. .
Panorama-Nachrichten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
1. Juni 2008, 09:43 Uhr

"Die Würde des Menschen ist angetastet"

Seit Einführung des Pfands ist Flaschensammeln ein lukrativer Nebenverdienst für Menschen mit wenig Geld. Mittlerweile sammeln aber nicht nur Obdachlose - das neue Massenphänomen zeigt Deutschlands verdeckte Armut. stern.de hat ein Pärchen bei ihrer täglichen Arbeit begleitet. Von Helmut Kuhn

Doris Draegert sucht in einem Mülleimer nach Pfandflaschen. Ihre Ausbeute ist in letzter Zeit immer geringer geworden© Heinrich Völkel

Vier mal wird Holger Classen (48) heute in Berlin losziehen. Um zehn Uhr beginnt er seine erste Tour mit dem Fahrrad. Sein Revier ist der Stadtpark Friedrichshain, dort kennt er jeden Abfalleimer. Classen ist gelernter Maurer und seit zehn Jahren arbeitslos. Seit vier Jahren sammelt er Flaschen und bessert sich seine Bezüge durch Pfandgeld auf. Hartz IV, sagt er, "reicht hinten und vorn nicht." Wenigstens eine Schachtel Zigaretten am Tag müsse mit dem Pfand zusammenkommen.

Man sieht sie plötzlich überall im Alltag: Flaschensammler. Junge wie alte Menschen, Männer wie Frauen und sogar Kinder. Sie durchforsten Papierkörbe und Mülleimer und sammeln Pfandflaschen in Rucksäcken und Plastiktüten. In Parks, in Bahnhöfen, auf den Straßen wie vor Fußballstadien, frühmorgens wie spät in der Nacht. "Es ist nicht nur ein größstädtisches Problem. Man sieht die Flaschensammler überall in Deutschland", sagt Heidi Merk, Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes stern.de. "Das beschämt uns: Da ist jetzt eine Armut, die es vorher nicht gab, und aus der kein Ausweg zu sehen ist."

Und die Zahl derer wächst, die sich mit dem Sammeln von Pfandflaschen ein Zubrot verdienen: "Waren es früher mehr Alkoholiker, so sind es heute viele ältere Menschen mit gesundheitlichen Problemen. Es ist diese verdeckte Armut, und meist sind es Männer", sagt Heidi Merk, die ehemalige Sozial- und stellvertretende Ministerpräsidentin von Niedersachsen .

Motive so unterschiedlich wie Nöte

Holger Classen kennt das Phänomen nicht nur aus eigener Erfahrung. Als er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Doris Dreagert vor vier Jahren mit dem Sammeln begann, waren sie noch allein im Park. Jetzt werden es immer mehr. Ihre Motive sind so unterschiedlich wie ihre Nöte. "Eine Rentnerin sammelt für ihren Enkel, andere sammeln für den Suff. Die meisten wegen Hartz IV", sagt Classen.

Die Runde am Morgen bringt drei Euro und die Runde am Mittag nicht einmal einen. Am Nachmittag teilen sie sich den Park auf. Doris Dreagert macht mit dem Trolli die "kleine Tour", Classen mit den Rad die große. Trotz Miniskus-OP ist die 55-Jährige flott zu Fuß. "Damals haben wir noch schönes Geld gemacht", sagt sie. Da kamen schon mal zwischen 20 und 50 Euro an Spitzentagen zusammen. Sie kennt die Gesetzmäßigkeiten. Mittags die 0,25-Liter-Flaschen, Wasser, Cola, Säfte. Am Abend, wenn die "Griller und Alker" kommen, die Bierflaschen zu acht Cent.

Auf der Wiese am Teich hat Draegert Glück. Schon von weitem wird sie angesprochen, die Parkbesucher geben ihr gern ihre leeren Flaschen. "Viele sind sehr freundlich. Aber seit immer mehr Leute Flaschen sammeln, sind sie zunehmend genervt", sagt sie. "Da gibt es welche, die stehen schon beim ersten Schluck da und geiern nach der Flasche". Classens Ausbeute dagegen ist magerer. Gerade zwei Plastikflaschen hat er gefunden. "Es ist eben ein richtiger Volkssport geworden. Man muss sich bewegen und mit viel Gymnastik in hohe Mülltonnen abtauchen", sagt Classen sarkastisch.

  zurück
1 2
 
 
KOMMENTARE (10 von 17)
 
ganzbaf (02.06.2008, 10:37 Uhr)
Negativ?

Nein, nein. Nur etwas unlukrativ.
.
Außerdem ist/war das Pfandflaschensammeln bisher immer traditionell den Kindern vornbehalten - die eben noch nicht arbeiten dürfen.
Will man denen jetzt noch die letzte Möglichkeit nehmen, ihr Taschengeld aufzubessser?
.
Erwachsenen sollten sich etwas schämen, den Kindern diese Einnahmemöglichkeit zu nehmen! Und sich gefälligst auf Erwachsendinge wie "bei den Reichen klauen gehen" kaprizieren, wenn´s zu eng wird...
.
;-PpP
Buureremmel (02.06.2008, 09:03 Uhr)
Warum der negative Grundtenor
des Artikels, gar die absurde Bemühung der Menschenwürde? Schließlich ist Pfandsammeln eine legale (Hinzu-)Verdienstmöglichkeit, die nur Nutzen und keinem Schaden bringt.
Im Übrigen: Wer schmeißt Pfandflaschen in Parkanlagen oder sonst wohin in die Umwelt?
Genau. Bei der in Rede stehenden Wertschöpfung könnte man also von einer "Binnen-Umverteilung" reden. Sozusagen.
googlezoomer (02.06.2008, 08:36 Uhr)
Fakten zum Thema
interessante Fakten zum Thema auch hier: http://armutsblog.blogspot.com/
Countryjoe (02.06.2008, 07:38 Uhr)
Menschenwürde?
Die Menschenwürde in Deutschland interessiert die Politkaste doch schon lange nicht mehr. Wer nicht als Steuervieh zu gebrauchen ist kommt auf den Abfall.
toemmel (01.06.2008, 22:13 Uhr)
Chance verpasst!
...man hätte bei der anfänglchen Regelung für dieses "Dosen-Pfand" doch herrlich Arbeitsplätze schaffen können:
Einen Diplomstudiengang "Flaschensammeln" ... mit allen C4 Professuren und Lehrstühlen die da dann so dranhängen...
..was ich im Supermarkt da schon Diskussionen hatte..
Heute werden zwar die Flaschen angenommen - aber vom Personal oft behandelt wie kriminell oder asozial... aber wenigstens mit dem "Muss das jetzt sein" Blick bestraft..
...und JA das sind alles meine Flaschen...
bin jetzt zum Teil dazu übergegangen die Flaschen im Büro zu 'vergessen' - da verschwinden die auch von Zauberhand...
ganzbaf (01.06.2008, 18:56 Uhr)
Schweiß ja nicht...

wieviel Pfandpullen du so morgens immer so schaffst.
Aber wenn du mal dem Müllwagen hinterherfährst, könntest du ja sicher noch auf der Deponie einiges abstauben...?
;-B
Maria1000 (01.06.2008, 18:31 Uhr)
Im Prinzip ist es
in dieser Wegwerfgesellschaft (in der es vielen wohl doch noch ZU gut geht, denn sonst GÄBE es gar keine Pfandflaschen im Müll oder Park!) doch okay und nicht verkehrt, wenn jemand die Flaschen sammelt und sich dadurch ein paar "Extras" wie Urlaubsfahrten oder Zigaretten zu Hartz 4 hinzuverdient.
Und zwar auf LEGALE Weise, ohne KRIMINELL zu werden, wie ja viele der jugendlichen Hartz4-ler.
Ich gucke deshalb auch keineswegs irgendwie "hinab" auf jemanden, der in einem Mülleimer reingreift und Flaschen (oder Zeitungen) rauszieht. Ich falte meine Zeitung wenn ich an der Haltestelle eine lese auch immer fest zusammen und lege Sie oben hin, falls jemand sie noch brauchen kann zum Lesen.
Ich bin oft morgens um 5-6 Uhr schon unterwegs und habe auch den Eindruck, dass jetzt mehr Menschen sammeln als früher. Mich regt diese WEGWERF-Gesellschafrt eh auf, von daher, neben dem finanziellen Aspekt, auch sinnvolle Abfallvermeidung, wenn sich welche die MÜHE machen, diese Flaschen einzutauschen. Die Käufer dieser Getränke haben das Pfand ja ganz offensiuchtlich nicht nötig., sonst hätten sie die Flashcen selber zurückgebracht.
Wie jemand schon schrieb, stelle ich auch fest, dass vor allem frühmorgens immer mehr zerdepperte Flashcen und Scherben auf Fahrradwegen und neben Parkbanken rumliegen. Habe auch schon mehrfach diese arbeitslosen und/oder schuleschwaänzenden jungen primitiven Komasäufer und Gewalttäter Flaschen auf die Fahrbahn schmeissen sehen und Autos eintreten, die am Bürgersteig parkten. In den nierigeren Stadtvierteln koennen Sie zwischen Scherben, McDoof-Packungen und Coffee-to-go-Bechern und Plastiktüten jeden Morgen Slalom laufen in meiner ansonsten sauberen Stadt! Denen ist alles EGAL im "öffentlichen Raum" - vermutlich siehts zuhause bei denen noch schlimmer aus...
heiner5362 (01.06.2008, 16:37 Uhr)
solange wir
den DAX durch fortgesetzte ausbeuterei hochkriegen und die gewinne anonym auf die cayman-inseln verschieben können, ist die welt doch noch in ordnung !
über politiker braucht man sich nicht zu beschweren, das sind die vorzeigefressen.
politik wird von der lobby erledigt, gleiche adresse : reichstag.
die im tv übertragenen plenarsitzungen könnte auch die augsburger puppenkiste übernehmen, der text ist eh vorgefasst oder wird per teleprompter eingeblendet und damit das volk verblendet.
die "rohstoffsammler" reüssieren aus den zeiten der jungpios in der ddr, das gibt zu denken.
nur damals zum wohle der sed, heute geht es für viele ums überleben.
mal sehen wohin das noch führt, in einem staat in dem sich ein grosskonzern schon der stasi-methoden bedient (und dafür fachleute
des genres bestallte) und grundrechte nur noch mit den füssen getreten werden.
Marquis (01.06.2008, 15:24 Uhr)
Wo ist das Problem?
Es ist doch in Ordnung, wenn sich so einige ihre Stütze aufbessern.
Was mich nervt, sind die Glasscherben , die überall rumliegen. "Volkssport" scheint das Zerschlagen der leeren Flaschen zu sein. Manche der Jugendlichen haben offenbar zuviel Geld.
Mein Vorschlag: das Pfand für Bierflaschen rauf auf 25 Cent!
ganzbaf (01.06.2008, 14:53 Uhr)
Nee, Loki...

du warst nich gemeint.
Kannzt weitermachen... ((O;
MEHR ZUM ARTIKEL
Kinderarmut Von Geburt an Hartz IV

Der neue Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zeigt: Immer mehr Familien rutschen in die Armut. Darunter leiden besonders die Kinder. Im Hamburger "Löwenhaus" versucht man ihre Not zu lindern - mit Essen und Bildung. mehr...

Leben mit Hartz IV Eine Überdosis Armut

Schlecht ausgebildet, alleinerziehend und angewiesen auf Hartz IV: Familie Heller ist arm. Bitterarm im Vergleich zum durchschnittlichen Wohlstand in Deutschland. Einblicke in ein Familienleben, für das die Mutter sich schämt. mehr...

Armut in Deutschland Zum Sterben zu viel

13 Prozent der Bürger in Deutschland sind trotz staatlicher Transfers von Armut bedroht. Aber was steckt hinter den Zahlen? Wie sieht die Armut aus, wie fühlt sie sich an? stern.de hat die Tafel in der Arbeitslosenhochburg Gelsenkirchen besucht und mit Betroffenen gesprochen. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe