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Derneburg: Ein Schloss fürs Öl

100 Millionen Dollar Bonuszahlungen forderte der Rohstoffhändler Andrew Hall, und das mitten in der Finanzkrise. Aber eigentlich interessiert er sich nur für Kunst, vor allem wenn sie aus Deutschland kommt. Für seine Sammlung hat er das Schloss des Malers Georg Baselitz bei Hildesheim gekauft.

Von Anja Lösel

Am Schlosstor steht Eva-Sabine Hänsel im weißen Sommerkleid und guckt betrübt in einen frisch aufgebuddelten Graben: das Telefon ist kaputt. So ist das hier in Derneburg: alles alt, marode, überholungsbedürftig.

Sie ist hier die stellvertretende Schlossherrin. Würde sie natürlich nie so sagen, dazu ist sie viel zu bescheiden. Die wahren Schlossherren, Andrew und Christine Hall sitzen in Southport, Connecticut. Sie haben ihr den Titel "Managing Director" verliehen, aber auch der ist Eva-Sabine Hänsel ein bisschen peinlich. "Ich vertrete die Halls", sagt sie, "kümmere mich und fühle mich für alles verantwortlich, was in Derneburg passiert."

Und das ist eine ganze Menge. Denn der Künstler Georg Baselitz, von dem die Halls Derneburg vor drei Jahren kauften, hat zwar "genial mit dem Schloss gelebt", viele Räume aber einfach dem Zahn der Zeit überlassen.

Private Sammlung umfasst 4000 Arbeiten

Andrew Hall verdient sein Geld als Rohstoffhändler mit der Firma Phibro, die zur Citibank gehört, im Gegensatz zur Bank aber stets hohe Gewinne eingefahren hat. Inzwischen gibt er die Millionen, die er dort verdient, zum großen Teil für seine private Sammlung aus, die inzwischen 4000 Arbeiten umfasst. Und natürlich für das Schloss, das einmal "eine Heimat für die Kunst" werden soll.

Christine und Andrew Hall sind Perfektionisten. Wenn schon Schloss, dann muss es von Grund auf renoviert werden. Und weil sie gebürtige Engländer sind, fingen sie mit dem Park an, der zu Baselitzens Zeit charmant verwildert war. Statt feuchter Wiesen, über die der Künstler gern mit Gummistiefeln stapfte, gibt es nun englischen Rasen und weiße Kieswege, die Besuchern nasse Füße ersparen. Alle wild gewucherten Büsche mussten weichen, scharfe Hangkanten aus Stein und makellose Rosenrabatten grenzen den Garten ein.

32 Jahre wohnte Baselitz hier

Dann kam das Schloss dran. Eigentlich sieht es eher wie eine Trutzburg aus: mit Turm und Rittersaal, schweren Holzbalken und bunten Glasfenstern, Kreuzgang, Klosterzellen und sehr dicken Sandsteinmauern. Die ältesten Teile sind fast tausend Jahre alt. Bis 1975 wohnte die Adelsfamilie Münster hier, danach 32 Jahre lang der Künstler Georg Baselitz.

Als er hier noch seine großformatigen Bilder malte, in denen immer alles auf dem Kopf steht, wachten zwei grimmige englische Mastiff-Hunde darüber, dass kein Fremder das Gelände betrat und auch keiner aus dem kleinen Dorf Holle, zu dem Schloss Derneburg gehört.

Jetzt soll alles anders werden, das Schloss wird sich öffnen für Kunstfreunde, vielleicht schon im nächsten Frühjahr, so genau weiß das keiner, denn noch wird renoviert, und zwar heftig.

Es ist eine Mammutaufgabe: Drei Etagen, insgesamt 9000 Quadratmeter. Sehr aufwendig, sehr sorgfältig wird alles wieder hergestellt. Und weil das viel Dreck macht, kommen die Halls zurzeit nicht so gern nach Derneburg. Von den Gemälden kleben bisher nur Fotokopien im DIN A4-Format an der Wand. So probiert Andrew Hall aus, wo der richtige Platz für jedes einzelne Bild sein könnte. Hänsel: "Bevor die Kunst kommt, muss der Baudreck weg sein. Aber das zieht sich in die Länge. Irgendwas passiert ja immer."

Gleich am Anfang, da war Eva-Sabine Hänsel noch gar nicht im Schloss, machte Andrew Hall sich unbeliebt bei der Denkmalbehörde. Weil es im Kreuzgang feucht und schimmelig war, hob sein Bauunternehmer die Steine an. Darunter kamen 40 Gräber zu Tage. Natürlich gab es Baustopp, dazu drohte eine hohe Geldstrafe. "Wochenlang sind wir im Storchengang über die offenen Gräber mit den Knochen- und Sargresten balanciert."

Inzwischen sind alle wieder versöhnt. Dass einer sich so für das Schloss engagiert, finden jetzt alle super - vom Denkmalpfleger bis zum Bürgermeister. Das Land Niedersachen, dem Baselitz Sammlung und Schloss angeboten hatte, hätte da niemals mithalten können

In manchen Böden war der Holzwurm

Aber auch Hall musste inzwischen erkennen, dass Derneburg "ein Fass ohne Boden" ist, in das er noch viel mehr als die rund 2,5 Millionen stecken wird, die er bereits dafür bezahlt hat. Jedenfalls wenn es so perfekt werden soll, wie es ihm und seiner Frau vorschwebt. "Wenn man hier einen Riss ausbessert und eine Wand streicht, fällt einem meistens eine Menge Putz entgegen", sagt Hänsel. In manchen Böden war der Holzwurm, eine Veranda musste komplett abgetragen und renoviert werden, weil der Fuß der hölzernen Stützen nur noch Holzmehl war.

Da gibt es grandiose, aber schwer beschädigte Parkettböden mit Einlegearbeiten. Wertvolle, aber stumpf graubraune Struktur-Tapeten, die golden glänzen werden, wenn sie denn mal gereinigt sind. Eine kleine Kapelle mit verschlissenem Betschemel, auf dem eine der früheren Gräfinnen ihrer Andachten hielt.

Viele Räume wurden von Baselitz nicht genutzt und sind jetzt feucht und schimmelig. In anderen standen schwere Tischlermaschinen und verschrammten das Parkett, große Blumenkübel durchfeuchteten einige Böden. Auch die Schloss-Fassaden müssen renoviert werden. Aus den Zinnen der Türme wächst Unkraut. "Und so geht das immer weiter", sagt Hänsel. "Da lauern noch jede Menge Überraschungen."

Um als Museum funktionieren zu können, braucht das Haus Bewegungsmelder, Brandschutztüren und eine Alarmanlage - schließlich soll es ja die wertvolle Kunst-Sammlung beherbergen.

Schon fertig renoviert ist der riesige Kreuzgang, die Klosterzellen wurden zu kleinen, feinen Ausstellungsräumen. Fertig auch das imposante, steinerne Treppenhaus und die großen Ausstellungsräume im zweiten Stock.

In einem Eckzimmer hat Andrew Hall sich eine Art Folterkammer einrichten lassen: Vier Maschinen stehen bereit fürs einstündige Workout, das er jeden Morgen braucht. Immer. Egal wo er ist. Vielleicht kämpft er da den Ärger darüber nieder, dass nicht alle schätzen, was er in Derneburg tut.

"Die Leute sollten sich freuen! Aber statt zu sagen, wie toll das ist, was er macht, mäkeln sie nur herum. Reiner Sozialneid", glaubt Hänsel. "Andrew Hall hat dieses Geld verdient, weil er genial ist. Genauso gut hätte er alles für sich selbst verbraten können."

Sie jedenfalls schätzt ihn und ist ihm eine perfekte Verwalterin. Als ein Arbeiter kommt und anbietet, zum Stundenlohn von 35 Euro einen Kollegen aufzutreiben, der ein paar Steine abträgt, lehnt sie ab: zu teuer. "Ich verhandle sehr hart. Meine Aufgabe ist es, Hall zu schützen vor unmäßigen Forderungen. Es kommt auf jeden Euro an. Man muss wissen, wann man sparsam und wann großzügig zu sein hat."

Eigentlich hatte Hall nur Baselitz’ Sammlung kaufen wollen: mit eigenen Bildern und Werken von Kiefer, Lüpertz, Immendorff, Penck und anderen. Als er von seinem New Yorker Galeristen Leo König erfuhr, dass auch das Schloss zu haben ist, schlug er zu. Hänsel: "Er suchte eine Heimat für seine Kunstsammlung. Andere lassen sich vom Staat ein Museum bauen. Er sieht Derneburg, das zukünftige private Museum, als nachhaltige Lebensaufgabe, als etwas Bleibendes, was ihn und die Nachwelt freuen soll."

Die erste Ausstellung machte er hier schon 2007 mit Bildern und Skulpturen von Julian Schnabel. "Weil das ein Künstler ist, der Baselitz nicht ärgert. Das war Halls wichtig."

Georg Baselitz ist nämlich immer noch präsent in Derneburg, seine Spuren sind überall: Farbkleckse auf dem Boden, Skizzen an den Wänden, die Hunderttausende wert wären, könnte man sie ablösen und auf eine Auktion geben. Sie dürfen bleiben und werden mit Glas geschützt.

Die Halls schätzen Unordnung nicht

In der alten Schlossküche hat Baselitz Pferde und einen doppelköpfigen Adler an die Wand skizziert. Das imposante Winteratelier riecht noch nach seinen Farben, überall am Boden sind dekorative Kleckse. Eva-Sabine Hänsel würde die gern erhalten, aber die Halls schätzen solche Unordnung nicht, der Boden soll sauber sein, wenn hier irgendwann ein Auditorium sein wird und Publikum aus aller Welt Lesungen und Vorträgen lauscht.

Warum tut Andrew Hall das alles? "Er will der Nachwelt etwas Nachhaltiges hinterlassen", glaubt Hänsel. "Irgendwann hat er sich überlegt: Was mache ich mit meinem Geld? Die Kunst wurde zu seinem Lebensinhalt, sie bereitet ihm ein Riesenvergnügen." Derneburg als Denkmal für Andrew Hall? "Nein. Auf keinen Fall. Er sieht das hier eher als soziale Aufgabe."

Er hat die gemeinnützige Stiftung Schloss Derneburg GmbH gegründet, im Stiftungsbeirat sitzen Eske Nannen und Kasper König, Vater des Galeristen Leo König, der den ganzen Deal eingefädelt hat, dazu diverse Museumsdirektoren und Kunstexperten. "Die meisten sind Freunde von mir", sagt Hänsel. Es geht auch darum, Geld zu sparen und die Kunst steuerfrei nach Deutschland einzuführen. Im Augenblick ruhen die Schätze nämlich in Lagern in Zürich und New Jersey.

Irgendwann, vielleicht im Frühjahr, werden die ersten Besucher kommen: nur auf Anmeldung und mit Führung. "Drei Stunden wird das dauern und bestimmt anstrengend und auch mal unbequem sein. Das ist nichts für Leute, die nicht ernsthaft an Kunst interessiert sind." Auch Eva-Sabine Hänsel wird ab und zu führen, schließlich hat sie mal Kunstgeschichte studiert, wenn auch nur im Nebenfach. "Ich identifiziere mich total mit diesem Projekt."

Sie schließt die Tür des Kreuzgangs auf und führt ins Freie. Ihre Tochter Viktoria, die Jüngste von vier Kindern, pflückt grade Kräuter fürs Abendessen. Gucken sie mal. Hier war der Reitplatz. Hier sind die Schafställe. Auch die landwirtschaftlichen Gebäude, die sogenannte Domäne, hat Hall nämlich gekauft, für 800.000 Euro: Scheunen, Ställe, ein paar schlichte Wohnhäuser. All das soll zu Ausstellungsräumen und Künstlerateliers ausgebaut werden. Eine gigantische Aufgabe, für die man sehr viel Geld braucht und einen langen Atem.

Eva-Sabine Hänsel sieht alles nur als Übergangssituation, eigentlich will sie sich um die Kunst kümmern. Aber der Übergang kann noch lang dauern. Sehr lang.