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Ausstellung in Peking: Deutsche Kunst in China: Was soll uns das sagen?

Ein gewiefter Kunstmanager schafft es, eine riesige Ausstellung deutscher Nachkriegskunst nach Peking zu holen. "Deutschland 8" heißt das Ergebnis und Sponsoren und Künstler freuen sich - doch unbequeme Wahrheiten werden ausgespart.

Peking Acht

Deutschland 8 in Peking: Die erste deutsche Ausstellung mit sechzig deutschen Künstlern in sieben Museen und in den Tempeln der Stadt.

Da steht er nun, der Bronzemann von Markus Lüpertz, und muss die ganze Angelegenheit alleine schultern: umgeben von 700 Jahren chinesischer Geschichte, die deutsche Kunst im Nacken und vor ihm Polizisten, die trainieren, wie man Demonstranten verprügelt. Wer hat ihm das nur eingebrockt? Die Kommunistische Partei war's - und Walter Smerling, der Bonner Kunstmanager. Weil er den Bronzemann und weitere 319 Werke von 55 Künstlern aus Deutschland nach geholt hat. Um mit der Ausstellung "Deutschland 8 - Deutsche Kunst in China" zu zeigen, dass "Made in Germany" ein Qualitätsmerkmal ist.

Und die Kommunisten, weil sie ihre Truppen für den 19. Parteitag im Oktober fit machen wollen und die Kunst im Kaiserlichen Ahnentempel Taimiao da nur im Wege steht. Also schlossen sie die Schau kurzfristig und lassen nun im Innenhof Soldaten exerzieren und Polizisten trainieren. Dem Uranus von Lüpertz verpassten sie eine Art Laufstall aus Absperrgittern. Man weiß ja nie.

Außenminister Gabriel kommt mit männlichen alten Dinos im Gepäck

Peking

"Uranus", ein Bronzemann von Markus Lüpertz ist momentan in Peking zu bewundern

Auf wundersame Weise wird durch diesen Zwischenfall die Ähnlichkeit beider Systeme sichtbar: Wenn die Partei möchte, dass in Peking die Sonne scheint, scheint die Sonne. Und wenn Walter Smerling mit seinem Bonner Verein "Stiftung Kunst und Kultur" die auswärtige Kulturpolitik übernehmen und sich als Herold deutscher Gegenwartskunst inszenieren möchte, sorgen Sponsoren, Leihgeber und nicht zuletzt der Bundesaußenminister dafür, dass aus Wunschdenken Realität wird.

Mit dem CO2-Fußabdruck eines Tyrannosauros Rex eilte vergangene Woche nach Peking, um die Schau für 20 Minuten zu besichtigen und eine kurze Eröffnungsrede zu halten. Im Schlepptau folgte eine Delegation aus Unternehmer-Dinos wie Air-Berlin-Gründer Joachim Hunold, 67, und Ex-RWE-Boss Jürgen Großmann, 65, dem Sammler Harald Falckenberg, 74, und, den Altersdurchschnitt dramatisch senkend, dem Galeristen Johann König, 36. Eine Frau, die den deutschen Kunstbetrieb oder das Kultur fördernde Unternehmertum repräsentieren könnte, fand sich offenbar nicht.

Alles Superlative: Kunst aus Deutschland in China

" 8" beeindruckt mit Superlativen: Noch nie habe es eine "derart umfangreiche, zusammenhängende Darstellung der deutschen Kunst nach 1945 im internationalen Kontext gegeben", betont Smerling. Peking werde "temporär in eine deutsche Kunsthalle" verwandelt. Der Katalog mit dreiseitigem Silberschnitt wiegt 3,8 Kilogramm, die Einladungskarte misst ausgeklappt 1,27 Meter. Nur mit der "8" im Titel haut es nicht so ganz hin: Sieben Museen zeigen Stationen der Großausstellung, dafür waren es beim Vorläufer "China 8" 2015 im Ruhrgebiet neun Museen. Aber die "8" gilt in China als Glückszahl, also Schwamm drüber.

Aber was erzählt die Ausstellung über Deutschland? Im Taimiao Tempel versammelt Smerling "Meisterwerke zeitgenössischer deutscher Malerei". Dass die Sortierung von Kunst nach Medien nicht funktioniert, zeigt sich schon an diesem Ort. Joseph Beuys, Günther Förg und Günther Uecker stehen eben nicht oder nicht nur für Malerei.

Wo bleiben die weiblichen Künstler?

Fokussiert man die Auswahl auf die Auseinandersetzung der Künstler mit Vergangenheitsbewältigung und Erinnerung, hätte mindestens eine Arbeit von Katharina Sieverding dazu gehört, einer Zeitgenossin auf Augenhöhe mit Sigmar Polke, Anselm Kiefer, Gerhard Richter und Joseph Beuys. Doch Künstlerinnen bleibt die "Meister"-Ehre verwehrt.

Sieverding findet man im Sektor "Sprache der Fotografie" im Minsheng Art Museum, wo ihre konzeptuellen Arbeiten über einen Kamm geschert werden mit Romantik-Kitsch von Andreas Mühe, der Caspar David Friedichs Motive als Vorlage für Selbstinszenierungen im Mondlicht benutzt. Bernd und Hilla Becher sowie einige ihrer prominenten Schüler passen gut in die sterilen Räume, doch selbst bei diesen neusachlichen Fotokünstlerinnen und -Künstlern schleicht sich aufgrund der Bildauswahl ein Überhang an Romantik, dem Erhabenen in der Natur und dem paradiesischen Wald ein. Vielleicht liegt es daran, dass der Köder dem Fisch schmecken soll.

"Deutsch" als Qualitätssiegel

Dekliniert man diese Erfahrungen am Beispiel der weiteren Stationen herunter, wird klar, dass Smerlings Konzept ein alter Hut ist. Künstler nach Nationalität, Stilrichtungen, Material und Alter zu sortieren, ist spätestens seit der Szeemann-Documenta von 1972 obsolet. Die gesamte Schau besticht durch eine geradezu beeindruckende konzeptionelle Schlichtheit. Die kuratorische Leistung besteht darin, all die Museen und Kontakte zu aktivieren und die Schau zu stemmen. Das ist allerhand. Und es ist eindrucksvoll, all diese zumeist qualitativ hochwertigen Positionen versammelt zu sehen - so etwas gab es in Deutschland noch nicht. Doch dafür gibt es gute Gründe: Die Kategorie "Deutsche Kunst" ist schon lange nicht mehr relevant. Was soll das sein? Kunst von Menschen, die in x-ter Generation in Deutschland leben? Vielleicht schon eher Kunst, die in Deutschland erdacht wurde? Nein, es geht um "deutsch" als Qualitätssiegel: für Kunst, aber auch für Autos, Waschmaschinen, Finanzprodukte, Technologien. Womit wir bei den Sponsoren wären.


Smerling ist der geschmeidige Impresario einer Kulturnation, die es sich immer weniger leistet, Museen und öffentliche Sammlungen mit Ankaufs- und Ausstellungsetats auszustatten, die sie unabhängig vom Gutdünken der Privatsammler und Sponsoren machen würden. Und er liefert mit seiner "Stiftung Kunst und Kultur" Paketlösungen, die einer Ereignis-fixierten Aufmerkamkeitsökonomie folgen: Zuletzt etwa mit der Ausstellung "Luther und die Avantgarde" in Wittenberg, einem Publikumserfolg im alten Gefängnis, aus dem der Auftrag an Smerling erwuchs, ab sofort alle zwei Jahre ein weiteres Magnet-Ereignis am selben Ort zu zaubern.

Unterm Strich geht es um Image-Transfer, diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Doch sollte die Repräsentation einer wie auch immer gearteten Kunst aus Deutschland nicht Aufgabe einer staatlichen Institution sein? Wozu gibt es etwa das hervorragend arbeitende Goethe-Institut? Oder das Institut für Auslandsbeziehungen, das regelmäßig sorgfältig thematisch kuratierte Ausstellungen um die Welt schickt?

Unbequeme Wahrheiten werden ausgespart

2011, als Deutschland "Die Kunst der Aufklärung" in Peking präsentierte, waren es Experten aus den führenden deutschen Museen, die einen Überblick über deutsche Kunst des 18. Jahrhunderts nach China brachten: Wissenschaftlich fundiert, unabhängig vom Kunstmarkt und den Interessen der Sponsoren (gleichwohl für sie nützlich), repräsentativ für unser Land. Damals war Guido Westerwelle Bundesaußenminister und es wurde von ihm erwartet, dass er sich in seiner Eröffnungsrede über die Missachtung der Menschenrechte äußert, was er auch eingelöst hat. Zwei Tage später wurde Ai Weiwei verschleppt. China zeigte sein wahres Gesicht. Und wer glaubt, die Situation der Menschenrechte, der Meinungs- und Kunstfreiheit habe sich gebessert, darf an den qualvollen Tod erinnert werden, den der Dichter und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo im Juli starb, weil die chinesischen Behörden eine Behandlung seiner Krebserkrankung im Ausland verweigerten. Der aufmüpfige Dissident sollte jämmerlich krepieren.

Unbequeme Wahrheiten, die das heitere Miteinander von chinesischen und deutschen Investoren vor kultureller Kulisse nicht weiter stören sollen. Und was sagen die Künstler dazu? "Ein bisschen mehr inhaltliche Diskussion hätte man sich schon gewünscht", merkt Michael Sailstorfer bei der Eröffnung an. "Es ist für mich schlüssig, dass es hier um einen deutschen Aufmarsch geht", sagt Katharina Sieverding und fragt sich, was "hinter dem Sponsoren-Interesse steckt". Seit 1976 beschäftigt sie sich mit China, hat an der Kunstakademie in Hangzhou gelehrt und geht pragmatisch an den Austausch heran: Direkte Kontakte zwischen Künstlern knüpfen, Kataloge ihrer eigenen Arbeiten verteilen, selbst Projekte organisieren.

Und Sebastian Riemer, mit 35 Jahren der Jüngste in der Schau, saugt die Eindrücke auf, freut sich an der Auseinandersetzung und greift zu einem weitere Glas Wein im Garten der deutschen Botschaft. Denn eines ist auch klar: Als Künstler in Smerlings Kartei fährt man gut. Die nächsten Projekte sind längst in der Pipeline, nach Gabriel, Gauck und Steinmeier kommen neue Präsidenten und Minister, die sich gern mit dem Mehrwert der Kunst schmücken, und der Marktwert steigt mit jeder Ausstellungsbeteiligung, jedem dicken Katalog, jeder Erwähnung. Aufmerksamkeit ist Smerlings Währung. Das Gold unserer Zeit.

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo