Mit Möwen also. Man hatte sich ja gefragt, wie das alles wohl enden würde, diese kollektive Psychose um einen gestrandeten Buckelwal, den manche „Timmy“ nannten und andere „Hope“; weil sie hofften, er möge es schaffen, oder weil sie glaubten, er symbolisiere die Hoffnung auf ein besseres … – ja, auf ein besseres was, eigentlich? Egal, die Antwort jedenfalls, die kennen wir nun: Die Geschichte des gestrandeten Buckelwals endet mit Möwen, die sich über seinen verwesenden Kadaver hermachen.
Ach, Timmy.
All das hätte vermutlich auch so geendet, wenn die Nachrichtenredaktionen keine Liveblogs gefüllt, Menschen nicht für den Wal gebetet und zwielichtige Selbstdarsteller mit zu viel Geld oder Langeweile von einer privaten „Rettungsaktion“ abgesehen hätten. Der Wal war krank, geschwächt und desorientiert, seine Haut war in einem miserablen Zustand, und er hatte offenbar ein Fischernetz verspeist. Die Überlebenschancen waren von Anfang an gering. Doch der „Krimi um Timmy“ bewegte die Volksseele, Menschen bangten, Leitartikler deuteten, Psychologen erklärten.
Jedes Jahr stranden weltweit Tausende Meeressäuger, was nicht schön ist, aber bislang auch kein Grund für Tausende Nervenzusammenbrüche war. Aber bei dem Buckelwal, der erstmals am 23. März vor Timmendorfer Strand aufsetzte, der dann eine Odyssee hinlegte, sich von Sandbank zu Sandbank schleppte, bei Timmy, dem Tollpatsch, da war das anders. Menschen glaubten, mit dem Wal kommunizieren zu können, die meisten waren esoterische Boomer auf Facebook, einer war Minister einer Landesregierung. Und der Wal hatte ihnen gesagt, dass er leben wolle, leben werde!
Was waren da schon die Mahnungen all jener wert, die sich in ihrem Leben schon länger als drei Wochen mit Meeressäugern auseinandergesetzt hatten? Die Warnungen der Experten, dass eine „Rettungsaktion“ mit erheblichen Risiken verbunden sei, dass sich die Situation des Wals verschlimmern könne und er am Ende womöglich einfach ertrinken werde, verhallten allesamt.
Als der Wal sich einmal mehr in Bewegung gesetzt hatte, wurde er von dröhnenden Motorbooten umkreist, um ihm den Weg zu weisen. Es war unnötiger Stress für das Tier. Am Ende „duldete“ die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern, dass „Timmy“ bei einer privaten „Rettungsaktion“ einen Tracker an die Rückenflosse geschraubt bekam und womöglich sogar versucht wurde, das Tier mit einem Seil aus dem Transportschiff zu ziehen.
Diese quälenden Wochen sind vorbei, der Meeressäuger ist tot, und das ist eine gute Nachricht. Für den Wal. Dass wir ihm wochenlang bei seinem Todeskampf zuschauten, dass wir nun ansehen können, wie sich Aasfresser an ihm laben, weiß das Tier nicht. Ein unwürdiges Schauspiel ist es trotzdem.
Es ging nie um „Timmy“
Der Mensch hat den Wunsch, in Würde und Autonomie zu sterben, ohne Leid und Schmerzen. Ein Tier hat keine Vorstellung vom perfekten Lebensende, es weiß nicht einmal von seiner Endlichkeit. „Die Welt des Tieres ist begriffslos“, schrieben die Frankfurter Sozialphilosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. „Das Tier hört auf den Namen und hat kein Selbst, es ist in sich eingeschlossen und doch preisgegeben.“
Die Menschen aber, zumal jene, die einen solchen Popanz um ihre Tierliebe machen, hätten sich ihrer Vernunft bedienen können. Sie hätten den Buckelwal in Ruhe sterben lassen können – wenn es ihnen denn um ihn gegangen wäre.