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Liverpool ist obercool

Liverpool hat sich nach Krisenjahrzehnten voller Arbeits- und Hoffnungslosigkeit wieder berappelt. Vor allem dank seiner innovativen Architektur und einzigartigen Musikszene.  Ein Geheimtipp für Städtereisende.

Von Katrin Pribyl, Liverpool

Liverpool Skyline

Die Skyline von Liverpool bei Nacht. Aus der früher heruntergewirtschafteten Arbeiterstadt ist eine der aufregendsten britischen Metropolen geworden.

Der Bus hält an einer scheinbar unscheinbaren Straße, mit dem Motor verstummt auch Paul McCartneys Singstimme, die aus den blechernen Lautsprechern dröhnt: The Magical Mystery Tour is waiting to take... Die "magisch geheimnisvolle" Stadtrundfahrt legt einen Stop ein, nur einen Steinwurf von jenem Ort entfernt, wo Musikgeschichte geschrieben wurde. Die Besuchergruppe hastet durch den Nieselregen zu einem Backsteingebäude, ein Gemeindezentrum im Stadtteil Woolton in Liverpool. Es ist vom Wintergrau überzogen. Der Hausmeister hat gerade abgeschlossen und sperrt doch noch einmal auf. „Das ist kein Museum“, sagt er und zieht wie zur Warnung die Augenbrauen nach oben.

Ohne Beatles geht fast nichts

  Liverpool lebt auch heute noch vom Glanz der Beatles. Eine Plastik von John Lennon vor dem legendären Cavern Club, dem Geburtsort der Beatles.

Liverpool lebt auch heute noch vom Glanz der Beatles. Eine Plastik von John Lennon vor dem legendären Cavern Club, dem Geburtsort der Beatles.


"Ich war hier mindestens schon 100 Mal, aber immer, wenn ich in diesen Raum betrete, denke ich nur: Wow!", seufzt Tony Curley, der Reiseführer, dessen kleine Augen ganz groß werden, wenn er über die Beatles redet. Und das tut er ohne offensichtliche Abnutzungserscheinungen jeden Tag. Auch in jenem Gemeinderaum, wo ein großes Holzkreuz zwischen zwei Mosaikfenstern die Besucher daran erinnert, dass dies vor allem eine Kirche ist. Wo der zerkratzte Parkettboden von tausenden Begegnungen und einer ganz berühmten erzählt. Wo allein Basteleien, Bilder und Berichte als Wandschmuck dienen, die mit Reißnägeln an Tafeln gepinnt wurden. Es ist keine Erinnerungsstätte und doch ein Ort der Erinnerung. Beatles-Fans würden ihn als heiligen Platz bezeichnen, eine Station auf ihrer Pilgerreise. Hier lernte im Juli 1957 ein Schuljunge mit Haartolle und rot-weißem Karohemd einen Teenager kennen, der die Gitarre lässig auf den Rücken gebunden hatte. John Lennon traf auf Paul McCartney. Damals hieß Lennons Band noch "The Quarry Men Skiffle Group" oder kurz "The Quarrymen". Die musikbegeisterten Jugendlichen hatten am Tag darauf, am 6. Juli, einen Auftritt auf dem Gemeindefest. Lennon und McCartney verstanden sich, kurz danach war McCartney Mitglied, sie setzten auf Rock'n Roll, nannten sich die Beatles und mischten mit ihrer Musik die Welt auf.

Auferstanden aus Ruinen...

  Vorbildlicher Städtebau:  In Liverpool wurde der alte Charme von Industrie und Arbeiterviertel mit moderner Architektur verschmolzen.

Vorbildlicher Städtebau:  In Liverpool wurde der alte Charme von Industrie und Arbeiterviertel mit moderner Architektur verschmolzen.


Und Liverpool freut sich bis heute über die berühmten Söhne, in jeglicher Hinsicht. Die frühere Industriestadt im Nordwesten Englands steckte über Jahrzehnte hinweg in der Krise. Der Niedergang des einst blühenden Handelshafens vernichtete etliche Arbeitsplätze, die Werften starben, die Wirtschaft lag am Boden und die Hoffnungslosigkeit hinterließ heruntergekommene Arbeiterviertel. Selbst als Margaret Thatchers Maßnahmen in den 80er Jahren die britische Wirtschaft wieder ankurbeln ließ, stand Liverpool wie ein ausgegrenzter Bengel am Spielfeldrand und musste zusehen, wie die anderen Erfolge einheimsten und florierten. As galt auch für den Tourismus.


Erst Wirtschaftsverstand und der Fokus auf Kultur haben dazu beigetragen, dass sich die mehr als 800 Jahre alte Stadt an der Mersey verwandelt hat von einem trostlosen Ort zu einem attraktiven Touristenziel. Neben britischen Steuergeldern flossen EU-Förderungen, private Investoren siedelten sich an und 2008 durfte sich Liverpool dann Europäische Kulturhauptstadt nennen. Heute bietet die Stadt das zweitgrößte Kunstangebot im Königreich nach London. Preisgekrönte Architekturprojekte, das restaurierte historische Hafenviertel mit dem Albert Dock, das aufgefrischte Stadtzentrum, angesehene Kunstgalerien, Ausstellungen, Festivals und Kulturprojekte sind ein- und haben den Patienten aus der Misere herausgezogen. Liverpool hat sich sozusagen aus dem Nichts auf den sechsten Platz der bei Touristen beliebtesten britischen Städte hochgearbeitet. Nur die Touri-Schwergewichte wie zum Beispiel London und Edinburgh liegen im Rang vorne.

  Eine Stadtrundfahrt durch Liverpool ist ohne die Penny Lane nicht möglich. 

Eine Stadtrundfahrt durch Liverpool ist ohne die Penny Lane nicht möglich. 


Noch immer zeugen zahlreiche Kräne und Bagger von der Aufbruchstimmung. „Liverpool war wie ein verborgener Schatz“, sagt James Wood von der Initiative Marketing Liverpool. Die Beatles und Fußball – die traditionsreichen Fußballvereine FC Liverpool und FC Everton spielen in der Premier League – seien die Hauptgründe für Besucherströme. „Wir setzen stark auf die Beatles, auch wenn hier noch viel mehr zu sehen ist“, sagt Wood. „Wir haben eine Wiedergeburt des Tourismus erlebt.“ Bei deutschen Fußballfans dürfte die Stadt spätestens seit der Verpflichtung von Jürgen Klopp als Trainer des FC Liverpool ein Begriff sein. Das Zugpferd der Stadt bleiben „The Beatles“. Der 61-jährige Reiseführer Tony Curley hat die Entwicklung mitbekommen: „Eine Zeitlang wurden auch die Beatles nicht mehr so geschätzt.“ Diese Phase falle zeitlich mit dem Niedergang Liverpools zusammen. Jetzt aber sind sie wieder omnipräsent, die „Fab Four“ bringen Geld in die Stadt. Liverpool verdient jedes Jahr umgerechnet rund 90 Millionen Euro direkt durch die berühmten Pilzköpfe – allein aus T-Shirt-Verkäufen, Touren oder Ausstellungen, die Musik herausgerechnet, berichtet Martin King, Chef des Museums „The Beatles Story“. „Das hat enorme wirtschaftliche Auswirkungen.“ Also wird das Musikerbe weiter geschröpft. 38 Prozent aller Gäste kamen 2014 aus dem Ausland, Länder wie China und Brasilien gehören zu den wachsenden Märkten.

Liverpool spielt in vielen Filmen mit

Mittlerweile gelten die Gebäude Liverpools als beliebte Filmschauplätze, Banken und Finanzinstitute siedelten sich an und das Hotel- und Gastronomiegewerbe zog ebenfalls nach. Kaum überraschend gibt es mittlerweile mit dem Hard Days Night Hotel auch eine von den Beatles inspirierte Bleibe, in der McCartney oder Ringo Starr zwar nie übernachtet haben. Dafür sieht der Mann an der Rezeption mit seiner Topffrisur und der violetten Krawatte aus als sei er den 60er Jahren entsprungen.

Zurück im Bus, die "Magical Mystery Tour" in Anlehnung an das berühmte Album geht weiter, Zeit ist nicht zu verlieren. Zu viele Beatles-Überreste und -Orte sind abzuklappern, die Touristen haben ihre Finger stets am Auslöser ihrer Kameras. „Ist das nicht Penny Lane?“ Klick, klick. Der berühmte Friseur aus dem Lied lud hier zum Pilzhaarschnitt ein, John Lennon und George Harrison gingen in der Straße zur Schule, Paul McCartney sang nur unweit in der Kirche im Chor. In Penny Lane there is a barber showing photographs schallt es durch den Bus. Er keucht durch typisch britische Straßenzüge mit verwechselbaren Reihenhäusern und biegt nach rechts ab, vorbei am Elternhaus von Lennon, wo das Holztor geschlossen ist und früher ständig hunderte Fans herumlungerten. Klick, klick.

  Ein Wallfahrtsort für Beatles-Jünger: das Elternhaus von John Lennon

Ein Wallfahrtsort für Beatles-Jünger: das Elternhaus von John Lennon


Der Bus passiert nicht legendäre und legendäre Plätze, die die Musiker inspiriert haben, ehemalige Wohnhäuser und das verschnörkelte rote Tor Strawberry Fields in der Beaconsfield Road, hinter dem sich früher ein Waisenhaus befand. Wenn es nicht bereits zuvor geschehen ist, gehen die Musikfans dann ins Museum „The Beatles Story“, wo Erinnerungsstücke, Anekdoten, Fotos, Poster und originale TV-Aufnahmen die Geschichte der „Fab Four“ beschreiben. Immer wieder tauchen die Besucher mithilfe verschiedener Stationen in die Welt der Rockband ab, am Ende des Rundgangs stehen sie oft weinend und schluchzend vor dem „weißen Raum“, in Erinnerung an John Lennon. Im Hintergrund läuft "Imagine". Hält der gemeine Fan noch mehr Emotionen aus?


Die Beatles sind Liverpool. Liverpool ist auch die Beatles. Deshalb wurde in der Mathew Street Nr. 10 mit dem Cavern Club ein legendärer Musikschuppen wiederaufgebaut. Hier schmetterten die vier ihre ersten Hits. Dann Schließung. Abriss. Die Entwicklung passte in die Zeit. Mit einigen der, natürlich, originalen Steinen öffnete der Rock-'n'-Roll-Club in den 80er Jahren wieder und heute dürfen mitunter die besten Coverbands der Beatles auf die Bühne. Es versteht sich von selbst, dass die Meute bei „Hey Jude“ oder „She loves you“ mitgrölt. Der Ohrwurm ist das klassische Souvenir eines Besuchs in Liverpool - ob man will oder nicht.

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