Die Entscheidung für eine Ausbildung oder ein Studium ist eine der wichtigsten Weichenstellungen im Leben. Kein Wunder, dass sich Schüler und Eltern so sehr damit quälen. Der stern hilft, gute Wege in die berufliche Zukunft zu finden. Von Nikola Sellmair

Die Zwillinge Claudius und Cornelius, 18, sind sich einig: Sie wollen beide nicht den Kurierdienst ihres Vaters übernehmen. "Wir haben andere Träume", sagt Claudius (l.)© Florian Kolmer
Wenn Elli an ihre Zukunft denkt, hört sie das Klack-Klack von Steppschuhen. Mattia fühlt Öl und Steine an seinen Händen. Katharina hört die Sirene eines Streifenwagens heulen. Und Cornelius blickt auf einen kleinen grünen Zettel, darauf stehen ordentlich durchnummeriert 22 Berufe.
Elli möchte später auf der Bühne stehen, tanzen, singen, steppen. Mattia würde gern auf dem Bau arbeiten oder als Mechaniker. Katharinas Traumjob ist Polizistin. Und Cornelius hat, seit er zwölf Jahre alt ist, jede seiner Berufsideen aufgeschrieben. Jetzt, mit 18 und ein Jahr vor dem Abitur, hat er ganze 22 Berufe beisammen.
22 von Abertausenden. Es gibt in Deutschland mehr als 20.000 Berufsbezeichnungen, und täglich kommen neue hinzu. Der Müllmann heißt jetzt "Fachkraft für Kreislauf- und Abfallwirtschaft", und was bitte macht ein Galeniker oder ein Solarteur?
Wie in diesem Wust von Angeboten das passende finden? Die große Freiheit nach der Schule - für viele Jugendliche ist sie erst mal eine große Zumutung. Bisher gab der Lehrplan die Richtung vor, jetzt sollen sie selbst entscheiden, was zu ihnen passt. Gärtner oder Germanist, Lehre oder Berufsakademie, Fachhochschule oder Uni? Gleich losstudieren oder erst mal ein soziales Jahr in Afrika?
Arbeitsmarktprognosen ändern sich: Gestern gab es zu viele Lehrer, heute zu wenige. Und wie wird sich die Finanzkrise auswirken? Die Angst ist gewaltig, falsche Entscheidungen zu fällen. Und Jugendliche sind nicht ausreichend über ihre Möglichkeiten informiert, jeder dritte fühlt sich von der Schule nicht genügend auf den Start in die Arbeitswelt vorbereitet, zeigen Studien.
Sogar Profis sind oft überfordert, sagt Sybille Heintz, Studienberaterin an der Universität Regensburg. Als sie 1980 als Berufsberaterin anfing, gab es nicht mal 1000 Studiengänge. Jetzt warten auf Schulabgänger über 12 000 Studienvarianten und mehr als 350 Ausbildungsberufe. Der stern wird in einer sechsteiligen Serie jungen Menschen und ihren Eltern Orientierung in der unübersichtlichen neuen Jobwelt geben. stern-Reporter haben Dutzende Schüler, Auszubildende und Studenten auf ihrem Weg in den Beruf begleitet. Tests, Tipps und Info-Adressen helfen gegen das Chaos im Kopf und die Angst im Bauch, die viele Schüler vor dem Abschluss befallen.
Heinrich Wottawa, Psychologieprofessor an der Ruhr-Universität Bochum, begleitet die stern-Serie als Experte. Ihn erinnern berufssuchende Jugendliche an Singles in Torschlusspanik: "Sie glauben: Es muss den einen geben, der mich glücklich macht. Wenn ich ihn nicht finde, dann ist mein Leben verpfuscht." Aber genau wie bei der Partnerwahl gebe es auch bei der Berufswahl nicht nur einen geeigneten Kandidaten. Ungefähr 30 verschiedene Berufe passen zu einem Menschen, ohne dass er über oder unterfordert wäre, sagt Wottawa. Seine Botschaft: Druck rausnehmen, die Entscheidung nicht überfrachten. Man muss am Anfang einer Ausbildung nicht unbedingt wissen, was genau man später damit machen will. Oft sind Praktika wichtiger für den Berufseinstieg als Fachwissen. Und man kann ein und denselben Beruf auf verschiedenen Wegen erreichen. In der Personalabteilung einer Firma etwa arbeiten Betriebswirtschaftler neben Psychologen und Juristen.
Wer wissen will, wie seine Zukunft aussieht, muss zuerst in die Vergangenheit blicken: Was hat mich immer interessiert, worin war ich gut?
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 17/2009