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16. Juni 2008, 14:00 Uhr

Das Wunder von Wien

Die Vorstellung, dass sich Horden europäischer Fußballfans an den Mauern der Hofreitschule erleichtern, bereitet manchem Wiener schlaflose Nächte. Dennoch präsentiert sich die Stadt als moderne Metropole und ist bereit für ein rauschendes Fußballfest. Von Björn Erichsen

Für die Fanzone hat Wien sein Filetstück hergegeben: Das Public Viewing findet mitten in der Altstadt zwischen Heldenplatz und Rathaus statt© Roland Schlager/EPA

Nirgendwo in Europa ist die Vergangenheit derart lebendig wie in Wien. Kutschiert man im Fiaker durch die Wiener Altstadt, vorbei an den prachtvoll verzierten Prunkbauten von einst, erscheint es dem Besucher als stünde die K.u.k.-Monarchie in voller Blüte. Auch was König Fußball angeht, schaut man dieser Tage am liebsten zurück. Zu schlecht stehen die Chancen, dass das österreichische Nationalteam das Wunder vollbringen und sich beim Turnier im eigenen Lande auf den europäischen Fußballthron setzen wird oder die Deutschen im dritten Vorrundenspiel schlägt. Und so ist in den Kaffeehäusern und Bars der Donaumetropole immer wieder von Cordoba zu hören, jener argentinischen Stadt, in der Team Austria den großen Nachbarn Deutschland bei der WM 1978 niederrang. Zwar schied man damals selbst ebenfalls aus, aber zumindest hatte man es den Piefkes mal ordentlich gezeigt.

Den Wienern sagt man nach, auf den Bedeutungsverlust ihrer einst so mächtigen Stadt mit innerer Zerrissenheit zu reagieren. "Als ständiges Schwanken zwischen Verzagtheit und Übermut, zwischen Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn" beschrieb Wien-Kenner Michael Frank einmal diesen Zustand und trifft damit ebenfalls die allgemeine Befindlichkeit kurz vor Beginn der Euro: Die Stadt hat sich rausgeputzt, und natürlich fühlt man sich geschmeichelt, dass die Augen Europas mal wieder auf Wien gerichtet sind. Gleichzeitig graut vielen Wienern vor dem Einzug der europäischen Fan-Armada, so als stünde mal wieder eine feindliche Armee vor den Toren der Stadt, wie dereinst die Türken 1683.

Fanzone im Filetstück

Vor allem in der inneren Stadt, im 1. Bezirk, sorgt die Vorstellung von wilden Fußball-Horden, die sich trunken und ganz ungeniert an den Mauern der Hofreitschule erleichtern, für schlaflose Nächte. Kein Wunder, haben ihnen die Stadtväter doch eine 100.000 Quadratmeter große Fanzone vor die Nase gesetzt. Bei einer Bürgerversammlung sorgte man sich um Verkehrschaos und die eigene Sicherheit. Der Satz "und hinterher müssen wir die Innenstadt wieder aufbauen" fiel recht häufig. Genützt hat es alles nichts: Anlässlich der großen Fußballfestest 2008 geben die Wiener den Besuchern aus aller Welt ihr Filetstück her.

Die Fans kann es freuen, sie erwartet ein Public Viewing in spektakulärem Ambiente. Die Fanzone reicht 800 Meter über die Ringstraße, die die beiden Hauptareale vor dem Rathaus und auf dem Heldenplatz verbindet, wo auch jeweils die mit 70 Quadratmeter größten der insgesamt elf LED-Leinwände stehen. Einzig ein Metallzaun von zwei Meter Höhe trennt die rund 70.000 Fans von den besten Wiener Adressen wie Hofburg, Parlament und Burgtheater. Projektleiter Michael Draxler hat die Fanzone im Herzen Wiens gegen viele Widerstände durchgesetzt und verweist auf den Imagegewinn für die Stadt: "Wien soll nicht nur als historische Stadt gelten, mit der Euro wollen wir auch die offene und moderne Metropole vorstellen. Aus diesem Grund befindet sich die Fanzone mitten im historischen Zentrum der Stadt."

Kritiker bezweifeln allerdings, dass die Kapazität der Fanzone ausreicht, immerhin werden in Wien insgesamt zwei Millionen Besucher erwartet, darunter 400.000 Deutsche. Der Plan für eine weitere große Fanmeile auf der Donauinsel wurde in monatelangem Streit zwischen Stadt und einem privaten Investor zerrieben. Auf der Kaiserwiese, idyllisch am "Würstelprater" in Sichtweite des alten Riesenrads, gelegen, gibt es zwar noch eine Fanzone, doch die fasst gerade einmal 6000 Menschen. Bei zu großem Ansturm will die Stadt daher das Hanappi-Stadion von Fußballmeister Rapid Wien zum Public Viewing öffnen. Der Marsch in den abseits gelegenen Stadtteil Hütteldorf dürfte für jedoch nur für die wenigsten Fans eine echte Alternative darstellen. Angesichts der Pracht in der Innenstadt in jedem Fall nicht mehr als ein Fußballfest zweiter Klasse.

Zu den Spielen bei der alten Dame

Die beste Lösung ist ohnehin, in das Stadion zu gehen, in dem sich die EM tatsächlich entscheidet, vorausgesetzt, man zählt zu den 350.000 Glücklichen, die Karten für eines der sieben Spiele im Ernst-Happel-Stadion ergattern konnten. Die "alte Dame", wie die Wiener die 1931 als Praterstadion erbaute Arena liebevoll nennen, ist für 37 Millionen Euro modernisiert worden. Die Zuschauerkapazität wurde auf 51.000 erhöht. Durch den Zubau von Sitzreihen auf der Leichtathletikbahn versprüht die Mehrzweckarena zumindest während der EM das Flair eines reinen Fußballstadions. Chaotische Szenen wie Anfang Februar beim Gastspiel der deutschen Nationalmannschaft, als Busse und Straßenbahnen dem Ansturm der Fans nicht gewachsen waren, soll es bei der EM nicht geben. Seit Anfang Mai ist die Spielstätte direkt an das U-Bahn-Netz angeschlossen.

Übernachtungstipp

Übernachtungstipp In Wien für die Zeit während der Euro ein Hotelzimmer unterhalb der 200 Euro zu bekommen, dürfte schier unmöglich sein. Betten frei sind aber noch im Wiener Fancamp. Für 38 Euro pro Nacht nächtigt der Fan in Sichtweite des Ernst-Happel-Stadions. Auf Luxus muss allerdings verzichtet werden: In Neun-Quadratmeter-Parzellen stehen je zwei Doppel-Pritschen, ein Schlafsack sollte mitgebracht oder vor Ort erworben werden. Buchung unter http://fancamp.eu/

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KOMMENTARE (5 von 5)
 
andiniezen (06.06.2008, 12:03 Uhr)
Extra Urlaub genommen zur EM (Achaz)
Ein EM oder WM ist KEINE HEIMSUCHUNG mann das ist eine EHRE für jedes betreffende Land so etwas ausrichten zu können. Da werden in jedem Falle im Hintergrund einige Hebel in Bewegung gesetzt um so was in trockene Tücher zu bekommen.Und solche Anti Fußballer wird es immer geben.Natürlich werde ich in ein rießiges Horn blasen. Merkel schaut sicher auch das eine oder andere Spiel. Sie können ja in der Zeit arbeiten gehen um Deutschland noch weiter voran zu bringen. Schauen sie mal nach vorn und seien sie froh das es so ist wie es ist.
STR_EDDS (06.06.2008, 11:19 Uhr)
@Achaz
Der Bericht auf NTV ist sowas von alt. Das ist kalter Kaffee und lief schon mindestens 3x über den Sender. Ich komme aus Stuttgart und war auch an "jener" denkwürdigen Nacht vor dem Königsbau, als die Engländer mal so "richtig" feiern wollten. Die Polizei hatte die Lage gut im Griff und ein paar Meter weiter war von dem ganzen "Gedöns" nichts mehr zu spüren. Der Bericht war tendenziell übertrieben.
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Insgesamt war für uns die Wm eines der besten Ereignisse, die diese miesepetrige Nation erfahren durfte. Meinetwegen könnte die kommende WM auch wieder bei uns stattfinden.
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Schlechtgelaunte Pseudointelletuelle dürfen an diesen tagen dann gerne zuhause bleiben und bei stern.de Kommentieren.
AchazIII. (06.06.2008, 10:20 Uhr)
Das bleibt Ihnen unbenommen
Im STERN-Artikel wurden genau diese von mir noch näher ausgeführten Befürchtungen von Wienern angesprochen. Und ich wage die Vorhersage, dass die Skeptiker recht haben werden.
Im STERN-Artikel geht es um die Folgen der EM für die Wiener und nicht, ob man in Deutschland in die Tröte bläst oder nicht. Wenn Fr. Merkel es staatlich verordnet, um von wahren Problemen abzulenken, werden Sie mitblasen, wie ich Ihrem Beitrag entnehme: Also blasen Sie mal schön.
andiniezen (06.06.2008, 10:11 Uhr)
Achaz
Man kann dieses Gejammere nicht hören sie brauchen ja kein einziges Spiel anschauen es zwingt sie ja keiner dazu. Fußball ist "Leben" und Kult und hält den kleinen Mann am Leben.Deutschlan ist und bleibt eine Fußball Nation da werden auch sie nix dran Klein reden können.
AchazIII. (06.06.2008, 09:58 Uhr)
Die EM-Heimsuchung tut einem richtig Leid
Der einfache Österreicher oder Schweizer wurde vorher nicht gefragt, ob er solche Großveranstaltungen haben wollte. Wichtigtuerische Sportpolitiker im Verbund mit der Profit heischenden Wirtschaft haben diese EM dorthin geholt. Das Gleiche galt 2006 bei der WM 2006 in Deutschland.
Was auch die Alpenländer - wie alle anderen bisherigen Fußballausrichter - bekommen werden: Horden voller Krawallmacher, Schlägereien, Polizei in Truppenstärke, Besäufnisse tumber Hooligans und verbrannte Erde mit einer Reihe von Problemen nach der EM
(z. B. Vandalismusschäden und Steuererhöhungen). Die Wirtschaft dürfte ihren Profit machen - die einfachen Bürger werden bluten müssen. Österreich kann sich ja mal in Deutschland nach den Erfahrungen zur WM 2006 erkundigen.
Es ist immer wieder erstaunlich, dass es immer noch Staaten gibt, die sich auf solche Eseleien einlassen.
Anmerkung: Gestern in NTV ein interessanter Berich über die Hooligans 2006 in D. Man hat sich erst jetzt getraut, 2 Jahre danach das Märchen vom offiziellen "Sommerärchen Deutschland 2006" zu entzaubern..
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