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23. März 2008, 13:45 Uhr

Beim Wasserlassen ertrunken

Nur einmal kurz die Blase entleeren - und weg waren sie: Jedes Jahr sterben beim Segeln bis zu zwölf Deutsche, weil sie beim Austreten über Bord gegangen sind. Eine offene Hose bei einer Wasserleiche ist oft das erste Indiz, dass ein Segler zu faul war, die Bordtoilette zu benutzen.

Models posieren auf einer Segelyacht für einen Werbespot eines Wäscheherstellers. Die Schönen sind nicht in Gefahr - Männer an Bord schon sehr viel mehr© Maurizio Gambarini/DPA

Er wollte nur mal kurz nach hinten. Dann war er weg. Beim "Pinkeln" über Bord in die Ostsee gefallen. Wenig später wird der Segler am Strand angespült, der offene Hosenschlitz macht Spekulationen über die Todesursache überflüssig. "Es kommt immer wieder vor, dass männliche Leichen mit heruntergelassener Hose oder offenem Schlitz an den Küsten gefunden werden", sagt Ingo Ohrt von der Wasserschutzpolizei in Kiel. Zusammen mit den Zeugenaussagen der Kollegen an Bord, die ihren Kameraden als vermisst gemeldet haben, vervollständigt sich dann schnell das Bild. Ohrt hat bisher drei solcher Fälle erlebt, die Dunkelziffer ist unbekannt. "Nicht jeder beim Pinkeln gestorbene Segler wird aufgefunden."

Jedes Jahr sterben durchschnittlich zwischen sechs und zwölf Menschen bei Seeunfällen mit Booten - einige von ihnen immer wieder durch leichtsinniges Erleichtern an Deck. "Die Leute dürften nicht über Bord fallen, da sie eigentlich gesichert gehören", sagt Jürgen Feyerabend, Leiter der Kreuzer-Abteilung beim DSV. "Wir appellieren an die Segler, dass über Bord fallen tödlich ist." Dies gilt gerade zu Beginn der Segelsaison, wenn die Küstengewässer sehr kalt sind. Eine Studie des Mediziners Frank Praetorius kommt zu dem Schluss, dass kaltes Wasser die Wärme 25 Mal schneller aus dem Körper zieht, als Luft derselben Temperatur. Zudem kann durch den überraschenden Sturz in eiskaltes Wasser bei den Seglern schnell eine tödliche Atemlähmung eintreten.

Die Fälle gehen zurück

"Es gibt hier komplexe Kausalketten", sagt Feyerabend. Er verweist darauf, dass Segeln aber ein ungefährlicher Sport sei. So würden jährlich hunderte Deutsche beim Baden ertrinken. "Auch Bergwandern oder Skifahren fordert weit mehr Tote." Man sei sich aber des Problems bewusst, dass fast jährlich "einige Segler nach Überbordfallen umkommen". Wie viele Männer dieser banale wie tragische Tod ereilt, wird statistisch nicht festgehalten. Nach Angaben der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) starben bei Seeunfällen mit Sportbooten im Jahr 2003 sechs Menschen, dreizehn 2004, acht 2005 und zwei im Jahr 2006.

"Wenn eine Wasserleiche angespült wird, schaut man oft erstmal, ob der Hosenschlitz auf ist", sagt Jürgen Albers von der BSU in Hamburg. Die Zahl dieser Todesfälle sei aber zurückgegangen. "Es gibt hier mittlerweile eine andere Kultur", hat Albers beobachtet, der auch selbst passionierter Segler ist. Der Grund sind seiner Meinung nach die Frauen - gerade wenn sie mit an Bord sind. Der Mann hätte gelernt und würde mehr auf Manieren achten. "Früher wurden auch Flaschen über Bord geworfen, heute sammelt man sie und nimmt sie mit an Land."

"Eine Hand fürs Schiff und eine Hand für sich"

Zudem würde die Architektur der Boote so manchem Skipper den Toilettengang an Oberdeck von vornherein vergrätzen. "Früher konnte man sich am Aufbau gut festhalten, heute gibt es in der Regel ein flaches Deck, da gibt es gar keine Möglichkeit." Und wen das nicht stört, der hat - wenn er Pech hat - das ganze Schiff versaut. Einsatzleiter Ingo Ohrt von der Wasserschutzpolizei rät bei den älteren Schiffsmodellen dazu, folgende goldene Regel zu beachten: "Eine Hand fürs Schiff und eine Hand für sich." Bei diesem Thema, über das in der Segler-Szene nicht gern gesprochen wird, sei immer wieder Leichtsinnigkeit festzustellen.

Häufig wird der Toilettengang am Achterdeck aus Bequemlichkeit dem engen Schiffsklo vorgezogen. Wenn dann das Boot im Sturm über die Wellen tanzt, kann auch der erfahrenste Skipper plötzlich den Halt verlieren. Vor Beginn der Seglersaison startet die Wasserschutzpolizei nun die Initiative "Skippers Sicherheitstipps". Der beste Schutz gegen einen Tod nach dem Toilettengang an der frischen Luft sei die Sicherung mit einer Leine, sagt Ohrt. Und das Tragen von Rettungswesten, damit der plötzliche Sturz ins Wasser nicht gleich tödlich enden muss.

Georg Ismar/DPA
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
Nostradamus (24.03.2008, 21:22 Uhr)
Achterdeck der falsche Ort...
Beim Segelboot ist der Bereich der Wanten auf Lee gut geeignet um sicher ins Wasser zu pinkeln.

Man kann sich prima zwischen die Wanten legen und ins Wasser schiffen. Wo ist das Problem?
Meist sind es Alkohol und das Vergessen einer wichtigen Grundregel auf dem Wasser: Eine Hand gehört dem Boot und die andere dem Mann. Will heißen: Festhalten und einen guten Stand haben, dann klappt es auch mit dem Wasser lassen.
In jedem Fall ist es so, dass sich Neptun alles von Bord holt, was nicht ordentlich gesichert ist.
Katastrophenjunkie (24.03.2008, 12:58 Uhr)
nach dem Apell gegen die Leichtsinnigkeit...
...hätte der Schreiber dieses Artikels noch etwas mehr Nachdruck auf die - in diesem Fall - segensreiche Gehorsamkeit gegenüber den an Bord befindlichen Frauen legen sollen....
Tststs, so ein Leichtsinn ;-)
bob-der-meister (24.03.2008, 10:22 Uhr)
pops
Danke, auch frohe Ostern. Coole Seite. Besonders der mit dem selbstgenähten Fallschirm und der Handgranate tut mir leid. So viel Blödheit- da fehlt mir dann wirklich jedes Mitleid.
Die urinierenden Segler kann ich ja wenigstens noch verstehen. Aber vielleicht hilft ja der etwas sarkastische Artikel (super geschrieben, stern!), weitere Todesfälle dieser tragischen Art zu vermeiden!
pops (23.03.2008, 22:05 Uhr)
Lieber bob-d.b., lieber joe:
http://www.darwinawards.com/deutsch/. Unbedingt ansehen... Schöne Ostern noch: Pops
Sublucem (23.03.2008, 17:25 Uhr)
Tragikomisch
Im Grunde ist es weder zum Weinen, noch zum Lachen - oder eben doch beides zugleich ;)
Unnötig ist überdies jeder Tod und mit einem gewissen Grad an schrägem Humor kann man daher so ziemlich jedem Ableben eine gewisse lustige Note abgewinnen. Man muss zwar nicht mitlächeln, aber das Leben ist ohnehin traurig genug und daher sollte es jedem selbst überlassen sein wie er die Dinge sieht ;)
bob-der-meister (23.03.2008, 17:23 Uhr)
Joe
Sorry, aber es gibt nun mal ziemlich seltsame und unnötige Arten, aus dem Leben zu scheiden.
Warum soll man nicht unverkrampft mit dem Thema umgehen? Hier geht es ja nicht um den einzelnen- sicher tragischen- Todesfall, über den sich zu scherzen verbietet, sondern allein um die grotesken Umstände.
Vermutlich habe ich Sie damit zwar nicht überzeugt. Aber mit dem Dilemma muss man nunmal leben. Humor und Satire bewegen sich nunmal gern in Grenzbereichen.
Aber das Foto, das ist doch herzerwärmend, oder? Es passt so herrlich überhaupt nicht zum Artikel!
Mit Sicherheit bricht es für sich genommen auch schon wieder eine Menge Tabus. Ich höre schon Alice Schwartzer aufschreien!
JoeausderHeide (23.03.2008, 16:14 Uhr)
Bob
Was daran "koestlich" oder "herzerwaermend" sein soll, entzieht sich meiner Kenntnis. Fasching ist vorbei und lustig ist an der Problematik ueberhaupt nichts. Oder was soll bitte lustig daran sein, dass jedes Jahr Menschen auf diese unnoetige Weise zu Tode kommen?
Auch dem Autor des Artikels sollte man diese Frage mal stellen, da der Schreibstil teilweise ins komoedienhafte, satirische abdriftet.
bob-der-meister (23.03.2008, 16:02 Uhr)
Köstlich!
Vielen Dank für diesen gelungenen Beitrag, der mir das Herz erwärmt hat.
Was übrigens ebenfalls gern unterschätzt wird ist, dass statistisch gesehen jährlich mehr Menschen von herabfallenden Kokosnüssen erschlagen als von Haien getötet werden.
5 Sterne für den Beitrag!
 
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