichter hinters Ohr: "Bittschön, wie?" Noch mal das Sprüchlein, jetzt mit erhobener Stimme. "Bittschön ... Na, ich werd mein' Enkel rufen."

"Ich will so ein Paar Schuhe"

Der kam. Schwarzhaarig war er und von feinem Gesichtsschnitt, gekleidet in einen abgetragenen, aber blitzsauberen Kittel - der geklonte Großvater ohne Ohrhaar, dafür helle und mehr als 50 Jahre jünger. Er verstand mein Anliegen und führte durch die Werkstatt, ohne viele Worte. Drei Gesellen, ein Meister, altes Werkzeug, stille Arbeit und Konzentration und ein Geruch von Leder, Holz und Leim. Je mehr ich sah, desto mehr war ich gefangen und beging jene Affekthandlung. Als wäre ich fremdgesteuert, hörte ich mich sagen: "Ich will so ein Paar Schuhe." Es klang wie ein Eheversprechen. Über Geld war kein Wort gefallen, und wohlweislich war auch nirgends ein Preisschild zu sehen. Aber Markus Scheer, 34, so der Name des Enkels, er warnte mich fair: "Das kostet Sie teuer, Herr von Tharnung. Nicht, dass es das nicht wert wäre, doch wenn Sie auch nur ein einziges Paar haben, wollen Sie nichts anderes mehr tragen - bis auf die Folgekosten."

"Was kosten die Schuhe?" Markus Scheer schwieg. Er besah sich erst mal die Füße. Ich breitete meine Leidensgeschichte aus. Bundeswehr, Pioniere, Brückenteile, Minen, zu schwer getragen, Platt-, Spreiz-, Senk- und überhaupt ganz einfach Kröpelfüße, dann noch Beinverkürzung, dadurch Beckenschiefstand, dagegen wieder Höhenausgleich durch Fersenkeil rechts - das ganze Paket.

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