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Publikum zwingt iranischen Musiker zu Konzert-Unterbrechung

Peinlicher Vorfall in der Kölner Philharmonie: Teile des Publikums forderten während eines Konzerts den iranischen Cembalisten Mahan Esfahani auf, Deutsch zu sprechen. Dann zwangen sie ihn zu einer Unterbrechung.

Kölner Philharmonie

Mit dem Cembalo neue Musik gespielt: "Wovor haben Sie Angst?"

Am vergangenen Sonntagnachmittag fand in der Kölner Philharmonie ein Konzert statt, in dem Alte Musik und Minimalmusic aus dem 20. Jahrhundert zur Aufführung kamen. Das Orchester hatte dafür Werke von Johann Sebastian Bach und Carl Emanuel Bach mit zeitgenössischen Stücken von Fred Frith, Henry Mikolaj Górecki und Steve Reich kombiniert. Am Cembalo saß der iranische Virtuose Mahan Esfahani, der im vergangenen Jahr sein erstes Album für die Deutsche Grammophon herausgebracht hatte, das hier zur Aufführung kam.

Doch offenbar missfiel dem eher älteren Publikum eben diese Kombination aus alter und neuer Musik auf den Instrumenten des Barock. Laut einem Kommentar in der  Zeitung "Die Welt" war der Geräuschpegel von Beginn des Konzerts schon höher als gewöhnlich. Die modernen Werke von Frith und Górecki konnte das Orchester um Esfahani noch vortragen. Aber als der iranische Musiker das fünfte Werk von Reich, die "Piano Phase" von 1967, mit einem kurzen Vortrag in Englisch vorstellte, soll laut Medienberichten die Stimmung gekippt sein. "Reden Sie doch gefälligst Deutsch!“, forderten einige aus dem Publikum Esfahani auf.

Lachen, Klatschen, Unterhaltungen

Als der Musiker daraufhin zu spielen begann, steigerte sich der Geräuschpegel deutlich: Lachen, Klatschen, Pfeifen und laute Unterhaltungen erzwangen schließlich den Abbruch, berichtet der "Kölner Stadt-Anzeiger". "Why are you afraid?"- Wovor haben Sie Angst? fragte der aufgebrachte Iraner das Publikum, berichtet das Blatt. Er habe das Werk schon oft aufgeführt, aber noch nie eine solche Reaktion wie hier in Köln erhalten, sagte er. Man solle doch froh sein, diese Musik zu hören: "Ich komme aus einem Land, in dem sie verboten ist."

Am Ende kehrte der Musiker samt Orchester auf die Bühne zurück und spielte noch das ausstehende Bach-Werk. Ein Zuhörer aus Hamburg entschuldigte sich bei dem Musiker für den Vorfall.

"Das kam für alle überraschend, das haben wir vom Kölner Publikum nicht erwartet. Wir können es uns auch nicht erklären", sagte Jochen Schäfsmeier, Geschäftsführer der Alte-Musik-Formation Concerto Köln, dem "Kölner Stadt-Anzeiger. "Teile des Saals ließen jede gute Erziehung vermissen, das war schlicht unerträglich." 

Zunehmende Verrohung

Ob nun ausländerfeindliche Ressentiments oder einfach nur die enttäuschte Erwartungshaltung eines Seniorenpublikums am Sonntagnachmittag und "zunehmend verrohende Sitten" ("Die Welt")  der Auslöser für das peinliche Benehmen waren, lässt sich dabei nicht genau bestimmen. Im nächsten Jahr wird Eshafani wieder in Köln auf der Bühne stehen.

Tim Schulze
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