Winterzeit ist Einbruchszeit

22. Dezember 2012, 19:38 Uhr

Tür einfach zuziehen und auf Facebook posten, wann es in den Urlaub geht? Keine gute Idee! Alle vier Minuten wird in Deutschland eingebrochen - gerade in den Wintermonaten haben Diebe Konjunktur. Ein Report von Nina Poelchau

Die meisten Einbrecher sind unbewaffnet

Thomas Feltes, Professor für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaften in Bochum, hat im Auftrag des Deutschen Forums für Kriminalprävention eine Studie erarbeitet. Dafür hat sein Team mit 27 Einbrechern, die in Süddeutschland im Gefängnis saßen, intensive Gespräche geführt. Für Feltes geht daraus hervor: "Der Einbrecher als solcher ist ein friedlicher Mensch. Er scheut die Konfrontation. Er will keine Gewalt. Er ist meistens nicht bewaffnet." Andere Studien bestätigen das. Feltes empfiehlt deshalb, sich bemerkbar zu machen, wenn es im Haus verdächtige Knack- und Scharrgeräusche gibt, wenn sich eine Gestalt vielleicht sogar ins Schlafzimmer schleicht, in dem man sich selbst angststarr befindet: "Licht an! Radio an! Dann ergreift der Einbrecher ziemlich sicher die Flucht!" Und dann die Polizei rufen.

Die größte Gruppe der Einbrecher, etwa 70 Prozent, sind Gelegenheitsdiebe, oft Drogenabhängige, Kleinkriminelle. Sie ziehen ohne weitere Vorbereitung los, viele von ihnen in prekären bis mittelständischen Gebieten, sie setzen nicht auf einen Picasso an der Wand oder Mehrkaräter im Schmuckkästchen, Laptop, Handys, Fotoapparate, etwas Bargeld reichen. Sie orientieren sich von außen blitzschnell: Stecken die Zeitungen vielleicht noch im Briefkasten? Brennt kein Licht? Ist kein Beobachter in der Nähe? Dann klingeln sie - horchen: Kommt jemand? Schlägt ein Hund an? Wenn nein, kann es losgehen.

Die restlichen 30 Prozent: Banden aus dem Ausland und, nur ein sehr kleiner Teil, bestens vorbereitete Profis, die ihre Objekte genau ausgekundschaftet haben, bevor sie einbrechen, die über das nötige Feinwerkzeug verfügen, um damit fast jedes Alarmsystem inklusive Hunden außer Gefecht zu setzen, Fenster und Türen aufzubohren oder unterirdisch in Häuser zu kriechen. Das sind die wenigen, denen es auch gelingt, hochgesicherte Häuser und Villen auszurauben - wie Anfang November das Haus von Wolfgang Schäuble. Es sind die, das ist die beruhigende Nachricht für die Mehrheit im Land, die sich für die Behausungen von Durchschnittsbürgern und deren Sparstrümpfe nicht interessieren.

Ein Goldschatz in der Kommode

Udo Riegel, der Ex-Einbrecher aus Bonn, plaudert gerne. Über seine eigene Ganovenvergangenheit nicht ganz so gerne, schließlich will er nicht seinen Ruf als Sicherheitsberater riskieren. Das muss er dann aber doch erzählen: Die besten Tipps gab es früher in Kneipen. Da erfuhr er, wer wann verreiste, welche Wohnung leer stand und auch schon mal von irgendeinem Handwerker, was sich in einer Wohnung an Diebesgut befand. Sein Fazit: "Die Leute denken einfach den Einbrecher nicht mit." Sei es, wenn sie auf Facebook öffentlich bekannt geben, dass sie demnächst für ein paar Wochen nach Bali verschwinden werden "hoffentlich überleben das meine Blumen." Oder wenn sie einem Fremden, einem Handwerker zum Beispiel, in ihrer Wohnung vertrauensselig ihre Schätze präsentieren.

Vor kurzem hat er das am eigenen Leib erlebt: Eine ältere Dame bestellte ihn zu sich ins Haus, sie bat ihn zu einer Kommode, an der das Schloss klemmte, Riegel ölte das Schloss, trotzdem ließ sich die Schublade nur mit Mühe herausziehen. Das lag am Gewicht: Sie war voll gestopft mit Goldschmuck. Udo Riegel war perplex. Er fragte, wie es nur sein könne, dass die Frau diese Schätze in einer solchen Kommode mitten in der miserabel gesicherten Wohnung aufbewahre? Sie antwortete, im Keller habe sie einen Safe, aber es sei ihr zu blöd, da immer extra runter zu gehen. Und dann der Satz, über den Udo Riegel immer wieder aufs Neue staunt: "Bei mir bricht doch keiner ein!"

Die mächtigsten Feinde des Einbrechers sind immer noch die Nachbarn. Das ist eine der zentralen Botschaften des Bochumer Kriminalwissenschaftlers Thomas Feltes. Von den 27 Straftätern, mit denen sein Team sprach, sind 26 von aufmerksamen Nachbarn verpfiffen worden - nur einer ging einer privaten Sicherheitsfirma ins Netz. Feltes rät deshalb, sich mit den Nachbarn immer gut zu stellen. Allerdings auch Nachsicht zu haben, wenn sie nicht alles, was passiert, richtig interpretieren: Die Nachbarn der Familie Essig in Mannheim sahen aus dem Küchenfenster leider in aller Gemütsruhe zu, wie ein paar Jugendliche eines Nachmittags schnellen Schrittes durch den Garten hinter das Nachbarhaus liefen. Freunde der Töchter, dachten sie - und nicht im Traum daran, dass hinter den Besuchern Einbrecher stecken könnten. Binnen Minuten, erfuhren sie später, brach die Gruppe die Terrassentüre auf und räumte ohne Rücksicht auf Verluste das Haus aus. Inzwischen haben die Essigs nachgerüstet: Zum Beispiel ist der Zugang zur Terrasse mit einer Gartenpforte versperrt. Sobald sich da jemand zu schaffen macht, wissen die Nachbarn, was sie zu tun haben - die 110 rufen.

Verfolgung ist keine gute Idee

Aber was tun, bis die Polizei eintrifft? Schon mal die Verfolgung aufnehmen? Nein, warnt der Kriminologe Thomas Feltes, so verlockend es auch sein mag, ab und zu den Helden zu geben. Georg Wedemeyer, Redakteur des stern in München, hielt es bis zu seinem nachbarschaftlichen Einsatz für selbstverständlich, Zivilcourage zu zeigen - inzwischen sieht er das differenzierter. Die Geschichte ist ein paar Jahre her. Es klingelte an der Haustür. Die Nachbarin stand draußen, stammelte: "Lasst mich rein! In meinem Haus sind Einbrecher." Sie hatte, als sie vom Einkaufen zurück kam, sofort die große Sporttasche im Flur bemerkt. Aus der ragten schon einige ihrer Habseligkeiten. Im Obergeschoss geisterte Taschenlampenlicht an der Decke, es rumorte. Erschrocken hatte sie sich leise zurückgezogen und war zu den Nachbarn gelaufen. "Befallen vom selbstgerechten Größenwahn, bar jeder vernünftigen Überlegung und ohne Angstbremse wollte ich nur eines: die Kerle stellen", erinnert sich Wedemeyer. Mit einem Hammer bewaffnet stürmte er los. Die Haustüre war nur angelehnt, als er sie aufriss, sah er gerade noch, wie der Einbrecher auf der anderen Seite durch die Terrassentür in den dunklen Garten flüchtete. Er brüllte: "Stehenbleiben, du Schwein!" und sprintete hinterher, doch der Dieb war verschwunden.

Wenig später traf die Polizei ein. Einer der Beamten ging mit Wedemeyer zusammen den Fluchtweg ab. "Als wir Richtung Haus zurückliefen, kam uns ein junger Kerl entgegen. Hinter ihm näherte sich ein Auto. Plötzlich gab der Wagen Gas, stellte sich vor dem Halbwüchsigen quer, zwei Männer, Beamte in Zivil, sprangen heraus und hielten ihn fest. Als der junge Dieb so vor mir stand, ein Bürschchen von vielleicht 14 Jahren, schlug meine Wut in Scham um. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn ich ihn mit meinem Hammer schwer verletzt hätte!"

Ist ein Einbrecher schließlich - aller statistischen Wahrscheinlichkeit zum Trotz – gefasst, sitzt er vielleicht sogar wegen einer ganzen Reihe von Einbruchsdelikten im Gefängnis, dann heißt das übrigens nicht zwangsläufig, dass er dort gewandelt herauskommt wie einst der Bonner Sicherheitsmann Udo Riegel. Die Einbrecher aus der Bochumer Studie beschrieben das Gefängnis eher wie eine Weiterbildungseinrichtung. Einer fasste zusammen: "Ich habe im Knast viel gelernt. Alles das, was ich vorher noch nicht wusste, hab ich dann nach einem Jahr und sechs Monaten gewusst."

Mit Recherchen von: Kerstin Conz, Kathrin Dorscheid, Gerd Elendt, Frank Gerstenberg, Kerstin Herrnkind, Matthias Rittgerott, Georg Wedemeyer.

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