Sie erträumten sich ein Zuhause und sperrten die Welt aus. Doch ihre Tochter Lea-Sophie machte in der Idylle nicht mit. Nicole G. und Stefan T. gaben die Fünfjährige auf - und ließen sie sterben. Von Bernd Volland

Schweriner haben vor das Haus Kieler Straße 15 Kerzen und Plüschtiere gestellt© Patrick Lux/AP
Am Ende mussten sie doch noch Eindringlinge in ihr Reich lassen. Oben im vierten Stock, Kieler Straße 15, Schwerin, dort, wo auf dem Balkon die Geranien ordentlich in den Blumentopf gebettet sind. Dort, wo gleich zwei Fußabstreifer den Weg zur Wohnungstür weisen und dafür sorgen, dass ja nichts hineingetragen werden kann in die kleine Welt. Mein Heim ist meine Burg.
Es waren der Notarzt und die Sanitäter, die kamen. Als an jenem Dienstag vergangener Woche Stefan T. und Nicole G. mit ihren beiden Hunden und dem Brüderchen Justin in die Wohnung zurückkehrten, hing Lea-Sophie ohnmächtig in ihrem Stühlchen, fünf Jahre alt, 7,4 Kilogramm leicht, dürr, zusammengesackt. Das Gesicht war blau angelaufen, sie war schon so gut wie tot - verhungert und verdurstet. Nicole nahm das Kind in den Arm, Stefan rief den Arzt. Es war das Ende.
Monster seien die Eltern, sagen die Menschen, die Kerzen vor dem Haus abstellen - dabei hatte Nicole, die Mutter, noch am Morgen des Tages Fußabdrücke von ihrem zwei Monate alten Sohn und sich in Gips gedrückt, um sie zu rahmen, als liebevolles Abbild einer heilen Welt. Asoziale Verwahrloste müssten das sein - aber Polizeibeamte sagen, sie hätten noch nie eine solch saubere Wohnung gesehen. Im Frühjahr 2004 ziehen Nicole G. und Stefan T. in den fünfstöckigen Plattenbau. Es gibt tristere Gegenden, das Haus ist frisch renoviert, Grünflächen vor jedem Block, Spielplätze, viel Luft und viel Licht. Die Mitbewohner haben schnell das Gefühl, dass das neue Paar wenig mit dem Rest der Welt zu tun haben will, zumindest nicht mit ihnen; es trägt beim Einzug den Schneematsch hinein und schert sich nicht drum, putzt auch nicht, als es darauf angesprochen wird. Ein Kind hat es nicht dabei, nur zwei Hunde. Irgendwann kommt ein kleines Mädchen nach, aber man sieht es fast nie, und die Rentner, die hier wohnen, haben durchaus Zeit zu beobachten, was im Haus vor sich geht. Manche wissen bis zuletzt nicht, dass es dieses Mädchen gibt. Die Wohnung war eine Festung, in die das Paar niemanden eindringen lassen wollte.

Die Wohnungstür ist von der Polizei versiegelt; die Eule ein letztes Relikt der heilen Welt© Olaf Ballnus
Die beiden lernen sich nicht in einer Disco kennen, sondern auf einem Laubenfest in der Kleingartenkolonie, wo ihre Eltern Nachbarn sind. Nicole, 17, und Stefan, 20, sind keine Partykinder. Sie ein etwas schüchternes, hübsches Mädchen, er drahtig und "umgänglich", wie Nicoles Vater heute sagt. Nicole macht ihren Hauptschulabschluss und beginnt eine Lehre als Bürokauffrau bei der IHK. Stefan, mit mittlerer Reife, macht eine Lehre zum Kfz-Lackierer. Dann, nach ein paar Monaten, wird Nicole schwanger. Und was bei anderen sehr jungen Paaren leicht zu Problemen führt - hier führt es zu einer Katastrophe, deren Ursachen womöglich weit zurückliegen. "Die Elternschaft beginnt sogar schon in der eigenen Kindheit", sagt Prof. Peter Riedesser, Kinderpsychiater am Universitätsklinikum Hamburg- Eppendorf (UKE), "die Beziehungserfahrungen, die ein Mensch selbst als Kind macht, bleiben bewusst oder unbewusst in ihm als Beziehungsmodelle festgeschrieben." Und sie können sich wiederholen, weitergegeben werden, oft über Generationen hinweg.
Stefan T. ist ein Scheidungskind, sechs Jahre alt, als seine Eltern sich trennen. Zum Vater, einem Fernfahrer, hat er wenig Kontakt, die Mutter findet einen neuen Mann, mit dem er sich nicht gut versteht. Das erzählt Stefan T. einmal einem Bekannten. Und auch, dass er mit seinem Stiefvater um die Liebe seiner Mutter kämpfen musste und verloren habe. Das ist seine Geschichte. Aber auch seine Freundin hat ihre Geschichte. Nicole G. ist ein Adoptionskind. Als Baby kam sie zu den Eltern, die sie heute Vater und Mutter nennt. In Wahrheit sind der Bruder und die Schwägerin ihres Adoptivvaters ihre leiblichen Eltern. Ein schwieriges Paar, insgesamt fünf Kinder, eines Tages wird der Vater, schwer traumatisiert von seiner Haft im Stasi-Gefängnis, ertrunken in einem See gefunden, Todesursache ungeklärt. Nicole erfährt erst als Jugendliche, dass der schwierige Onkel und diese Tante, die nach dem Tod des Mannes auch ihre restlichen Kinder zur Adoption freigibt, ihre leiblichen Eltern sind.
"Traumatisierte Kinder haben oft einen besonders großen Wunsch, eine heile Familie zu gründen. Kommt es dann zu einer Schwangerschaft", erklärt Riedesser, "entwickeln sie oft eine Menge von inneren Bildern, Fantasien, wie ein Kind in ihrer heilen Familie sein sollte. Ein Fantasiekind." 18 Jahre ist Nicole G. alt, als Lea-Sophie zur Welt kommt. Nicole G. bricht ihre Lehre ab, will sie auch nicht mehr aufnehmen. Anfangs lebt sie mit Lea-Sophie bei ihren Eltern. Stefan T. ist nicht bei Freundin und Baby, er leistet seinen Wehrdienst, will sich für vier Jahre verpflichten, Unteroffizier werden. Er wird als ein Mensch beschrieben, der Wert auf Zucht und Ordnung legt, keiner, der rumkaspert, vielleicht ist er beim Bund gut aufgehoben.
Lea-Sophie ist ein Frühchen, geboren nach sieben Monaten Schwangerschaft, sie ist klein und schwächlich, sie ist unruhig und will nicht so recht essen. Die Mutter fühlt sich überfordert, die Großmutter kümmert sich. Doch das Bemuttern vonseiten der Familie sei nervtötend gewesen, sagt Stefan T. rückblickend. Seine Armeekarriere endet, noch ehe sie beginnt. Als Panzergrenadier ist er zu weit von zu Hause stationiert, kann nicht täglich pendeln. Die Familie aber braucht ihn, so schildert er es heute. Er kehrt nach Schwerin zurück. Das Paar sucht sich schließlich eine Wohnung. Das neue Heim soll ein Paradies werden, die Großeltern richten das Kinderzimmer ein, sie unterstützen das Paar. Ein rosa Bettchen für Lea-Sophie, Gardinen mit Walt-Disney- Cinderellas, Kuscheltierarmeen. Hier soll für Stefan und Nicole das Leben auf eigenen Beinen beginnen, die eigene Familie, die nicht mehr die Familie ihrer Eltern ist.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 49/2007