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Insel in der Ägäis: Auf Ikaria werden viele Menschen über 100 Jahre alt - das ist ihr Geheimnis

Die Menschen auf der griechischen Insel Ikaria werden alt. Sehr alt sogar. Liegt es am Meer, der Luft, dem Olivenöl? Oder an der ansteckenden Gelassenheit der Bewohner? Auf der Suche nach dem Geheimnis ihren langen Lebens.

Von Raphael Geiger

Ikaria "Seychellen"

Die Insulaner, sonst eher bescheiden, nennen diesen Strand auf Ikaria "Seychellen".

Gegen Abend sitzt ein Arzt im Hafencafé. Er hat gerade frei, und wenn er dies lesen könnte, würde er schon widersprechen: gegen Abend? 18 Uhr, würde Ilias Leriadis sagen, sei doch mitten am Nachmittag. Leriadis trinkt einen Orangensaft und schaut seinen Heimatort an, das kleine Fischerdorf Evdilos, dann stellt er ein paar rhetorische Fragen. "Ist das hier ein Ort zum Sterben?", fragt Leriadis. "Ist es nicht einer zum Leben?" Und: "Ich bin gerade 60 geworden. Sieht man es mir an?"

Leriadis erzählt jetzt, was das Leben hier ausmacht, auf seiner Insel, Ikaria, zwischen Mykonos und Samos, mitten in der Ägäis, umgeben von Partyinseln. Ikaria muss vergessen worden sein, irgendwie übersehen in den Plänen der Hotelketten. Den Menschen hier ist es gerade recht so, sagt Leriadis, sie möchten gern vergessen bleiben. "Sie sind ein bisschen anarchisch. Sie mögen keinen Wettbewerb. Sagen Sie einem Ikarioten, er solle morgen zur Arbeit kommen – er wird kommen, aber vielleicht kommt er um zehn, um elf oder um zwölf."

Die Bucht mit Namen Seychellen-Strand

Leriadis zuckt die Schultern, er selbst macht seine Praxis um 9.30 Uhr auf. Das Café nebenan mal um zehn, mal um elf, die Läden genauso. Auffällig auf Ikaria ist die Abwesenheit von Tafeln mit Öffnungszeiten. Die haben es nicht geschafft auf die Insel. Viele Tavernen öffnen gegen Mitternacht, selbst in der Woche, und schließen um drei oder vier Uhr morgens. Oder abends, nach ikariotischer Zeitrechnung.

Die Insel hat alles, sie ist gebirgig und grün, das Wasser türkis und der Sommer zuverlässig viele Monate lang. Man kann in einsamen Buchten baden, eine heißt Seychellen-Strand, man kann surfen gehen und wandern, eine Urlaubsinsel wie gemalt. Vor allem aber kann man sich hier auf die Suche machen nach dem Geheimnis eines langen, zufriedenen Lebens.

Ein Alter von 100 Jahren ist keine Seltenheit

Auf Ikaria werden die Menschen alt, so alt, dass amerikanische Forscher aufmerksam geworden sind. Sie wollen herausfinden, woran es liegt: am Essen aus dem Garten und aus dem Meer, am Olivenöl, am ? An der Luft, an den Genen? Oder an der Gelassenheit, die hier so sehr zelebriert wird, dass man den Mietwagen ohne Kreditkarte und Ausweis bekommt und ihn auch erst bei der Rückgabe bezahlt?

Leriadis' Vater starb "schon mit 88, weil er rauchte", sagt Leriadis, die wurde 94. Verglichen mit den meisten westlichen Ländern werden die Menschen auf Ikaria zehn Jahre älter, Herzinfarkte und Alzheimer sind deutlich weniger verbreitet. "Die Insel, auf der die Menschen vergessen zu sterben", schrieb die "New York Times". Einer von Leriadis' Patienten feierte gerade seinen 100. Geburtstag. Viele sind nah dran an der Dreistelligkeit, und der Arzt ist neugierig, er sammelt Indizien.

Früher, erzählt er, hatte fast jede Familie auf dem Dorf ein Schwein. Zu Weihnachten wurde es geschlachtet, Verwandte und Nachbarn kamen, verarbeiteten das Fleisch und aßen es gleich auf, alle zusammen, mit viel Wein, drei Tage lang. Und dann, fragte Leriadis mal seine Mutter, was habt ihr dann gegessen, ihr wart doch arm? Ach, sagte die Mutter, es fand sich immer etwas im Garten. "So haben sie gelebt", sagt Leriadis, ein bisschen stolz: "Sie haben genossen, ohne ans Morgen zu denken."

Der Freistaat Ikaria

Ikaria, muss man wissen, war fast 400 Jahre lang osmanisch besetzt, da war nicht viel Entwicklung. Anfang des 20. Jahrhunderts ging das Reich dem Ende zu, und die Griechen eroberten immer mehr Gebiete für ihren neuen Staat. Die Ikarioten hatten eine andere Idee, sie nahmen die zwei Dutzend türkischen Soldaten gefangen, unblutig, sahen sich als ihre eigenen Befreier und machten sich unabhängig.

Der Freistaat Ikaria überlebte nur ein paar Monate, aber die Insel blieb immer etwas sehr Eigenes. Im griechischen Bürgerkrieg und in der Militärdiktatur wurden Tausende Kommunisten hierher verbannt. Vielleicht haben sich die Ideen der Verbannten gut vertragen mit der Lebensauffassung der Ikarioten, man mochte sich jedenfalls so sehr, dass Ikaria bis heute "die rote Insel" heißt. Der Bürgermeister ist Mitglied der kommunistischen Partei. Sie ist bei Wahlen immer die stärkste Kraft. Leriadis ging zum Studieren nach Athen und kam freiwillig wieder, so wie viele andere die Insel verließen, aus Armut, und wieder zurückkehrten. Warum die Treue? "Vielleicht", sagt eine Freundin, die sich zu Leriadis setzt, "liegt es daran, dass es hier keine sozialen Klassen gab, keine Reichen, niemand wurde diskriminiert oder ausgebeutet. Deshalb haben die Ausgewanderten keine schlechten Erinnerungen."

Gutes Essen und die Abwesenheit von Stress

Ikaria spürt die Wirtschaftskrise, aber nicht so wie der Rest des Landes – die Ikarioten, die nach Amerika und Australien auswanderten, schicken genug Geld, dass hier neue SUVs herumfahren und die Schulen besser ausgestattet sind als in der Hauptstadt Athen. Alle paar Wochen versammeln sich die Insulaner zu einem Fest, jedes Dorf richtet es zu Ehren seines Schutzheiligen aus, aber immer auch zu Ehren von Dionysos. Der antike Weingott soll hier zur Welt gekommen sein. Es wundert einen nicht. Die Generationen feiern dann, bis die Sonne aufgeht, sie bringen Essen mit, tanzen und drehen die Musik so laut, dass drüben auf Samos die All-inclusive- Touristen nicht einschlafen können.

Das Leben, es ist sehr frei auf Ikaria. Die Menschen hier sind frei. Das Geheimnis des langen Lebens? Eine Kombination aus Bewegung, gutem Essen und der Abwesenheit von Stress und Druck, sagt der Arzt Leriadis zum Schluss, dazu die moderne Medizin. Und vielleicht liege es auch an den Genen, denn die jungen Ikarioten essen auch mal Gyros und Souflaki statt Kräuter aus dem Garten. Ein Glas Wein am Tag, sagt Leriadis dann noch, klar. Vielleicht auch mal anderthalb. 


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