HOME

Georg Baselitz: "Ich bin elend, kotzig, miserabel"

Eigenwillig und starrköpfig war der Maler Georg Baselitz schon immer. Spätestens seit er alle seine Bilder auf den Kopf stellte, ist er ein hoch bezahlter Star. Die Abrechnung mit seiner DDR-Vergangenheit wagte er trotzdem erst jetzt, kurz vor seinem 70. Geburtstag.

Von Anja Lösel

"Russenbilder" nennt Georg Baselitz seine späte Rache am Sozialismus. Es ist eine süße und sehr unterhaltsame Rache, die da in Hamburg zu sehen ist, bunt, locker und leicht. "Lenin auf der Tribüne", "Jugendliche in der Kolchose", "Lenin in Smolny" heißen die Originalbilder, denen Baselitz sie nachempfunden hat. "Der angeblich so tote Sozialistische Realismus hat viele Bilder hinterlassen", sagt er. "Die meisten kennt man im Westen nicht. Aber ich bin mit diesen Bildern groß geworden." Nun macht er sich lustig über die starren Helden, bläst sie auf, bedeckt sie mit bunten Punkten und stellt sie - natürlich - auf den Kopf. "Eine Aufarbeitung meiner Lebensgeschichte."

Der gesellschaftspolitisch Unreife

Früher hieß Baselitz mal Hans-Georg Kern und lebte in Sachsen. Den Künstlernamen lieh er sich von seinem Heimatort Deutschbaselitz. "Meine Kindheit und Jugend waren von der Zeitschriften- und Schulbücherwelt des sozialistischen Realismus geprägt", erinnert er sich. Zunächst fand er das prima und wollte dazu gehören zu dieser DDR-Welt. Aber dann kam alles ganz anders. Weil Baselitz sich an der Ostberliner Kunsthochschule lieber mit Picasso beschäftigte, als mit seiner Klasse ein Industriekombinat zu besuchen, wurde er gefeuert - wegen "gesellschaftspolitischer Unreife". Da war er 18. Und fuhr kurzerhand mit der S-Bahn in den Westen. Seitdem hasste er die DDR. 1977 zog er sogar seine Bilder von der Kasseler documenta zurück, weil dort Künstler aus Ostdeutschland ausstellen sollten - für ihn alles nur "Arschlöcher".

Mit "Ferkeleien" berühmt geworden

Längst Vergangenheit. Heute stiefelt Baselitz in gelben Hosen und orangebraunem Jackett durch die Hamburger Deichtorhallen, lässt sich feiern und erklärt, wie er mit Weinkorken farbige Punkte auf die Leinwand setzt. Ja, er ist zufrieden, ein wenig heiter sogar, wenn er die "Russenbilder" ansieht. "Lenin auf der Tribüne" etwa. Das Original aus dem Jahr 1929 stammt von Alexander Gerasimow, in der DDR kannte es jeder. "Gut gemeint, aber ein schlechtes Bild", sagt Baselitz. Er lässt Lenin nicht dynamisch seine Revolutionsrede halten, sondern malt ihn als unsicheren Mann mit viel zu kleinem Kopf und geschlossenen Augen. Und natürlich verkehrt herum. Baselitz ist überzeugt: "Gute Bilder kann man nur in Freiheit malen." Die Flucht in den Westen entpuppte sich für den Maler als Segen. Schnell wurde er bekannt. 1963 produzierte er mit seinem Onanierbild "Die große Nacht im Eimer" einen fetten Skandal und kam vor Gericht. Eine "gepinselte Ferkelei" sei das, so ein Kritiker. Die Staatsanwaltschaft urteilte härter: "Pornografie". Für die Karriere war's gut. Und spätestens seit 1969, als Baselitz alle Motive auf den Kopf stellte, war sein Name Markenzeichen.

"Elend, kotzig, miserabel"

Er aber blieb ein Querkopf, schwierig und unnahbar. Auf Schloss Derneburg bei Hildesheim verschanzte er sich im 200 Quadratmeter großen Rittersaal und arbeitete sich hinter bunten Glasfenstern an der Kunst ab. Er legte Leinwände auf den Boden und trampelt mit den Füßen drauf herum. Er wütete mit dem Pinsel und knetete seine Farben in die Leinwand. "Das größte Problem ist, dass ich immer weiter machen muss. Denn nach jedem Bild soll ein besseres kommen", sagte er. "Malen ist wie Hochsprung: Wenn einer einen Rekord erreicht hat, muss er trotzdem immer höher." Auch an Skulpturen versuchte er sich und schnitt mit der Kettensäge große Figuren aus Baumstämmen heraus. Sich selbst und seine Frau Elke porträtierte er auf diese Weise - überlebensgroß in Unterwäsche.

"Ich bin elend, kotzig, miserabel, unbrauchbar, idiotisch, dämlich, unbefriediegend, bekloppt, unmöglich", erklärte er damals jedem, der es hören wollte. Man riet ihm, zur Psychoanalyse. Jahrzehnte ist das her, er hat es nie versucht. "Was soll ein Künstler anfangen mit Normen? Wovon sollen die mich heilen?", fragte er damals. "Ich mache nicht in die Hose und nicht ins Bett. Ich male nur Bilder. Schmutzige, hässliche Bilder."

Malerei als Analyse-Ersatz

Seine neuen Bilder sind nicht mehr schmutzig, sondern leicht, luftig, manche sogar zart, wie durchsichtig, "viel offener, schneller, klarer" als die alten. Baselitz wirkt gelassen und altersmilde. Manche seiner neuen Bilder stehen nicht mehr auf dem Kopf, sondern sind nur um 90 Grad gekippt. "Wo ist der Doktor?" etwa. Darauf kann man Sigmund Freud, den Erfinder der Psychoanalyse, erkennen. Aber nur, wenn man den Kopf zur linken Seite neigt, was denn auch alle Besucher tun. Malerei als Analyse-Ersatz? Mag sein. "Ich erlaube mir den Spaß, Helden zu diskriminieren", sagt Baselitz. Die echten Vorbilder, die Schulbücher mit all den Lenin- und Kolchose-Bildern sind in einer Vitrine ausgestellt, mit Farbe beschmiert und von Dreckschlieren bedeckt. Ganz offenbar lagen sie monatelang als Vorlage in der Werkstatt herum, wurden benutzt und beschmutzt. Nun ist Baselitz mit sich selbst und seiner Vergangenheit versöhnt: "Eigentlich sind die sozialistischen Bilder jetzt durch meine ausgelöscht."