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10. Mai 2009, 16:00 Uhr

Leben am Limit

Sie stehen vor Aufgaben, die sie sich vorher mit dem Partner teilen konnten - Geld verdienen, Kinder erziehen, Haushalt führen. In Deutschland leben 2,6 Millionen Alleinerziehende. Die meisten sind Frauen, deren Alltag von Überforderung und Erschöpfung geprägt ist. Das Beispiel einer Mutter und ihrer vier Kinder. Von Uli Hauser

Allein erziehend, Mutter, Stress,

Familienbande. Sie halten fest zusammen: Ute K., 43, und ihre vier Söhne Lukas, 16, vorn rechts die Zwillinge Nick und Jan, 9, dahinter Tobias, 12© Anne Schönharting

Warum, sagt Frau K., kann Leben nicht mal einfach sein? Ohne Briefe vom Amt, Sorgen ums Geld, Panikattacken in der Nacht und Herzrasen am Tag? Warum ist alles ein Kampf? Frau K. sitzt in der Küche, ihre Hände stützen den Kopf. Vor ihr, an der Wand, wie eine Verheißung, klebt eine Fototapete mit Palmen.

Auf dem Tisch liegt die Bestätigung der Krankenkasse, Frau K. dürfe nun endlich drei Wochen mit ihren Kindern in Kur fahren, nach Mecklenburg-Vorpommern. Ein zweiter Gutachter habe die "medizinische Notwendigkeit" bestätigt; der erste war noch anderer Meinung gewesen. Nach drei Jahren Hin und Her und vier Absagen also hat sich Frau K. eine "Mutter-Kind-Maßnahme" erkämpft. Wer sie so müde vor einem Pott Kaffee sitzend erlebt, würde sie am liebsten gleich losschicken. "Ich bin echt fertig", sagt Frau K.

Ute K., 43, erzieht ihre Kinder allein. Lukas, 16, Tobias, 12, und die beiden neunjährigen Zwillinge Jan und Nick. Seit vier Jahren lebt sie von ihrem Mann getrennt, 14 Jahre waren sie verheiratet. Frau K. kann von ihrer neuen Wohnung das alte Haus sehen. Frau K. schläft auf einer Couch im Wohnzimmer, manchmal trennt sie sich auch eine kleine Ecke vor dem Balkon ab. Würde sie nicht verzichten, wäre zu wenig Platz für die Kinder. Die beiden Großen brauchen je ein eigenes Zimmer, die Zwillinge teilen sich eins. Frau K. ist froh, überhaupt eine Wohnung gefunden zu haben. Ihr Ex-Mann, sagt sie, habe sie wegen einer Jüngeren verlassen. Diese Beziehung sei nun aber auch beendet. Der Schlossermeister wohnt in der Nähe. Die Kinder gehen jedes zweite Wochenende zu ihm.

Die Kinder müssen damit klarkommen

Frau K. aus dem rheinischen Dormagen gehört zu den fast 2,3 Millionen Frauen, die den Alltag ohne Hilfe eines Partners bewältigen. Ihr Leben ist aus den Fugen geraten, die große Liebe geplatzt, die Träume zerstoben. Und die Kinder müssen sehen, wie sie damit klarkommen. Über zwei Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland wachsen so auf. Jedes Jahr kommen 150.000 dazu: Immer mehr Eheleute trennen sich, in den Großstädten geht fast jede zweite Partnerschaft in die Brüche. Es ist normal geworden, nicht mehr zusammenzubleiben.

Frau K. sagt, sie habe lange darum gekämpft, dass es nicht so kommt. Ihr Leben war gut. Im Haus war Platz für alle, jedes Kind brachte nach der Schule Freunde mit, der Mann das Geld nach Haus. Frau K. kümmerte sich um den Rest. Sie hatte sich viele Kinder gewünscht, aber ihr Mann habe sich damit zunehmend überfordert gefühlt. Im Lauf der Zeit verschwand die Liebe, die Kinder beanspruchten alle Aufmerksamkeit. Eine Paartherapie scheiterte, die letzte Rettungsaktion war dahin. Es folgten wechselseitige Anschuldigungen, Verletzungen, Boshaftigkeiten. Frau K. zog bis vors Oberlandesgericht, um den Unterhalt einzuklagen. Ihr Mann hatte mit zwei Kindern im gemeinsamen Haus wohnen und so die Verantwortung aufteilen wollen. Die Kinder aber wollten zusammenbleiben. Mit einer Trennung haben sie genug zu tun.

Jetzt ist Lukas, 16, der Mann im Haus. Der älteste Sohn hat die Haare nach vorn gekämmt, freundlich ist er und höflich. Er will technischer Zeichner werden oder Ingenieur. "Ohne ihn wäre ich aufgeschmissen", sagt Frau K. "Lukas ist ein lieber Junge." Er räumt die Geschirrspülmaschine aus und bringt den Müll hinunter. Er hilft seinen Geschwistern bei den Hausaufgaben und kocht auch schon mal. Jahrelang trug Lukas geduldig gebrauchte Klamotten, aber jetzt will er auch mal eine neue Jeans.

Ebenso viele Ausgaben wie Einnahmen

Frau K. erhält monatlich 1029 Euro Unterhalt für die Kinder; zudem 693 Euro Kindergeld und 249 Euro Wohngeld. Durchschnittlich elf Stunden die Woche arbeitet sie, auf 400-Euro-Basis, in ihrem Beruf als Friseurin. Den knapp über 2000 Euro Einnahmen stehen etwa gleich hohe Ausgaben gegenüber: 970 Euro warm für die Wohnung, ungefähr 600 Euro für Lebensmittel, der Rest für Versicherungen, Kleidung, Schulbedarf.

Zweimal die Woche bedient Frau K. sich an der Dormagener "Tafel", wo Helfer Lebensmittel verteilen. Anfangs war da noch Scham, in einer Reihe zu stehen mit Menschen, denen sie früher in der Fußgängerzone ein paar Cent zugesteckt hatte. Leute mit ungewaschenen Haaren. Aber die Schlange wird immer länger, die Not wächst. Und mit der Zeit gewöhnt man sich ans Elend. Jetzt lässt Frau K. sogar zu, dass ihre Kinder vor Weihnachten ihre Wünsche an einen Tannenbaum in der Stadt hängen und dann von anonymen Spendern beschenkt werden. Dieses Jahr gab es neue Schuhe.

Ohne Almosen käme Frau K. weniger gut zurecht; durch die Tafel spart sie wöchentlich 70 bis 80 Euro. Gebrauchte Jacken, Schuhe und Hosen gibt es in der anliegenden Kleiderkammer des Roten Kreuzes. Nur einen Kommunionsanzug für den einen ihrer Zwillinge konnte sie noch nirgends entdecken. Vor Extrakosten hat Frau K. einen "Horror". Wenn eine Klassenfahrt ansteht. Oder die Kinder freudestrahlend nach Hause kommen und sagen, sie seien zu einem Geburtstag eingeladen. Dies bedeutet: fünf Euro für ein Geschenk. Jede außerplanmäßige Ausgabe bringt Bedrängnis.

Spaß am Minijob

Frau K. funktioniert. Die Tage sind getaktet, ihre Zeit ist portioniert. Halb sechs aufstehen, beim Kaffeetrinken Zettel schreiben, was zu tun ist. Um sechs muss Tobias raus; wenn der eine Dreiviertelstunde später zum Bus geht, kommen Jan und Nick an den Tisch. Lukas steht allein auf. Schulbrote schmieren, den Tag besprechen, aufräumen, Anrufe, Schreibkram. Und um neun zur Arbeit. Der Minijob macht Spaß, "ich bin unter Leuten". Im Friseursalon ist sie endlich mal nicht mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt. Frau K. tankt hier auf. Vorher war sie schon Putzfrau und Küchenhilfe und wollte sich als Visagistin selbstständig machen. Jetzt teilte ihr die Sachbearbeiterin vom Arbeitsamt mit, sie arbeite drei Stunden zu wenig, um die Kriterien für diese "geringfügige Beschäftigung" zu erfüllen. Frau K. hat wieder ein Problem: Ihre Chefin braucht sie nicht drei Stunden länger. Zumindest nicht bezahlte drei Stunden.

Frau K. atmet tief durch. Sie hat diesen Formalkram satt, die Besuche auf den Ämtern, all die von elektronischen Datenverarbeitungsanlagen erstellten Schreiben, ihre "Bedarfsgemeinschaft 3650BG0026xxx" betreffend. Sie bekommt Hilfe, aber die Hilfe wird zunehmend komplizierter. Die staatlichen Unterstützungen für Alleinerziehende haben sich längst zu einem bürokratischen Gewirr aus Kompetenzen und Paragrafen verstrickt. Es gibt mehrere Möglichkeiten, geringe Verdienste aufzustocken: über das Arbeitslosengeld II, einen Kinderzuschlag, Wohngeld, Wohngeld und Kinderzuschlag oder eine Kombination aus Arbeitslosengeld II und Wohngeld. Selbst Experten blicken bei diesen Mischkalkulationen nicht mehr durch.

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KOMMENTARE (10 von 64)
 
matthiesen-am (13.05.2009, 01:57 Uhr)
Alleinerziehende
„Alleinerziehende“ diese Wort ist falsch!
In den aller meisten Fällen sind noch beide Eltern da und erziehen die Kinder beide.
Die Einen besser als die Andern.
Alleinlebend wäre richtiger!
Einmann13 (12.05.2009, 18:14 Uhr)
Unfassbar
Ich muss mich mal einmischen weil es völlig vergessen wird wer diese Frauen in das Elend getrieben hat. Es war die "jüngere" die für ein kurzes Abenteuer der Frau und den vier Kindern den Mann ausspannt und sich der Folgen nicht bewusst ist. Diese Frau trieb mit ihrem Spielchen eine andere Frauen ins "verderben".Hoffentlich wird ihr nicht das gleiche Schicksal auch passieren. In diesem Fall hatte es jedenfalls schlimme Folgen.
sunny40 (12.05.2009, 15:25 Uhr)
Unfassbar
Was man hier teilweise zu lesen bekommt ist echt unfassbar,der armen Frau werden haltlose Vorwürfe gemacht, von wegen sie nutzt den Staat und ihren Mann aus, ich weiß wovon ich rede ich bin selber alleinerziehende Mutter einer 14 jährigen Tochter und weiß wie schwer es ist, ich gehe jeden Tag 8 Stunden arbeiten und habe zuzüglich Kindergeld ein Einkommen von 1150,- € davon muß ich aber 500,- € für Miete und 400,- € für Gas,Strom und Telefon zahlen bleiben mir und meiner Tochter also genau 250,- € im Monat für Lebensmittel und Bekleidung und alle anderen Dinge stimmt davon können wir leben wie Gott in Frankreich, und jetzt kommen bestimmt wieder die dummen Kommentare, naja muss es denn so eine teure Wohnung sein? Mal versucht in Hamburg eine günstige Wohnung zu bekommen,wenn ich so höre was meine Freunde und Bekannten teilweise für ihre Wohnungen beszahlen, bin ich noch richtig günstig, und Strom und Gas da können wir uns ja mal bei den Politikern nachfragen wann sie endlich mal was gegen die überteuerten Strom- und Gaspreise tun, letztes Jahr bin ich kurzfristig in die Arbeitslosigkeit gerutscht und da der Staat ja so großzügig ist hat er mir 800,- € für 2 Personen für 1 Monat gezahlt,ich weiß nicht was einige Leute denken was der Staat einen zahlt wenn man in Not ist? Erst der Mitarbeiter vom Amt brachte mich auf den Gedanken Kinderzuschlag und Wohngeld zu beantragen, weil ich ja Geringverdiener bin und mir beides auf alle Fälle zustehen würde. Also an alle die sich negativ zu dieser Frau oder alleinerziehenden Müttern geäußert haben erst schlau machen und dann seinen Kommentar abgegeben. ach und zur Freundin des Ex- Mannes von Fr. K. ich finde es eine bodenlose Frechheit hier seinen Kommentar abzugeben, klar das er immer alles anders hinstellt als es tatsächlich ist, er will schließlich in keimen schlechten Licht dasehen, schon gar nicht vor der Frau die ja ausschlaggebend für das ganze Elend der Fr. K. ist.
sturmboe (11.05.2009, 22:44 Uhr)
So,so...
So,so...die alles ausnutzenden bösen Alleinerziehenden. Ich hätte mir gewünscht mit dem Vater meiner Kinder "in guten wie in schlechten Zeiten".....zusammenzuhalten. Wir haben 2 gemeinsame Kinder, die inzwischen 17 und 20 sind. Die Ältere ist Autistin (sie hat KEINEN Anspruch auf Pflegegeld).Als die Behinderung festgestellt wurde, hat der Vater einen Rückzieher gemacht, es passte nicht in sein Karriereschema. Er hat vor 14 Jahren die Scheidung eingereicht und auf das Sorgerecht verzichtet und um jeden Pfennig Unterhalt weniger gekämpft. Lieber das Geld in Anwälte investieren, als in die Kinder. Wir leben nun seit Jahren am Limit. Ich habe einen Nettoverdienst (Ganztagsstelle) von 1050,--€ (so wenig, weil ich einfach nichts anderes finde, trotz guter Ausbildung!) , dazu kommen Kindergeld und Minimalunterhalt (keine Ahnung, wie er die Richter überzeugen konnte, dass er ach so arm ist). Ständig muss ich Wünsche abschlagen. Klassenfahrten? Ja, die habe ich mir vom Munde abgespart. Urlaub? Fehlanzeige. Auto? Keine Chance. Wir machen alles, was möglich ist, zu Fuß. Bus oder Bahn? Zu teuer, geht nur in Ausnahmefällen. Jedes 2. Wochenende frei? Nö. Er hat ja das Sorgerecht abgegeben und von daher "nichts mehr mit den Kindern zu tun". Ein neuer Partner? Keine Chance. Mangels Freizeit und großer Problematik mit der Älteren. Also...an Alle, die von Sozialschmarotzern oder Ähnlichem schreiben....Bitte erstmal abwägen und nicht alle über einen Kamm scheren....Fair bleiben bitte.
Gisella (11.05.2009, 22:15 Uhr)
Bali-
genau !!!!und wahrscheinlich haben wir sehr viele DAVON.
bali (11.05.2009, 22:13 Uhr)
@mutti
Ihre Kommentare kann man praktisch nicht lesen, sie strotzen nur so vor Rechtschreib- und Grammatikfehlern, ganz grausam.
Wenn Sie möchten, dass man Ihre Meinung ernst nimmt, sollten Sie vielleicht versuchen, sich verständlich auszudrücken. Diese seltsame Aneinanderreihung von Worten ergibt oft gar keinen Sinn!
Brusel (11.05.2009, 19:31 Uhr)
Bedingungsloses Grundeinkommen
Das sind 2,3 Millionen Menschen die durch ein Bedingungsloses Grundeinkommen entlastet werden.
Wer Interresse hat einfach auf grundeinkommen.tv informieren. Es gibt auch Parteien die das schon im Programm haben.
mutti1 (11.05.2009, 15:39 Uhr)
meine MEINUNG...................
aha gisella, sie möchten also wie früher auch mit einem schläger, despoten und vergewaltiger etc.ein leben lang gehen,das grundübel sind die kapital. verhältnisse,zu wenig arbeitsplätze,damit der lohn niedrig bleiben soll und immer die hatz danach besteht, und die überteuerten fixkosten und kalt-mieten!dieser artzikel jammert doch wieder auf hohem niveau,vor dem ewuro hate ich, 800 mark miete + 800 mark zum leben.zu fdritt, wo waren da die 15 % die die miete kosten sollte, alles wahlgetöse.und väter ,die ihre kinder und frau verlassern muß es weh tun,vorher haben sie auch nicht wie hund gelebt.hier zahlt der staat wohngeld und kindergeld, das jedem zusteht, auch hartz4. zustehen tut anderen die riesigen boni+gehälter nicht uns abfindungen, die der kunde ungefragt zahlt...............
Gisella (11.05.2009, 12:25 Uhr)
Und------
was ist mit den Vätern, die lt. Gesetz mit 890 Euro leben müssen??? Warum nicht wieder-wer ist schuldig-bei einer Scheidung einführen. Vielleicht überdenken dann die Eheleute ihre beabsichtigten Scheidungen und bemühen sich mal , wie versprochen-durch "gute und schlechte Zeiten" miteinander zu gehen.Oft wird es den Frauen zu einfach gemacht-aber-der Staat und das sind ja wir, bezahlt-immer.
vita (11.05.2009, 10:53 Uhr)
Teilzeitfrisörin suche Finzier für Großfamilie
Oder wie kann man das überschreiben, was der STERN hier einmal mehr betreibt? Alles hängt von dem Mann und Vater der Kinder ab. Wird er arbeitslos, ist der Staat dran, hat er Arbeit, muss er zahlen, während seine Exfrau in einer überzogen teuren Wohnung lebt und Ansprüche hat, die sie selbst nicht einmal für sich allein finazieren könnte.
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