Auf Wiedersehen, meine liebe FTD

7. Dezember 2012, 07:33 Uhr

Ich war drei Jahre lang bei der Financial Times Deutschland. Heute ist sie zum letzten Mal erschienen. Ein persönlicher Abschied in tiefer Trauer. Von Thomas Schmoll

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Endlich schwarz: die letzte Ausgabe der FTD mit einer doppeldeutigen Schlagzeile©

Wutsch! Going! Onk! Klatsch! Plong! Denke ich an meine erste Begegnung mit FTD-Chefredakteur Steffen Klusmann, denke ich an einen Comic-Helden. Das war ein Bewerbungsgespräch Anfang 2009. Ich wartete. Und wartete. Und wartete. Natürlich trug ich Anzug und Krawatte. Es ging schließlich um einen Job bei der seriösen Financial Times Deutschland. Dann kam er endlich, ein schmächtiger Typ, in Jeans und Pulli, unrasiert, mit etwa Tempo 300 und war so präsent, dass ich noch immer beeindruckt bin, wenn ich daran denke. Ich wusste sofort, warum über Steffen gesagt wird: Der gibt dir bekannt, dass ein Milliardenverlust aufgelaufen ist, und du gehst trotzdem im Gefühl heim, im gewinnbringendsten Unternehmen der Welt zu arbeiten.

"Aber ich kann nicht erklären, wie ein Hedge-Fonds funktioniert", sagte ich. Steffen antwortete: "Ich auch nicht." Diese Ehrlichkeit fand ich erstaunlich und sympathisch. Steffen nahm mir mit einem einzigen Satz die Angst, FTD nicht zu können. Das Gespräch war sehr kurz. Noch im Hinauslaufen rief er, so dass ich es hören konnte, rüber zu Isa Arnold, der geschäftsführenden Redakteurin: "Guter Mann, meine Zustimmung hat er. Zahl ihm ordentlich was." Während ich noch überlegte, wie dieser Kerl in einem 30-Sekunden-Gespräch herausgefunden haben will, dass ich ein guter Mann sein soll, trat Isa auf die Geldbremse: "Sie kommen doch von Springer, oder? Springer-Gehälter zahlen wir hier nicht." Das stimmte (leider). Aber es war mir auch wurst. Obwohl ich damals noch ein zweites Angebot vorliegen hatte, entschied ich mich spontan für die FTD. Atmosphäre und Klima stimmten. Es war - Achtung Pathos - Liebe auf den ersten Blick. Es passte ganz einfach.

Mobbingfreie Zone

Als ich am 20. April 2009 meinen Job bei der FTD antrat, sagte ich in der Redaktionskonferenz: "Ich hatte zwei Angebote und habe mich für die FTD entschieden, weil - Geld ist nicht alles." Tosendes Gelächter. Nach der Konfi kam Sven Clausen, Vize-Chefredakteur der FTD, zu mir und bat mich, sofort zu ihm zu kommen, wenn ich das Gefühl hätte, dass die Stimmung ins Negative kippe. Sven meinte das ernst. Die FTD war eine absolut mobbing- und arschlochfreie Zone. Und jeder half mit, dass es so blieb. Dort herrschte das Gesetz der Musketiere: Alle für einen, einer für alle. Der freundliche Umgang miteinander, der gegenseitige Respekt und die immer währende Hilfsbereitschaft machten den Spirit der FTD aus. Der Teamgeist und die nie endende gute Stimmung, egal wie die Lage war, waren die beste und wohl auch einzige Waffe gegen das Damoklesschwert, das immer über der FTD schwebte und nun auf sie fiel.

Alles andere als Hofberichterstattung

So kam es, wie es kommen musste. Gruner + Jahr, der Verlag, in dem der Stern erscheint, sah keine Perspektive mehr für die Financial Times Deutschland. An diesem Freitag ist sie zum letzten Mal erschienen. Mit ihr verschwindet ein Stück herausragender Qualitätsjournalismus. Sie war ein starkes Blatt voller schöner Geschichten und Rubriken, überaus kritisch, auch selbstkritisch, oft mit lustigen Einfällen und schönem Layout. Die Macher der Zeitung waren unbestechlich. Sie hätten sich nie erpressen lassen von einem Unternehmen, das bei unangenehmer Berichterstattung mit einem Werbestopp drohte oder für Lobhudelei Anzeigen versprach. Lieber riskierte die FTD - ganz im Sinne von Stern-Gründer Henri Nannen - Einnahmeverluste. Absichtlichen Verzicht auf Kritik, um ein Interview oder eine heiße Information zu bekommen, hätte es nie und nimmer gegeben. Eher das Gegenteil war der Fall - und das war auch eine der wenigen Schwächen der FTD. Sie fand garantiert das Haar in der Suppe. Wenn ein Konzern eine brillante Bilanz vorlegte, brachte die Financial Times Deutschland: "XY verliert Marktanteile in Andorra". Aber lieber so als Hofberichterstattung. Und davon war die FTD so weit entfernt wie Lothar Matthäus von einem Engagement als brasilianischer Nationaltrainer.

Sie wird mir verdammt fehlen, die FTD. Noch trauriger ist der Gedanke, dass ich alle FTD-Kollegen, diese wunderbar freundlichen und fachlich exzellenten Leute, im nächsten Jahr nicht mehr in der Kantine bei Gruner + Jahr treffen werde, wenn ihre Arbeitsverträge ausgelaufen sind. Ich, einer der Glücklichen, die das sinkende Schiff rechtzeitig verlassen haben und der beim Stern ein neues berufliches Zuhause gefunden hat, werde alle vermissen. Es tut mir weh ums Herz, dass es so gekommen ist. Ich wünsche euch alles Gute und dass ihr ganz schnell wieder einen Job findet. Ihr habt es nämlich verdient. Alle!

P.S. Mein ausdrücklicher Dank gilt Joachim Dreykluft, seinerzeit ftd.de-Nachrichtenchef, von dem ich jede Menge gelernt habe.

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