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Bekenntnisse einer "Witwenschüttlerin"

Nach Tragödien wie dem Germanwings-Absturz wird regelmäßig darüber gestritten, ob Medien über die Opfer berichten dürfen und vor allem wie. Hier schreibt stern-Reporterin Kerstin Herrnkind, warum sie ihren Job gerne macht und warum er so wichtig ist.

Von Kerstin Herrnkind

Ein Mann und ein Frau zünden in Haltern vor der Gedenktafel den Absturzofpern des Germanwings-Fluges.

Zwei Menschen betrauern Opfer des Germanwingsabsturzes. "So lange es eine Leserschaft gibt, die nach solchen Berichten und Fotos verlangt, wird es sie geben", meint Kerstin Herrnkind.

Die Journalistin Sandra Schink wurde als Elfjährige Opfer von sogenannten "Witwenschüttlern". Boulevardjournalisten fotografierten aus ihrem Album Bekannte ab, die ertrunken waren. Sie behaupteten, mit der Wasserschutzpolizei zusammenzuarbeiten. Aus Anlass des Jahrestages des Germanwingsabsturzes waren wieder viele Fotos von Opfern in Zeitungen, Zeitschriften und Online-Portalen zu sehen. Auch der stern berichtete ausführlich über die Trauer der Angehörigen. Schink hat das zum Anlass genommen, um einen Appell an Journalisten und vor allem an Chefredakteure zu schicken: "Ihr alle habt die Macht, dieser furchtbaren Unsitte Einhalt zu gebieten, die so zynisch 'Witwenschütteln' genannt wird. Ihr müsst Euren Mitarbeitern nicht diesen sinnlosen Job abringen, den keiner jemals gerne und aus Überzeugung gemacht hat".

stern-Reporterin Kerstin Herrnkind, die schon viele Angehörige von Mordopfern besucht und ihre Fotos veröffentlicht hat, antwortet Schink an dieser Stelle:

Das erste Mal tat ich es für die "taz". Im Bremer Knast hatte ein 28-jähriger Häftling seinen Schlafanzug zerschnitten, die Stoffstreifen zu einem Strick verknotet und sich in seiner Zelle erhängt. Mitgefangene meldeten sich. Sie behaupteten, der Häftling habe nur Stunden vorher versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Aber weil das an einem Freitagnachmittag geschehen sei, hätten die Justizvollzugsbeamten weder den Anstaltspsychologen noch den psychiatrischen Dienst verständigt. Und zwar, obwohl das laut Justizvollzugsgesetz eigentlich vorgeschrieben sei. Hätte der Gefangene gerettet werden können, wenn Hilfe alarmiert worden wäre? Das Justizressort wiegelte ab. Es hätte keinen Selbstmordversuch gegeben, behauptete der zuständige Abteilungsleiter glatt. Auf nochmalige Nachfrage räumte das Justizressort lediglich ein, dass sich der Gefangene "ein paar oberflächliche Kratzer" am Handgelenk beigebracht hätte, die allerdings nicht als Selbstmordversuch zu erkennen gewesen seien.

Justizskandal aufgedeckt

Mitgefangene besorgten mir die Telefonnummer der Familie. Die Schwester des Knackis war froh, dass sich die Presse für den Selbstmord ihres Bruders interessierte. Sie hatte Fotos von seiner Leiche gemacht. Und von den langen, blutunterlaufenen Schnitten an seinem Unterarm. Die Schnitte waren etwa 20 Zentimeter lang. Wir veröffentlichten das Foto. Es bewies, dass die Justizbehörde versucht hatte, den ersten Selbstmordversuch zu vertuschen. Und dass keine Hilfe geholt worden war. Der Selbstmord war einer von vielen skandalösen Vorfällen im Bremer Knast, die Ende der 90er Jahre dazu führten, dass der Justizstaatsrat zurücktrat.

Ich tat es wieder. Schrieb einer Mutter, deren 27-jährige Tochter, eine Anwältin, tot in ihrer Wohnung aufgefunden worden war. Alles hatte zunächst nach Selbstmord ausgesehen. Die junge Frau war mit einem Strick um den Hals an der Klinke ihrer Schlafzimmertür gefunden worden. Doch dann hatten Gerichtsmediziner DNA-Spuren eines Mannes gefunden - am Knoten des Seils, am Strang und an den Kleidern der jungen Frau. Hatte er die Anwältin stranguliert?

Die Ermittlungen zogen sich hin. Über dreieinhalb Jahre. Warum? Hatte die Staatsanwaltschaft Beißhemmungen, in sogenannten besseren Kreisen zu ermitteln? Der Verdächtige war ein ehemaliger Banker und Unternehmer. Die Staatsanwaltschaft wies das zurück, entschuldigte sich mit der "Vielzahl von Ermittlungsansätzen". Doch die Sache wurde immer mysteriöser. Der Anwalt der Mutter wollte die Akten sehen. Als Nebenklagevertreter ist das sein gutes Recht. Doch die Staatsanwaltschaft weigerte sich, ihm die Akten zu zeigen. Das Verfahren gegen den Verdächtigen stellte sie ein. Ich berichtete für den stern über den Fall. So kam öffentlicher Druck in die Sache. Ein Gericht entschied, dass der Anwalt die Akten sehen durfte. Und dass der Verdächtige vor Gericht gestellt werden musste. Eine zweifache Klatsche für die Staatsanwaltschaft.

Vor Gericht verweigerte der Angeklagte die Aussage. Er wurde freigesprochen, weil das Gericht nicht rekonstruieren konnte, was geschehen war. Kein Wunder, nach so langer Zeit. Trotzdem dürfte der Prozess eine Warnung für den Mann gewesen sein. Auch die Staatsanwaltschaft musste einsehen, dass sie Anwälten nicht selbstherrlich Akten vorenthalten kann. Und dass sie Anklage erheben muss, wenn es so viele belastende Indizien gibt. Hätte ich die Mutter "einfach trauern lassen" wären die Staatsanwälte mit ihrer Selbstherrlichkeit durchgekommen.

"Endlich fragt mal jemand nach"

Noch ein Beispiel: In Bremen wurde 2009 eine Lehrerin von ihrem Schüler erstochen. Ich versuchte, ehemalige Klassenkameraden des Mörders ausfindig zu machen. Ich wandte mich nur an ehemalige Schüler, die das Gymnasium nach dem Abitur verlassen hatten. Und holte mir eine Abfuhr nach der nächsten. Bis ich eine Person fand, die gerne mit mir reden wollte. "Endlich fragt mal jemand nach", sagte sie und erzählte, dass der Schüler, der seine Lehrerin erstochen hatte, als Stalker bekannt gewesen sei. Bevor er seine Lehrerin tötete, hatte er schon zwei Schülerinnen bedroht und belästigt.

Mit dieser Information wandte ich mich an die Anwältin der Eltern des Opfers und an die Staatsanwaltschaft. Die Eltern, die bisher jeden Kontakt zur Presse abgelehnt hatten, wollten nun doch mit mir sprechen. Sie gaben mir ein Protokoll, das ihre Tochter geführt hatte. Minutiös hatte die Lehrerin aufgeschrieben, wann und wie der Schüler sie belästigt hatte. Und wie oft sie sich darüber beim Schulleiter beklagt hatte. Auch eine ihrer Kolleginnen hatte Alarm geschlagen. Doch anstatt die Lehrerin vor ihrem Schüler zu schützen, verfügte der Schulleiter, dass sie ihn einzeln betreuen musste, wie der stern zu Prozessbeginn enthüllte. Später stellte sich heraus, dass sogar die Schulbehörde Bescheid gewusst hatte. Hinter dem "Mord aus verschmähter Liebe" verbarg sich ein handfester Skandal, den ich nie hätte aufdecken können, wenn ich die Schüler und Eltern nicht kontaktiert hätte.

Erzählen gegen das Vergessen

Das letzte Mal habe ich es nach dem Absturz der Germanwings-Maschine getan. Nein, ich war nicht in Haltern und habe den Schülern des Joseph-König Gymnasiums Geld geboten. Aber ich habe die Eltern der toten Schüler angeschrieben. Fast ein Jahr nach der Katastrophe waren zwei Elternpaare und ein Vater bereit, mit mir und meinem Kollegen zu reden. Sie wollten nicht, dass ihre Kinder in Vergessenheit gerieten. Es war ihnen ein Bedürfnis, vom dem Leid zu erzählen, dass sie durch den Absturz erlitten hatten. Sie wollten über die Lufthansa sprechen, von der sie sich nicht richtig informiert fühlen. Und auch über Journalisten, die Geld geboten hatten für Tonbandaufnahmen aus dem Unterricht des trauernden Gymnasiums.

Die Eltern gaben uns Fotos von ihren Töchtern, die nur 16 Jahre alt geworden waren. Sie wollten, dass die Welt sieht, wen Co-Pilot Andreas Lubitz mit in den Tod gerissen hatte. An Bord der Maschine starb auch eine Künstlerin aus Leipzig, die im dritten Monat schwanger war. Sie freute sich auf ihr Kind. Ich sprach mit ihrem Lebensgefährten und ihren Eltern. Auch sie gaben mir Fotos, darunter das Ultraschallbild des ungeborenen Kindes. Sie wollten, dass die Welt begreift, was Lubitz angerichtet hat. Ich sprach mit dem Vater einer Opernsängerin, die mit ihrem kleinen Sohn (18 Monate) und ihrem Mann bei dem Absturz ums Leben gekommen war. Er hat drei Angehörige verloren. Und wollte darüber sprechen. Und die Fotos seiner Tochter, seines Enkels und seines Schwiegersohns zeigen. 149 Menschen starben außer dem Co-Piloten bei dem Absturz. Wird man Opfern gerecht, wenn man sich nicht für sie interessiert? Wenn sie gesichtslos und geschichtslos bleiben, nicht mehr sein dürfen als eine abstrakte Zahl? 149. 

Es ist wichtig, Opfern ein Gesicht zu geben

Natürlich macht es einen Unterschied, ob man Wochen oder gar Monate Zeit hat. Und erst vorsichtig anklopft, wenn der erste Schock überwunden ist, anstatt direkt nach dem Unglück vor der Tür zu stehen. Aber manchmal lässt sich das nicht vermeiden. Weil die Aktualität drängt. Und die Leserschaft wissen will, was passiert ist. Und wer die Opfer waren. Denn auch das gehört zur Wahrheit: So lange es eine Leserschaft gibt, die nach solchen Berichten und Fotos verlangt, wird es sie geben. Es ist nur eine Frage des Wie, ich schüttele niemanden.

Es gibt aber Kollegen, vor deren Methoden mir graust. Die sich als Notfallseelsorger ausgeben, um Angehörige auszuhorchen, wie es in Haltern geschehen sein soll. Kollegen, die Polizeiausweise fälschen, damit Hinterbliebene ihnen arglos Rede und Antwort stehen. Oder Kollegen, die sich Fotos erschleichen, indem sie behaupten, mit der Wasserschutzpolizei zusammenzuarbeiten, wie im Fall, den Sandra Schink schildert. Ich würde das niemals tun. Aber ich mache diesen Job freiwillig. Ich mache ihn gerne. Ich finde ihn wichtig. Weil sich hinter Opferzahlen Menschen verbergen. Menschen, die ein Gesicht haben. Und eine Geschichte, die es oft wert ist, erzählt zu werden. Deshalb werde ich es wieder tun.

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