Sie sind uns kostbar, sie sind niedlich und doch kleine Monster, die - oftmals mit Gebrüll - die völlige Unterwerfung ihrer Eltern verlangen. Die werden um des lieben Friedens willen schwach, statt Regeln zu setzen. Wie gehen wir mit unseren Kindern um? Gibt es noch so etwas wie Erziehung? Von Stefanie Rosenkranz

Moritz, 4, aus Bad Honnef: "Manchmal ist mir egal, was die Mama sagt. Dann mach ich, was ich will"© Pascal Amos Rest
Was ist klein, rund und süß, liegt quer in der Kinderkarre, brüllt so laut, dass die Regale im Supermarkt scheppern, weil es keinen Schokoriegel bekommen hat, und wird von seiner Mutter angeraunzt? Es ist ein ganz normales Kind mit einer ganz normalen Mutter.
Was ist klein, rund und süß, liegt quer in der Kinderkarre, brüllt so laut, dass die Regale im Supermarkt scheppern, weil es keinen Schokoriegel bekommen hat, und wird von seiner Mutter geduldig darüber aufgeklärt, dass Schokolade nicht gut sei für die Gesundheit, worauf sie einen Fußtritt bekommt, worauf sie dem unterdes puterroten Winzling eine makrobiotische Scheibe Puffreis anbietet, die das niedliche Monster ablehnt und unter eine Pyramide von Tomatendosen im Sonderangebot schmeißt, worauf die Kassiererin dem Kind einen Lolli in die Patschhand drückt, worauf die Mutter dem Monster den Lolli entreißt - "Julian isst nur Vollwertkost!" -, worauf der Alien im Buggy noch lauter schreit, worauf die Kassiererin mit 140 Dezibel brüllen muss: "16 Euro 20!", worauf die Mutter ihre Produkte der Firma Frosch endlich bezahlt, aber wegen ihres quer hängenden Sohnes nicht weiterkommt, worauf ein älterer Herr ihr dabei hilft, die Karre nebst Inhalt über die Kasse hinwegzuhieven? Es ist ein deutsches Kind mit einer deutschen Mutter.
Jeder kennt solche Bonsai-Terroristen; manchmal sind es sogar die eigenen Kinder.
Da ist die entzückende Lea* aus Halle. Dass wir den wirklichen Namen des kleinen Engels nennen, möchten die Eltern - aus nachvollziehbaren Gründen - nicht. Lea also. Mit vier saß sie noch im Kinderwagen, zugleich bekam sie Englischunterricht. Jetzt ist sie neun Jahre alt und zerreißt bei ihrer Erstkommunion ein Buch, das ihr gerade von ihrem Patenonkel geschenkt wurde. Während die Eltern - sie Germanistin, er Unternehmensberater - entschuldigend lächeln, blicken alle anderen betreten zu Boden. Später, beim Essen, erzählt die Mutter von der Hochbegabung ihrer Tochter, die von unfähigen Ost-Ärzten partout nicht diagnostiziert werden kann, während der Vater den gnadenlosen Frontalunterricht in der Schule geißelt, auf der seine Tochter im Übrigen auf das Schlimmste gemobbt würde. Derweil klatscht Lea mit dem Handteller in ihren Teller, dass die Sauce nur so spritzt. "Kinder sind eben so", sagt die Mutter, wobei ihr nicht auffällt, dass außer ihrer Tochter noch vier weitere davon anwesend sind, die artig und mit Messer und Gabel ihre Mahlzeit zu sich nehmen. Allerdings ergreifen sie bei der ersten Gelegenheit die Flucht, um bloß nicht mit Lea spielen zu müssen, die inzwischen unterm Tisch liegt und Essensreste auf dem Fußboden verschmiert.
Da ist der engelsgleiche Gabriel* aus Hamburg, blond gelockt und allerliebst, vier Jahre alt, der die schneeweiße Terrasse des Ferienhauses in Italien mit seinen Exkrementen beschmiert, genau in dem Moment, in dem sich seine Eltern und deren Freunde dort zum Aperitif niederlassen wollen. Die Freunde fliehen, die Eltern wischen. Gabriel wischt nicht, niemand hat es von ihm verlangt. Stattdessen beißt er seiner Mutter mit Wucht in die Wade, sie schreit: "Aua! Spinnst du?", worauf Gabriel anfängt zu brüllen und sich einige Tränen abpresst. Prompt kniet seine Mutter vor ihm nieder und nimmt ihn in den Arm. "Ich habe es nicht so gemeint! Es tut mir so leid!" Anschließend wischt seine Mutter weiter, Gabriel kippt derweil das Tablett mit den Gläsern um.
Knapp über 680.000 Kinder werden dieses Jahr in der Bundesrepublik geboren werden, rund hunderttausend weniger als vor zehn Jahren. Längst haben sie hierzulande den Status von Pandas: Sie sind rar, sie sind niedlich, und nicht selten sind sie höchst sonderbar. Je weniger Kinder es gibt, desto mehr interessieren sich die Deutschen für sie, als wären minderjährige Bundesbürger so exotisch wie wilde Schimpansen. Fasziniert betrachten sie Sendungen wie "Die Super Nanny", darin das Kinderzimmer als dunkle, wenngleich keineswegs lockende Welt dargestellt wird, gebannt verfolgen sie Dramen über Gewalt gegen Kinder und gewalttätige Kinder, gespannt lesen sie Bücher über die Apokalypse im Laufstall - beziehungsweise auf dem ökologisch einwandfreien Schaffell.
Derzeit steht das Buch "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" vom Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff hoch im Kurs. Der wähnt Deutschland - nicht ganz ohne Wollust - am Rande einer Katastrophe, vergleichbar nur mit dem Zweiten Weltkrieg. Unsere Gesellschaft werde immer komplexer, die Erwachse- nen immer verstörter, die Kinder zunehmend komplizierter. Sie könnten nicht richtig sprechen, sich nicht konzentrieren, seien motorisch unterentwickelt, machten mit drei immer noch in die Hose, seien unfähig zu Freundschaften, könnten Frustrationen nicht ertragen.
Und die Eltern der Brut? Keineswegs nur sinistere Sozialfälle, die Schnapsflasche in der linken und die Fernbedienung in der rechten Hand. Sondern vielfach Akademiker, bemüht um ihre Deszendenz, die Regale proppenvoll mit Erziehungsratgebern. Wie zum Beispiel Stephanie und Thomas aus einem Vorort bei Köln. Als ihre Tochter Anna* auf die Welt kam, waren sie sich beide über ihr Erziehungsideal einig: Sie wollten ihre Tochter freiheitlich erziehen. Mit Liebe statt Grenzen. Mit Argumenten statt Vorschriften. Heute, vier Jahre später, beschleicht sie nicht selten das ungute Gefühl, dass dabei irgendwas auf der Strecke geblieben ist. Sie selbst zum Beispiel.
Wenn sie mit Anna im Restaurant sitzen und sie fragen: "Was möchtest du denn gern essen?", und die Vierjährige ruft: "Scampis, ganzen Teller voll", dann bestellen sie Scampis. Doch wenn der Teller kommt, so schreit sie: "Nein, will keine Scampis! Will Pizza!" Dann bestellen sie Pizza - und das Spiel wiederholt sich. Inzwischen zerrt ihre Tochter Tag für Tag an ihren Nerven. So blond, so süß, so unerträglich. Im Auto bestimmt Anna, wer am Steuer sitzt und wer auf dem Rücksitz - also hockt Stephanie meistens hinten. Ins Bett will sie nicht vor halb elf - also verbringen die Eltern ihre Abende mit Puppenspiel und Lego. Gespräche mit Freunden in Anwesenheit von Anna sind inzwischen völlig undenkbar, weil die Kleine geteilte Aufmerksamkeit nicht erträgt.
"Wir haben uns bewusst dazu entschieden, Anna möglichst antiautoritär zu erziehen. Nicht komplett ohne Grenzen, aber eben nur mit wenigen, die wir immer gut begründen wollten. Inzwischen bestimmt Anna unser ganzes Leben", sagt Thomas. Das tragische Ergebnis all der Mühe: traurige Eltern, die sich selbst zu Domestiken reduziert haben, und ein zutiefst unglückliches Kind. Denn Anna, der goldige Kotzbrocken, wird vermutlich in der Schule herumzappeln, nie zuhören, wenig Freunde haben und der Schrecken ihrer Klassenkameraden und Lehrer werden.
Auch bei denen liegen die Nerven längst blank, zumal sie von den Eltern kleiner Terroristen häufig auf das Heftigste angefeindet werden, weil sie die schlummernden Talente der Mini-Diktatoren angeblich weder erkennen noch fördern.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 22/2008