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6. Dezember 2008, 10:19 Uhr

Erste Zuflucht

In Brandenburg bietet ein Haus Schutz für werdende Mütter, die nicht mehr weiterwissen. Hunderte Kinder starteten von hier aus ins Leben. Kinder, die sonst womöglich nicht gelebt hätten. Von Frauke Hunfeld

Schwanger, Geburt, Kinderhaus, Abtreibung, Anonym

Jeden Mittag gibt es ein gemeinsames warmes Essen bei Schwester Monika© Anne Schönharting

Sie hatte ihr Auto auf einem Sandweg abgestellt und war das letzte Stück zu Fuß gegangen. In den Fenstern der weit zurückliegenden Einfamilienhäuser leuchteten Adventssterne, und draußen blies ein schneidender Wind. Das Kind hatte sie in ihren Anorak gewickelt. Hundertmal hatte sie sich überlegt, was sie sagen wollte. Wie anfangen? Wie enden? Vielleicht sollte sie auch gar nichts sagen? Wenn überhaupt jemand öffnete. Wahrscheinlich war gerade niemand da. Höchstwahrscheinlich hörte niemand ihr Klingeln.

Dann stand sie da, klingelte, und die Tür ging auf. Sie fragte: "Haben Sie vielleicht einen Kinderwagen? Das Kind ist zwar klein, aber trotzdem zu schwer für mich." Schwester Monika sah sie an. Sie wusste, dass hinter dieser Frau, die erschöpft aussah und verweint, ein weiter Weg lag. Den sie nicht gegangen war, um hier, in diesem entlegenen Haus am Ende einer sandigen Straße in einem kleinen Dorf in Brandenburg, nach einem Kinderwagen zu fragen. Aber irgendwie muss man ja anfangen. Alle machen das so. Manche fragen nach dem Weg zu einem Ort, den es gar nicht gibt, oder nach der Uhrzeit oder nach einem Bäcker, obwohl sie an dreien vorbeigekommen sind. "Kommen Sie doch erst mal rein", sagte Schwester Monika und öffnete die Tür.

"Sofort, immer, anonym"

Das Haus am Ende des Sandweges heißt "Kinderhaus Sonnenblume", und manchen klingt das ein bisschen zu heil, zu sonnig, zu naiv. Den Frauen, die hierherkommen, ist der Name jedoch ziemlich egal. Sie finden die Adresse im Internet, und es sind andere Wörter, an die sie sich klammern: "sofort", "immer", "anonym". Das "Kinderhaus Sonnenblume" ist ein Haus für schwangere oder frisch entbundene Frauen, die nicht wissen, wohin mit sich, wo gebären oder wohin mit dem Kind. Die letzte Zuflucht vor einer heimlichen Geburt auf einem Bahnhofsklo, der letzte Ausweg, bevor das Baby womöglich getötet und weggeworfen wird.

Verzweifelte Frauen, die ein Kind erwarten, von dem niemand wissen darf oder soll, gab es schon immer. Schande brachte so ein Kind, manche Frauen wurden dafür an den Pranger gestellt. Bis 1998 wurde die Tötung eines nichtehelichen Kindes weniger hart bestraft als die eines ehelichen. Aber das ist alles lange her. Heute muss sich doch eigentlich keine Frau mehr schämen, die ein uneheliches Kind bekommt oder sehr jung Mutter wird. So viele Stellen gibt es, wo man sich Hilfe holen kann. So viele Ämter, so viele Heime, so viel Geld für Mütter in Not. Es gibt Soforthilfe und Krisenintervention und Faltblätter zum Mitnehmen. Eigentlich gibt es doch Hilfe für alles und jeden.

Frauen, denen man es nicht zutraut

Und trotzdem schockieren Monat für Monat die Funde getöteter Neugeborener das Land: Aus Blumenkästen und Kellern, Kleiderschränken oder Gefriertruhen werden sie geborgen, und das sind nur die, die zufällig gefunden werden. Viele Kindstötungen, schätzen Experten, werden niemals entdeckt. Mara* hatte ihre Schwangerschaft bis zum sechsten Monat verdrängt. Der Vater des Kindes hatte ihr Gewalt angedroht: Sollte sie schwanger werden, werde er sie vernichten. Aber Mara dachte sich nichts dabei, sie würde schon nicht schwanger. Wer sie sieht, kann kaum verstehen, dass eine solche Frau sich derart einschüchtern lässt: attraktiv, Ende dreißig, hervorragend ausgebildet, gutes Geld, Abteilungsleiterin, die weiß sich doch zu helfen.

In den vergangenen zwei Monaten hatte Mara sich von Freunden zurückgezogen. Mit niemandem hatte sie davor über die Schwangerschaft geredet. Jetzt war es nicht mehr zu übersehen. Zum Glück war Winter und die Pullovermode weit. Einen Plan für das "Danach" hatte sie nicht. Sie ging nicht zum Arzt, weil sie fürchtete, dass die Meldung ihrer Schwangerschaft den Arbeitgeber erreichen würde. Der Kindsvater ist ihr Chef. Manche Nacht saß sie vor dem Computer und hoffte, dass das Internet irgendeine Lösung ausspuckt.

Löcher im sozialen Netz

Kurz vor der Geburt nahm sie ihren Jahresurlaub. Kaufte Windeln und Babynahrung. Im Wohnzimmer ihrer Dienstwohnung brachte sie einen Jungen zur Welt. Sie nabelte ihn mit einem Schnürsenkel ab, den sie vorher steril gekocht hatte, wusch das Kind und legte sich mit ihm schlafen. Zwei Tage verbrachte sie mit dem Neugeborenen in ihrer Wohnung. Spielte mit ihm, schmuste mit ihm, nahm Abschied. Am Abend des dritten Tages setzte sie sich ins Auto und fuhr von Hannover nach Brandenburg. Nie hätte sie gedacht, dass ihr so was mal passiert. Solche Angst. Solche Verzweiflung. Warum sie keine Hilfe in Anspruch genommen hat? Niemand habe sie schützen können, davon ist sie überzeugt. Kein Amt, kein Gesetz, keine Polizei. Und sie erzählt von früher, ein paar wenige Sätze: Der Vater habe die Mutter und die Kinder verprügelt, als sie klein waren. Alle hätten es gesehen. Alle hätten es gewusst, auch das Jugendamt, auch die Lehrer, auch die Polizei. Keiner hätte geholfen.

Das soziale Netz sei so gespannt, dass keiner durchfällt, sagen Politiker. Gerade für Mütter und ihre Kinder werde am meisten getan. Aber offenbar gibt es Frauen wie Mara, die diese Hilfe nicht erreicht. Schwester Monika ist spezialisiert auf diese Menschen. Das war schon vor 18 Jahren so: Die Franziskanerin kam aus Oschersleben in Sachsen-Anhalt nach Berlin und eröffnete im Stadtteil Pankow eine Suppenküche für obdachlose Menschen. Eigentlich gibt es doch Sozialhilfe, und eine Wohnung zahlt das Amt. Trotzdem wurde die Schlange vor den Töpfen jedes Jahr länger. Hier war es auch, wo Schwester Monika mit jungen Schwangeren in Kontakt kam, aus der Obdachlosigkeit, aus der Prostitution, aus der Drogenszene, der Illegalität, Mädchen, die keine Ahnung hatten, wie es weitergehen soll. Manchmal nahm sie Babys für ein paar Stunden oder über Nacht, wenn die Mutter anschaffen ging oder sich nicht kümmern konnte. Einmal erzählte ihr eine junge Mutter, dass sie tagelang mit ihrem Neugeborenen U-Bahn gefahren sei, weil sie nicht gewusst habe, wohin. Dann erfuhr sie von einem Mädchen, das ihr Kind im Sandkasten vergraben hatte.

Keine Fragen, keine Vorwürfe, keine Polizei

1999 eröffnete Schwester Monika mit einem frisch gegründeten Trägerverein das "Kinderhaus Sonnenblume", ein Haus mit sechs Zimmern auf drei Etagen, einem Nebenhaus mit Gästewohnung, weiteren Zimmern, Saal und Fernsehraum, ohne jeden Luxus, aber sauber, warm und sicher. Das Angebot: Wer hierher kommt, kann erst mal bleiben. Öffnungszeit: immer. Es gibt ein Bett und Essen, es gibt Schutz, ärztliche und psychologische Versorgung. Es gibt keine Fragen, keine Vorwürfe, keine Polizei. Wer nicht sagen will, wie er heißt, muss das nicht, wer nicht versichert ist, braucht das nicht zu sein, wer illegal hier ist, wird nicht angezeigt. Wer ein Kind bekommt, und keiner darf es wissen, kann sich hier die letzten Wochen vor der Geburt verstecken, und wer das Kind nicht bei sich behalten will, kann es zur Adoption freigeben oder, zur Not, auch einfach gehen.

Im November 1999, an einem klaren Herbsttag, wurde das erste Mal ein kleines Mädchen abgegeben, das hatte nichts außer dem Einkaufskorb, in dem es lag, und einen Namen auf einem Zettel: "Jessica". Auch Mara wollte eigentlich gleich wieder los. Eine ärztliche Untersuchung bot man ihr an, schließlich hatte sie eine Geburt hinter sich. Das Kind - ob sie vielleicht einen Namen hätte? Vielleicht einen Brief, ein Kuscheltier, eine Haarsträhne, als Erinnerung an seine Mutter, die es sicher nicht leichten Herzens weggeben werde. Und ob sie nicht doch erzählen wolle von ihrer Situation. Da konnte Mara das erste Mal wieder richtig weinen.

Mara ist kein typischer Fall. Weil es keine typischen Fälle gibt, nur ein paar Gemeinsamkeiten. Die meisten Frauen haben die Schwangerschaft lange verdrängt. Und seltsamerweise bemerkt auch das Umfeld oft nichts. Ein Mädchen kam ins Haus, das lebte mit seiner Mutter in einer kleinen Wohnung, schlief sogar mit ihr im Doppelbett. Irgendwann sagte es der Mutter: "Ich gehe auf Klassenfahrt." Sie kam zu Schwester Monika nach Schönow, gebar ein Kind, blieb ein paar Tage zur Erholung und fuhr wieder nach Hause. Die Mutter fragte: "Wie war die Klassenfahrt?

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 49/2008

Die Rechtslage Wer macht sich wie strafbar?
Bei der anonymen Geburt wird der Mutter ermöglicht, ihre Personalien nicht anzugeben. Die Mutter macht sich strafbar, weil sie ihrer Unterhaltspflicht sowie ihrer Pflicht, die Geburt und ihren Personenstand dem Standesamt zu melden, nicht nachkommt. Uneinheitlich wird die Frage bewertet, ob sich die anderen Beteiligten ebenfalls strafbar machen. Anknüpfungspunkt ist die Verpflichtung der Ärzte und Hebammen zur Anzeige der Geburt beim Standesamt. Die einen meinen, es fehle am Vorsatz, weil die Beteiligten hofften, die Mutter werde sich noch zur Mutterschaft bekennen und das Kind in eigene Obhut nehmen. Die anderen sind überzeugt, dass wer anonyme Geburten anbietet, den Rechtsbruch billigend in Kauf nimmt.
www.kinderhaus-sonnenblume.de
Tel.: 03338/75 94 02

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