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Hier erholen sich Pflegebedürftige und Angehörige gemeinsam

Auf der griechischen Insel Rhodos wird die Saison durch eine neue Urlaubsform verlängert: In einem Pilotprojekt können sich Pflegebedürftige und ihre Angehörigen gemeinsam erholen. Griechische Fachkräfte wurden angelernt - eine Win-win-Situation für alle Beteiligten.

Meer mit Bucht und Berg

Die Bucht mit dem Burgberg von Lindos auf Rhodos während der Hauptsaison

"Das war für mich der erste Urlaub seit elf Jahren", sagt Roswita Brodersen. Sie hatte nie daran geglaubt, dass sie mit ihrem Mann, der seit einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt und den sie rund um die Uhr liebevoll betreut, noch einmal gemeinsame Ferientage im sonnigen Süden verbringen kann. Nach jahrelanger Dauerbelastung war es ihr endlich möglich, eine Auszeit vom Pflegealltag zu nehmen. "Einfach mal durchatmen und wieder ein Buch lesen zu können", sagt sie. Dank eines einzigartigen deutsch-griechischen Projektes, dem Pflegeurlaub auf Rhodos, verbrachte das Paar drei Wochen auf der griechischen Ferieninsel. So konnten sie in der Süd-Ägäis viel Sonne und Kraft tanken.

"Wir wollten etwas entwickeln, das es noch nicht gibt, das aber dauerhaft funktionieren kann", sagt Norbert Rebmann vom Pflegenetz Heilbronn. Er gehört zu den treibenden Kräften, die eine Idee in die Tat umgesetzt haben: Pflegebedürftige und pflegende Familienangehörige machen zusammen Urlaub. Denn zwei Drittel aller Pflegebedürftigen werden in Deutschland von ihren Angehörigen zu Hause betreut. Täglich rund um die Uhr, oft über mehrere Jahre und bis an die Grenzen zur Selbstaufgabe. Urlaub ist für diesen Personenkreis ein Fremdwort. "Die pflegenden Angehörigen sollen Urlaub machen können, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben", sagt Rebmann. "Ohne die Angst, dass der kranke Partner zu Hause unglücklich oder unterversorgt ist."


Deutschsprachige Betreuung vor Ort

Ein Problem in den vom Fremdenverkehr geprägten Regionen Griechenlands ist neben der allgemeinen Krise des Landes das Saisonende jedes Jahr Anfang November. Für die Mitarbeiter der Hotels und der touristischen Infrastruktur bedeutet der Winter regelmäßige Arbeitslosigkeit bis zum nächsten Frühjahr. Wie ließe sich die Saison verlängern?, lautete deshalb die Fragestellung, als sich Experten der Deutsch-Griechischen Versammlung (DGV) vor zwei Jahren auf Rhodos trafen. Der DGV geht es um eine Vertiefung der Zusammenarbeit in beiden Ländern auf kommunaler und regionaler Ebene.

Inzwischen wurden an der Krankenpflegerschule auf Rhodos in Zusammenarbeit mit deutschen Fachkräften mehr als 20 Griechen, die im Winter beschäftigungslos sind, zu Alltagshelfern ausgebildet. Die alle auch Deutsch sprechenden Betreuer stehen jetzt für das Projekt Pflegeurlaub zur Verfügung. Drei Pilotreisen haben bereits stattgefunden. "Die Abläufe sind inzwischen klar koordiniert", sagt Konstantinos Gerakis von der Kooperationsstelle der DGV beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die das Projekt unterstützt.


Pflegeurlaub als Leuchtturmprojekt

Die dreiwöchigen Reisen in der Nebensaison haben den Vorteil, dass im Winterhalbjahr die Strände nicht überlaufen sind und keine zu heißen, sondern milde Temperaturen vorherrschen und baden noch möglich ist. Gewohnt wird in ausgesuchten Vier-Sterne-Häusern, wie dem Hotel Mediterranean und Hotel Rhodes Plaza, die über barrierefreie Zimmer verfügen. Organisiert werden die Reisen von dem auf Griechenlandreisen spezialisierten Veranstalter Medina Reisen in München.

Paar sitzend sich umarmend auf einem Holzsteg am Meer

Verschnaufpause vom Pflegealltag in Deutschland: Eine Auszeit mit dem pflegebedürftigen Partner auf der Sonneninsel bietet die Ferieninsel Rhodos an.


Voraussetzung für die Teilnahme ist die Reisefähigkeit der Patienten bis maximal Pflegestufe 2. Die Einschätzung erfolgt über die Malteser, die sich auch um den behindertengerechten Transfer vom Wohnort zum Abflughafen in Deutschland kümmern. Die Preise beginnen bei 2950 Euro pro Person für 21 Übernachtungen im Doppelzimmer inklusive Transfer, Vollpension, eineinhalb Stunden Grundpflege pro Tag und Ausflügen. Doch Krankenkassen bezuschussen den Pflegeurlaub mit bis zu 1612 Euro.

Mehr als Urlaub

Der große Vorteil der Rhodos-Reise besteht darin, dass das Programm täglich nach individuellen Bedürfnisse zusammengestellt wird, zum Beispiel Therapie für die Patienten, Freizeit für die Angehörigen. "So können die, die jahrelang täglich eingespannt sind, auch mal loslassen", sagt Rebmann. "Der Schwerpunkt liegt auf Urlaub und Betreuung". Ein wichtiger Nebeneffekt für die Angehörigen ist auch, dass sie mit ihrer oft aufopfernden Arbeit nicht alleine sind und mit Menschen sprechen können, die in ähnlich schwierigen Lebenssituationen sind. So hat der Pflegeurlaub neben der therapeutischen auch eine präventive Wirkung.

Am Ende der bisherigen Reisen flossen beim Abschied nach drei Wochen auf Rhodos stets die Tränen - auf beiden Seiten. "Auch die griechischen Betreuer haben geweint", sagt Rebmann. "Die Leute legen eine Herzlichkeit an den Tag, die wir gar nicht mehr gewohnt sind."

 

Die nächsten Reisen sind für Frühjahr 2016 geplant:

vom 5. bis 26. März und vom 7. bis 28 April.

Weitere Infos unter www.pflegeurlaub-rhodos.eu