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12. Januar 2009, 18:02 Uhr

Eine Stadt trägt Trauer

Hunderte Menschen haben sich beim Trauergottesdienst in Blaubeuren von Adolf Merckle verabschiedet. Vom Zocker, der sich mit VW-Aktien verspekuliert hat, wollen sie nichts wissen. Sie trauern um den bodenständigen Milliardär, der mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr. Von Matthias Rittgerott

Adolf Merckle, Blaubeuren, Trauerfeier, Ratiopharm, Merckle

Trauer um den Tod von Adolf Merckle© Thomas Kienzle/AP

So fühlt es sich an, wenn eine ganze Stadt trauert. An Alltag ist am Montag in Blaubeuren nicht zu denken, die Innenstadt ist seit dem Vormittag gesperrt. Wer Adolf Merckle kannte, zieht etwas Schwarzes an und geht in die Evangelische Stadtkirche. Und wer von den 12.000 Blaubeurern kannte Adolf Merckle nicht?

Ihn, den bodenständigen Milliardär, der mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr. Der aus einer Firma mit 80 Mitarbeitern den Weltkonzern Ratiopharm mit 100.000 Beschäftigten schuf. Den gläubigen Christen, der sich sozial engagierte, einen Forschungspreis stiftete, Sportvereine sponserte.

In der Evangelischen Stadtkirche ist Adolf Merckle aufgebahrt. Gelbe und weiße Blumen schmücken den Sarg aus hellem Holz. "In Liebe. Deine Familie", steht auf den Bändern des Kranzes, "Deine Ruth." Nach der Unterschrift seiner Frau folgen die seiner vier Kinder und deren Partner. Auch die neun Enkel haben ihres Großvater gedacht, teils in ungelenker Kinderhandschrift.

Der Andrang ist riesengroß

Die Stadtkirche erweist sich als zu klein für den Andrang, so dass der Trauergottesdienst in die Stadthalle übertragen wird. Dort nehmen rund 800 Menschen Anteil. Mitarbeiter, Freunde vom Alpenverein, örtliche Prominenz und einfache Bürger. Nachdem Kamerateams und Fotografen die Kirche um zwölf Uhr verlassen haben, füllt sie sich in Minutenschnelle mit Gläubigen. Als Familie Merckle erscheint, erheben sich die Menschen und warten in Stille bis der Gottesdienst um 13 Uhr beginnt.

Während der Trauerfeier ergreifen zwei Familienangehörige das Wort. Tobias Merckle, der jüngste der drei Söhne, liest eine Stelle aus der Offenbarung. "Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen..." Anne Merckle, die Frau des Zweitgeborenen Philipp, betet. "Im Angesicht des Todes", worin es heißt: "Nimm dich meiner Seele gnädig an, führe mich zu einem guten Ende." In seiner Predigt zeichnet der Landesbischof a.D. Gerhard Maier das Bild eines "naturverbundenen Menschen" und "Vollblutunternehmers", dem es um die Schaffung von Arbeitsplätzen und ein gutes Arbeitsklima gegangen sei. "Sein persönlicher Gewinn sollte nicht ausschlaggebend sein."

"Die Medien sind schuld"

In den Medien dagegen wurde Adolf Merckle als Zocker dargestellt, der sich mit VW-Aktien verspekuliert hatte und schließlich den Staat bitten musste, seinen Konzern zu retten. Diese Version seiner defizitären Geschäftspolitik stößt vielen Blaubeurern übel auf. "Ihr von den Medien habt ihn kaputt gemacht!", schimpft eine Frau vor der Kirche. "Zocker?", sagt die 74-jährige Hedwig Lutz, die bei Ratiopharm gearbeitet hat: "Ich würde das Wort nicht mal in den Mund nehmen! Herr Merckle war ein sagenhaft guter Chef."

Adolf Merckle hat sich am vergangenen Montag umgebracht, offenbar aus Verzweiflung darüber, dass sein Imperium in finanzielle Schieflage geraten war und er vor den Trümmern seiner Lebensleistung stand. Die Banken verlangten den Verkauf von Ratiopharm und den Rückzug der Familie aus Führungspositionen der Firma. Er müsse nochmals ins Büro, hatte Adolf Merckle daheim gesagt, fuhr aber stattdessen mit dem Auto die kurze Strecke von seinem Haus zum Ratiopharm-Werk und wartete im Schatten eines Felsens auf den Zug.

Der Selbstmord eines Milliardärs und gläubigen Christen ist auch im Trauergottesdienst ein Thema. "Was einen solchen willensstarken und Gott sich verantwortlich fühlenden Mann dazu brachte, sich selbst das Leben zu nehmen, werden wir als Menschen niemals bis ins Tiefste erkennen", mahnt Bischof Maier. Die Bibel verbiete den Selbstmord, zeige aber auch "den Weg zur Gnade und Barmherzigkeit". Den Menschen stehe es nicht zu, Merckles letzten Schritt zu verurteilen.

Nach dem einstündigen Gottesdienst versammelt sich Familie Merckle um den Sarg. Ein langer Strom von Trauernden zieht an ihnen vorüber, um zu kondolieren. Manche nehmen Familienmitglieder in den Arm. Auch die Menschen aus der Stadthalle stellen sich in die Schlange. Spätestens jetzt wird deutlich, wie beliebt Adolf Merckle bei der Bevölkerung war. "Katastrophe", murmelt ein Mann. Bis 17 Uhr bleibt der Sarg in der Kirche, damit sich Blaubeuren verabschieden kann. Beerdigt wird Merckle in den kommenden Tagen im engsten Familiekreis.

Von Matthias Rittgerott
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
Klaus_P (13.01.2009, 08:50 Uhr)
...
"...Der Zugfahrer wird es überleben und hoffentlich keine Probleme haben...." ich glaube es gibt nicht so viele Skrupellose Menschen denen es egal ist einen Menschen getötet zu haben. Allein das Gewissen einen Menschen getötet zu haben - ob man da jetzt was dafür konnte oder nicht - ist wohl schon schlimm genug. Die Tat von Herrn Merckle war gierig, dumm und feige. Man kann sich auch umbringen ohne noch jemand das Leben zu versauen. Aber ist ja immer so, die "Elite" in Deutschland kann sich ja alles rausnehmen.
kahame (13.01.2009, 07:52 Uhr)
Was ich nicht verstehe...
er soll doch so ca. 5-6 Milliarden Privatvermögen besitzen. Konnte er damit nicht einen Teil der Schulden durch die Verzockerei abdecken? Seine Familie hätte dann, wie jeder Bürger der mal arbeitslos wird, den Gürtel etwas enger geschnallt und alles hätte sich doch in nullkommanix reguliert. Oder denke ich da zu idealistisch?
Conway (13.01.2009, 00:17 Uhr)
Alle Achtung!
Eine Verzweiflungstat? Sicher. Und vor den Zug? Fragwürdig. Der Zugfahrer wird es überleben und hoffentlich keine Probleme haben. Er hat es Gott sei dank ja nicht einmal richtig mit bekommen. Ich habe Merkles Schritt zunächst nicht verstanden. Doch was bleibt, ist eine große Achtung für einen Menschen, der zu seinem Leben steht und im Gegensatz zu Hunderten, wenn nicht Tausenden Anderer die Konsequenzen für die eigenen Fehler zieht. Ich finde das Vorbildhaft. Alle Achtung. Da müsste sich jeder andere Zocker, der fremdes Geld verschwendet und jetzt nur zu gerne hochdotiert auf der Allgemeinheit ausruht, einmal an die eigene Nase greifen. Die Frage bleibt, warum unser Staat den Anderen unter die Arme greift und Merckle ignoriert. Die Antwort ist jedem denkenden Menschen klar. Wer nicht korrumpierbar ist, zahlt keine Schmiergelder. Und wer die nicht leistet, wird auch nicht aus dem Steuertopf saniert.
DerExperte (13.01.2009, 00:02 Uhr)
fabian100 (12.1.2009, 23:48 Uhr) ...so nicht.
Ju hu - an anderer stelle auch schon mal so gesagt. Blitz Ilu - oder Neue Revue - Niveau. Wann geht der Stern pleite? Nannen rotiert in Emden im Grab!
>
Tatsaechlich ist es eine andere Kaeuferschicht als die vergangene die man befriedigen muss - und das ist nicht unbedingt qualitativ besser!
Heute macht pietaet NICHT mehr am Sarg halt. Heute wird seziert - hinterfragt - und Zwischensendungen fuer gewachsene zwischenschichten produziert und kommentiert - weil es dafuer Maerkte die es frueher nicht gab. Frueher gab es auch kein WII mit dem man schiessen lernen konnte- und 8 jaehrige hier in den USA ihre Eltern erschiessen. Ja ja - Undeloh ist schoen da kann man abschalten!
fabian100 (12.01.2009, 23:48 Uhr)
...so nicht.
Liebe stern-Redaktion,
was Sie hier zum Thema Merckle abliefern unterschreitet Bild-Niveau. Es geht nicht darum, dass sich ein "armer" Milliardär vor den Zug warf, sondern darum, dass er sein Leben höchst dissozial beendete. Ein Zugführer wird in sein Leben "einbauen" müssen, einen der reichsten Deutschen zermalmt zu haben. DAS sollte Thema sein und nicht Ihr niveauloses Geschreibsel. Ich bin selbst Journalist, stern-Mitarbeiter mit 25-jähriger Erfahrung und was auf Eurer Internet-Seite los ist, hätte vor 15 Jahren kein Neue-Revue-CHR durchgehen lassen. Reisst Euch mal zusammen, oder entscheidet Euch, künftig das gedruckte RTL zu sein...
Gruß vom Kollegen
Mule (12.01.2009, 20:16 Uhr)
Suizid.........
Die Entscheidung - nach der schrecklichen Medienhetze - sich das Leben zu nehmen, ist eine Sache. Den Zugführer allerdings damit zu verletzen, finde ich persönlich sehr schrecklich. Ging es nicht zuhause ??
Der Freitod eines Menschen ist immer unverständlich, traurig und verletzend für "alle". Hinterbliebenen.
Gisella (12.01.2009, 19:34 Uhr)
Ein
Schritt-Selbstmord-der sehr überlegt getroffen wurde. Ich denke, es hätte andere Möglichkeiten für den Herrn Merckle gegeben, seine Probleme zu "stemmen".Traurig und verletzend für die Hinterbliebenen.
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