Vor 40 Jahren wurde der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King in Memphis ermordet. Im stern.de-Interview erklärt Margit Mayer vom John-F.-Kennedy-Institut, warum sein Kampf gegen Diskriminierung noch lange nicht gewonnen ist - und was die Rassenfrage für Barack Obama und den US-Wahlkampf bedeutet.

Ein Symbol für Gleichberechtigung: US-Bürgerrechtler Martin Luther King im August 1963 bei einer Kundgebung in Washington. Hier er seine Rede "I have a dream"© DPA
Es herrschte Segregation, also Diskriminierung in vielerlei Hinsicht. Schwarze mussten in den Bussen hinten sitzen, es gab getrennte öffentliche Einrichtungen wie Schulen oder Toiletten, ganz abgesehen von den ökonomischen und rechtlichen Benachteiligungen, am Arbeitsmarkt, auf dem Wohnungsmarkt, die alle legal waren. Dagegen gab es seit den 50er Jahren eine Mobilisierung, die Bürgerrechtsbewegung, die, obwohl sie sich zumeist der Mittel des gewaltfreien zivilen Ungehorsams bediente, massive staatliche und öffentliche Repression zu erdulden mussten.
Sehr brutale. Es wurden Hunde auf Schwarze gehetzt, auch auf Kinder oder auf Jugendliche, die für nicht-segregierte Schulen und Colleges kämpften. Die Menschen wurden nicht nur von Polizisten mit Knüppeln verprügelt und verhaftet, sondern auch von rassistischen Organisationen bedroht und verfolgt, um den Kampf um die Bürgerrechte zu stoppen.
Es gab ein breites Spektrum, angefangen mit der Southern Christian Leadership Conference und der NAACP (National Association for the Advancement of Colored People), die für rechtliche Verbesserungen eintraten, bis hin zu dem SNICC (Student Non-violent Coordinating Committee), die radikaler waren und Freedom Rides und Sitzstreiks in den Südstaaten organisierten. Ab Mitte der 60er haben sich dann militantere Gruppen gegründet, wie zum Beispiel die Black Panthers. Besonders wichtig waren auch die schwarzen Kirchen. Pfarrer wie Martin Luther King nutzten ihre institutionellen und moralischen Ressourcen, um gegen Diskriminierungen und für Bürgerrechte zu mobilisieren.
Er war so seit den frühen 50er Jahren als Baptistenpfarrer in der Bürgerrechtsbewegung aktiv. King konzentrierte sich zunächst auf den Süden, wie bei dem berühmten Bus-Boykott von Montgomery 1965-66: Schwarze hatten gegen die Regelung protestiert, dass sie im Bus nur in den letzten Reihen sitzen durften und boykottierten über ein Jahr lang die öffentlichen Verkehrsmittel. Hier war die Rolle der Kirche und die von charismatischen Menschen wie Martin Luther King sehr wichtig.
Martin Luther King war in Memphis, Tennessee, um für den Marsch gegen die Armut nach Washington zu mobiliseren. Es hatte bereits eine Bombendrohung bei seinem Flug nach Memphis gegeben, es kursierten Gerüchte, dass sein Leben bedroht war. Trotz der Warnung wollte King öffentlich auftreten. Er wurde bereits vor seinem abendlichen Auftritt, als er auf dem Balkon seines Motels stand, erschossen.
Auch die Familie von Martin Luther King geht davon aus, dass Ray nicht der Mörder war. Sicherlich gab es signifikante Interessen daran, dass King nicht mehr aktiv sein durfte. Nachdem die Bürgerrechtgesetze verabschiedet wurden, "Civil Rights Act" 1964, "Voting Rights Act" 1965, hat sich King in seinen Positionen radikalisiert. Seiner Meinung nach waren diese Antidiskriminierungsrechte das Papier, auf dem sie geschrieben waren, nicht wert, wenn es nicht auch eine wirtschaftliche Stärkung der Schwarzen gab. Die wirtschaftlichen und menschenrechtlichen Beeinträchtigungen der Schwarzen seien so noch lange nicht beseitigt. King konzentrierte sich im Vergleich zu seinen Anfängen nun stärker auf Armutsthemen und ökonomische Ungleichheit und wurde zudem vehementer Kritiker des Vietnam-Krieges. Und diese Positionen führten dazu, dass grosse Teile des Establishment, in der Regierung, und rassistische Gruppen im Süden ihn als Bedrohung ansahen. Wer jetzt genau hinter dem Attentat steht, da werden sich die Gelehrten sicher weiter streiten.
Unmittelbare Folge des Attentats war der Ausbruch von sogenannten "riots", also Gewaltausbrüchen in vielen Städten der USA, in den von Schwarzen bewohnten Innenstädten und Ghettos wie Harlem in New York, Watts in Los Angeles, aber auch Detroit und viele andere. Darüber hinaus verlor die Bewegung ein sehr starkes Sprachrohr. Es gab keine ähnlich charismatische Figur die es geschafft hätte, die liberalen mit den militanteren Positionen zusammenzuhalten. Malcolm X war weniger auf Versöhnung und Überwindung der Spaltungen orientiert. Allerdings konnten Medien und Regierungskreise nach seinem Tod umso leichter seine späten radikaleren Ansichten besser unter den Tisch fallen lassen.
Beide sind ausgezeichnete Redner; Obama stellt sich selbst auch in die Tradition des charismatischen "Vereinigers" ("Unifier"), der Menschen unterschiedlichster Herkunft und Interessen zusammen bringt. Darin besteht eine deutliche Ähnlichkeit, und deswegen verursacht Obama eine so starke Resonanz in der amerikanischen Öffentlichkeit. Er vertritt eine Vision für ein besseres, vereinigteres Amerika nach Bush. Es gibt aber auch Unterschiede: Obama gehört zwar einer schwarzen Kirche an, ist aber kein religiöser Führer, während die christliche Argumentation bei King grundlegend ist.
Absolut. Er hat es gewagt, seinen Finger auf ein Tabu der amerikanischen Gesellschaft zu legen. Eine Gesellschaft, in der die Medien und die öffentliche Meinung so tun, als gebe es kein Rassenproblem. Obama als Schwarzer, wenn auch als untypischer Schwarzer, weiß, dass das eine Lüge ist.
Es hat sich sehr viel nicht verändert. Zwar sind in manchen Bereichen Verbesserungen erzielt worden, gerade im schulischen und Erziehungsbereich. Wenn man aber die Statistiken zur wirtschaftlichen Situation anschaut, dann gibt es Verbesserungen nur im Schneckentempo.
Interessanterweise hat Martin Luther King in seinen letzten drei Lebensjahren Forderungen entwickelt, um die ökonomische Situation der Schwarzen zu verbessern. Er forderte massive Investitionen, gerade im Bildungs- und Wohnungsbereich, sowie mehr und bessere Arbeitsplätze für Schwarze. Die Arbeitslosigkeit ist unter Afroamerikaner nach wie vor überproportional höher als bei Weißen. Auch die hohe Anzahl an schwarzen Gefängnisinsassen oder die Armutsrate zeigen, dass nach wie vor Diskriminierungen bestehen. Es betrifft fast alle wichtigen Parameter, an denen man sozialen und ökonomischen Fortschritt oder rechtliche Diskriminierung misst. Auch in der aktuellen Finanzkrise: von den Zwangsvollstreckungen aufgrund der faulen Immobilienkredite sind vor allem schwarze Familien betroffen.
Einige Sozialwissenschaftler, die sich mit den amerikanischen Ghettos beschäftigen, prophezeien genau das und fragen sich, weshalb die Situation noch nicht in der Form eskaliert ist wie in den französischen Banlieues. Eine Erklärung könnte sein, dass die Menschen zu sehr mit dem Überleben beschäftigt sind: Aufgrund des defizitären Sozialsystems in den USA sind viele Menschen gezwungen, in mehreren Jobs zu arbeiten. Und das hindert sie daran, Aufstände zu organisieren.
Zunächst hatten sich die Kandidaten bemüht, die Rassenfrage auszuklammern, gerade Obama war bemüht, über ethnische Grenzen hinweg alle - auch nicht nur Demokraten - anzusprechen, die der Bush-Politik überdrüssig sind. Jetzt ist das Problem aber thematisiert worden, und zwar durchaus erfolgreich. Das gibt Hoffnung, dass mehr Teile der US-Bevölkerung nun reif genug sind, sich dem Thema in einer aufgeklärteren Form zuzuwenden. Die Kandidaten werden prüfen, ob es ihren Erfolgschancen dienlich ist, die Rassenfrage weiter zu thematisieren. Ich halte es durchaus für möglich, dass Obama diese Karte weiter ausspielen wird.
Zur Person Margit Mayer ist Professorin der Freien Universität Berlin am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien im Fachbereich Politische Wissenschaft. Ihre Schwerpunkte liegen unter anderem in der Wirkung der Bürgerrechtsbewegung sowie der politischen und sozialen Situation von Afroamerikanern.