Wo jedes Wesen eine Seele hat

Der Hinduismus kennt keine feste Doktrin. Den Indern gilt der Glaube als eine den Alltag bestimmende Lebenseinstellung: Alles ist göttlich - eine Einführung in den Kosmos der schillernden Gottheiten. Von Swantje Strieder

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Geburtstsfeier für Ganesha in Mumbai: Elefantengötter werden dem Indischen Ozean übergeben©

Ganpati bappa, Ganpati bappa", geliebter Vater Ganesha, singen zwei Dutzend ausgelassene Männer, bevor sie eine mannshohe knallbunte Gipsstatue mit den Zügen eines lächelnden Elefanten ins Meer tragen und platschend den Wellen übergeben. Der Strand der 19-Millionen-Metropole Mumbai ist schwarz von Menschen, die tanzen, trommeln und singen.

Jedes Jahr im September, wenn der Monsun zu Ende geht, feiert die Megastadt, die früher Bombay hieß, den Geburtstag des Elefantengottes. Zehn Tage lang. Dann werden die 60.000 geschmückten Gipselefanten von fromm-fröhlichen Hindus im Indischen Ozean versenkt, obwohl sie mit den feierlichen Umzügen das Geschäftsleben der Finanzmetropole lahmlegen, deren Schutzpatron er ist. Ganesha steht nämlich für Klugheit, Geld und geschäftlichen Erfolg, gerade im Zeitalter der Globalisierung. Dabei spielt der kleine Dicke mit dem Elefantenkopf im Kosmos der hunderttausend Hindugötter und ihrer unzähligen Reinkarnationen nur eine Nebenrolle.

Die Superhelden Vishnu und Shiva

In Kolkata, dem ehemaligen Kalkutta, wird seine sonst eher sanftmütige Mutter, die Göttin Parvati, als unbesiegbare Durga oder als grausame Kali, die eine Kette von Totenschädeln um den Hals trägt, verehrt. Brahma ist zwar der Schöpfergott in den jahrtausendalten Veden. Doch die Megastars am heutigen Götterhimmel sind Vishnu, der gütige Weltenerhalter, der meist mit seiner Frau Lakshmi, der Göttin des Glücks, auf der Schlange der Ewigkeit meditierend im Ozean schaukelt, während Ganeshas aufbrausender Vater Shiva den Part des Weltenzerstörers gibt.

In seinen vielen göttlichen Nebenjobs ist Shiva außerdem der Gott des Tanzes, der die Welt in einem rasenden Feuerrad zerstört und wieder errichtet, aber auch der virile Gott der Fruchtbarkeit. Sein Phallus, das Lingam, wird zusammen mit dem weiblichen Geschlechtsteil, der Yoni, in unzähligen Tempeln Indiens verehrt. Vishnu und Shiva sind auch die Superhelden in den farbigen Hindu-Epen "Mahabharata" und "Ramayana", die als verlängerte Botschaft der Götter gelten, und die nicht nur als Buch, sondern als Comic-Heftchen von Schülern konsumiert werden oder als Bollywoodsoap im Fernsehen Quoten machen.

Glaube im Zeitalter der Globalisierung

Es gibt über 900 Millionen Hindus, wenn man die unterschiedlichen Glaubensrichtungen von Jainas und Sikhs dazuzählt. In der ältesten, farbigsten und wohl auch verwirrendsten Weltreligion hat vieles Übermaß: Es gibt Millionen Hindugötter, Tausende von Kasten und Unterkasten, Hunderte Sprachen und Dialekte. Der Hinduismus ist eher ein schimmerndes Kaleidoskop, er hat keinen festen Gottesplan wie Islam, Judentum oder Christentum. Er kennt auch keinen Religionsstifter, keine Kirche, kein geistliches Oberhaupt, keine Taufe und keine Missionierung des Einzelnen.

Das Göttliche ist in allen Dingen. Gott, die Schöpfung und der Mensch sind keine getrennten Kategorien. Jedes Wesen, ob Mensch und Tier, ob Baum, Fluss oder Stein, hat eine eigene Seele. Die meisten Hindus sind gegenüber anderen Religionen sehr tolerant, Missionierung ist ihnen fremd. "Deshalb bete ich für einen Christen oder Muslim", so Mahatma Gandhi, "dass er ein besserer Christ oder Muslim werde." Ein erstaunlich tolerantes Bekenntnis.

Hindus denken in Kreisläufen

Eines haben die sonst so verschiedenen Religionen wie Hinduismus und Islam gemeinsam: Sie sind auf das Engste mit dem Alltag verwoben. Bei den Hindus findet kein Börsengeschäft, keine Hochzeit, keine Jobsuche oder gar ein politisches Abkommen mit einem anderen Land statt, ohne dass die Akteure zuvor die Astrologen oder den Guru befragen. Das neue Auto oder die kleine Wohnung werden von einem Priester mit ein paar ausgedrückten Zitrusfrüchten geweiht. Selbst die in Lumpen gehüllte Bettlerin an Mumbais Victoria Station segnet den Wohltäter, der ihr ein paar Rupien schenkt, und vergisst nicht, sich bei Ganesha artig zu bedanken.

Alles ist vergänglich, alles kehrt auch wieder. Werden und Vergehen, Leben und Tod sind Teil des ewigen natürlichen Kreislaufs. "Wer immer Gutes tut, wird gut. Wer immer Schlechtes tut, wird schlecht", heißt es in den alten Schriften. Wenn der Mensch die Früchte seines Tuns geerntet hat, kehrt er wieder auf die Welt zurück, vielleicht als Latrinenputzer, vielleicht als Brahmane, vielleicht aber auch als Ameise. Deshalb bringen Hindus der Schöpfung auch so viel Respekt entgegen: Die Ratte im Hinterhof oder der Papagei, der im grünen Baum vor dem offenen Fenster schaukelt, könnten die eigene Großmutter sein. Der Mensch kann diesem leidvollen Kreislauf nur durch gute Lebensführung entrinnen, durch Askese, durch Yoga und Meditation - und durch Liebe zu den Göttern.

Bestnoten durch Gebete

Es sind Götter zum Anfassen, die Rat und Trost spenden und mit denen man als guter Hindu täglich mit einer Puja, einer kleinen Zeremonie, Kontakt aufnimmt, wie zum Beispiel Mangala Swami, eine Angestellte der Fluggesellschaft Air India. Frühmorgens vor der Arbeit singt die schmale Frau im lila Sari dreimal die Sanskrit-Silbe Om, zündet ein Räucherstäbchen an und stellt süße Kokoskuchen für die Götter vor den Hausaltar in ihrer adretten Zwei-Zimmer-Wohnung. Das Leben war nicht immer nett zu der 59-jährigen Hindu-Witwe. Ihre Mutter starb früh, da musste Mangala arbeiten, um die Ausbildung und Mitgift für ihre drei jüngeren Schwestern zu verdienen. Zum Dank wurde sie von der Familie verstoßen, weil sie es wagte, als Brahmanin einen tüchtigen Air-India-Kollegen aus der Kaste der Dalits, der Unberührbaren, zu heiraten. "Er starb an Stress und Herzinfarkt", sagt Frau Swamy mit belegter Stimme, während sie das Schwarzweißfoto des Verstorbenen mit Blumen schmückt und mit gefalteten Handflächen vor der Stirn in einem kurzen Gebet verharrt.

Nun windet sie eine frische Girlande von goldgelben Kalendulablüten um den kleinen Hausaltar, denn nur mithilfe der Götter, so glaubt sie, hat sie es geschafft, Sohn und Tochter auf gute Schulen und auf noch bessere Universitäten zu schicken. Von wegen Fatalismus der Religion, die Götter hätten sie geradezu beflügelt, das schier Unmögliche zu schaffen.

Deshalb feiert Frau Swamy nicht nur daheim ihre tägliche kleine Puja, sondern geht in ihrer freien Zeit in den Tempel - und, damit die Götter noch eins drauflegen, vor jedem Examen ihrer Sprösslinge auf tagelange anstrengende Pilgerschaft durchs ganze Land. Stundenlang ist sie mit dem klapprigen übervollen Bus unterwegs, um im Schrein von Shirdi zum beliebten Guru Sai Baba zu beten, dass ihre Kinder gut lernen und nicht versagen mögen. Bisher hat es der glatzköpfige Heilige jedes Mal gerichtet: Sohn Sai Kumar arbeitet bereits in einem der hoch begehrten Jobs als Informatiker, Tochter Megha bestand im Mai ihren Master an einer amerikanischen Elite-Universität mit Bestnoten.

 
 
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