Den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer gibt es 2026 seit 40 Jahren – sein Pendant in Schleswig-Holstein hatte bereits vergangenes Jahr Jubiläum, 2030 ist dann der Hamburger Teil an der Reihe. Zum Jubiläum haben wir Wissenswertes und Kurioses zusammengestellt:
1. Mit einem Alter von maximal 10.000 Jahren ist das Wattenmeer geologisch ein sehr junger Naturraum, der durch Wind und Wellen stetig neu geformt wird.
2. Das Wattenmeer ist nach Angaben der Unesco die größte zusammenhängende Wattlandschaft der Welt. Es erstreckt sich von der niederländischen Insel Texel bis zum dänischen Esbjerg.
3. Klingt erfunden, es gibt ihn aber wirklich: Der Halligfliederspitzmausrüsselkäfer kommt in Deutschland nur im schleswig-holsteinischen Wattenmeer vor – nämlich auf den Salzwiesen der Halligen und einiger nordfriesischer Inseln.
4. Das Wattenmeer besteht aus verschiedenen Lebensräumen: Watt, Prielen, Sandbänken, Inseln, Salzwiesen, Dünen und Grünland.
5. Das Wattenmeer zählt wie etwa der Grand Canyon in den USA zu den wenigen Gebieten weltweit, in denen natürliche geologische und ökologische Prozesse auf großer Fläche weitgehend ungestört ablaufen können.
6. 2009 wurden das niedersächsische und schleswig-holsteinische Wattenmeer Unesco-Weltnaturerbe. 2011 wurde es um das Hamburgische und 2014 um das dänische Wattenmeer erweitert.
7. Eine der häufigsten Muschelarten im Watt ist die Herzmuschel. Mit Glück können Herzmuscheln nach Angaben der Schutzstation Wattenmeer bis zu acht Jahre alt werden, wenn sie nicht vorher gefressen werden.
8. Wattschnecken sind surfend unterwegs. Bei auflaufendem Wasser heften sie sich mit einem "Schleimfloß" an die Oberflächenhaut des Wassers. Dabei erreichen die Tierchen eine Geschwindigkeit von bis zu vier Kilometer pro Stunde und können bei Flut so teils kilometerweite Strecken zurücklegen.
9. "Welcher Seemann liegt bei Nanni im Bett?" Das werden wir wohl nie wirklich erfahren, aber mit diesem Spruch und den Anfangsbuchstaben merken sich viele die Namen der Ostfriesischen Inseln Wangerooge, Spiekeroog, Langeoog, Baltrum, Norderney, Juist und Borkum.
10. Im nordfriesischen Wattenmeer gibt es mit den zehn Halligen eine Besonderheit. Anders als "echte" Inseln werden sie bei Sturmfluten überspült. Dann schauen nur noch die Warften, künstliche Erdhügel, auf denen die Häuser stehen, aus dem Wasser. Das passiert mehrmals pro Jahr.
11. Wenn im Wattenmeer Hochwasser ist, ist der zweite Flutberg auf der Erdhalbkugel genau auf der entgegengesetzten Seite bei Neuseeland.
12. Manche Arten im Wattenmeer benötigen genau die zusammenhängende Größe des Nationalparks. Der Mittlere Perlmutterfalter etwa, ein schwarz-orange gemusterter Schmetterling, lebt in den Graudünen auf den Inseln wegen der genau richtigen Habitatgröße, wie Benedikt Wiggering, Biodiversitätsexperte der Nationalparkverwaltung erklärt.
Zugvogel-Rastplatz
13. Im Frühjahr und im Herbst ist der Nationalpark Rastplatz für etwa zwölf Millionen Zugvögel auf ihrem Weg in Sommer- oder Winterquartiere. Damit ist das Wattenmeer von weltweiter Bedeutung für den Vogelzug.
14. Gemessen an der Landesfläche Deutschlands machen die Strände, Dünen und Salzwiesen des Wattenmeeres gerade einmal 0,03 Prozent der Gesamtfläche aus – allerdings kommen laut Wiggering etwa ein Viertel aller in Deutschland bekannten Pflanzenarten und ein Fünftel aller Tierarten vor.
15. Wenn das Wasser geht: Bei Niedrigwasser machen die trockenfallenden Wattflächen rund 40 Prozent der niedersächsischen Nationalparkfläche aus.
16. Miesmuscheln und Seegräser sind Ökosystembildner. Sie bilden großflächig harte Strukturen und schaffen damit Lebensräume für viele andere Arten.
17. Kachelot ist der womöglich wildeste Ort im Wattenmeer. Auf der aktuell rund 70 Fußballfelder großen Sandbank zwischen Borkum und Juist schauen Nationalparkmitarbeiter nur einmal im Jahr vorbei.
18. Das Nahrungsnetz im Wattenmeer reicht von mikroskopischen kleinen Algen bis hin zu Zugvögeln und Meeressäugern.
19. Rund 92 Milliarden Wattwürmern leben einer Hochrechnung zufolge im gesamten Wattenmeer. Ihnen kommt eine wichtige Bedeutung im Nahrungsnetz zu – etwa als Nahrung für Vögel.
"Natur, Natur sein lassen"
20. Das Wattenmeer ist eine der fruchtbarsten Regionen der Erde. Nur in wenigen anderen Gebieten ist die Artenvielfalt größer. Mehr als 10.000 Tier- und Pflanzenarten leben im Watt zwischen Sylt und Borkum.
21. Im Nationalpark gilt das Motto "Natur, Natur sein lassen" – die Natur soll sich möglichst ungestört entfalten. Im niedersächsischen Teil sind 48 Prozent der Fläche komplett frei von menschlichem Einfluss, in diesen Nullnutzungszonen gibt es zum Beispiel auch keine Fischerei.
22. Spaghettihaufen aus Sand sind vielerorts im Watt zu sehen: Wattwürmer müssen quasi alle 45 Minuten auf Toilette. Sie saugen Sand an, um darin enthaltende Nährstoffe zu fressen. Um den unverdaubaren Sand wieder loszuwerden, quetschen sie ihn raus. Bis zu 25 Kilogramm Watt soll ein Sandwurm so pro Jahr fressen.
23. Das Wattenmeer ist auch ein Ort für Erholung, Entspannung und Naturerleben. Jedes Jahr besuchen rund 20 Millionen Übernachtungs- und Tagesgäste die Wattenmeerregion.
24. Neu ins Watt eingewanderte Arten wie die Elfzähnige Rundkrabbe und die Gestrichelte Buckelschnecke werden oft von aufmerksamen Urlaubsgästen oder freiwillige Artenkennern entdeckt. Meldungen sind über das Portal "BeachExplorer" möglich.
25. Durch die Kraft von Wind, Wellen, Gezeiten und Strömungen wandern die Inseln im Wattenmeer ganz langsam von West nach Ost – nur der Küstenschutz hält die Bewegung teils auf.
26. Spiekeroog und Norderney haben mit Abstand die größten, zusammenhängenden wilden Ostenden der Ostfriesischen Inseln. Entstanden sind sie dadurch, dass sich Sedimente über die Zeit verlagern.
27. Schweinwale sind die einzige heimische Wal-Art in Deutschland. Gute Chancen, ihre dreieckige Finne im Wattenmeer auftauchen zu sehen, gibt es jedes Frühjahr bei den Schweinswaltagen in Wilhelmshaven.
28. Etwa ein Dutzend Rangerinnen und Ranger sind im niedersächsischen Nationalpark unterwegs. Sie sind präsent als Nationalparkwacht, bieten aber geführte Touren an und gelten als Hüter der Landschaft.
29. Kinderstube: Die größten Raubtiere Mitteleuropas leben im Wattenmeer. Kegelrobben brauchen für die Aufzucht ihrer Jungen ungestörte Sandbänke.
30. Mit dem Klimawandel ändern sich ständig die Wattflächen und deren Besiedlung. Ohne, oder nur mit geringem menschlichem Einfluss kann sich das System an veränderte Bedingungen zumindest in Teilen anpassen.
31. Mit einer Fläche von rund 4.400 Quadratkilometern ist der Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer ein Stück größer als die Insel Mallorca.
32. Vor der Einrichtung des Nationalparks in Schleswig-Holstein 1985 waren fast alle Orte an der Westküste dagegen. Es gab sogar Morddrohungen gegen den damaligen Ministerpräsidenten. Heute genießt der Nationalpark hohe Akzeptanz.
Sternenfunkeln
33. Im Wattenmeer vor Nordstrand fanden Forschende Überreste der untergegangenen Siedlung Rungholt und bestätigen damit einen bedeutenden mittelalterlichen Handelsplatz, der 1362 von der Nordsee verschlungen wurde.
34. Spiekeroog und Pellworm mitten im Wattenmeer zählen zu den dunkelsten Orten Deutschlands. Seit 2021 sind sie als "Sterneninseln" ausgezeichnet, wo sich der Nachthimmel besonders gut beobachten lässt.
35. Seehunde sind an Land eher behäbig, im Wasser können sie aber flink jagen. Dank ihres stromlinienförmigen Körpers sind sie bis zu 35 km/h schnell.
36. Ein Erfolg des Nationalparks ist die Ansiedlung des Löfflers: Seit Mitte der 1990er Jahre ist er als Brutvogel im deutschen Wattenmeer zu finden. Inzwischen gibt es zwischen Texel und Esbjerg mehr als 3.500 Paare.
37. Watt ist nicht gleich Watt: Experten unterscheiden zwischen Sandwatt, Mischwatt und Schlickwatt. Auf Sandwatt, das den größten Teil des deutschen Wattenmeeres ausmacht, lässt sich am besten Wattwandern.
38. Als Schaufenster in den Nationalpark gelten die Nationalparkhäuser. 18 Einrichtungen gibt es allein in Niedersachsen. In manchen Ausstellungen sind Aquarien und sogar Walskelette zu bestaunen.
39. Mit 137 Quadratkilometern macht der Hamburger Nationalpark das kleinste Stück des Weltnaturerbes Wattenmeer aus. Das Gebiet liegt zwar vor Cuxhaven, gehört aber zum rund 100 Kilometer entfernten Hamburg.
40. Von Afrikaans bis Westfriesisch: Wer möchte, kann sich unter www.nationalpark-wattenmeer.de/wissensbeitrag/40sprachen in mehr als 40 mehr oder weniger ausgefallenen Sprachen über den Nationalpark informieren.