Im Alltag fühlt sich der Mensch oft aufgewühlt, zerrieben. Das beste Rezept dagegen ist alt: wühlen und graben, mit den Händen in der Erde sein. Die neue Lust auf Land und Garten ist fordernd, gipfelt aber in Harmonie. Von Peter Sandmeyer

Inge Renken schuf in fast 20 Jahren Arbeit aus norddeutscher Stoppelwiese, Stück für Stück, ihren Garten mit Rosenhecken und Kräuterbeeten© Sabine Bungert
Vor zwei Jahren ist der Zustand der Menschheit gekippt. Zum ersten Mal lebten 2007 weltweit mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Viele in Megacitys, in den aufeinandergestapelten Kuben riesiger Stadtzentren. Noch vor 150 Jahren hat ein durchschnittlicher Erdenbürger im Lauf seines gesamten Lebens zwei- bis dreihundert Menschen getroffen. Heute lebt er meist in engster Nachbarschaft mit Millionen.
Aber 200.000 Jahre Menschheitsgeschichte haben tiefe Spuren hinterlassen. Auch wer seinen Alltag zwischen Hochhaus, Tiefgarage, Supermarkt und Schnellimbiss verbringt, ist noch geprägt von den Traumbildern seiner Herkunft. Die Augen sehnen sich nach dem freien Blick über Wiesen und Felder, die Nase nach Blütenduft und dem Geruch von frischem Gras, die Ohren nach dem Flüstern des Windes und dem Zirpen der Grillen. Und seine Seele verlangt nach ländlichem Frieden und der Freiheit von allen Abhängigkeiten des Daseins in Steinen und Staus. Der realen Landflucht entspricht die innere Stadtflucht.
Dem langsamen Sinken der Sonne zuschauen und dann fürs Abendessen einfach ein paar Kartoffeln ausbuddeln, die passenden Möhren aus der Erde ziehen, für die Vorspeise drei schöne reife Tomaten vom Stock schneiden, den Thymian dazu direkt aus dem Kräuterbeet pflücken und den Tisch mit ein paar frischen Blumen vom eigenen Beet schmücken - das wär's.
Aber wer kann schon so leben? Nur wenigen gelingt es, die Lust am Land mit den Zwängen von Job, Arbeitswegen, Spritkosten und Kinderbeschulung unter einen Hut zu bringen. Für die meisten bleibt es beim Sonntagsausflug. Und bei der Sehnsucht nach Natur, die nicht nur zum Anschauen, sondern auch zum Anfassen ist.
Besonders dann, wenn sie Kinder haben. Wer je Zeuge war, mit welcher Hingabe ein Kind den ersten selbst gefangenen Regenwurm betastet und mit welcher Verzückung es die ersten grünen Stängel betrachtet, die aus dem von ihm in die Erde versenkten Samen sprießen, wird alles daran setzen, dieser Sehnsucht eine Heimat zu verschaffen: ein Stück selbstbestimmte Natur, ein kleines Quantum Landschaft - einen Garten! "Ein Garten kann Sehnsüchte erfüllen", sagt Thomas Wagner, 40, Sprecher des Bundesverbandes Deutscher Gartenfreunde, kein Mann mit Strohhut und grüner Schürze, sondern mit gestutztem Kinnbart, Baseballkappe und weißen Turnschuhen. Ein Mann, der den Zug der Zeit erkennt.
Wieder eins werden mit der Natur und mit sich selbst: Immer mehr Menschen haben diese Sehnsucht und suchen ihre Erfüllung im eigenen eingezäunten Stück Grün. Und da machen sie wunderbare Erfahrungen. Von Jahr zu Jahr steigt die Zahl der Gärten in Deutschland, Zuwachsprognose für die nächsten Jahre: zwei Millionen. So wie die Deutschen vor mehr als 20 Jahren ihre Küchen als Orte schöpferischer Gestaltung und kulinarischer Lebensfreude neu entdeckten, so stoßen sie heute auf den Garten als Anti-Stress-Hilfe und Kreativatelier. Gartenmärkte boomen, Gartenbücher sind Bestseller, Gartenreisen sind ausgebucht, die Kleingartenkolonien der Großstädte werden von jungen Paaren und Familien gestürmt. Früher wurden sie abschätzig Laubenpieper genannt, heute gelten sie als coole Trendsetter. Die uralte Freude am Pflanzen und Ernten ist überall zu neuer Lust entflammt. Selbst First Lady Michelle Obama findet es sexy, zu Hacke und Harke zu greifen und im Garten des Weißen Hauses Spinat, Brokkoli und anderen Kohl anzubauen.
"Jeder Mensch braucht einen Garten", lautet der erste Satz des "Garten-Manifestes" von Sabine Reber, einer 39-jährigen Autorin aus der Schweiz, die mit ihrem gerade erschienenen Buch "Endlich gärtnern!" besonders den Jüngeren Appetit machen will, zu Spaten und Rosenschere zu greifen: "Jeder Mensch braucht etwas Boden unter den Füßen, eine Handvoll Erde, um ein Pflänzchen wachsen zu lassen, und einen Baum, an den er sich lehnen kann."
Der Schriftsteller und leidenschaftliche Gärtner Jürgen Dahl schrieb: "Es gibt wirklich Menschen, die von sich behaupten, sie brauchten keinen Garten. Aber wahrscheinlich sind gerade sie es, die ihn am ehesten nötig hätten: um zu staunen, um zu lernen, um müßigzugehen, um sich eigenen Salat zu erschaffen - und um zu erfahren, dass sie ihn gar nicht erschaffen, sondern damit beschenkt werden."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 18/2009