. .
Panorama-Nachrichten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
27. Januar 2012, 14:10 Uhr

Der skandalöse Tod von Chantal

Haben Hamburger Behörden ein Mädchen auf dem Gewissen? Das Jugendamt vermittelt eine Elfjährige an drogenabhängige Pflegeeltern, dann stirbt das Kind an einer Methadonvergiftung. Von Mareike Rehberg

Chantal, Methadon, Hamburg, tot, Drogen, Überdosis, Pflegeeltern, Mädchen, Wilhelmsburg

Die Mitschüler der elfjährigen Chantal aus Hamburg trauern um das Mädchen, das an einer Überdosis Methadon starb© Markus Scholz/DPA

Vieles ist im kurzen Leben der elfjährigen Chantal schief gelaufen: Ihre Mutter, eine schwere Alkoholikerin, stirbt 2010 am Suff, ihr leiblicher Vater ist drogenabhängig. Die Pflegefamilie im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg, in die das Mädchen 2008 kommt, soll ihm Geborgenheit, einen gefestigten Alltag und eine frohe Zukunft bieten. Doch diese Zukunft währt nicht lange. Am 16. Januar wird Chantal leblos in ihrem Bett gefunden. Eine Obduktion ergibt später, dass die Fünftklässlerin an einer Methadonvergiftung starb.

Eine Überdosis Methadon, wie kann das sein? Ist das nicht die Ersatzdroge, mit der Heroinabhängige ihre Entzugserscheinungen in den Griff bekommen sollen? Tagelang rätseln die Ermittler, wann und wo das Mädchen an das gefährliche Medikament gelangt sein könnte, und haben zunächst den leiblichen Vater in Verdacht, mit dem die Tochter regelmäßigen Kontakt pflegt. Doch er nimmt zwar Ersatzdrogen, aber kein Methadon.

Erst neun Tage nach Chantals Tod kommt bei der zweiten Hausdurchsuchung in der Wohnung der Pflegefamilie ans Licht, was vorher unmöglich schien: Die Pflegeeltern sind heroinabhängig und nehmen seit Jahren an einem Methadonprogramm teil. In der Garage von Wolfgang und Sylvia A. finden die Beamten 31 Tabletten "Methaddict", im Spind am Arbeitsplatz des 51-jährigen Lageristen befindet sich eine weitere Pille. Außerdem beschlagnahmen die Ermittler in der Garage weitere Medikamente und Plastikflaschen, deren flüssiger Inhalt erst noch untersucht werden muss. Noch am Vortag hatte die 47-jährige Pflegemutter gegenüber der "Hamburger Morgenpost" ("Mopo") beteuert, weder Alkohol noch Heroin oder Methadon im Haus zu haben.

Wieso werden Drogensüchtige Pflegeeltern?

Die Frage, die nun im Raum steht: Wie konnte das Jugendamt ehemalige Junkies als Pflegeltern für ein Kind aussuchen? Jede Pflegefamilie muss, glaubt man einer Broschüre, die die Stadt Hamburg zum Thema herausgegeben hat, ein polizeiliches Führungszeugnis und eine Gesundheitserklärung vorlegen. Sozialarbeiter stellen bei Hausbesuchen fest, "ob die häusliche Umgebung zur Aufnahme eines Kindes geeignet ist". Zusätzlich müssen die zukünftigen Pflegeeltern an einem 30-stündigen Vorbereitungsseminar teilnehmen, das mit einem Zertifikat abgeschlossen wird. Ist das Kind erst einmal untergebracht, muss das Jugendamt alle acht Wochen einen Kontrollbesuch abstatten.

Wenn das Jugendamt alle diese Voraussetzungen gewissenhaft geprüft hat, wie konnte ihm dann der Methadonkonsum des Ehepaares verborgen bleiben? Wie konnte Wolfgang A. verschleiern, dass er von 1996 bis 1998 wegen Drogenhandels und eines Raubs im Gefängnis saß? Und nicht zuletzt: Warum befindet man eine Familie als geeignet, die ohnehin nicht über die besten räumlichen und finanziellen Voraussetzungen zur Erziehung eines fremden Kindes verfügt?

Im Haushalt von Familie A. lebten bereits zwei leibliche, zehn und 16 Jahre alte Kinder. Außerdem nahm das Ehepaar auch sein achtjähriges Enkelkind in Pflege, weil die älteste Tochter wegen Drogenproblemen das Sorgerecht verlor. Die Vier-Zimmer-Wohnung der sechsköpfigen Familie im als sozialen Brennpunkt bekannten Wilhelmsburg sei verwahrlost gewesen, berichtet die Staatsanwaltschaft. Alle drei Kinder werden nun vorläufig in einem Kinderhaus betreut.

Eine Behörde unter Druck

Im zuständigen Bezirksamt gibt man sich bedeckt und verweist auf laufende Ermittlungen. Natürlich frage man sich auch, wieso das Jugendamt sich ausgerechnet für diese Familie entschieden habe, sagt ein Sprecher zu stern.de. Bezirkschef Markus Schreiber (SPD) gestand am Donnerstag gegenüber dem NDR erstmals Fehler ein und kündigte eine "lückenlose Aufklärung" an. Äußern werde man sich aber erst Anfang kommender Woche, wenn erste Erkenntnisse vorlägen.

Bis es so weit ist, haben die Ermittler noch viel zu tun. Sie müssen noch immer klären, wie Chantal an das Methadon kam, ob sie es tatsächlich in Tabletten- oder doch in Tropfenform nahm, und was es mit den übrigen Flüssigkeiten aus der Garage auf sich hat. Bisher sind Wolfgang und Sylvia A., gegen die wegen fahrlässiger Tötung ermittelt wird, noch auf freiem Fuß. Auf die zuständigen Behörden, so viel ist in jedem Fall sicher, wirft der Fall kein gutes Licht.

mit Agenturen
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Drogenfund bei den Pflegeeltern 11-jährige Chantal stirbt an Methadon

Die elfjährige Chantal stirbt an der Heroin-Ersatzdroge Methadon. Jetzt kommt heraus: Ihre Pflegeeltern sind drogensüchtig und seit Jahren in einem Methadon-Programm. Warum durften sie das Kind dennoch bei sich aufnehmen? mehr...

Pflegeeltern Die Wegbegleiter

Wir haben unsere Leser gefragt, welche Themen zu kurz kommen. Ein Wunsch: Schreibt über Pflegeeltern! Sie ringen um Anerkennung, werden aber dringend gebraucht. Folge 5 der Sommerloch-Serie. mehr...

Versunken im Suff Wenn Mami trinkt

In Deutschland gibt es rund 1,3 Millionen Alkoholkranke - darunter auch viele Mütter. Die 32-jährige Mandy Quast war 15 Jahre lang eine von ihnen. Dann stellte ihr das Jugendamt ein Ultimatum. mehr...

Verhungerte Lea Jugendamt gibt Fehler zu

Nach dem Hungertod der zweijährigen Lea hat das zuständige Jugendamt Fehler eingeräumt. "Es hätte ein Hausbesuch stattfinden müssen", sagte Leiter Albert Müller, man habe den Fall wohl "aus den Augen verloren." mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe