Beim Geld endet die Brüderlichkeit

22. April 2010, 12:13 Uhr

Er galt als reaktionäre Reizfigur. Dann kam die Sache mit den "Watsch'n". Aber erst nach dem Vorwurf der Veruntreuung ließen ihn die Seinen fallen. Und Erzkonservative wachsen genügend nach. Ein Kommentar von Frank Ochmann

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Da geht's zum Ausgang: Bischof Walter Mixa hat seinen Rücktritt angeboten©

Als am vergangenen Samstag der Erzbischof von München in Augsburg vorfuhr, hätte Walter Mixa wissen müssen, dass es aus war. Die Kritik von Robert Zollitsch, dem ungeliebten Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, hätte Mixa noch locker wegstecken können. Es wäre ja auch nicht das erste Mal gewesen. Und zudem ist es kein Geheimnis, dass die Oberhirten von Freiburg und Augsburg unterschiedlichen Flügeln im deutschen Episkopat angehören. Dass mit Reinhard Marx nun aber nicht nur der zuständige Metropolitanbischof, sondern auch ein exponierter Vertreter der konservativen Fraktion auf den Plan trat, veränderte die Situation grundsätzlich.

Die Ohrfeigen zwangen ihn nicht zum Rücktritt

Und es waren nicht die vergangene Woche zugegebenen und vor vielen Jahren ausgeteilten "Watsch'n", die den Augsburger Bischof schließlich zu Fall brachten. In der Tat hatte er damals nur getan, was zumindest viele bei der Erziehung für völlig normal hielten. Das war kein Rücktrittsgrund. Es war das Geld, bei dem die Freundschaft der bischöflichen Brüder endete. Den Verdacht, da habe es einer der ihren mit den Finanzen nicht so genau genommen, konnten sie, egal aus welchem Lager, nicht dulden. Allein die Vorstellung, welche Fragen da womöglich auf die Kirche zukommen könnten, dürfte dem einen oder anderen Oberhirten das Atmen schwer gemacht haben. Also wurde gehandelt. Einvernehmlich und über alle ideologischen Grenzen hinweg. Dass Mixa beim Angriff des nur selten auf derselben Seite streitenden Doppels Zollitsch und Marx nicht sofort kapitulierte, zeigt ein weiteres Mal seine unheilige Einfalt. Mixa begriff offenbar auch nicht, dass dabei längst auch der Vatikan im Spiel war. Erst als die Trennung von seinem Bischofssitz auch öffentlich gefordert wurde und selbst im eigenen Bistum kaum noch jemand hinter ihm stand, gab er widerwillig auf. Der Augsburger Bischof wurde geopfert, um endlich wieder Ruhe in die eigenen Reihen zu bringen und der peinlichen Debatte um das Verhältnis der katholischen Kirche zu ihren eigenen moralischen Ansprüchen ein möglichst schnelles Ende zu bereiten. Denn jeder Tag mit weiteren Fragen und öffentlichen Disputen kann schließlich auch ein Tag sein, an dem neue Skandale ans Licht kommen.

Ein Don-Camillo-Typ

Mit Walter Mixa geht einer der letzten deutschen Bischöfe vom Don-Camillo-Typ. Sie stammen noch aus Zeiten, in denen der sonntägliche Kirchgang eine Selbstverständlichkeit war und ein Pfarrer seine Herde noch nach Gutsherrenart führen konnte. Zwar hatte auch Mixa schon den geistigen Umbruch erlebt, der mit den Studentenrevolten und dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den 1960er-Jahren begann. Doch brauchte die Revolution eine ganze Weile, bis sie auch tief ins Bayernland eingedrungen war. Und Bischöfe wie Mixas Augsburger Vorvorgänger Josef Stimpfle taten damals alles, um die Hochburgen des katholischen Glaubens gegen die Angriffe der gottlosen Welt zu verteidigen.

Dass die alte erzkonservative Fraktion unter den deutschen Bischöfen, zu der auch der Kölner Kardinal Meisner gehört, nun nach und nach abtritt, bedeutet allerdings keineswegs, dass damit in der deutschen Kirche aufgeklärtere Zeiten anbrechen. Nicht das Gedankengut verändert sich, sondern die Art, wie es unter die Leute kommt. Junge Bischöfe sind heute nicht selten mehrsprachig, erstklassig gebildet, durch ein Studium in Rom international vernetzt und dazu mit einem Selbstbewusstsein gesegnet, das keinen Kampf zur Durchsetzung der eigenen Werte scheut. Wer heute zum ersten Mal den Bischofsring an den Finger steckt, weiß in aller Regel um seine Minderheitenposition und hat die oft schon von Kind an kennengelernt. Und wie immer, wenn eine Gruppe in Bedrängnis gerät, rückt sie näher zusammen und radikalisiert womöglich auch ihre Sicht der Dinge. In Ansätzen ist das auch hierzulande bereits zu beobachten. Darum ist die jüngere Generation im Episkopat, wie sie etwa der neue Essener Bischof Franz-Josef Overbeck repräsentiert, nicht weltoffener als ihre barocken Vorväter à la Mixa. Sie ist nur weltgewandter.

Hintergrund Ein Bischof ist ein leitender Geistlicher christlicher Gemeinden. Das Wort ist abgeleitet vom griechischen "episkopos" (Aufseher, Vorsteher). Nach katholischem Verständnis übt der Bischof sein Amt in der Nachfolge der Apostel aus. Als "Stellvertreter und Gesandter Christi" leitet er als Diözesanbischof sein Bistum. Dort hat er die oberste Hirten- und Lehrgewalt inne. Mindestens ein Weihbischof steht ihm zur Seite. Zur Amtstracht gehören Bischofsstab, Mitra, Bischofsring und Brustkreuz. In der evangelischen Kirche kennen nur einige Landeskirchen Bischöfe, andere werden zum Beispiel von einem Kirchenpräsidenten geführt.

 
 
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KOMMENTARE (10 von 22)
 
Administrator (22.04.2010, 16:42 Uhr)
Liebe User,
wir schließen die Debatte, da eine sachliche Diskussion an dieser Stelle offensichtlich nicht möglich ist.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihre stern.de-Admins
WStM (22.04.2010, 16:41 Uhr)
Kopp-'Verlag' und Udo Ulfkotte
*ROFL*

Verschonen Sie uns bitte mit derlei peinlichen 'Quellen'. Auch auf www.scientology.de oder www.pm-magazin.de gibt es ja immer superinteressante Informationen, die die böse Systempresse knallhart unterdrückt;)

Bei solchen Foristen hofft man immer, dass die wenigstens bei z. B. Haus- oder Autokauf respektive deren Finanzierung oder der Auswahl ihres/r Lebensgefährte/in zurechnungsfähigerer Weise zu Werke gehen...
Sackgaenger (22.04.2010, 16:36 Uhr)
Schlaft Ihr alle???
"...In der Tat hatte er damals nur getan, was zumindest viele bei der Erziehung für völlig normal hielten. "
So ein Humbug. Ohrfeigen waren in den Sechzigern noch in, spätestens in den 70ern waren sie out. Mixa hat in den 90ern noch zugelangt. Merkt das denn keiner?
clubby (22.04.2010, 16:25 Uhr)
@Kein Witz, umgekehrt wird was draus
Wenn gerde in den 70ern und 80ern ein weltlicher "normaler" Leher ein Kind mishandelt hat, ist er definitv angezeigt worden (wenn die Eltern es erfahren haben) und konnte(kann) mindestens seinen Job an den Nagel hängen. Hier wird in unserem ach so viel gelobten Rechtsstaat gerade mit zweierlei Maß gemessen, denn die KirchenKinderSchläger werden eben NICHT angezeigt und vor ein Gericht gestellt.
AlwinThiloMozart (22.04.2010, 16:12 Uhr)
Das Verhältnis Staat/Kriche neu regeln
Der Fall Mixa und die anderen Vorkommnisse
in den Kirchen, der katholischen als auch der vevangelischen, sollte jetzt zum Anlass genommen werden, diesen selbsternannten Gottesvertretern den Schein zu nehmen.

Schon bei dem Begriff "Gott" kommt man als Vernunftsorientierter ins Grübeln. Niemand will den Gläubigen ihren Glauben nehmen, aber diese Kirchen haben in diesem Staat nicht mehr zeitgemäße Privilegien. Der Staat und die Kirchre haben aus ihrer Allianz nie einen Hehl gemacht. Beide profitierenj davon, ihre "Schäfchen" oder repektive "Steuerzahler" unter ihrer Knute zu halten.
Religion ist Opium fürs Volk, wusste schon Marx. Brave Untertanen sind nicht gefährlich für den allzu weltlichen Herrschaftsanspruch. Treibe ich dir deine Krichensteuer ein, sorgst du via Militätrseelsorge für Kampfkraft in den Schützengräben - diese Allianz ging jahrhundertelang bis heute auf. Politik und Kirche lebten gut damit.
Mit Drohungen für das "Jenseits" haben die Kirchenvertreter die Gläubigen schon immer diszipliniert, wobei niemand soerpicht ist auf irdisches Mammon wie die Kirchen. Die vielen Immobilien in Kircheneigentum , oft in bester Lage, sind ein beredtes Beispiel.
Mixa ist dabei nur ein kleines Rädchen in diesem System.
Die Frage ist nur, ob die Politik diese Aufgabe einer strengen Trennung traut. Früher haben Pfarrer mit Predigen von der Kanzel Bundestagswahlen entschieden. Dennoch sollte man jetzt dieses alten Zöpfe unzeitgemäßer Privilegien abschneiden. Die Kirchen sind ein Zusammenschluss von Menschen, nicht mehr und nicht weniger. Der hiesige Fußballverein ist es aber auch - ohne diese Privilegien.
L.Gleichmann (22.04.2010, 16:08 Uhr)
@jeder
Es ist kein Feldzug gegen das Christentum sondern einer gegen die Kirche. Das sind zwar völlig verschiedene Latschen. Und, diese fiese katholische Kirche muss auch weg, im Interesse der Menschen.
Fesche_Lola (22.04.2010, 16:05 Uhr)
An alle Christen:
Wenn ihr schon die Geschichte vom Jesus glaubt, dann überlegt doch mal, wie er gewesen sein soll: tolerant, menschenliebend, ehrlich.. und arm. Und jetzt guckt euch mal Mixa, Zollitsch, den Papst und Konsorten an... Fällt euch da nichts auf??? Die Kirchenführung besteht aus alten, verbiesterten, intoleranten Männern, die in unermesslichem Reichtum leben (siehe Vatikan) und Bescheidenheit predigen. Dass sie auch noch Kinder misshandeln - und nicht erst seit 1970 - muss jetzt nicht noch extra gesagt werden. Die Erziehungsmethoden der Kirche sind schon immer äußerst fragwürdig gewesen. Und jeder, der Kirchensteuer zahlt, finanziert in erster Linie diese widerlichen, alten Männer! Mir ist es im Grunde egal, ich frage mich nur immer wieder, wie ein vernünfiger Mensch so eine Organisation unterstützen kann??!
BreiterL (22.04.2010, 15:59 Uhr)
... und jetzt ... ???
Mit seinem Rücktritt werden wohl auch gleich die Ermittlungen gegen ihn eingestellt? WENN das so wäre, dann ist das ein Schlag unter die Gürtellinie für alle, die durch ihn mehr oder minder körperlich mißhandelt wurden.
In einem anderen Artikel äußert sich Mixa, dass er jetzt "erstmal in den Urlaub fahren werde, um auch räumliche Distanz zu gewinnen". Nun, wenn mich nicht alles täuscht, entsteht hier Fluchtgefahr und die Polizei muss ihn in U-Haft nehmen!
meriva (22.04.2010, 15:56 Uhr)
Ein Witz!
Wenn man alle Erzieher (Kindergärtner/innen, Lehrer, Pfarrer....) aus den 50 ern bis 80 ern jetzt anklagen wollte (denn geschlagen haben sie fast alle, was ich aus eigener Erfahrung aus meiner Kindheit weiß), dann hätten unsere Gerichte die nächsten 20 Jahre zu tun. Warum also jetzt nur die Priester anklagen, warum nicht alle Lehrer oder Erzieher aus dieser Zeit (wenn sie noch leben)?
Stabo (22.04.2010, 15:27 Uhr)
Die entscheidende Musik spielt in Rom
Sehr geehrter Herr Mixa!

Dieser Schritt kann als größter Dienst angesehen werden, den Sie der Kirche Jesu Christi erwiesen haben! Denn wie Ihnen gewiss nicht entgangen ist, wurden Sie für die Kirche Jesu Christi, Ihre Mitbrüder und für viele Mitchristen zu einer immer größeren Belastung!

Herr Zollitsch hatte Ihnen ja den Rat erteilt, ?eine Zeit der geistlichen Einkehr und der räumlichen Distanz? wahrzunehmen, ?um eine Atmosphäre größerer Sachlichkeit bei den gewünschten Klärungen zu bewirken?. Außerdem wollte Ihr Mitbruder Zollitsch Ihnen durch ?eine vorübergehende Distanz die Möglichkeit geben, nach sehr erhitzten Wochen neue Kräfte zu sammeln und die Geschehnisse in Ruhe zu bedenken?.

Mit Ihrem nun vollzogenen Schritt werden Sie gewiss in einem Kloster einen Ihnen angemessenen Platz finden, um die Ratschläge Ihres Mitbruders in angemessener Weise zu verinnerlichen, Bücher aus vorkonziliarer Zeit (z.B. von den Piusbrüdern studieren können) zur eigenen Selbstgewissheit verinnerlichen und Ihre Messfeier im lateinischen Ritus zur eigenen Freude feiern.

In Ihrem Schritt kann ich zwar wenig Einsicht feststellen, denn ohne den Druck aus Ihren eigenen Kreisen wäre Ihr Schritt nicht erfolgt; im Folgenden zitiere ich zwei Beispiele:


? Ralf Gössl, Pfarrer in Gersthofen, kommentiert Ihr Verhalten wie folgt :
??.
?Spätestens seit gestern (Freitag, 16.4.10) ist klar, dass unser Bischof über zwei Wochen hinweg seine Diözese und auch seine Priester belogen hat. (?) Jeder von uns hat seine Fehler und Schwächen. Aber dass ein Bischof seine Diözese und die gesamte Öffentlichkeit belügt, das ist unannehmbar!
Es ist unannehmbar im Hinblick auf jene Kinder, denen Gewalt angetan wurde ? denn auch Ohrfeigen sind eine Form von Gewalt ?, und es ist unannehmbar im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit unserer Kirche. Alle Versuche, die zurzeit von manchen unternommen werden, dies schönzureden, sind unangebracht!?
? Der Pfarrer der Heilig-Geist-Kirche im Augsburger Stadtteil Hochzoll Albert L. Miorin, stellt Ihnen gegenüber unmissverständlich fest:
?Leugne dein Versagen so wenig wie Petrus es leugnen konnte. Hab den Mut und steh dazu. Kirche gestehe deine Fehler ein: dein eigenartiges Verhältnis zu Sexualität, deine Angst vor Homosexualität, deine Unehrlichkeit in manchen Zusammenhängen, dein ,so tun als ob?, dein Verstecken, Verschweigen und Leugnen?.
Auf die Gesamtkirche bezogen stellt Ihr Rücktritt nur eine ?quantite negligeable? dar; denn die entscheidende Musik spielt nicht in Augsburg, sondern in Rom:
Solange der Papst und die ihn unterstützende Hierarchie weiterhin

? das vom Konzil geforderte Communio-Prinzip verweigert,

? die Kritiker und Querdenker (Jesus war für mich der bedeutsamste Querdenker der Weltgeschichte ? in der Kirche von heute fände er wohl keinen Platz!) zwar nicht mehr auf dem Scheiterhaufen verbrennt (welch ein Fortschritt!), sondern sie mit Amtsenthebungen und Bußschweigen mundtot macht,

? nicht die Leib-Frauen-und Sexualfeindlichkeit auf dem Müllhaufen der Kirchengeschichte entsorgt,

? die grundlegendsten demokratischen Grundrechte in ihrem Ämtern und Strukturen blockiert,

? den unbiblischen Pflichtzölibat nicht abschafft,

? die Frauenordination zu einer Gottesfrage hochstilisiert und den Frauen endlich die Gleichberechtigung ermöglicht;

? mit einem Wort : solange ein ?Aggiornamento? vom Papst als Teufelswerk diskriminiert und desavouiert wird,

solange wird die Kirche in den Negativschlagzeilen bleiben und immer mehr werden keinen anderen Ausweg für sich sehen, als die Betonkopf-Mentalität der katholischen Kirchenhierarchie mit ihrem Austritt aus derselben zu begegnen.

Für den Kurs der kath. Kirche insgesamt stellt sich nach Ihrem Rücktritt die entscheidende Frage: Verlängerung der Wagenburgmentalität oder Aggiornamento subito!


Paul Haverkamp, Lingen


PS. An die STERN-Redaktion:
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