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Ein schmutziges Spiel geht zu Ende

Der meistdiskutierte Prozess des Jahres geht in die Schlussrunde. Warum die Frau auf der Anklagebank jedoch selbst dann gewinnt, wenn sie verurteilt wird.

Gina-Lisa Lohfink: Die letzten Prozesstage stehen bevor

Die letzten Prozesstage stehen bevor: Gina-Lisa Lohfink

Kurz vor dem Urteil im Fall - heute ist eher der vorletzte als der letzte Verhandlungstag – werfen die Akteure noch einmal die Windmaschine an. "Neuer Zeuge aufgetaucht", heißt es da etwa in Berichten. Dieser "neue" Zeuge ist jedoch niemand anderer als jener Mann, der sich jahrelang der Justiz entzogen hat und untertauchte. Jener Mann, der bereits zum ersten und zweiten Verhandlungstermin erscheinen sollte. Ein Mann, über den ich mehr weiß als ich schreiben darf, und von dem niemand, der diesen Fall ordentlich recherchiert hat, ernsthaft einen wertvollen Beitrag zur Wahrheitsfindung erwartet.

Die Nachricht, dass die beiden , die von Gina-Lisa Lohfink der Vergewaltigung beschuldigt worden waren, nun ihrerseits Anzeige wegen übler Nachrede gestellt haben, wird serviert, als habe dieser Umstand irgendeinen Wert. Tatsächlich kann jeder Idiot Anzeige wegen irgendetwas erstatten. So haben etwa 2015 gleich 400 Personen die deutsche Bundeskanzlerin Merkel wegen Hochverrats angezeigt. Eine Anzeige bedeutet vorerst nicht viel. Jene gegen Lohfink ist bloß schlagzeilenträchtige Munition im Medienkrieg, den die Anwälte der Beteiligten gegeneinander angezettelt haben. Nur, dass in diesem Fall mit Platzpatronen geschossen wird.

Aber genug solcher Details, über die ich mich stundenlang aufregen könnte. Denn wegen solcher Detaildiskussionen, wegen unnötiger Faustkämpfe an den Nebenschauplätzen dieses Falls ist offenbar selbst dem Gericht verloren gegangen, worum es in diesem Verfahren eigentlich geht. Nämlich nicht um die Frage, ob Lohfink vergewaltigt wurde. Diese Frage wurde vom Gericht bereits beantwortet: Nein. Lohfinks Anzeige gegen die zwei Männer wurde abgewiesen. Man mag darüber anders denken – besonders vor dem Hintergrund des neuen Sexualstrafrechts. Aber man muss die Entscheidung des Gerichts zur Kenntnis nehmen. Worum es in diesem Verfahren vielmehr geht, ist die Frage, ob Lohfink ihre Anzeige wider besseres Wissen erstattet und damit die beiden Männer fälschlich der beschuldigt hat. Man beachte den Unterschied.


Nicht immer siegt die Wahrheit

An dieser Stelle ein kurzer Exkurs. Einer der wichtigsten Einflüsse in meiner Arbeit ist der verstorbene österreichische Aufdeckerjournalist Alfred Worm. Als ich einmal von einem wütenden Interviewpartner mit einer Anzeige bedroht wurde, setzte er sich zu mir und erzählte, dass er selbst schon mehrfach dafür verurteilt worden war, schlicht Fakten enthüllt zu haben. "Erst mit drei Verurteilungen bist du ein echter Reporter", erklärte er mir lächelnd. Was er damit sagen wollte, war dies: Nicht immer siegt die Wahrheit. Nicht immer zählen vor Gericht oder vor der Öffentlichkeit die Fakten. Viel zu oft ist selbst Justitia Akteurin in einem Spiel, und der Reporter mitunter auch mal der Ball. "Der einzige, dem du in die Augen schauen können musst, ist dein Spiegelbild", sagte Alfred Worm ungefähr, den genauen Wortlaut weiß ich leider nicht mehr. Es war ein langes Gespräch, das mir Mut machte. Mut dazu, mich nicht blenden zu lassen von Fassaden, vom Theaterdonner einflussreicher Kollegen und schon gar nicht vom eigenen Weltbild. Mut, der dazu führte, dass ich als Chefredakteurin eines großen Frauenmagazins eine viel diskutierte Story über Menschen brachte, die fälschlich der Vergewaltigung bezichtigt wurden und was mitunter dahinter steckt. "Du verteidigst Kachelmann?", schrien mich Kolleginnen an. Ja, antwortete ich, denn das, was ich zu der Zeit an Informationen zur Verfügung hatte, veranlasste mich zur Schlussfolgerung, dass Kachelmanns Freispruch gerechtfertigt war, wenn dieser vom Richter auch seltsam verschämt argumentiert wurde.

Im Fall von Gina-Lisa Lohfink halte ich fest: Ich bleibe bei meiner bisherigen Beurteilung des Verfahrens. Lohfink wurde von zwei Männern mindestens getäuscht und hereingelegt. Sie selbst ist überzeugt davon, Opfer einer Vergewaltigung geworden zu sein und erstattete Anzeige. Diese wurde abgewiesen, stattdessen soll sie wegen Falschbeschuldigung eine – von der Staatsanwältin willkürlich auf Basis eines TV-Interviews, in dem Lohfink vage Angaben über ihr Einkommen machte, festgelegte – hohe Geldstrafe bezahlen.

Kein einziges der seit Prozessbeginn ausgeleuchteten Ereignisse, kein sogenanntes Indiz, keine Meinung, und wenn sie von noch so viel medialer Pyrotechnik umrahmt präsentiert wurde, wirft ein "neues Licht" auf den Fall, der sich mir vielmehr heute genau so darstellt wie im Februar 2016, als ich mit meinen Recherchen begann: Eine Falschbeschuldigung ist in meinen Augen nicht erwiesen. Ich halte den Strafbefehl daher für falsch.

Was in jener Nacht im Juni 2012 geschah, wird sich nicht mehr lückenlos rekonstruieren lassen. Soweit ich aus den mir zugänglichen Unterlagen und mehrfachen, mitunter Verhören gleichenden Interviews mit der Beschuldigten selbst und ihr nahestehenden Personen schließen kann, ist Lohfinks Anzeige nicht erfolgt, um die beiden Männer zu schädigen oder an ihnen Rache für die Weiterleitung von unrechtmäßig gemachten Videoaufnahmen zu üben. Das geht auch deutlich aus dem Vernehmungsprotokoll hervor. Gina-Lisa Lohfink ist bis heute davon überzeugt, Opfer einer Gewalttat geworden zu sein. Der Verdacht, es handle sich um eine bewusst aufgestellte Lüge, hat sich im Verlauf meiner Recherchen nicht erhärtet. Das Angebot an die beiden Männer, ihre Version der Geschichte zu erzählen, wurde von deren Anwalt nicht angenommen. Stattdessen marschierte er zur medialen Konkurrenz, wo wiederum einer der beiden seine Version der Geschehnisse unwidersprochen zum Besten geben durfte. Wie gesagt: Es ist ein Spiel, und einer ist dabei der Ball.

Der Schlüssel zum Fall ist Gina-Lisa Lohfink selbst

Lohfink ist von dem Geschehen traumatisiert, das habe ich in mehreren, teils über Stunden dauernden Treffen beobachtet. Sie wollte mit ihrer Anzeige lediglich ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit ausüben, "endlich mal für mich selber aufstehen", wie sie sagte. Die Sätze "Hör auf" und "Nein, nein, nein", die in einzelnen, unzusammenhängenden Videoaufnahmen festgehaltenen, sexuellen Handlungen aus jener Nacht zu hören sind, können sich nicht sämtlich auf das Gefilmtwerden beziehen, wie jetzt plötzlich behauptet wird. Denn in mindestens einem Fall hält sie dabei die Augen geschlossen und den Kopf von der Kamera weggedreht. Sie kann also gar nicht erkennen, ob sie gefilmt wird. Noch zu Beginn des Prozesses hieß es, das "Hör auf" habe sich auf einzelne sexuelle Handlungen der Männer bezogen. Jetzt war es plötzlich das Filmen. Es wirkt, als präsentierten die beiden Männer und ihr Anwalt stets solche Erklärungen, die gerade zur öffentlichen Stimmung passen. Und die hat sich gegen Lohfink gedreht. Warum und welcher Dynamik dieser Stimmungswandel folgt, berührt meine Beurteilung des Falls jedoch nicht.

Der Fall Gina Lisa Lohfink erschließt sich ausschließlich über die Person Lohfink selbst. Nur wer ihr gegenüber gesessen, sie gelöchert, gegrillt, über Stunden beobachtet und ihr Fangfragen gestellt hat, kann erfassen, wie es zu den Ereignissen jener Nacht im Juni 2012, über die so heftig gestritten wird, und den bisher bekannten Folgen überhaupt kommen konnte. Gina-Lisa Lohfink ist kein Engel, aber sie ist ein schlichter Charakter. Sie kann den Mund nicht lange halten und hält drängenden Fragen auch nicht stand, irgendwann purzelt die Wahrheit stets aus ihr heraus. Und: Sie ist leicht zu beeinflussen, besonders in jenem sturzbetrunkenen Zustand, in dem sie damals mit einem der Männer in die Wohnung des anderen fuhr. Diese Schlichtheit nicht auszunutzen, ist Charaktersache. Doch in ihrem Leben und in ihrem Hunger nach Berühmtheit und einem guten Leben ist Gina-Lisa Lohfink nicht immer guten Charakteren begegnet. Das Ergebnis ist ein scheinbar sprunghaftes Wesen, das von den vielen Einflussnahmen herrührt, die es von allen Seiten gab und bis heute gibt. Soweit meine Beobachtungen.

Ich glaube, dass die beiden Männer, die sich jetzt in diese Anzeige gegen Lohfink hineinreiten ließen, bald feststellen werden, dass auch sie nur Bälle in diesem Spiel sind, das zwischen dem Berliner Justiz-Establishment und seinen Angreifern läuft. Im Übrigen glaube ich, dass beide im Verlauf dieser unsäglichen Geschichte tatsächlich "rotzfreche Lügen" aufgestellt haben, wie Lohfink angeblich sagte, und lade sie ein, mich für diese Behauptung ebenfalls anzuzeigen.

40 Minuten lang "Nein heißt nein!"

War nun alles umsonst? Nein. Und das ist die gute Nachricht in dieser ganzen hässlichen Posse, in der alle verloren haben. Denn Gina-Lisa Lohfink hat in diesem ganzen Wahnsinn etwas entdeckt, was sie vorher gar nicht kannte: ein Gefühl der Würde und der Selbstachtung. Sie wolle von jetzt an besser auf sich achten, meinte sie nach dem Verhandlungstag am 27. Juni. Ihre äußere Erscheinung, der Panzer zwischen sich und der Welt, den sie sich in den vergangenen zehn Jahren gebaut hat, spiegelt diesen inneren Wandel bereits wieder.

Das Haar ist kürzer, die Kleidung dezenter. Ihre Tätowierungen, die sie seit jenem verhängnisvollen Juni 2012 in ihre Haut stechen lässt, wirken wie Wundmale auf einem zerbrechlich schmalen Körper.

Nicht der Justizapparat hat diesen Wandel bewirkt. Auch nicht die massive und nicht immer stringente Öffentlichkeitsarbeit ihrer Anwälte.

Es waren die Demonstrierenden vom 27. Juni, jene jungen Frauen und Männer, die stundenlang vor dem Gerichtsgebäude ausharrten. Als drinnen die Richterin anordnete, die Videoaufnahmen aus der verhängnisvollen Nacht im Juni 2012 coram publico vorzuspielen – obwohl sie noch am ersten Verhandlungstag erklärt hatte, diese Aufnahmen nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit zeigen zu wollen, eine in ihrer Billigkeit sprachlos machende Retourkutsche für Lohfink und ihre anstrengenden Anwälte – da stimmten die Demonstrierenden, die per Nachricht über die Order unterrichtet wurden, ein wütendes, vielstimmiges "Nein heißt nein!" an, das man bis in den Gerichtssaal hören konnte und das sie über vierzig Minuten lang durchhielten. Dieser Moment wurde medial kaum beachtet. Für mich aber ist es der außergewöhnlichste, stärkste und berührendste Moment in diesem ganzen schmutzigen Verfahren.

Auch Lohfink dürfte es so sehen. "Das hat etwas gemacht mit mir", sagte sie später an diesem Tag leise, fast beiläufig. Diese Fremden, die gekommen waren, um ausgerechnet ihr beizustehen, der Frau, der niemand glaubte – nicht, weil sie gut finden, wie Lohfink ihr Geld verdient, sondern obwohl viele es eben gar nicht gut finden, lösten etwas in ihr aus. Für diese jungen Leute ist es eine Frage des Prinzips, wie man mit Menschen umgeht, die eine sexuelle Straftat anzeigen, und welche Botschaft eine ungerechtfertigte Verurteilung wegen Falschbeschuldigung an Opfer sexueller Gewalt sendet. Diese engagierten Menschen, denen es vollkommen gleichgültig ist, was etablierte Meinungsführer von oben herab predigen, die wissen, dass ein Gesetz eben keine mathematische Gleichung ist und ein Gericht keine übermenschliche Instanz voller unfehlbarer Wesenheiten – sie trugen dazu bei, dass aus Gina-Lisa, dem belächelten C-Promisternchen, der unfreiwilligen Zielscheibe höhnischer Witze und Werbespots, eine Frau wurde, die ein großes Stück weit zu sich gefunden hat.

Das Gerichtsverfahren mag bald seinen Abschluss finden. Im Fall einer Verurteilung wird Gina-Lisa Lohfink in Berufung gehen. Es ist ein Spiel, und gerade ist sie der Ball. Aber danach: nie mehr.

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