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Emanzitiert: Warum ich meinen Haushalt nicht gebacken kriege und Marie Kondo mir trotzdem nicht hilft

Die Aufräumkönigin von Netflix, Marie Kondo, behandelt nur die Symptome, nicht die Ursache von häuslicher Unordnung. Die große Herausforderung ist das, was nach dem Aussortieren kommt.

Die japanische Bestsellerautorin (weißes Oberteil) in einer Szene der Netflix-Serie "Aufräumen mit Marie Kondo"

Die japanische Bestsellerautorin (weißes Oberteil) in einer Szene der Netflix-Serie "Aufräumen mit Marie Kondo"

DPA

"Und, wie findest du diese Marie Kondo?", fragte mich eine Freundin augenzwinkernd. "Ist sie deine Rettung?" Jahrzehnte hatte mich diese Freundin dabei beobachtet, wie ich versuchte meinen Haushalt in Ordnung zu bringen und kläglich scheiterte. Ich las jeden Ratgeber zum Thema, holte Ratschläge ein, wie ich meinen Kleiderschrank sortieren soll und träumte davon, Freunde auch mal spontan einladen zu können – einfach so, ohne vorher einen Putz- und Aufräumtag einplanen zu müssen. Einen ordentlichen Haushalt zu führen, war für mich stets ein Ziel von ähnlicher Bedeutung wie "Im Beruf reüssieren" und "Kind durch die Schule bringen".

Lange war ich davon überzeugt, die einzige zu sein, die es nicht gebacken kriegt. Ich hatte Haushaltsführung weder vorgelebt bekommen – mit mir scheiterte die bereits dritte Frauengeneration an der Aufgabe – noch schaffte ich, es zu lernen. Irgendwann gelangte ich zur Überzeugung, dass ich wohl eine innere Fehlschaltung aufwies, die ich nur entdecken müsste, und – zack! – wäre alles im wahrsten Sinn des Wortes in Ordnung.

Eine saubere Wohnung wurde zu einer von zahllosen Fehl- und Rückschlägen geprägten Geheimmission, die parallel zu meinem beruflichen Aufstieg verlief. Egal, wie oft ich einen neuen Anlauf nahm – nach spätestens drei Wochen stapelte sich in der Küche das Geschirr, und mit meinem Wäscheberg konnte ich die Alpen im Maßstab 1:10.000 nachbilden. Meine Sachen nicht sortiert zu haben, kostete mich außerdem viel Geld: Mehr als einmal kaufte ich lieber neue Kleidung, als die alte zu waschen. Fand ich etwas nicht, besorgte ich es noch einmal. So besaß ich dann eben zwei Dosenöffner, zwei Wasserwaagen und drei Sets Sockenstricknadeln. "Wie kannst du nur so leben?", fragte die erwähnte Freundin und betrachtete kopfschüttelnd mein seit acht Tagen ungemachtes Bett. Ich schämte mich wieder mal und hieß mich selbst eine Betrügerin, die nach außen die erfolgreiche Journalistin mimte, während es zuhause – besonders gegen Redaktionsschluss – aussah wie Sau. Seinen Scheiß nicht beieinander zu haben, kostet Lebenszeit und -qualität. Und wer wie ich zu Selbstkritik neigt und gerne auf perfekte Vorbilder schielt, leidet besonders.

Ratgeber scheiterten an mir

Als die ersten Ratgeber der Generation "Räum dein Leben auf!" erschienen, hatte ich bereits innerlich resigniert. Lustlos las ich in die Bücher rein, nickte zu Tipps wie "Trennen Sie sich von allem, was Sie zwei Jahre nicht verwendet haben" und schmiss Schlüsselteile meiner Garderobe weg, die ich fünf Jahre später vermisste. Ich engagierte eine Putzfrau, räumte jedes Mal hektisch auf, bevor sie kam, und reduzierte meine "Neustarts", wie ich es nannte, auf ein Maß, das mich die jeweils verlässlich folgenden Enttäuschungen ertragen ließ. Von den Aufräumratgebern fühlte ich mich nie verstanden. Darin wurde zwar über Gefühlszustände gesprochen, die es unmöglich machen, sich von Sachen zu trennen – nicht jedoch über Gefühlszustände, die es unmöglich machen, diese Sachen überhaupt aus dem Schrank zu holen.

Auch in Mari Kondos System ist kein Raum für sowas. Als die japanische Aufräumfee auf der Bildfläche erschien und der staunenden Welt ihre "KonMari"-Methode präsentierte, zuckte ich nur noch die Achseln. Ihre Bücher ließ ich links liegen, und das war gut so, wie ich feststellen durfte, als die Netflix-Reihe "Aufräumen mit Marie Kondo" online ging. Ich sah mir die Sendungen aus reiner Neugier an, nicht etwa, weil ich mir etwas davon erhoffte. "Und? UND?" fragte meine Freundin. Ich rollte die Augen. Bei Marie Kondo bleiben die persönlichen Gründe für das Anhäufen von Dingen, für Unordnung und chronisch dreckiges Geschirr vage, sind bloße Ahnungen im Kopf des Zusehers. Für jemanden wie mich bleibt die "KonMari"-Methode enttäuschend oberflächlich, trotz der pseudospirituellen Verpackung. Nein, Marie Kondo ist nicht meine Rettung. Im Gegenteil: Ihr zuzusehen, wie sie lächelnd Socken zusammenlegt, als lege sie einen Schmetterling schlafen, ist für Menschen wie mich eine Nervenprobe. Darum geht es doch nicht!, will ich dann den Bildschirm anschreien. Ich weiß, wie man Socken zusammenlegt. Was ich nicht weiß, ist wie ich mich dazu bringen kann, die Scheißsocken jedes Mal aufs Neue zusammenzulegen!

Wobei: Ganz stimmt das nicht. Ich bin nicht mehr auf der Suche nach der ultimativen Lösung für meine chronische Putzmüdigkeit. Ich habe schon vor Marie Kondos Siegeszug durch Amerikas Schrankräume eine wichtige Erkenntnis gewonnen: Ich muss das alles gar nicht können. Als ich noch Führungskraft war, arbeitete ich bis zu siebzig, manchmal achtzig Stunden pro Woche und war nebenher alleinerziehende Pflegemutter – kein Wunder, dass keine Kraft fürs Aufräumen und Putzen blieb und ich meinen letzten Funken Energie lieber in einen Spaziergang mit dem Kind steckte. Keiner meiner männlichen Kollegen in ähnlichen Positionen machte sich über seinen Haushalt Gedanken. Er hatte eine Ehefrau, die alles organisierte, und ein Gehalt, das die Beschäftigung einer Haushaltshilfe und eines Kindermädchens ermöglichte. Fuck this shit, dachte ich endlich. Es lebe die Gleichberechtigung! Ich muss gar nix. Als eine Freundin, die immer noch zu ihrem Exmann fuhr, um ihm die Hemden zu bügeln, versuchte, mich zu maßregeln, hielt ich ihr eine Standpauke über Frauensolidarität und zweierlei Maß für Männer und Frauen. Sie schwieg erst betroffen und sagte dann: "Wir Weiber sind doch alle gehirngewaschen!" Sie fuhr nie wieder zu ihrem Ex. Er engagierte eine Haushälterin.

Ich wurde milder mit mir selbst. Die Ankunft meiner Tochter hatte vieles leichter gemacht, denn nun erwartete niemand mehr von mir, meinen Haushalt im Griff zu haben. Plötzlich war ich eine von vielen, die abends erschöpft niedersanken und den graziös über den Boden schwebenden Staubgebilden blöde lächelnd zuwinkten.

Aber ich wollte meinen Fluch, wie ich es nannte, nicht auch noch an die vierte Generation weitergeben. Und so engagierte ich Putzhilfe und Au-pair – die Organisation ihrer Aufgaben kostete mich den letzten Nerv –, spielte mit meiner Tochter "Aufräumen" und "Sortieren" und bekam es so hin, dass der Laden einigermaßen lief. Erstmals fühlte ich keine Scham dabei, mir von Freundinnen helfen zu lassen und erhielt wertvolle Tipps: "Halte immer den Boden frei, dann wirkt es gleich sauberer" – "Schau beim Küche aufräumen am Laptop deine Lieblingsserie" – "Kauf einen Akkustaubsauger für kleine Malheure, den großen Staubsauger holt man nicht so leicht raus". Vor allem sprach ich es endlich ohne Scham aus: Ich bin eine Null im Haushalt. Dafür kann ich Otto Waalkes' "Der menschliche Körper" mit allen Stimmen vortragen und Freundschaftsbänder knüpfen, die aussehen, wie von einer Maschine gemacht. So.

Die heimliche Blockade: depressive Verstimmungen

Das Wichtigste im Streben nach äußerer Ordnung ist der innere Zustand. Um sein Alltagsleben zu sortieren, muss man nicht nur überflüssige Dinge loslassen, sondern unnötige Ansprüche an sich selbst. Gerade wir Frauen machen uns selbst (und gegenseitig) das Leben oft unnötig schwer. Egal, wie emanzipiert wir sind, irgendein patriarchaler Fallstrick erwischt uns immer. Bei meiner Freundin ist es der Umstand, dass sie "immer noch nicht!!!" verheiratet ist. Bei mir war es viel zu lange das Putzen.

Unterstützt von zahlreichen Proseccoflaschen, suchte ich dazu das Gespräch mit anderen Frauen. Und siehe: Wir waren viele! Die einen hatten es wie ich einfach nicht gelernt und kämpften damit, Routine zu entwickeln. Die anderen nahmen mit überquellenden Mülleimern gedanklich Rache an ihren pedantischen Müttern. Und ein Problem, das sich wie ein roter Faden durch all unsere Geschichten zog und erst beim zweiten Glas auf den Tisch kam, waren depressive Verstimmungen.

Ausgelöst wurden diese Episoden meist durch chronische Erschöpfung, aber auch durch PMS oder einen Schicksalsschlag, durch fehlendes Tageslicht oder zerplatzte Träume, durch Vererbung oder den Wunsch, wem oder was auch immer zu entsprechen – und oft genug durch eine Mischung aus allem. Wer es nicht einmal aus dem Bett schafft, um das Licht ein- oder auszuzuschalten, vor dessen Geist türmt sich eine einfache Aufgabe wie "Sachen in die Reinigung bringen" zu einem unüberwindlichen Berg. "The impossible task – die unmögliche Erledigung" nennt es die amerikanische Autorin M. Molly Backes, und selten hat jemand so genau den Punkt getroffen, der an Depressionen leidenden Menschen zu schaffen macht. Eine aufgeräumte Wohnung lindert erfahrungsgemäß die Symptome einer Depression – doch die Wohnung aufzuräumen, scheitert an den Symptomen. Ein Teufelskreis. Und ein Tabu.

Den inneren Akku aufladen nicht vergessen

Auch ich litt an chronischer Erschöpfung, was ich lange nicht wahrhaben wollte. So sehr war ich darauf fixiert, zu blöd zum Haushalten zu sein, dass ich gar nicht bemerkte, wie mir nach und nach einfach die Kraft ausging. Als bei mir endlich der Groschen fiel, zog ich die Reißleine und zurück in meine Heimatstadt. Hier fand ich das für eine Alleinerzieherin lebensnotwendige familiäre (und emotionale) Netzwerk, das den Alltag auf ein zu bewältigendes Maß bringt. Mein innerer Akku lädt sich seither spürbar auf: Staunend beobachte ich mich nun selbst dabei, wie ich spätabends noch Lust entwickle, schnell eine Wäscheladung einzuräumen oder die Küche sauber zu machen. Der Anblick des aufgeräumten Wohnzimmers verschafft mir inneren Frieden. Und als meine Tochter neulich ihre Bücher und Spielsachen in drei Haufen sortierte – in "Behalten", "Erinnerungskiste" und "Verschenken" – hatte ich Freudentränen in den Augen. Wer den jahrelangen, verzweifelten Kampf um innere und äußere Ordnung nicht kennt, wird das vielleicht nicht verstehen. Für mich ist es einer der größten Siege meines Lebens.

Ich bin immer noch dabei, meine Schränke besser zu ordnen und dankbar für jede neue Methode, Spannleintücher zusammenzulegen. Die von Marie Kondo präsentierte Art – sie steckt die Ecken nicht ineinander, und es wird trotzdem ein rechteckiges Paket, woohoo! – kannte ich noch nicht. Okay, ich gebe es zu: Kondo hat gute, praktische Tipps parat, bloß das spirituelle Blabla und ihr aufreizend properes Auftreten sollten sich chronisch erschöpfte Menschen (also 80 Prozent der Frauen, die ich kenne) nicht zu Herzen nehmen. Und sich mit dem Gedanken trösten, dass Marie Kondo schon wissen wird, warum sie in ihre eigene Wohnung keine Reporter lässt.

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