Deutsche Banken sind auf der Jagd nach neuen Schuldnern. Auch wer längst nicht mehr zahlen kann, wird zu weiteren Krediten überredet - zu haarsträubenden Konditionen. Von Tobias Zick

Viele Banker stehen so unter Druck, dass sie statt Kunden nur noch Geldbörsen sehen© Stefan Jäggi
Nein, ich will nicht zu Ihnen in die Filiale kommen, sagte sie dem Anrufer von der Citibank, und selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht, ich liege nämlich mit einem operierten Knie zu Hause.
Kein Problem, antwortete der Anrufer, dann kommt unsere Mitarbeiterin eben zu Ihnen. Ich will keinen höheren Kredit, sagte Katrin Germer* dann immer wieder zu der Fremden, die an ihrem Esstisch saß, doch die ließ nicht locker: Wer weiß, wann Ihr Knie wieder verheilt ist, wie lange Sie noch arbeitsunfähig sind? Wenn Sie erst ins Krankengeld rutschen, gibt Ihnen keine Bank mehr einen Kredit. "Da hatte sie mich an einem wunden Punkt erwischt", sagt Katrin Germer. Sie unterschrieb einen Vertrag, mit dem sie ihren Kredit von 8000 Euro auf 14.970,34 Euro aufstockte. "Eigentlich hätte ich spätestens da aufwachen müssen", sagt sie.
Den Vertrag über die nächste Erhöhung auf 19.729,61 Euro unterschrieb sie auf dem Parkplatz vor ihrem Büro. "Die Frau von der Bank hat mir regelrecht nachgestellt", erinnert sich Katrin Germer. Sie sind im Dispo, hatte die immer wieder am Telefon gesagt, lassen Sie uns das in einen neuen Kredit umwandeln, das ist günstiger. Neunzig Euro mehr im Monat, das schaffen Sie doch, Frau Germer, oder? Mit den neunzig Euro mehr war sie mittlerweile bei einer Monatsrate von 432 Euro. Abzüglich Miete blieben ihr so von ihrem Gehalt nicht einmal mehr 200 Euro im Monat zum Leben. "Mir ist erst nach und nach so richtig klar geworden, auf was ich mich da eingelassen hatte", sagt sie heute. Aus der neuen Kreditsumme von 19.729,61 Euro war mit Zinsen, Bearbeitungsgebühr und Versicherung ein Gesamtschuldenbetrag von 35.388,38 Euro geworden.
Mittlerweile hat sie ihren Job verloren, bekommt Arbeitslosengeld. "Wenn nicht noch ein Wunder geschieht", sagt Katrin Germer, "werde ich wohl Privatinsolvenz anmelden müssen."
Es wird immer leichter, an Kredite zu kommen - und sich damit hoffnungslos zu verschulden. Oft beginnt es mit einem Brief, in dem in wechselnder Konstellation Schlagwörter wie "Spielraum", "Träume" und "erfüllen" stehen; meist kombiniert mit Attributen wie "sofort", "unbürokratisch", "flexibel" oder "fair". Irgendwo prangt eine Zahl wie beispielsweise "4,58 Prozent", mit Sternchen, unten steht vielleicht irgendwo das Wort "bonitätsabhängig", ein unauffälliges Detail, das sich später als folgenreich entpuppen kann. Absender solcher Briefe sind nicht Kredithaie aus dem Bahnhofsviertel, sondern namhafte deutsche oder internationale Banken. Zum Beispiel Citibank, TeamBank, Dresdner Bank Direct 24. Was spricht dagegen, denkt man, mal hinzugehen und sich anzuhören, was der Berater so erzählt.
"Die Leute werden immer mehr mit Kreditangeboten zugemüllt", sagt Kerstin Föller, Kreditexpertin der Hamburger Verbraucherzentrale, "in der Folge sinkt die Hemmschwelle, einen Kredit aufzunehmen. Und im Beratungsgespräch werden die Leute oft regelrecht blödgequatscht."
Jeder zehnte Erwachsene in Deutschland gilt heute bereits als überschuldet, kann also den Zahlungsforderungen seiner Gläubiger nicht mehr nachkommen. Und darunter sind immer mehr junge Erwachsene. Wer alles auf überhöhte Klingeltonrechnungen und leichtsinnige Ratenkäufe schiebt, macht es sich zu einfach. Unter den 20- bis 30-Jährigen liegt nur bei etwa jedem fünften Fall die Hauptursache im Konsumverhalten, schätzt Michael Knobloch vom Institut für Finanzdienstleistungen in Hamburg: "Überschuldung trifft vor allem die, die von vorneherein schon arm sind. Fast achtzig Prozent der Betroffenen haben weniger als 1000 Euro im Monat." Einer der größten Risikofaktoren ist Arbeitslosigkeit: Wer seinen Job verliert und deswegen alle Reserven aufbrauchen muss, den können schon kleine Zwischenfälle in Not bringen. Muss die Waschmaschine repariert werden, fehlt das Geld für eine Kreditrate, die genau in die monatliche Einnahmen-Ausgaben-Rechnung eingepasst war. Wer zweimal mit seinen Ratenzahlungen im Rückstand ist, dem kann die Bank den Kredit kündigen - dann wird die gesamte Summe auf einen Schlag fällig, und es bleibt oft nur noch die Privatinsolvenz. "Die Leute müssen von der Hand in den Mund leben", sagt Michael Knobloch, "das ist es, was sie verwundbar macht. Die Forderung nach erzieherischen Maßnahmen greift da zu kurz."
Der Bundesverband deutscher Banken etwa fordert immer wieder, das Thema Finanzen schon im Schulunterricht zu verankern. In der Tat wissen viele junge Menschen nicht, was eine Restschuldversicherung ist, was einen Nominal- von einem Effektivzins unterscheidet. Doch oft sind es Banken selbst, die ihre Kunden in eine Schuldenspirale treiben. "Die Ursachen von Überschuldung sind vielschichtig", sagt Michael Knobloch, "aber klar ist: Wenn es viele Anbieter gibt, die aggressiv Kredite in den Markt drücken, dann gibt es auch mehr Überschuldung."
In einem Schuldnerforum im Internet berichtet Steffi Winter*, sie habe ihr Studium mit einem schmalen Einkommen aus Bafög und Kindergeld begonnen und sei entsprechend froh gewesen, als sie erfuhr, dass es eine spezielle "Barclaycard for Students" gibt - Werbespruch: "Das Leben ist zu kurz, um pleite zu sein." Mittlerweile komme sie mit dem Abzahlen ihrer Schulden nicht mehr nach: Die Bank habe ihr den Kreditrahmen von sich aus immer weiter erhöht.
Die Barclays Bank erklärt hierzu gegenüber Neon, die Entscheidung, ob und in welcher Höhe das Limit erhöht werde, falle aufgrund verschiedener "Verhaltensparameter". Weiter heißt es in der Stellungnahme: "Wir informieren unsere Kunden über eine Kreditlimiterhöhung schriftlich und gewähren ihnen ein Widerspruchsrecht von sechs Wochen. Darüber hinaus haben unsere Kunden immer die Möglichkeit, ihr Kreditlimit abzusenken."
Steffi Winter hingegen hat den Rahmen ausgeschöpft. Kreditkarten wie ihre funktionieren nach dem "Revolving"-Prinzip: Da wird nicht monatlich automatisch der Gesamtbetrag vom Girokonto abgebucht, sondern nur ein kleiner Anteil wie etwa drei Prozent davon; der Rest wird in einen Kredit mit beispielsweise 18,99 Prozent Zinsen umgewandelt.
In den USA sind solche "echten" Kreditkarten längst gang und gäbe. Auch in Deutschland bieten heute immer mehr Banken sie an: Wer vermeiden will, dass er jedes Mal, wenn er mit der Karte zahlt, automatisch einen langfristigen Kredit aufnimmt, muss den monatlichen Gesamtbetrag regelmäßig immer wieder von sich aus auf das Kartenkonto überweisen.
"Die Banken bauen auf die Trägheit der Kunden", warnt die Verbraucherzentrale NRW. "Und solche Angebote richten sich an eine Zielgruppe, die ohnehin gefährdet ist: Die Revolving-Kreditkarte setzt an, wenn der Dispo auf dem normalen Konto schon ausgeschöpft wurde." Die Barclays Bank widerspricht dem nicht ausdrücklich: "In der Regel erhält nur derjenige Kunde eine Kreditlimiterhöhung, der eine gewisse Inanspruchnahme und Auslastung seines bisherigen Kontos vorweist. (…) In dem geschilderten Beispiel muss also bereits eine sehr lange und einwandfreie Kundenbeziehung vorgelegen haben."
Sicher, jeder hat sein Schicksal selbst in der Hand. Doch manche Banken machen es ihren Kunden nicht leicht, den Überblick zu behalten: Vielen wird erst im Nachhinein klar, dass etwa der tatsächliche Zinssatz, auf den sie sich eingelassen haben, um mehr als das Doppelte über dem Durchschnittszins liegt - oder dass sie auch eine extrem teure "Restschuldversicherung" abgeschlossen haben: Die soll einspringen, wenn der Kunde - etwa wegen Arbeitslosigkeit, Arbeitsunfähigkeit oder Tod - seine Raten nicht mehr zahlen kann. "In manchen Fällen ist die Prämie für diese Versicherung so hoch, dass sie die Kreditrate erheblich verteuert", sagt die Bremer Verbraucheranwältin Birte Eckardt. "Und in vielen Fällen ist sie für den Verbraucher völlig sinnlos."
* Name von der Redaktion geändert
Gefunden in ... ...der NEON.