Der Islamist Pierre Vogel hatte geladen, und alle kamen zum Fest der muslimischen Familie: der nervige Onkel, die strenge Tante, die flirtenden Nichten - und die Nachbarn mit der Polizei. Eine Posse von Manuela Pfohl und Özlem Nazli

Von einem Laster herunter sprach Pierre Vogel zur muslimischen Familie in Hamburg© Christian Augustin/Getty Images
Samstagabend. Eigentlich die Zeit, in der die Kinder sich mit ihren Freunden treffen, während es sich die Eltern mit Oma und Opa vor dem Fernseher gemütlich machen. Diese Woche allerdings ist muslimische Familienfeier in Hamburg angesagt. Pierre Vogel hat zum Jahrestreffen eingeladen: langer roter Bart, weißes Hemd, gehäkeltes Käppchen und nicht so alt, wie er aussieht. 32. Der ehemalige Profiboxer ist ein bisschen dicker geworden seit dem letzten Besuch. Das hat die Tante sofort gesehen. Ist ja auch schon eine Weile her, dass der Pierre in Hamburg war.
Und beinahe wäre es mit diesem Sommerfest noch schief gegangen. Beim letzten Mal hatte es nämlich Ärger mit den Nachbarn gegeben. Irgendwer hatte behauptet, dass er als islamischer Promi-Prediger in der Moschee, wo sich die Familie traf, über die Nichtmuslime hergezogen sei. Ein Fall für den Verfassungsschutz, der ihn und die ganz eifrigen Brüder seit Jahren im Visier hat, weil sie mit ihren Bärten und langen weiten Gewändern ebenso regelmäßig verdächtig sind, wie die Schwestern, die rundum verschleiert zu jeder Party kommen. Deshalb darf die Familie dieses Mal nur draußen feiern. Unter Aufsicht der Polizei auf dem Parkplatz vorm Dammtorbahnhof.
Und es gibt ein paar Bedingungen. Keiner darf sich vermummen, die Frauen dürfen nicht zwangsweise beiseite geschickt werden und die Männer dürfen nicht staatsfeindlich herumpolitisieren. Schon gar nicht über den kürzlich verstorbenen Osama bin Laden. Egal. Die Familienmitglieder sind trotzdem von überall her angereist. Aus Bayern, aus Köln, aus Nordrhein-Westfalen und sogar aus Hamburg-Pinneberg. Rund 1100 Muslime. Man sieht sich und will gesehen werden. Küsschen links und rechts. Schön, dass Ihr da seid.
Auch die strenge Tante ist gekommen, die unterm straff gebundenen Kopftuch mit argwöhnischen Blicken beobachtet, wie ein paar der Nichten ganz unverhohlen mit den Ordnern flirten, die Pierre Vogel aus Angst vor Übergriffen bestellt hat. Weiße Bodyshirts, trainierte Brustmuskeln, Ordnerbändchen quetschen ihre Oberarme. Der Oberbodyguard trägt schwarze Lederjacke, schwarze Handschuhe, blonden Bart. Typ russischer Türsteher vom Hamburger Kiez. "Musste es grad so einer sein", raunt eine der Schwestern kopfschüttelnd. Musste sein, meint Pierre Vogel. "Es gab nämlich", so erzählt er den Gästen, "eine Morddrohung gegen mich." Jemand habe geschrieben, "du kommst nicht lebend aus Hamburg raus". Die Frauen sind entsetzt.
Die ganz eifrigen Brüder hingegen sind beschäftigt. Sie müssen darauf achten, keiner Schwester zu nahe zu kommen, während sie blauer-Himmel-weiße-Wolken-Postkarten mit der "Einladung zum Paradies" verteilen, einer Website des streng konservativen Islam. Auch die Mütter sind etwas abgelenkt, weil ihre Kinder, die sie für das Fest besonders herausstaffiert haben, sich auf dem erstbesten Bordstein ihre weißen Hemdchen ruinieren oder ständig von irgendwelchen Kameras verfolgt werden.
Ein paar der Schwestern, auch das hat die strenge Tante sofort gesehen, passen noch nicht ganz ins Familienbild. Sie haben sich, Allah sei ihnen gnädig, die Nägel rot lackiert, tragen enge Leggins, schrille Designerbrillen, rauchen Zigaretten und präsentieren ihre gesträhnten Löwenmähnen ganz ungeniert. Aber Pierre Vogel ist geduldig. Die Frau im Islam im Allgemeinen und die Frage, ob sie unterdrückt wird und wie sie sich zu kleiden hat, sind ein Dauerbrenner, der auf jeder Familienfeier Thema ist. Und immer gehen die Meinungen auseinander. Soll doch jeder machen, was er will, findet der Rheinländer. Seine Frau trage die Vollverschleierung. Und trotzdem habe er zu Hause nur dann etwas zu sagen, wenn es seiner Frau recht ist, räumt er freimütig ein.
Er wünscht zwar jeder Muslima die Kraft, einen Hidschab zu tragen, also den ganzen Körper zu bedecken. Aber natürlich nur wenn sie es selber will, wie er mit erhobenem Zeigefinger einschränkt. Viele Frauen wollen und zeigen das auch bei der Familienfeier in Hamburg. Stehen da, verhüllt im großen Schwarzen. Eine hat extra ein Plakat fürs Fest gebastelt: "Mein Schleier, mein Wille, mein Recht." Die Kameras der Nachbarn klicken.