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Norbert-Bisky-Ausstellung: Albtraum in der Idylle

Die fröhliche sozialistische Welt seiner frühen Bilder ist vorbei - jetzt lauern Kannibalen und Brandstifter, es wird gekotzt und uriniert. Der Berliner Maler-Star Norbert Bisky, Sohn des gleichnamigen Politikers, zeigt 25 seiner neuen Werke im renommierten Haus am Waldsee.

Von Almut F. Kaspar, Berlin

Der Potsdamer Modemacher Wolfgang Joop hat sich schon als ihr Liebhaber geoutet, und auch der FDP-Chef Guido Westerwelle ist ganz scharf auf die blonden Jungs. Zumal sie in New York oder Seoul genau so begehrt und anstandslos bezahlt werden wie in Köln.

Die Rede ist von jungen muskulösen Burschen, die sich in Trainingsanzügen lachend kabbeln oder im Badedress am Sandstrand ausdauernd Sport treiben. Blauäugige und austrainierte Schönlinge, knackige Knaben, die beglückt in hellem Sonnenlicht toben.

Sie sind natürlich nicht von dieser Welt. Es sind Öl-Prinzen, die der Berliner Maler Norbert Bisky auf seine Leinwände gepinselt hat, und die auf dem Kunstmarkt hoch im Kurs stehen. Das New Yorker Museum of Modern Art (MoMa) sammelt Biskys wie das Kölner Museum Ludwig oder das koreanische Nationalmuseum in Seoul. Als vor ein paar Wochen die Berliner Kunstmesse "Art Forum" gerade mal ein paar Stunden geöffnet hatte, waren die zwei ausgestellten Bisky-Bilder schon weg - für jeweils stolze 65.000 Euro.

Kunstsammler Guido Westerwelle hatte allerdings schon vor Jahren zugegriffen, als Norbert Bisky noch nicht zu den großen Newcomern der deutschen Gegenwartskunst gezählt wurde - und kellnern musste, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Da wurde Bisky von der deutschen Kunstkritik noch verschmäht und seine Malerei, die scheinbar zwischen sozialistischem Realismus und der Kraft-durch-Freude-Ästhetik einer Leni Riefenstahl changierte, als billige Propaganda und Vergangenheitsverherrlichung mit unübersehbaren homoerotischen Bezügen verschrien. Verschrien von denen, die sich der Doppeldeutigkeit seiner Bildsprache entzogen und sich geweigert haben, die kritische Dimension in seinen Arbeiten zu entdecken.

"Ich habe mir in den ersten Jahren ganz bewusst die DDR aus der Seele gemalt", verteidigte sich Norbert Bisky in einem Interview, "dazu gehörten auch die Wehrlager: durch den Wald robben, Gasmasken aufsetzen, marschieren. Ich habe diesen ganzen Quatsch mit 15 mitgemacht und weiß, dass die DDR keine lustige Good-Bye-Lenin-Nummer war." Und: "Ich habe mit dem Nazidreck nichts zu tun - diese Verbrecher hätten meine Bilder gehasst."

Von der Perfektion zur Destruktion

Jetzt zeigt das renommierte Berliner Haus am Waldsee 25 neue Arbeiten des 1970 in Leipzig geborenen Malers, der mittlerweile zu den prominentesten Vertretern der deutschen Gegenwartskunst gezählt werden kann. "Ich war's nicht" lautet der Titel der Ausstellung, die bis zum 13. Januar 2008 läuft. Für die ambitionierte Schau hat Bisky auch Werke von Künstlern ausgesucht hat, die ihn maßgeblich beeinflusst und inspiriert haben: Sein Lehrer Georg Baselitz gehört dazu, Walter Leistikow, Jim Dine oder K. R. H. Sonderborg.

Biskys neue Bilder werden zwar immer noch von diesen so begehrten Jünglingen bevölkert, die wirken aber nun sehr viel martialischer und provozierender. Da heulen sie "Rotz und Wasser" (so ein Titel), urinieren und kopulieren, was das Zeug hält. Was vorher Idylle war, hat sich zu einem gewalttätigen Alptraum entwickelt. Kanni¬balen und Brandstifter, Sex und Tod - was vorher "wie mit Lenor gewaschen" (Bisky) aussah, wirkt jetzt, als hätte es der Künstler selbst satt gehabt vom schönen Schein. Die Farben sind greller geworden, auch düsterer - nicht mehr zart hingehaucht, sondern entschlossen hingehauen. "Ich war viele Jahre damit beschäftigt, einen Fuß richtig zu malen, einen Körper, eine Hand, ein schönes Gesicht", sagt Bisky, "ich habe diese intakten Figuren gemalt - irgendwann war klar, jetzt kann ich denen auch die Beine ausreißen."

Pink in Brasilien in entdeckt

Früher hat er ausschließlich Farben wie Zartgelb, Hellblau, Rosé, ein feines Grün, Grau, selten Rot oder Schwarz benutzt, die er jetzt gern aufträgt. Ölmalerei erfordert außergewöhnliche Konzentration, genaue Vorüberlegungen. Denn sie erlaubt nur begrenzt Korrekturen. Übermalungen gibt es bei Bisky nicht: "Ich mag keine plastischen Klumpen auf der Leinwand." Wenn Figuren in seinen Augen deplatziert sind, dann wird eben die gesamte Leinwand vernichtet. Und Pink ist dazu gekommen. Aus Brasilien, wo er den vergangenen Winter verbrachte, hat er ein Faible für diese Farbe mitgebracht. "Ich finde Pink unglaublich albern", sagt er, "unglaublich aggressiv und noch nicht so durchgenudelt."

Musterschüler bei Baselitz

Norbert Bisky wuchs in Leipzig und Ost-Berlin auf. Sein Vater ist der langjährige PDS-Chef Lothar Bisky, seine Mutter die bekannte Kultursoziologin Almuth Bisky. Im Winter 1989, als die Berliner Mauer fiel, leistete er seinen Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee der DDR ab. Weil er es nicht mehr ertrug, haute er ab und floh nach Hause. Dort holte ihn die NVA-Militärpolizei wieder ab und verfrachtete ihn nach Mecklenburg-Vorpommern, wo er die Wende unter der Erde in einer Raketen-abwehrstation erlebte. Von 1994 bis 1999 studiert er an der (West-)Berliner Hoch-schule der Künste (HdK) und war unter anderem Meisterschüler bei Georg Baselitz. "Ich bin an die HdK gegangen", sagt Bisky, "um nicht im ostdeutschen Mief stecken zu bleiben." Doch schon am ersten Tag dort hatte ihn ein Kommilitone angesprochen: "Du bist doch der Ost-Fritze." Eine Reaktion, gegen die er fortan seine Bilder setzte.

Bisky gehört zu jener Generation junger deutscher Maler, die sich Anfang der neunziger Jahre erfolgreich gegen den damals herrschenden Zeitgeist der Neuen Medien und des Abstrakten auflehnte. Selbstbewusst strich er mit Vorliebe Gegenständliches auf riesige Leinwände. Der Künstler, der während eines Studienaufenthalts in Madrid die alten Meister im Prado kopierte, verfügt über gut austrainierte Fähigkeiten in Handwerk und Komposition. Dies hilft ihm, einen entspannten Realismus auf die Leinwand zu zaubern, der kühl, sachlich und leidenschaftslos wirkt.

Sein Motto: Leute, schaut hin

Bisky provoziert auf seine ganz eigene Art und bringt uns so manches Mal an die Grenze unserer Vorstellungskraft. Man mag als Betrachter gar nicht hinter die Fassade des Makellosen schauen: Es sieht doch alles so ideal aus, so friedlich. Doch Bisky zwingt uns mit einem Lächeln aus dieser Scheinidylle heraus und spuckt uns den Albtraum dahinter entgegen, hinter dieser Fiktion einer vor Kraft strotzenden Welt voller glücklicher und gesunder junger Männer - Frauen eher seltener, weil, wie Bisky selbst sagt, "ich mit Frauen viel respektvoller umgehe, wenn ich sie male. Ich könnte ihnen nichts Böses ins Gesicht malen, Männern schon."

Geld bedeutet ihm wenig

In einem Interview sagte Bisky einmal: "Was ich da einfließen lasse, ist der Bildermüll der Diktaturen. Wenn Kunst für einen Zweck benutzt wird, um Werbung zu machen, für Waschmittel oder Kommunismus, wird sie misshandelt. Wenn der Zweck wegfällt, bleibt die Kunst übrig. Und bestimmte Sachen will ich der Werbung wieder wegnehmen." Biskys Motto: Leute, schaut hin. Glaubt nicht alles, was euch gezeigt wird. Bleibt nicht an der Oberfläche haften, sondern schaut hinter die Fassade der Werbung und des Lifestyles.

Bisky selbst ist trotz des Rummels um ihn und seine Bilder angenehm bescheiden geblieben. Wohnt noch immer in einer kleinen Wohnung, leistet sich jetzt in Berlin-Friedrichshain aber ein großes Atelier und einen Assistenten. "Ich male Bilder", sagt er, "so wie ich es möchte, und in meinen guten Momenten bin ich mit mir alleine und habe keine Sammler im Kopf." Geld? Kein großes Thema für ihn. Er grinst: "Da hilft mir meine kommunistische Erziehung."