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Reportage der Woche

Johann König: Mit 12 Jahren verlor er sein Augenlicht - heute ist er ein Popstar der Kunstwelt

Johann König gilt als Star unter den Berliner Galeristen. Wie kein anderer versteht er es, Kunst in Szene zu setzen. Doch der Weg an die Spitze war hart: Mit zwölf Jahren erblindete er. Nun erzählt er seine berührende Geschichte als "blinder Galerist".

Von David Baum

Der Berliner Galerist Johann König

In der ehemaligen katholischen Kirche St. Agnes, die exakt in der geografischen Mitte Berlins liegt, wird zurzeit viel gehämmert und geschraubt. Surreale Szenen spielen sich ab: Athletische Handwerker tragen Teile eines Zirkuszeltes durch die Hallen, im Oberstock versucht sich ein Mann mit auffallend dicken Augengläsern an einem überdimensionalen Geschicklichkeitsspiel. Wer sich ungeschickt anstellt, löst einen Alarm aus und eine Leuchtschrift mit dem niederschmetternden Satz "You are not Picasso" erscheint.

All dies gehört zum Werk der amerikanischen Künstlerin Kathryn Andrews, deren Ausstellung gerade aufgebaut wird. Und der Mann mit der Brille, dem gleich mehrfach bescheinigt wurde, nicht Picasso zu sein, ist in Wahrheit eine der schillerndsten Persönlichkeiten des internationalen Kunstbetriebes: Johann König, 38, der Popstar unter den Berliner Galeristen. Vor sieben Jahren hat er den brutalistischen Kirchenbau für 99 Jahre gepachtet und als gigantische Galerie umgebaut. Mit Jorinde Voigt, Andreas Mühe, Jeppe Hein, Anselm Reyle, Norbert Bisky oder Katharina Grosse vertritt er unter anderen die aufregendsten Künstler seiner Generation. Sein Erfolg sei nicht verwunderlich, heißt es oft, schließlich stamme er aus einer der großen Kunst-Dynastien der Bundesrepublik. Vater Kaspar ist ein bedeutender Kurator und Museumsdirektor, Onkel Walther hat wichtige Kunstbuchhandlungen samt Verlag, Bruder Leo führt in New York eine eigene Galerie.

Die ehemalige katholische Kirche St. Agnes in Berlin. Johann König hat sie in eine gigantische Galerie umgebaut

Die ehemalige katholische Kirche St. Agnes in Berlin. Johann König hat sie in eine Galerie umgebaut

Dass Johann König nach einem schweren Unfall mit Platzpatronen vor 25 Jahren sein Augenlicht verloren hat, galt vielen als Teil eines extravaganten Storytelling. In seinem Buch "Blinder Galerist", das am 14. Juni bei Propyläen erschienen ist, räumt er damit auf und erzählt zum ersten Mal ausführlich von seinem Unfall und den dramatischen Folgen. 

"Das Tolle am Sehen ist die Freiheit"

König hat an einem der vielen Schreibtische in der Galerie Platz genommen, vor ihm ein Stapel der Bücher. Auf dem Titel ist er selbst zu sehen, aus den milchigen Augen hinter den dicken Brillengläsern strahlen Mut und Zuversicht. "Es ist ein bisschen wie ein Outing", sagt er. "Es ist eine Erleichterung, das mal so klar zu sagen. Ich habe festgestellt, dass es Sammler gab, die es nicht wussten. Und ich will Leute motivieren, sich zu trauen, egal was." 15 Jahre lebte er mehr oder weniger blind mit einer Sehkraft im einstelligen Bereich, seit einer Netzhauttransplantation vor zehn Jahren sieht er wieder einigermaßen. "Aber es ist eine dauernde Last, eine ständige Einschränkung."

Der Berliner Galerist Johann König

"Das Erstaunliche ist, wie schnell man vergisst, wie alles aussah": Der Berliner Galerist Johann König

König und seinem Co-Autor Daniel Schreiber ist neben der erstaunlichen Biographie auch ein Werk gelungen, das viel über das Leben von Blinden und Sehbehinderten erzählt. "Das Erstaunliche ist, wie schnell man vergisst, wie alles aussah – die erste Freundin, die Eltern, alles verschwindet", sagt König. "Das tolle am Sehen ist die Freiheit, der menschliche Austausch. Und das ist weg." 

Der Fernseher stand auf einem echten Warhol

König war bis zu seinem Unfall in einem mehr als ungewöhnlichen Haushalt aufgewachsen. Eine der berühmten Brillo-Boxen von Andy Warhol diente bei Königs als Stellplatz für das Fernsehgerät, als Sitzmöbel davor ein eigenwilliges Gestell mit Orientteppichen von Franz West. Künstlergrößen wie Gerhard Richter, Hermann Nitsch, Joseph Beuys oder On Kawara gingen ein und aus. "Ich habe diese Kunstszene meiner Kindheit gehasst und beneidete andere Kinder, die eine gemütliche Sofalandschaft hatten und bei denen die Eltern um fünf nach Hause kamen."

Eine der berühmten Brillo-Boxen von Andy Warhol diente bei Königs als Stellplatz für das Fernsehgerät

Nobler TV-Stellplatz: Familie König platzierte ihren Fernseher einfach auf einer der berühmten Brillo-Boxen von Andy Warhol

Mit dem Unfall endete die Kindheit – und ganz besonders diese. Nach einem längeren Krankenhausaufenthalt kam Johann König in dezentrale Wohngruppen. Erst in der Blindenschule begann er die Szenerie seiner Kindheit richtig einzuschätzen. "Da wurden im Unterricht die großen Künstler durchgenommen, die ich alle von zu Hause kannte", berichtet er. Für die anderen Schüler waren große Namen wie On Kawara abstrakt, für König "war das der Freund meiner Eltern, gegen den ich bei 'Vier gewinnt' immer verloren habe."

Die erste Galerie eröffnet Johann König vor dem Abi

Nach und nach wuchs das eigene Interesse am Thema Kunst – und ohne es den Eltern zu sagen, beschloss er noch vor dem Abitur, seine eigene Galerie zu eröffnen. "Ich hab nichts gelernt, aber mir haben die Künstlerfreunde gesagt, dass sie mir vertrauen", sagt er. "Jeppe Hein war der erste, der gesagt hat: Ich bin Dein Künstler, wage es". Die Ratschläge, die Vater und Onkel gegeben hatten, waren aus seiner Sicht nicht die richtigen.

Johann König (l.) mit Jeppe Hein im Jahr 2002 in  Frankfurt

Johann König (l.) mit Jeppe Hein im Jahr 2002 in  Frankfurt

Die Zweifel, ob er als blinder oder stark sehbehinderter Mann als Galerist erfolgreich ein könnte, blieben allerdings. "Mir gefiel die Geschichte von Felix Krull, der sich eine eigene Realität bastelt, weil ihm die seine nicht behagt", sagt König. "Da fiel mir auf, dass ich vielleicht selbst das Impostor Syndrom habe: Ich arbeite schließlich in einem Bereich, der Visual Arts heißt, und manchmal komme ich mir vor wie ein Hochstapler, der gleich auffliegt, weil jemand kommt und sagt: Du kannst das doch gar nicht!"

Vielleicht sind es gerade diese Unsicherheiten, Eigenheiten, Besonderheiten, die König so anders und so erfolgreich machen. Schließlich ist er einer, der nur sein Herz und seinen Verstand hatte, um Kunst zu sehen. "Deshalb hat die Kunst, die ich vertrete, oft einen konzeptuellen Ansatz", sagt er. "Mir lag Kunst näher, die inkludierend ist, den Betrachter teilhaben lässt und man selbst Teil des Werks wird."

Mit dem Künstler-Bus über das Gallery Weekend

Wer mit Johann König über eines der wichtigen Kunst-Events flitzt, kann besonders gut erkennen, wie anders er tickt. Etwa auf dem Berliner Gallery Weekend im vergangenen Jahr. Weil er selbst natürlich kein Auto lenken darf, hatte König via Facebook eine Stelle als Fahrer ausgeschrieben – und den Autor dieses Textes engagiert. Schließlich düste man also im Minibus von einer Vernissage zur nächsten Kunstparty – Künstler, Sammler, Kunstkritiker, Blogger und wer sonst noch so auf dem Weg eingesammelt werden mochte, durfte einsteigen. In Königs Gesellschaft verfliegt der akademische Ernst und jeder ernste Habitus weicht einer fröhlichen Gelassenheit. "Das Normale wird mir schnell langweilig", sagt er in einer ruhigen Minute. "Ich frage stets: Was kann man anders machen? Und so mache ich es dann auch, egal, ob es ein Erfolg wird. Es darf auch mal schief gehen."

Johann König 1982 in Münster zwischen Skulpturen von Claes Oldenburg

Frühkindliche Begegnung mit der Kunst: Johann König 1982 in Münster zwischen Skulpturen von Claes Oldenburg

Und das ist es auch. Königs erste Galerie-Eröffnung geriet zum Debakel, lange wohnte er bei seinem Künstler Jeppe Hein und in der eigenen Galerie. Und natürlich hat er sich über die Jahre nicht nur Freunde gemacht. König hat sich mit seinem Konzept dem Populären verschrieben, seine Vernissagen geraten nicht selten zu Megaevents. Er hat keine Berührungsängste, arbeitet selbst mit Bloggern, wenn es ihm ins Konzept passt. Etwa mit Carl Jakob Haupt und dessen Mitstreitern des Modeblogs "Dandy Diary". Zusammen organisierten sie eine wilde Finissage des Gallery Weekend – die ihnen wegen des zweideutigen Titels "Happy Ending" Sexismusvorwürfe einbrachte. Als Haupt vor einigen Wochen an Krebs verstarb, öffnete König seine Räumlichkeiten für die Trauerfeier. St. Agnes wirkte für wenige Stunden wieder ein wenig sakral.

Von der Kunst, einen Souvenirshop zu betreiben

Am meisten rümpft mancher Konkurrent die Galeristennase über Königs Souvenirshop. Dort vertreibt er etwa Seife in Essiggurkenform von Erwin Wurm, ein Badehandtuch mit Motiven Norbert Biskys oder den berühmt gewordenen EUnify-Hoodie mit den Europasternen, von denen einer auf den Rücken gepurzelt ist. SPD-Spitzenkandidatin Katharina Barley trug das gute Stück auf den offiziellen Plakaten zur Europawahl. "Ich schätze Barley sehr, aber es war auch gut, dass sich daraufhin Politiker anderer Parteien in dem Hoodie fotografieren ließen und das wieder etwas ausglichen", sagt er. Die Kritik, er würde die Kunst kommerzialisieren, stört ihn keineswegs. "Ich will die Kunst öffnen, soweit es geht. Das ist 'ne Mission, ein echtes Anliegen, kein kommerzieller Gedanke." Je mehr Betrieb in St. Agnes herrscht, auch mit möglichst vielen Menschen, die kein Geld da lassen, desto mehr geht sein Plan auf. "Es ist ein Ort an dem auch Musik und Mode Platz haben, es kommen Schulklassen, kürzlich war eine Gruppe vom Goethe Institut mit blinden Akademikern da – der Kreis schließt sich also."

Carl Jakob Haupt

Er nimmt eines der Bücher, um eine Widmung hineinzuschreiben. Dann hält er inne und betrachtet das Buch. "Ich habe es selbst noch gar nicht ganz gelesen", sagt er. "Es fällt mir weniger schwer darüber zu erzählen, als es selbst zu lesen." Er schreibt, dass er ohne den Unfall gar nicht der geworden wäre, der er heute ist. Dass die Art wie er Kunst sieht, präsentiert, inszeniert auch ein stückweit daran liegt, dass er sie anders betrachten musste, als mit den Augen.

Auf Johann Königs Instagram-Account sieht man wie wild und auch anstrengend sein Leben ist. Ständig irgendwo auf einem anderen Kunstevent in der Welt: Art Basel, Art Basel Miami, Biennale Venedig, und natürlich immer wieder Berlin – dort, wo die aufsehenerregendsten Kunstevents seine eigenen sind. Er hat sich diese Welt selbst erschaffen – und sie ist bunt, hell, manchmal grell. Von der Dunkelheit hat er genug gesehen. 

David Baum