Sie stehen vor Aufgaben, die sie sich vorher mit dem Partner teilen konnten - Geld verdienen, Kinder erziehen, Haushalt führen. In Deutschland leben 2,6 Millionen Alleinerziehende. Die meisten sind Frauen, deren Alltag von Überforderung und Erschöpfung geprägt ist. Das Beispiel einer Mutter und ihrer vier Kinder. Von Uli Hauser

Familienbande. Sie halten fest zusammen: Ute K., 43, und ihre vier Söhne Lukas, 16, vorn rechts die Zwillinge Nick und Jan, 9, dahinter Tobias, 12© Anne Schönharting
Warum, sagt Frau K., kann Leben nicht mal einfach sein? Ohne Briefe vom Amt, Sorgen ums Geld, Panikattacken in der Nacht und Herzrasen am Tag? Warum ist alles ein Kampf? Frau K. sitzt in der Küche, ihre Hände stützen den Kopf. Vor ihr, an der Wand, wie eine Verheißung, klebt eine Fototapete mit Palmen.
Auf dem Tisch liegt die Bestätigung der Krankenkasse, Frau K. dürfe nun endlich drei Wochen mit ihren Kindern in Kur fahren, nach Mecklenburg-Vorpommern. Ein zweiter Gutachter habe die "medizinische Notwendigkeit" bestätigt; der erste war noch anderer Meinung gewesen. Nach drei Jahren Hin und Her und vier Absagen also hat sich Frau K. eine "Mutter-Kind-Maßnahme" erkämpft. Wer sie so müde vor einem Pott Kaffee sitzend erlebt, würde sie am liebsten gleich losschicken. "Ich bin echt fertig", sagt Frau K.
Ute K., 43, erzieht ihre Kinder allein. Lukas, 16, Tobias, 12, und die beiden neunjährigen Zwillinge Jan und Nick. Seit vier Jahren lebt sie von ihrem Mann getrennt, 14 Jahre waren sie verheiratet. Frau K. kann von ihrer neuen Wohnung das alte Haus sehen. Frau K. schläft auf einer Couch im Wohnzimmer, manchmal trennt sie sich auch eine kleine Ecke vor dem Balkon ab. Würde sie nicht verzichten, wäre zu wenig Platz für die Kinder. Die beiden Großen brauchen je ein eigenes Zimmer, die Zwillinge teilen sich eins. Frau K. ist froh, überhaupt eine Wohnung gefunden zu haben. Ihr Ex-Mann, sagt sie, habe sie wegen einer Jüngeren verlassen. Diese Beziehung sei nun aber auch beendet. Der Schlossermeister wohnt in der Nähe. Die Kinder gehen jedes zweite Wochenende zu ihm.
Frau K. aus dem rheinischen Dormagen gehört zu den fast 2,3 Millionen Frauen, die den Alltag ohne Hilfe eines Partners bewältigen. Ihr Leben ist aus den Fugen geraten, die große Liebe geplatzt, die Träume zerstoben. Und die Kinder müssen sehen, wie sie damit klarkommen. Über zwei Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland wachsen so auf. Jedes Jahr kommen 150.000 dazu: Immer mehr Eheleute trennen sich, in den Großstädten geht fast jede zweite Partnerschaft in die Brüche. Es ist normal geworden, nicht mehr zusammenzubleiben.
Frau K. sagt, sie habe lange darum gekämpft, dass es nicht so kommt. Ihr Leben war gut. Im Haus war Platz für alle, jedes Kind brachte nach der Schule Freunde mit, der Mann das Geld nach Haus. Frau K. kümmerte sich um den Rest. Sie hatte sich viele Kinder gewünscht, aber ihr Mann habe sich damit zunehmend überfordert gefühlt. Im Lauf der Zeit verschwand die Liebe, die Kinder beanspruchten alle Aufmerksamkeit. Eine Paartherapie scheiterte, die letzte Rettungsaktion war dahin. Es folgten wechselseitige Anschuldigungen, Verletzungen, Boshaftigkeiten. Frau K. zog bis vors Oberlandesgericht, um den Unterhalt einzuklagen. Ihr Mann hatte mit zwei Kindern im gemeinsamen Haus wohnen und so die Verantwortung aufteilen wollen. Die Kinder aber wollten zusammenbleiben. Mit einer Trennung haben sie genug zu tun.
Jetzt ist Lukas, 16, der Mann im Haus. Der älteste Sohn hat die Haare nach vorn gekämmt, freundlich ist er und höflich. Er will technischer Zeichner werden oder Ingenieur. "Ohne ihn wäre ich aufgeschmissen", sagt Frau K. "Lukas ist ein lieber Junge." Er räumt die Geschirrspülmaschine aus und bringt den Müll hinunter. Er hilft seinen Geschwistern bei den Hausaufgaben und kocht auch schon mal. Jahrelang trug Lukas geduldig gebrauchte Klamotten, aber jetzt will er auch mal eine neue Jeans.
Frau K. erhält monatlich 1029 Euro Unterhalt für die Kinder; zudem 693 Euro Kindergeld und 249 Euro Wohngeld. Durchschnittlich elf Stunden die Woche arbeitet sie, auf 400-Euro-Basis, in ihrem Beruf als Friseurin. Den knapp über 2000 Euro Einnahmen stehen etwa gleich hohe Ausgaben gegenüber: 970 Euro warm für die Wohnung, ungefähr 600 Euro für Lebensmittel, der Rest für Versicherungen, Kleidung, Schulbedarf.
Zweimal die Woche bedient Frau K. sich an der Dormagener "Tafel", wo Helfer Lebensmittel verteilen. Anfangs war da noch Scham, in einer Reihe zu stehen mit Menschen, denen sie früher in der Fußgängerzone ein paar Cent zugesteckt hatte. Leute mit ungewaschenen Haaren. Aber die Schlange wird immer länger, die Not wächst. Und mit der Zeit gewöhnt man sich ans Elend. Jetzt lässt Frau K. sogar zu, dass ihre Kinder vor Weihnachten ihre Wünsche an einen Tannenbaum in der Stadt hängen und dann von anonymen Spendern beschenkt werden. Dieses Jahr gab es neue Schuhe.
Ohne Almosen käme Frau K. weniger gut zurecht; durch die Tafel spart sie wöchentlich 70 bis 80 Euro. Gebrauchte Jacken, Schuhe und Hosen gibt es in der anliegenden Kleiderkammer des Roten Kreuzes. Nur einen Kommunionsanzug für den einen ihrer Zwillinge konnte sie noch nirgends entdecken. Vor Extrakosten hat Frau K. einen "Horror". Wenn eine Klassenfahrt ansteht. Oder die Kinder freudestrahlend nach Hause kommen und sagen, sie seien zu einem Geburtstag eingeladen. Dies bedeutet: fünf Euro für ein Geschenk. Jede außerplanmäßige Ausgabe bringt Bedrängnis.
Frau K. funktioniert. Die Tage sind getaktet, ihre Zeit ist portioniert. Halb sechs aufstehen, beim Kaffeetrinken Zettel schreiben, was zu tun ist. Um sechs muss Tobias raus; wenn der eine Dreiviertelstunde später zum Bus geht, kommen Jan und Nick an den Tisch. Lukas steht allein auf. Schulbrote schmieren, den Tag besprechen, aufräumen, Anrufe, Schreibkram. Und um neun zur Arbeit. Der Minijob macht Spaß, "ich bin unter Leuten". Im Friseursalon ist sie endlich mal nicht mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt. Frau K. tankt hier auf. Vorher war sie schon Putzfrau und Küchenhilfe und wollte sich als Visagistin selbstständig machen. Jetzt teilte ihr die Sachbearbeiterin vom Arbeitsamt mit, sie arbeite drei Stunden zu wenig, um die Kriterien für diese "geringfügige Beschäftigung" zu erfüllen. Frau K. hat wieder ein Problem: Ihre Chefin braucht sie nicht drei Stunden länger. Zumindest nicht bezahlte drei Stunden.
Frau K. atmet tief durch. Sie hat diesen Formalkram satt, die Besuche auf den Ämtern, all die von elektronischen Datenverarbeitungsanlagen erstellten Schreiben, ihre "Bedarfsgemeinschaft 3650BG0026xxx" betreffend. Sie bekommt Hilfe, aber die Hilfe wird zunehmend komplizierter. Die staatlichen Unterstützungen für Alleinerziehende haben sich längst zu einem bürokratischen Gewirr aus Kompetenzen und Paragrafen verstrickt. Es gibt mehrere Möglichkeiten, geringe Verdienste aufzustocken: über das Arbeitslosengeld II, einen Kinderzuschlag, Wohngeld, Wohngeld und Kinderzuschlag oder eine Kombination aus Arbeitslosengeld II und Wohngeld. Selbst Experten blicken bei diesen Mischkalkulationen nicht mehr durch.