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Wie der Hip-Hop die Politik verändern soll

Keine protzigen Autos, kein Macho-Gehabe: "Die Urbane" will als Hip-Hop-Partei bei der Bundestagswahl antreten. Ihr Motto: "Machen, statt meckern." Ihr Ziel: eine gerechtere Gesellschaft.

"Die Urbane" ist Deutschlands erste Hip-Hop-Partei.

"Die Urbane" ist Deutschlands erste Hip-Hop-Partei. Der 34-jährige Raphael will bei der Bundestagswahl mindestens 0,5 Prozent der Stimmen für die Landesliste bekommen.

Eigentlich ist Raphael Hillebrand hauptberuflich Choreograph. In Berlin leitet der 34-Jährige Hip-Hop-Workshops, er tanzt an Theatern, tourt durch die Welt. Seit einigen Wochen aber muss Raphael bei seiner Arbeit ein wenig zurückstecken, er hat ein Ehrenamt übernommen, das inzwischen zum Vollzeitjob geworden ist: Zusammen mit der Videokünstlerin Nikki Drakos steht Raphael an der Spitze einer neuen Partei. Sie heißt "Die Urbane", kurz "DU". Untertitel: "Eine HipHop-Partei."  Und sie wollen Politik und Gesellschaft aufmischen.

Los ging es Anfang des Jahres: In gut 20 Leuten aus der Berliner Hip-Hop-Szene reifte die Idee, sich einzubringen - sie spürten, dass es in der Gesellschaft immer mehr Probleme mit dem Miteinander gibt, und: "Immer häufiger wurde über Politik gesprochen", sagt Raphael im NEON-Interview, "gleichzeitig herrscht bei Jung und Alt eine große Politikverdrossenheit." Die wollten er und seine Mitstreiter aufbrechen, das Verbindende zwischen ihnen sei nun mal Hip-Hop.

Kein Bling-Bling, keine protzigen Karren

Und zwar nicht der klischeebeladene Gangster-Rap mit protzigen , viel Bling-Bling und Frauenverachtung, sondern die Werte, die die Hip-Hop-Kultur eigentlich vertrete und die aus dem Gründungsmythos des Genres hervorgegangen seien: Als in 1970er- und 1980er-Jahren in den afroamerikanischen Ghettos der USA Gewalt in einen kreativen Wettstreit umgeschlagen sei. Als Benachteiligte merkten, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und am Gesellschaftsleben teilhaben können.

Auf dieser Geschichte des Hip-Hops baut "Die Urbane" auf und so geht auch das Programm der neuen Partei von einem ganz bestimmten Menschenbild aus: Sie möchte "eine Kultur und eine Umgebung schaffen, die die guten Eigenschaften und Verhaltensweisen fördert, sie würdigt, sie zelebriert und sie belohnt", heißt es da zum Beispiel. Und auch wenn der Vorsitzende realistisch genug ist, um zu sagen, dass seine Partei "in einem halben Jahr keinen komplexen Alternativentwurf für die Gesellschaft ausarbeiten kann", ist klar, dass Ideale wie Toleranz und Freiheit für "Die Urbane" einen immens hohen Stellenwert haben.

Um das Parteiprogramm zur Abstimmung zu bringen, waren lange Treffen und endlose Arbeit an Online-Dokumenten nötig. Mitte Mai war es dann soweit: In der Berliner Szenekneipe "Cassiopeia" veranstaltete die Partei ihren "Kick-Off-Jam", eine Art Parteitag zwischen Workshops, Konzerten und Diskussionen. Mehrere Hundert Besucher kamen, am Ende stimmten die gut 70 Mitglieder für das fast 30-seitige Leitbild ihrer Partei. "Historisch", nennt das ihr Vorsitzender halb ernst, halb augenzwinkernd, aber in jedem Fall stolz.

Hip-Hop-Partei hat konkrete Ziele

Und das Programm beinhaltet auch ganz konkrete Ziele: Fracking-Verbot, bessere Lehrerausbildung, Gleichstellung aller Lebens- und Liebesformen, Nato-Austritt, das Bekenntnis zu Europa oder die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens zum Beispiel.

Die Forderungen könnten zwar so oder ähnlich auch in den Programmen etablierter Parteien stehen, aber "Die Urbane" will eine Alternative zu ihnen sein. "Ich habe mir andere Parteien mal angeschaut und damit geliebäugelt mich zu engagieren. Aber letztendlich wusste ich gar nicht mehr, wen ich wählen sollte", sagt der 34-Jährige. "Wir und unsere Ziele würden auch von den alten Strukturen der Parteien vereinnahmt werden", glaubt er.

Denn auch darum geht es bei den "Urbanen": Alte Strukturen aufbrechen, Weg vom Muff der Ortsverband-Büros, hin zu neuen Formen der Partizipation. Wenn ein Parteitag plötzlich ein "Kick-Off-Jam" ist, sinkt auch die Hemmschwelle für Interessierte, sich zu beteiligen, so die Rechnung: "Viele meckern, aber bei uns kann man machen. Zwei Stunden in der Woche reichen ja schon. Und jeder und jede kann mit dem anfangen, was er oder sie am besten kann." Wer sich engagieren wolle, müsse nicht einmal Hip-Hop mögen: "Uns geht es ja nicht darum, bestimmte Ästhetiken nach vorne zu bringen." Wichtig sei nur, dass man die Werte des Hip-Hops vertrete. Toleranz und Freiheit seien schließlich auch in anderen (Sub-)Kulturen zu Hause.

"Warum ist vorher niemand auf die Idee gekommen?"

Nach dem Hype um ihre Gründung, geht es für "Die Urbane" jetzt auf das erste große Ziel zu: Bei der Bundestagswahl im September will die Partei in Berlin mit einer eigenen Landesliste an den Start gehen und neben CDU, SPD, FDP, Grünen und Co. auf den Stimmzetteln stehen. Dazu ging es von Amt zu Amt, jetzt steht die Partei auf der Liste der Bundestagswahl-Aspiranten. Nun sind Raphael und die übrigen Mitglieder am Zug: Sie müssen 2000 Unterschriften sammeln, dann gibt es das "Go" von der Landeswahlleiterin. Inzwischen hat sich auch in Niedersachsen ein Landesverband gegründet.

Dass er im September direkt ins Reichstagsbgebäude einzieht, glaubt der Vorsitzende allerdings nicht, er ist kein Träumer: "Wir wollen zeigen, dass es möglich ist, es mit einer mehr oder weniger spontanen Idee auf den Stimmzettel für die Bundestagswahl zu schaffen." Eine Eintagsfliege soll die Partei trotzdem nicht werden, Stück für Stück soll es nach dem 27. September weitergehen: "Ziel ist es, 0,5 Prozent der Stimmen in der Hauptstadt zu erreichen." Denn dann gibt es Geld vom Staat, die Wahlkampfkostenerstattung. "Damit können wir die Strukturen der Partei weiter aufbauen oder auch Kulturarbeit vor Ort und andere Projekte unterstützen", sagt der 34-Jährige.

Wenn das alles so hinhaut, wird der neue Parteivorsitzende in Zukunft noch weniger Zeit zum Tanzen haben, aber das ist es ihm wert: "Die Arbeit für die 'Urbanen' macht mir unglaublich Spaß", sagt Raphael. Und dabei stellt er sich immer noch eine Frage: "Warum ist eigentlich nicht viel früher schon jemand auf die Idee für so eine Partei gekommen?"

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