Die Vorstellung, dass sich Horden europäischer Fußballfans an den Mauern der Hofreitschule erleichtern, bereitet manchem Wiener schlaflose Nächte. Dennoch präsentiert sich die Stadt als moderne Metropole und ist bereit für ein rauschendes Fußballfest. Von Björn Erichsen

Für die Fanzone hat Wien sein Filetstück hergegeben: Das Public Viewing findet mitten in der Altstadt zwischen Heldenplatz und Rathaus statt© Roland Schlager/EPA
Nirgendwo in Europa ist die Vergangenheit derart lebendig wie in Wien. Kutschiert man im Fiaker durch die Wiener Altstadt, vorbei an den prachtvoll verzierten Prunkbauten von einst, erscheint es dem Besucher als stünde die K.u.k.-Monarchie in voller Blüte. Auch was König Fußball angeht, schaut man dieser Tage am liebsten zurück. Zu schlecht stehen die Chancen, dass das österreichische Nationalteam das Wunder vollbringen und sich beim Turnier im eigenen Lande auf den europäischen Fußballthron setzen wird oder die Deutschen im dritten Vorrundenspiel schlägt. Und so ist in den Kaffeehäusern und Bars der Donaumetropole immer wieder von Cordoba zu hören, jener argentinischen Stadt, in der Team Austria den großen Nachbarn Deutschland bei der WM 1978 niederrang. Zwar schied man damals selbst ebenfalls aus, aber zumindest hatte man es den Piefkes mal ordentlich gezeigt.
Den Wienern sagt man nach, auf den Bedeutungsverlust ihrer einst so mächtigen Stadt mit innerer Zerrissenheit zu reagieren. "Als ständiges Schwanken zwischen Verzagtheit und Übermut, zwischen Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn" beschrieb Wien-Kenner Michael Frank einmal diesen Zustand und trifft damit ebenfalls die allgemeine Befindlichkeit kurz vor Beginn der Euro: Die Stadt hat sich rausgeputzt, und natürlich fühlt man sich geschmeichelt, dass die Augen Europas mal wieder auf Wien gerichtet sind. Gleichzeitig graut vielen Wienern vor dem Einzug der europäischen Fan-Armada, so als stünde mal wieder eine feindliche Armee vor den Toren der Stadt, wie dereinst die Türken 1683.
Vor allem in der inneren Stadt, im 1. Bezirk, sorgt die Vorstellung von wilden Fußball-Horden, die sich trunken und ganz ungeniert an den Mauern der Hofreitschule erleichtern, für schlaflose Nächte. Kein Wunder, haben ihnen die Stadtväter doch eine 100.000 Quadratmeter große Fanzone vor die Nase gesetzt. Bei einer Bürgerversammlung sorgte man sich um Verkehrschaos und die eigene Sicherheit. Der Satz "und hinterher müssen wir die Innenstadt wieder aufbauen" fiel recht häufig. Genützt hat es alles nichts: Anlässlich der großen Fußballfestest 2008 geben die Wiener den Besuchern aus aller Welt ihr Filetstück her.
Die Fans kann es freuen, sie erwartet ein Public Viewing in spektakulärem Ambiente. Die Fanzone reicht 800 Meter über die Ringstraße, die die beiden Hauptareale vor dem Rathaus und auf dem Heldenplatz verbindet, wo auch jeweils die mit 70 Quadratmeter größten der insgesamt elf LED-Leinwände stehen. Einzig ein Metallzaun von zwei Meter Höhe trennt die rund 70.000 Fans von den besten Wiener Adressen wie Hofburg, Parlament und Burgtheater. Projektleiter Michael Draxler hat die Fanzone im Herzen Wiens gegen viele Widerstände durchgesetzt und verweist auf den Imagegewinn für die Stadt: "Wien soll nicht nur als historische Stadt gelten, mit der Euro wollen wir auch die offene und moderne Metropole vorstellen. Aus diesem Grund befindet sich die Fanzone mitten im historischen Zentrum der Stadt."
Kritiker bezweifeln allerdings, dass die Kapazität der Fanzone ausreicht, immerhin werden in Wien insgesamt zwei Millionen Besucher erwartet, darunter 400.000 Deutsche. Der Plan für eine weitere große Fanmeile auf der Donauinsel wurde in monatelangem Streit zwischen Stadt und einem privaten Investor zerrieben. Auf der Kaiserwiese, idyllisch am "Würstelprater" in Sichtweite des alten Riesenrads, gelegen, gibt es zwar noch eine Fanzone, doch die fasst gerade einmal 6000 Menschen. Bei zu großem Ansturm will die Stadt daher das Hanappi-Stadion von Fußballmeister Rapid Wien zum Public Viewing öffnen. Der Marsch in den abseits gelegenen Stadtteil Hütteldorf dürfte für jedoch nur für die wenigsten Fans eine echte Alternative darstellen. Angesichts der Pracht in der Innenstadt in jedem Fall nicht mehr als ein Fußballfest zweiter Klasse.
Die beste Lösung ist ohnehin, in das Stadion zu gehen, in dem sich die EM tatsächlich entscheidet, vorausgesetzt, man zählt zu den 350.000 Glücklichen, die Karten für eines der sieben Spiele im Ernst-Happel-Stadion ergattern konnten. Die "alte Dame", wie die Wiener die 1931 als Praterstadion erbaute Arena liebevoll nennen, ist für 37 Millionen Euro modernisiert worden. Die Zuschauerkapazität wurde auf 51.000 erhöht. Durch den Zubau von Sitzreihen auf der Leichtathletikbahn versprüht die Mehrzweckarena zumindest während der EM das Flair eines reinen Fußballstadions. Chaotische Szenen wie Anfang Februar beim Gastspiel der deutschen Nationalmannschaft, als Busse und Straßenbahnen dem Ansturm der Fans nicht gewachsen waren, soll es bei der EM nicht geben. Seit Anfang Mai ist die Spielstätte direkt an das U-Bahn-Netz angeschlossen.
Übernachtungstipp In Wien für die Zeit während der Euro ein Hotelzimmer unterhalb der 200 Euro zu bekommen, dürfte schier unmöglich sein. Betten frei sind aber noch im Wiener Fancamp. Für 38 Euro pro Nacht nächtigt der Fan in Sichtweite des Ernst-Happel-Stadions. Auf Luxus muss allerdings verzichtet werden: In Neun-Quadratmeter-Parzellen stehen je zwei Doppel-Pritschen, ein Schlafsack sollte mitgebracht oder vor Ort erworben werden. Buchung unter http://fancamp.eu/