Heikle Mission im Land der Opfer

11. Mai 2009, 11:20 Uhr

Die Nahost-Reise von Papst Benedikt XVI. ist ein Spießrutenlauf: Zunächst versuchte er in Jordanien, die Wut der Muslime über seine Politik zu besänftigen. Nun ist er in Israel eingetroffen, wo er die Wiederaufnahme des Holocaustleugners Williamson rechtfertigen muss. Dabei besteht eine tiefe theologische Kluft zwischen Juden und Christen. Von Frank Ochmann

Papst, Benedikt XVI., Israel, Juden

Der Papst im Nahen Osten: Vor allem in Israel begegnet Benedikt XVI. schwer wiegenden Vorbehalten©

Benedikt XVI. ist der dritte Papst, der nach Israel kommt. Aber erst der zweite seit der Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen zwischen Vatikanstadt und Jerusalem im Mai 1994. Allein dieses Datum - fast ein halbes Jahrhundert nach Staatsgründung Israels - zeigt das komplizierte Verhältnis zwischen katholischer Kirche und jüdischem Staat. Einer der Gründe ist offensichtlich: Fast alle Christen dieser Region sind zumindest von ihrer Abstammung her Araber oder Palästinenser. Und das erfordert Rücksichten, wie viele im Vatikan glauben.

So war Paul VI. zwar schon 1964 zu einem Kurzbesuch in Israel, verweigerte aber eine diplomatische Anerkennung. Das änderte erst Johannes Paul II., der einige Jahre später, im März 2000, Israel einen ersten offiziellen Besuch abstattete. Diese Reise hinterließ vor allem einen tiefen menschlichen Eindruck. So baute der von Krankheit gezeichnete Johannes Paul II. Brücken auch da, wo Theologie und Diplomatie es nicht vermochten. Daran wird sein Nachfolger zweifellos gemessen, wenn nun auch er nach Israel kommt.

Die Reise eines Papstes ins "Heilige Land", in das die Wurzeln des Christentums reichen, ist schon allein wegen dieses Ursprungs nie Routine und immer mit tiefen Gefühlen verbunden. So bewegend ein Pilgerbesuch auf den Spuren Jesu und der kirchlichen Anfänge für das Oberhaupt der Katholiken und die kleine Schar seiner Anhänger in dieser Region sein muss, so beunruhigend, ja sogar bedrohlich kann eine solche Visite für die werden, die mit übergroßer Mehrheit am östlichen Ufer des Mittelmeeres und in den angrenzenden Gebieten leben. Denn mit dem Papst kommt unvermeidlich eine 2000-jährige und über lange Perioden unheilvolle, ja blutige Geschichte.

War die Begegnung mit Vertretern des Islam in den ersten Tagen der "Pastoralvisite" Benedikts schon alles andere als leicht, so beginnt mit dem Eintreffen in Israel ein noch deutlich heiklerer Teil. Dass das Christentum aus dem heutigen israelisch-palästinensischen Raum stammt und samt seiner Gründungsgestalt aus dem Judentum hervorgegangen ist, schafft einerseits eine ganz besondere Verbundenheit. Doch die christliche Kirche gründete sich, indem sie sich vom Judentum absetzte, nicht indem sie es umarmte. Der Streit um die Bedeutung des jüdischen Erbes begann noch zu Lebzeiten Jesu und setzte sich nach dessen Tod noch heftiger fort.

Spätestens nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer 70 nach Christi wurde die Abspaltung vollständig vollzogen. Darüber können auch freundliche Formeln wie die heute gern verwendete von den "älteren Brüdern" nicht hinweghelfen. An die Stelle einstigen Nebeneinanders trat schon früh ein Gegenüber, das sich bis zur offenen Feindschaft entwickelte. Und es lag nicht nur an unglücklichen Umständen, dass es so kam. Ein antijüdischer Impuls ist geradezu zwangsläufig im christlichen Glauben enthalten. Denn wer Jesus Christus für den Messias und menschgewordenen Gott und Erlöser hält, wie es die Kirchen naturgemäß tun, kann nicht zugleich mit den Juden auf einen ganz anderen Messias warten. Das ist keine Frage des Glaubens, sondern eine der Logik.

Begegnung nie frei von Reibung und Schmerzen

Schon darum kann eine Begegnung von Juden und Christen niemals frei von Reibung und Schmerzen sein. Zwar mühen sich viele christliche Theologen und auch Amtsträger, ein gleichberechtigtes Nebeneinander von Synagoge und Kirche zu propagieren. Doch enthalten alle amtlichen Bibelausgaben auch heute Sätze wie den aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Thessalonicher, in dem er über die Juden sagt: "Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen." Sicher lassen sich auch freundlichere Zitate in der Bibel finden, trotzdem gehören solche vernichtenden Urteile weiter zur "Heiligen Schrift" der Christen.

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