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Vom Gedächtnis gefährlich getäuscht

Das Phänomen ist bekannt: Erinnerungen an Ereignisse, die es nie gab. Gefährlich wird es, wenn unseriöse Therapeuten dies ausnutzen und aus Menschen Missbrauchsopfer machen, die sie nie waren.

Von Sylvie-Sophie Schindler

  Vom Vater missbraucht? Manche Erinnerungen sind systematisch eingeredet und entsprechen nicht der Wahrheit

Vom Vater missbraucht? Manche Erinnerungen sind systematisch eingeredet und entsprechen nicht der Wahrheit

Sie habe, so erzählt sie, ihre Eltern regelrecht mit Karten, Briefen und Telefonanrufen bombardiert. Die Botschaft, die sie loswerden wollte, war immer dieselbe: "Ihr seid Kinderschänder." Andrea Kappelmann fühlt sich unwohl, wenn sie daran zurückdenkt: "Ich habe damals regelrechten Psychoterror betrieben." In ihrer Wut kannte sie keine Grenzen. Eines Tages ging sie sogar zur Polizei und erstattete Anzeige gegen ihre Eltern.

Damals, über elf Jahre ist das jetzt her, war die 53-Jährige fest davon überzeugt, ihr Vater hätte sie in ihrer Kindheit sexuell missbraucht. Heute besucht sie ihre Eltern wieder regelmäßig, sie weiß, dass nichts dran ist an dem Inzest-Trauma, doch die Geschichte hat Narben hinterlassen, auf beiden Seiten. "Die Lebensberaterin, bei der ich Hilfe suchte, hat mir diese schreckliche Erinnerung systematisch eingeredet", sagt Andrea Kappelmann. "Ich sollte glauben, mein Vater hätte mich zum Sex gezwungen. Und meine Mutter habe davon gewusst." In ihrem Kopf seien nach und nach Bilder entstanden. "Doch diese Bilder hat es in Wirklichkeit nie gegeben", so die Wuppertalerin.

Kein Einzelfall. Immer wieder gibt es Menschen, die berichten, dass ihnen ihr Therapeut oder andere Berater, meist aus spirituellen Kreisen, eingeredet hätten, sie seien früher missbraucht worden. So auch Katja aus Berlin. "Ich war dauernd müde. Mein Hausarzt fand nichts und überwies mich zum Therapeuten", berichtet die 29-Jährige. "Und der wühlte in meiner Kindheit und sagte plötzlich, er habe den Verdacht, ich sei über mehrere Jahre körperlich misshandelt worden. Und das sei auch der Auslöser für meine Müdigkeit."

"Ich durchlebte die Hölle"

Für Katja sei das wie ein Schlag ins Gesicht gewesen. "Er konstruierte sogar eine Geschichte, die andeuten sollte, mein Vater hätte mich öfter in den Keller gesperrt", sagt sie. "Das passte gar nicht zu den Erinnerungen, die ich an meinen inzwischen verstorbenen Vater hatte." Erstmal wehrte sie sich gegen die, wie sie sagt, "an den Haaren herbei gezogene Story" des Therapeuten. "Doch der meinte nur, ich würde das nicht wahrhaben wollen und verdrängen", so Katja. "Und tatsächlich, ich begann nach und nach, an meiner eigenen Vergangenheit zu zweifeln. Ich durchlebte eine Hölle, wie ich sie nie zuvor erlebt hatte. Plötzlich wusste ich überhaupt nicht mehr, was stimmt und was nicht." Erst durch die Hilfe eines anderen Therapeuten gelang es Katja, einen Mechanismus zu durchschauen, der unter Experten als Induzierte Erinnerung - also eingeredete Erinnerung - oder auch "False-Memory-Syndrome" (FMS) bezeichnet wird.

Eine der bekanntesten Forscherinnen auf diesem Gebiet ist Elizabeth Loftus. Die amerikanische Psychologin hat zahlreiche Studien über das menschliche Gedächtnis durchgeführt. Darin konnte sie nachweisen, dass Erinnerungen stark manipuliert werden können. "Das kann soweit gehen, dass man sich sogar an Ereignisse erinnert, die niemals stattgefunden haben", sagt Loftus.

In einem ihrer Experimente rief sie anhand gefälschter Fotos bei rund 50 Prozent der Probanden eine Erinnerung an eine - vermeintliche- Ballonfahrt wach, die diese in der Kindheit erlebt haben wollten. Klingt erstaunlich, doch erstmal harmlos. "In der Therapie aber kann das katastrophale Folgen haben", so Loftus. "Manchmal wird durch suggestive Fragen so lange nachgeforscht, bis der Patient meint, sich erinnern zu können." Meist handle es sich dabei um angeblichen sexuellen Missbrauch in der Kindheit. "Ich rate zu einer gewissen Vorsicht bei Erinnerungen, die beim Patienten erst in Psychotherapien auftreten. Manchmal passen die nämlich eher zu den Vorstellungen des Therapeuten als zur Realität", erklärt die Psychologin. "Leider kommt es vor, dass manche Behandler sich in eine feste Hypothese versteigen, die sie dann unbedingt beweisen wollen."

Erinnerungen sind fehlbar

Fremdartiges Material auf der autobiographischen "Festplatte" - kann das eigentlich jedem passieren? "Falsche Erinnerungen sind normaler als man denkt. Sie können jeden treffen", sagt Melanie Steffens vom Institut für Psychologie in Jena. "Unser Gedächtnis ist kein Archiv unverfälschter Dokumente." Erinnerungen würden rückwirkend oft verzerrt, beispielsweise durch neue Informationen oder Kommentare von anderen. "Stellen wir uns Situationen intensiv genug vor, dann können sie Teil unserer Erinnerungen werden", erklärt die Professorin. Dazu genüge, dass wir nur davon gehört oder gelesen haben. Das bestätigt auch der Berliner Psychiater Hans Stoffels: "Zahlreiche Experimente haben gezeigt, dass Erinnerung bildsam und fehlbar ist. Erinnerungsinhalte werden nicht aus einem Speicher abgerufen, sondern immer wieder neu konstruiert."

Alles ging damals, wie Andrea Kappelmann sagt, "den Bach runter", als sie sich Hilfe bei der Lebensberaterin suchte. "Sie war meine letzte Hoffnung", erzählt sie. Die Frau sei sehr charismatisch gewesen, sie habe ihr das Gefühl gegeben, dass da endlich einer ist, der sich für sie interessiert, der ihr zuhört. Ein bisschen befremdet sei Andrea Kappelmann zuerst gewesen von den esoterischen Praktiken, die die Lebensberaterin anwandte. "Doch letztlich war ich begeistert", sagt sie.

Aus der Einzeltherapie entwickelte sich eine Gruppentherapie, Andrea Kappelmann holte noch zwei ihrer Geschwister dazu. "Und irgendwann waren zwei Drittel der Gruppe davon überzeugt, in ihrer Kindheit sexuell missbraucht worden zu sein. Wir wurden regelrecht gedrängt, uns zu erinnern. Es war ein richtiger Druck", berichtet sie. "Wie alle, hatte auch ich den Ehrgeiz, mich möglichst gut und genau zu erinnern." Sie habe zwar Zweifel gehabt an den neuen Bildern, die da plötzlich in ihrem Kopf aufgetaucht seien. "Doch ich habe mich lange nicht getraut, das laut zu sagen."

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Vorsicht ist geboten

Natürlich, es gibt auch zahlreiche andere Fälle. Bei plötzlich auftauchenden Erinnerungen, insbesondere, wenn sie schmerzhaft sind, kann es sich um das FMS handeln, muss es aber nicht. Erinnerungen, die unerwartet auftauchen, sind keinesfalls automatisch falsch. Es gibt viele Erwachsene, die als Kinder Opfer sexuellen Missbrauchs wurden und sich mitunter jahrzehntelang an nichts mehr erinnern können. Die qualvollen Erlebnisse werden geleugnet, verdrängt, Experten sprechen unter anderem von dissoziativer Amnesie.

Insofern gilt es genau hinzugucken. Hans Stoffels hat verschiedene Kriterien zur Unterscheidung von Erinnerung und Pseudoerinnerung erarbeitet. "Skepsis ist unter anderem angebracht, wenn der Wiedererinnerung Erwartungsdruck und eine entsprechende Suche vorausgehen", so der Psychiater. Misstrauisch sollte man auch sein, wenn diffuse Gefühle, Traumbilder und "Körpererinnerungen" vorherrschen - mit nachfolgendem visuellem Detailreichtum. Und insbesondere auch dann, wenn Erinnerungen an die Zeit vor dem dritten Lebensjahr angegeben werden. "Es ist wichtig zu unterscheiden", sagt auch Heide-Marie Cammans vom "Arbeitskreis Induzierte Erinnerungen" (AIE) in Wuppertal. "Wir helfen Betroffenen, herauszufinden, was wirklich die eigene Erinnerung ist. Viele atmen erstmal auf, weil sie wieder langsam zu sich kommen. Weil die Verwirrung endlich verschwindet", so Cammans.

Hilfe für zu Unrecht beschuldigte Eltern

Beim AIE holen sich nicht nur Betroffene Hilfe, sondern auch Eltern, die zu Unrecht beschuldigt wurden. Eine Tatsache, bei der die Meinungen auseinander gehen. "Uns wird manchmal Täterschutz vorgeworfen. Doch sexueller Missbrauch soll nicht verharmlost werden. Dass jeder Missbrauch schlimm ist und geahndet werden sollte, steht außer Frage", sagt Cammans. Doch es gäbe eben auch noch eine andere Perspektive, und die würde oft übersehen: "Vorwürfe werden manchmal völlig zu Unrecht erhoben." Die Folgen von psychotherapeutisch induzierten Erinnerungen seien verheerend. "Meist ist es nicht mehr zu reparieren, wenn ein falscher Verdacht geäußert wurde. Das zerstört die ganze Familie", so Cammans.

Zu Unrecht verdächtigt - Max hat genau das erlebt. Eines Tages standen sieben Polizisten vor seiner Haustür. Mit einem Durchsuchungs- und einem Haftbefehl. Der Vorwurf: sexuelle Handlungen mit einem Kind. Erst während der Verhöre erfuhr er, wer ihn beschuldigte: seine inzwischen erwachsene Tochter Jenny. "Das war alles so unwirklich", berichtet er. "Ich dachte, die finden bestimmt bald heraus, dass es sich um ein Missverständnis handelt." Doch Max blieb in U-Haft, er verlor seine Anstellung, der Fall landete vor Gericht. Viele wendeten sich ab, auch die anderen Töchter gingen erstmal auf Abstand, einige wenige hielten zu ihm. "Ich konnte einfach nicht glauben, was da passiert", so Max.

Vor Gericht war irgendwann von einer Gruppentherapie die Rede, an der Jenny seit Längerem teilnahm und auch von Induzierter Erinnerung. Es gab keine Beweise gegen Max, er wurde schließlich freigesprochen. "Jenny ist immer noch in Therapie und ich frage mich, wo ist sie da nur hineingeraten. Was machen diese Leute mit ihr", sagt er. "Ich bin auf freiem Fuß, doch meine Tochter ist weiterhin eine Gefangene." Nein, sagt er, er sei nicht wütend auf seine Tochter. "Vielleicht können wir irgendwann darüber reden. Doch bis dahin wird wohl noch viel Zeit vergehen. Vielleicht brauchen wir auch ein Wunder."

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