HOME
stern-Reportage

Kunstfestival in Kassel: Bewegend, was die Documenta 14 bietet

Ernst ist das Leben – heiter die Kunst? Nein. Die Documenta in Kassel ist nicht nur Volksfest, sondern auch ein faszinierendes Spiegelbild dieser unsicheren Zeit.

Documenta 14: Ernst ist das Leben – heiter die Kunst?

"Golden Shower" ist der beziehungsreiche Titel des Werks von Ashley Hans Scheirl. Die österreichische Transgender-Künstlerin setzt sich immer wieder mit der Libido der Ökonomie auseinander

Es braucht nur einen Tag, dann ist die Kunst in Kassel schon kaputt. Aber Anneliese und Erich aus Schwäbisch Hall können nichts dafür. Die radelnden Rentner sind nur neugierig. Also: runter vom Sattel, mal gucken, was da steht vor der Orangerie in der Karlsaue und aussieht wie ein vergessenes, demoliertes Riesenspielzeug.

Kaum hat Erich die ersten Sprossen der Leiter erklommen, die an Antonio Vega Macotelas "Blutmühle" lehnt, da wird er schon zurückgepfiffen. "Wenn es Kunst ist", belehrt ihn der gestrenge Aufpasser, "dann ist Anfassen erst mal verboten. Wo sind wir denn hier!"

Wir sind, wo sonst, auf der Documenta 14, der größten und wichtigsten Kunstausstellung der Welt, die alle fünf Jahre in Kassel stattfindet.

Mehr als 160 Künstler aus aller Welt und – so hoffen die Stadtoberen – eine Million Besucher verleihen der nordhessischen Provinzmetropole hundert Tage lang mondänes Flair und spülen Geld in die Stadtkasse. Und weil die Kunst hier nicht nur in Museen eingesperrt, sondern von der Leine gelassen wird mit Installationen und Performances in Parks und Industriehallen, auf öffentlichen Plätzen und Straßen, gleicht die Documenta einem großen Volksfest.

Documenta 14: Weißer Rauch und ein Tempel aus Büchern
documenta

Auf dem Kasseler Friedrichsplatz steht "When We Were Exhaling Images", ein Werk von Hiwa K. Mit diesem Exponat erinnert der kurdisch-irakische Künstler an seine Flucht aus dem Irak, wo er sich mehrere Wochen in Betonröhren verbarg. Für die documenta arbeitete Hiwa K. zusammen mit Studenten aus Kassel. Die Rohre demonstrieren die Vielfalt möglicher Lebensformen auf engstem Raum.

"Die Türen vom Ai Weiwei sind auch eingestürzt"

Unter den Besuchern: Kunstnerds mit Designerbrillen oder Familien vom Land, Schweizer Galeristen oder Rentner in Hosenträgern, Tattoo- oder Anzugträger. Sie alle pilgern in diesen Tagen nach Kassel, um zu sehen, wie es der Kunst so geht in unseren aufgeregten Zeiten.

Das Buch (von Marcel Proust) auf dem Kopf ist stete Mahnung des Selbstbewusstseins: eine "Armee der schönen Frauen" der Serbin Irena Haiduk

Das Buch (von Marcel Proust) auf dem Kopf ist stete Mahnung des Selbstbewusstseins: eine "Armee der schönen Frauen" der Serbin Irena Haiduk

Dabei kann es schon mal zu Missverständnissen kommen. Die eingangs erwähnte Blutmühle zum Beispiel soll an Sklavenarbeit in bolivianischen Silbermühlen während der spanischen Kolonialherrschaft erinnern. Aber schon am ersten Nachmittag wurde sie zum Abenteuerspielplatz für nachlässig beaufsichtigte Kinder, bis irgendein Scherzkeks sie in die falsche Richtung drehte. Jetzt ist sie kaputt. Die Kasseläner nehmen das mit nordhessischer Gelassenheit. "Ist ja gute Documenta-Tradition", sagt eine Frau. "Die Türen vom Ai Weiwei sind auch eingestürzt."

Der chinesische Künstler war vor zehn Jahren nur Eingeweihten bekannt, bis er mit seinen einstürzenden Installationen auf der Documenta 12 berühmt wurde. Großkünstler wie Damien Hirst oder Jeff Koons, deren Werke für Millionen gehandelt werden, haben auf einer Documenta nichts zu suchen. Dafür gibt es ja Basel und New York. Die Kunst, die es in Kassel zu kaufen gibt, kann sich jeder leisten. Zum Beispiel eine Pulle "Sufferhead Original" für acht Euro die Flasche. Der nigerianische Künstler Emeka Ogboh hat mit seinem postkolonialen Konzeptbier bewusst gegen das deutsche Reinheitsgebot verstoßen, das hochprozentige Gebräu mit einer scharfen Chilinote versetzt und 50.000 Flaschen in der lokalen Hütt-Brauerei abfüllen lassen.

Abwasserrohre häuslich eingerichtet. Hiwa K erinnert so an die provisorischen Unterkünfte vieler Flüchtender in Griechenland

Abwasserrohre häuslich eingerichtet. Hiwa K erinnert so an die provisorischen Unterkünfte vieler Flüchtender in Griechenland

In der ehemaligen Neuen Hauptpost, die jetzt als "Neue Neue Galerie" firmiert, verkauft die Performancekünstlerin Irena Haiduk unter dem Label "Jugoexport" Arbeitsschuhe mit Retrocharme. "Haben Sie Größe 42?", fragt eine Kunstkundin. Bevor sie bezahlt, muss sie vertraglich zusichern, die Schuhe auch wirklich nur während der Arbeit zu tragen.

Ein paar Stockwerke tiefer bietet eine junge Frau schwarze Seifenwürfel für 20 Euro das Stück feil. Der Bauchladen gehört ebenso zum Gesamtkonzept der afrikanische Künstlerin Otobong Nkanga wie die penible Dokumentation des Herstellungsprozesses und der wertvollen Inhaltsstoffe. Neugierig tupfen Besucherinnen ihre Finger in die schwarze Lauge. "Es geht nicht um Konsum, sondern um emotionalen Austausch", erklärt die Kunstmarketenderin. Aha, wieder was gelernt. Niveau ist eine Handseife. Die Auswahl der Documenta-Künstler trägt die Handschrift des Leiters und seines Kuratoren-Teams.

Das Motto der Documenta: "Von Athen lernen"

Die Documenta soll anspruchsvolles Spektakel sein, ohne erhobenen Zeigefinger. "Die große Lektion hier ist, dass es keine Lektion gibt", raunte der künstlerische Leiter Adam Szymczyk vorab und gab Besuchern die Gebrauchsanweisung mit auf den Weg: "Die beste Art, sich der Ausstellung zu nähern, ist zu verlernen, was wir glauben zu wissen." Wer etwa glaubte, dass die seit 1955 in Kassel stattfindende Documenta nur dort hingehört, wurde von Szymczyk eines Besseren belehrt. Die Documenta 14 ging schon im April in Athen los, ihr offizielles Motto lautet: "Von Athen lernen".

Sozial ambitionierte Kunst: Die samische Künstlerin Marét Ánne Saras aus Norwegen macht mit ihrem Vorhang aus Rentierschädeln auf die schwierige Lebenssituation ihrer Volksgruppe aufmerksam. Viele sind Rentierzüchter

Sozial ambitionierte Kunst: Die samische Künstlerin Marét Ánne Saras aus Norwegen macht mit ihrem Vorhang aus Rentierschädeln auf die schwierige Lebenssituation ihrer Volksgruppe aufmerksam. Viele sind Rentierzüchter

Dafür macht Kassel jetzt für 100 Tage ein bisschen auf Hessen-Athen. Auf dem Friedrichsplatz hat die argentinische Künstlerin Marta Minujín einen Bücher-Parthenon aufbauen lassen. Ein stattlicher griechischer Tempel, 70 mal 30 Meter im Grundriss und auf Augenhöhe mit dem Museum Fridericianum gleich gegenüber. Aber luftiger, transparenter, einladender. Ein Publikumsmagnet.

Auch spätabends kommen die Menschen und tun so, als wäre der sonst um diese Uhrzeit verödete Platz eine mediterrane Piazza. Sie setzen sich auf die Treppen, spazieren durch den Innenhof und betrachten die Bücher, die in Klarsichtfolie verpackt an den Säulen hängen. Alles Autoren, die irgendwann irgendwo zensiert wurden, das ist die Idee der Künstlerin: Salman Rushdie, Thomas Mann, die Schlümpfe.

"Wer hat denn die Schlümpfe zensiert?", fragt eine junge Frau entrüstet ihre Freundin. "Die waren in Amerika verboten", weiß die Begleiterin, "weil sie als kommunistisch galten." Auch "Fifty Shades of Grey", "Winnetou" und Paulo Coelho müssen irgendwann mal von irgendeiner Institution verboten worden sein. Vom Literarischen Quartett?


Joggende Kritiker

Julia, Studentin aus Köln, ist nicht die Einzige, die irritiert ist. "Da hängt das 'Tagebuch der Anne Frank' neben einem Micky-Maus-Comic", sagt sie. Keine Spur dagegen von dem einzigen Buch, um das in den vergangenen Jahren in Deutschland eine nennenswerte Verbotsdebatte geführt wurde: "Mein Kampf". "Wenn die Künstler ein Konzept haben", sagt Julia, "dann müssen sie auch konsequent sein."

Aber natürlich hat auch Hitler seinen großen Auftritt: In der Neuen Galerie hängt sein Konterfei inmitten der Porträts von rund 200 "echten Nazis", aus denen der polnische Künstler Piotr Uklanski eine bunte Fototapete komponiert hat. Die simple Idee scheint eine Anziehungskraft zu besitzen. Besucher stehen flüsternd vor dem Nazi-Facebook, ein chinesischer Tourist fotografiert den Führer, da ruft eine ältere Frau: "Das ist doch der Beuys!"

Die Wandmalerei des Aborigines Gordon Hookey verweist auf Tradition, Moderne und Kolonialismus

Die Wandmalerei des Aborigines Gordon Hookey verweist auf Tradition, Moderne und Kolonialismus

Tatsächlich: Auch der Weltkriegspilot und Nachkriegskünstler Joseph Beuys ist dort vertreten. Unterste Reihe, siebter von rechts. Ausgerechnet Beuys, eine Lichtgestalt vergangener Documentas, dem gleich nebenan ein eigener Raum gewidmet ist. Ach, wie gemein kann der Kunstbetrieb doch sein!

Wie jede Documenta hat auch diese ihre Kritiker. Den einen ist sie zu sehr Spektakel, den anderen zu politisch. "Irre konventionell", "selbstgefällig", "voller Plattitüden", lauteten einige der Urteile, die man zur Eröffnung lesen konnte.

Dabei zeigt ein Besuch, dass selbst Kritiker in diesem Kunstgetümmel auf ihre Kosten kommen. "Der Bücher-Tempel? Eine Kulisse für Selfies", schimpft Thierry Geoffroy. Der Franzose ist eine Art Partyschreck der internationalen Kunstszene und war gar nicht eingeladen. Er trägt einen Uno-blauen Stahlhelm und Fliege mit Leopardenmuster und zählt damit nicht einmal zu den schrägsten Gestalten, die hier auftauchen. An diesem Nachmittag sucht er vor dem Fridericianum Leute, die mit ihm gemeinsam einen "kritischen Lauf" durch die Innenstadt machen und im Jogging-Tempo diskutieren, warum die Documenta 14 gefährlich sei. "Die Documenta ist nur deshalb in Athen gestartet", ruft Geoffroy atemlos, "damit Deutschland den Griechen mehr Panzer verkaufen kann." Immerhin, mal eine neue These. Aber der lustig-böse Franzose ist nicht der Einzige, der die heimische Rüstungsindustrie zum Thema macht.

"BEINGSAFEISSCARY": Sicher sein macht Angst

Oben im Stadtmuseum schleichen Besucher um eine quadratische Kammer, an deren Ecken sich Schießscharten mit Sturmgewehren befinden. Im Inneren steht, barfuß in einem schwarzen Kleid, die Künstlerin Regina José Galindo aus Guatemala. Ein Junge stellt sich hinter eines der Gewehre und drückt ab, während seine Mutter ihn mit dem Handy fotografiert. Klick. Klick. Klick. "Ich habe heute morgen immer wieder das Klicken gehört", berichtet die Künstlerin. Natürlich sind die Waffen nicht funktionsfähig. Und doch ist die Verunsicherung der Betrachter mit Händen zu greifen. Den meisten genügt ein Blick durch das Fadenkreuz, und sie lassen die Waffe erschrocken sinken. Ich doch nicht. Oder doch?

Der Bücher-Parthenon der Argentinierin Marta Minujín feiert die Freiheit des Wortes: große und kleine Werke in Klarsicht

Der Bücher-Parthenon der Argentinierin Marta Minujín feiert die Freiheit des Wortes: große und kleine Werke in Klarsicht

Dass wir in einem "Zeitalter der Unsicherheit" leben, wie einer der Kuratoren gesagt hat, gilt ja nicht nur für die Kunst. Man spürt auf dieser Documenta, wie sich das Leben in den vergangenen fünf Jahren verändert hat. Die klobigen Betonsperren entlang der Straße am Friedrichsplatz hat kein Künstler aufgestellt, sondern die Polizei. Niemand will riskieren, dass Terroristen wie in Berlin oder London einen Wagen in die Menschenmenge steuern.

Klar aber auch, dass die Kuratoren das nicht unkommentiert stehen lassen. Auf dem Portal des Fridericianums steht in goldenen Lettern der Schriftzug "BEINGSAFEISSCARY": Sicher sein macht Angst. An diesem Vormittag wirkt der Spruch besonders treffend, als Polizisten den Vorplatz absperren und Scharfschützen sich auf dem Dach postieren. Es naht hoher Besuch, eben biegt die Blaulicht-Karawane von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier um die Ecke. Um kurz vor zehn nimmt das Staatsoberhaupt Stellung auf dem roten Teppich und, schau an, lernt schon die erste Lektion von Athen: Pünktlich ist zu früh, der griechische Kollege ist immer noch nicht da.

Der Künstler will an Flüchtlinge erinnern, die in solchen Rohren hausen mussten

Während Steinmeier auf dem roten Teppich auf Athen wartet, flüstert ein Lautsprecher neben ihm die Worte "Ignoranz ist eine Tugend". Was wie ein politischer Kommentar klingt, ist gar nicht bös gemeint. Denn auch das gemeine Volk muss sich in den nächsten Monaten solche und andere Tuscheleien anhören in Kassel. Der Künstler Pope. L. aus Chicago hat seine Flüstertüten an verschiedenen Orten installiert und sorgt an diesem Morgen schon für die zweite Lektion der Kunst: Wie angenehm entspannend das ist, statt der Politikerrede einem flüsternden Lautsprecher zu lauschen.

203 Köpfe aus der NS-Zeit hat der Pole Piotr Uklanski auf eine Fototapete gebannt. "Echte Nazis", so der Titel. Künstlerisch nicht anspruchsvoll, ist die Sogwirkung enorm

203 Köpfe aus der NS-Zeit hat der Pole Piotr Uklanski auf eine Fototapete gebannt. "Echte Nazis", so der Titel. Künstlerisch nicht anspruchsvoll, ist die Sogwirkung enorm

Nachdem Steinmeier mit seinem griechischen Kollegen die Ausstellung zeitgenössischer griechischer Kunst im Fridericianum besucht hat, zieht der Tross weiter zur Documenta-Halle. Auf dem Platz davor hat der aus dem Irak stammende Hiwa K 20 Abwasserrohre aufgeschichtet, in denen Studenten der Kunsthochschule Kassel sich wohnlich eingerichtet haben. Es gibt ein Badezimmer-Rohr mit Bürsten und Seife, ein Bücherrohr, Kakteen als Deko, eine Küchenzeile. Der Künstler will an Flüchtlinge erinnern, die in der griechischen Hafenstadt Patras in solchen Rohren hausen mussten.

Als Steinmeier und die Griechen anrücken, sitzen die Kunststudenten in ihren Rohren. "Ich würde die ja etwas größer machen", sagt der Präsident. Dann bückt er sich herab, deutet auf die Bürsten, mit denen eine Studentin ihre Rohr ausgestattet hat, und sagt, um was zu sagen: "Das ist gut für den Rücken." Eigentlich, erzählt der Künstler Hiwa K, wollte er sein Kunstwerk über Airbnb als Unterkunft an Besucher vermieten. "Aber die Stadt hat das verboten, wegen der Unfallgefahr." Könnte ja sein, dass wieder was kaputtgeht.