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Aufregung im "religiösen Supermarkt"

Pfarrer Fliege ein "Esoteriker", Nena auf "spirituellen Ausflügen" - in ihrem "Schwarzbuch Esoterik" rechnet Sektenbeobachterin Ursula Caberta mit Kirche und Prominenten ab. Die setzen sich nun zur Wehr.

Von Mareike Rehberg

  Ein Pfarrer gibt Tipps für den Kirchenaustritt? Verkehrte Welt, findet die Evangelische Kirche im Rheinland - und droht ihrem berühmtesten Hirten mit Konsequenzen

Ein Pfarrer gibt Tipps für den Kirchenaustritt? Verkehrte Welt, findet die Evangelische Kirche im Rheinland - und droht ihrem berühmtesten Hirten mit Konsequenzen

Sich es mit Nena, Hape Kerkeling und Ex-TV-Pfarrer Jürgen Fliege gleichzeitig zu verscherzen, haben noch nicht viele Menschen geschafft. Ursula Caberta schon. In ihrem neuen "Schwarzbuch Esoterik" warnt die Hamburger Sektenexpertin, die vor einigen Jahren durch ihre Jagd auf deutsche Scientologen bekannt wurde, vor den Gefahren des boomenden Esoterikmarktes - und mahnt die drei Promis als Symbolfiguren dieses neuen Trends ab.

Denn die Esoterikbranche mit ihren heilsamen Steinen, Armbändern, Meditationsseminaren und Aurabesprechungen floriere auch deshalb, weil viele Prominente ihre spirituellen Höhenflüge "herumposaunen", glaubt Caberta. Wenn Hape Kerkeling, den sie sehr schätze, sich als "Buddhist mit christlichem Überbau" bezeichne, befeuere das viele verunsicherte Menschen darin, sich ihre eigene Religion zusammenzubasteln.

Bei den Betroffenen ist die Empörung ist groß. Pfarrer Fliege, der über seine Homepage für 39,95 Euro sein Heilwasser "Fliege-Essenz" anbietet, wehrte sich gegen den Vorwurf, er sei "ohne Hemmungen vom evangelischen Pastor zum Esoteriker mutiert", und auch die Kirche weist die Kritik an ihrer Institution zurück. Fliege sieht Cabertas Vorwürfe geradezu als Angriff gegen das Christentum und seine spirituellen Traditionen: "Wir Christen glauben ja schließlich, dass beim Abendmahl Wein zum Blut Christi und eine Oblate zum Leib Christi werden kann", gibt der Theologe zu bedenken.

"Wo fliegt Herr Fliege gerade?"

Über diesen Vergleich kann Ursula Caberta, die selbst Mitglied der Evangelischen Kirche ist, nur lachen. "Hat der Mann denn alles vergessen, was er als christlicher Pastor mal gelernt hat? Er setzt sein besprochenes Wässerchen gleich mit einer christlichen Tradition", stellt die 61-Jährige ungläubig fest, und fügt im Gespräch mit stern.de an: "Wo fliegt Herr Fliege gerade? Das muss man sich mal vorstellen."

Auch Popsängerin Nena hält Caberta mit ihren "spirituellen Ausflügen" für ein Aushängeschild der Esoterikszene. "Wenn Nena ihre Hüpfmeditation propagiert, was immer das auch sein soll, und von Spiritualität redet, ist doch klar, dass Menschen, die sie gut finden, in die Fänge von irgendwelchen Anbietern geraten können." Aber sollten wir nicht jedem Menschen ein Mindestmaß an einschätzungsvermögen zutrauen? Wenn sie das glauben würde, sagt Ursula Caberta, hätte sie ihr Buch nicht schreiben müssen.

Ihr persönlich, betont die Autorin, sei es ohnehin egal, ob sich jemand eine Tulpe oder eine Rose in den Garten pflanzt und sie jeden Morgen als seine neue Gottheit anbetet. Schwierig werde es aber dann, wenn die Rosenblätter durch ein "Medium" besprochen und dann für teures Geld an Leute verkauft werden.

Kirche weist Kritik zurück

Auch die Kirchen kommen in Cabertas Buch nicht ungeschoren davon, seien doch "die Grenzen fließend" zu fundamentalistischen Strömungen. Gabriele Lademann-Priemer, die Sektenbeauftragte der Nordelbischen Kirche, hat zwar ebenfalls registriert, dass das Angebot des "religiösen Supermarktes" breiter geworden ist. Eine Verantwortung der Kirchen weist sie aber zurück. Patchwork-Weltanschauungen können eine Gefahr sein, glaubt sie, allerdings solle man die Menschen nicht für blöd halten. Die Masse der Bevölkerung sieht sie nicht gefährdet.

Cabertas Kritik, die Kirchen würden sich zu wenig von esoterischen Gruppen oder fundamentalistischen Christen distanzieren, weist sie vehement zurück. Die Evangelische Kirche sei nun mal ein Großbetrieb, gibt Lademann-Priemer zu bedenken, dass da an den Rändern manches gedeihe, was anderen nicht gefalle, sei logisch, befruchte aber auch den Meinungsaustausch.

Die Forderung Cabertas, Kirche und Staat müssten sich des Themas annehmen und in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext diskutieren, kann Lademann-Priemer nicht nachvollziehen. Die Sektenbeauftragten der Kirchen berieten hilfesuchende Menschen, so die Pastorin zu stern.de, und der Staat sei ohnehin der Religionsneutralität verpflichtet. Eingreifen sollten Justiz und Politik nur, wenn im Namen esoterischer Weltanschauungen Betrüger oder Kinderschänder am Werk seien.

Alles also nur halb so wild? Nicht, wenn es nach Ursula Caberta geht. Ihre Forderungen stehen fest: Die Opfer des Esoterikbooms müssten durch einen erweiterten Verbraucherschutz verteidigt werden. Wie Gammelfleisch sollten auch Heilwässerchen, die angeblich Krebs heilen, verboten werden, und es müsse leichter werden "Scharlatane" der Branche zu verklagen.

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