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Ausstellung "60 Jahre 60 Werke": Und die Affen grinsen

Häppchenkunst nach dem Oscar-Prinzip: So feiert eine Ausstellung in Berlin den 60. Geburtstag des Grundgesetzes. Verlierer ist mal wieder die DDR.

Von Anja Lösel

Worauf hat Angela Merkel sich da nur eingelassen? Kunst ist eigentlich nicht ihr Ding. Aber gut, irgendwie guckt ja jeder mal ein paar Bilder an. Nun also steht sie im frühlingshaft fliederfarbenen Jackett zwischen einem Dutzend bronzener Affen von Jörg Immendorff und soll eine Ausstellung eröffnen, die ihr eigentlich nicht gefallen kann. "60 Jahre 60 Werke" heißt die Schau zum Geburtstag des Grundgesetzes. Kunst aus der Bundesrepublik Deutschland wird hier zelebriert, ein Werk für jedes Jahr.

"Kunst ist die höchste Form der Hoffnung", zitiert die Kanzlerin den Maler Gerhard Richter. Und behauptet: " Kunst hat mir ein Stück Hoffnung gegeben", damals, in der DDR.

Aus westdeutscher Sicht

Beim anschließenden Rundgang dürfte sie sich doch ein wenig gewundert haben. Denn ausgerechnet im Berliner Gropiusbau, der Jahrzehnte lang im Ödland direkt an der Mauer stand, ist eine Ausstellung zu sehen, die die Trennung zwischen Ost und West zu betonieren scheint. Kunst ist hier ganz eindeutig aus westdeutscher Sicht gesehen. Ostkunst gibt es erst ab der Wende. Vor 1989 tauchen nur in die BRD geflohene Künstler wie Georg Baselitz oder Gerhard Richter oder Grenzgänger wie A.R. Penck auf.

Ausgekungelt wurde die Schau bei einem Spargelessen in Berlin. Kai Dieckmann, Chefredakteur der Bildzeitung, und Walter Smerling, Chef der Bonner Stiftung Kunst und Kultur hatten die Idee zur Ausstellung "nach dem Oscar-Prinzip": Nur die besten gewinnen. 60 Werke, eins für jedes Jahr, haben sie ausgesucht als Würdigung an Artikel 5,3 des Grundgesetzes: "Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei." Es ist also, so Smerling, "eine Hommage an die Freiheit der Kunst". Der Bonner Smerling hätte die Schau gern in der ehemaligen Hauptstadt gezeigt. Wahrscheinlich hätte sie da besser hingepasst. Aber nun ist sie in Berlin. Die "wichtigste Ausstellung des Jahres", entstanden in einem "Kunstwunderland", wie Bild behauptet. Oder ist sie doch nur "Zirkus und Revue" und ein krude zusammengebackener "Geburtstagskuchen fürs Grundgesetz", wie anderswo zu lesen war.

"Best of" ohne beste Stücke

Häppchenkunst auf jeden Fall. Das "Best of" funktioniert nicht, weil die wirklich besten Stücke oft nicht zu bekommen waren. Und was nun in Berlin zu sehen ist, mag zwar von hoher Qualität sein, wirkt aber doch recht willkürlich aneinander gereiht. Da nutzen auch die erklärenden Filmschnipsel zur Geschichte der Bundesrepublik wenig, in denen von Lübke bis zur RAF alles auftaucht, was irgendwie wichtig war für die BRD. Der Betrachter ist überwältigt, verwirrt und kann das Oscar-Prinzip nicht so recht nachvollziehen.

Ist der 1904 geborene Maler Werner Heldt wirklich typisch für das Jahr 1949? Und Georg Baselitz für 1966? Ist Imi Knöbels "Schwarzes Kreuz" ein Schlüsselwerk für das umstürzlerische Jahr 1968? Wer den Maler kennt, der weiß, dass er damit keinesfalls auf die Studentenunruhen reagierte, so schnell sind Künstler in der Regel nicht. Er arbeitete sich ab an einem Schlüsselwerk des russischen Künstlers Kasimir Malewitsch aus dem Jahr 1915.

Für die Zeit des RAF-Terrorismus hätte natürlich Gerhard Richters monumentaler Stammheim-Zyklus "18. Oktober 1977" stehen müssen. Der ist allerdings nicht 1977, im Jahr des "Deutschen Herbstes" entstanden, sondern erst 1988. Künstler malen langsam. Zudem wären die eindringlichen Bilder der toten Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Andreas Baader gar nicht verfügbar gewesen, denn sie hängen im MoMA in New York und werden nicht ausgeliehen.

Und hier liegt ein weiteres Problem der Ausstellung: Weil sie in der sensationell kurzen Zeit von nur vier Monaten gestemmt wurde, musste man nehmen, was zu kriegen war. Nicht die besten Bilder sind hier also zu sehen, sondern die verfügbaren. Oft halfen zwar gute Kontakte, etwa zum Sammler Heiner Bastian, der einen schönen Anselm-Kiefer-Raum ausstattete. Aber viele Museen wollten so schnell nichts rausrücken.

Einmal, immerhin, konnte sogar Angela Merkel helfen. Als sie im April in Prag Nicolas Sarkozy traf, bat sie ihn um einen ungewöhnlichen Gefallen: ob er nicht den filzbezogenen Beuys-Flügel aus dem Centre Pompidou für die Ausstellung herleihen könnte. Sarkozy war so überrascht, dass er sich erst mal beim Dolmetscher versichern musste: Spricht die deutsche Kanzlerin wirklich von einem Piano? Dann aber sagte er sofort zu. Geb' ich dir, gibst du mir. Wer weiß, wozu solche kleinen Nettigkeiten mal gut sein können!

Schlicht, übersichtlich, logisch

Überhaupt hatte man am Eröffnungsabend den Eindruck, dass die Politik diese Ausstellung liebt: schlicht, übersichtlich, nach einem logischen Prinzip aufgebaut. Jeder kann da was für sich finden. Und ob das alles stimmig ist - wen schert's am Ende? Das Innenministerium gab sogar Geld für die Miete des Gropiusbaus, Ex-Innenminister Otto Schily kam zur Eröffnung und lauschte den Worten der Kanzlerin.

Die Künstler dagegen machten sich rar: Weder Georg Baselitz, noch Neo Rauch, Daniel Richter oder Jonathan Meese waren da, obwohl sie mit großen Werken in der Schau vertreten sind. Tobias Rehberger, dessen große Lampen-Arbeit das Jahr 2009 repräsentiert, vergnügte sich lieber ein paar Straßen weiter beim Cocktail zum Gallery Weekend im Hotel de Rome. Nur ein paar alte Recken wie Gotthard Graubner und Otto Piene waren gekommen. Markus Lüpertz natürlich, seit Schröders Zeiten ein Liebling der Politik. Und im Lichthof grinsten Immendorffs Affen.