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Ein Rundgang: So spannend sind die Werke auf der Biennale in Venedig

So viel Party war noch nie in Venedig. Die 56. Biennale ist extrem ernst und politisch. Viel Aufregendes ist zu sehen. Vielleicht zu viel. Denn wer soll das alles noch sehen, verstehen, verarbeiten?

Von Anja Lösel, Venedig

Die Installation "Our Product" von der Schweizerin Pamela Rosenkranz zieht Zuschauer auf der 56. Biennale in Venedig in ihren Bann

Die Installation "Our Product" von der Schweizerin Pamela Rosenkranz zieht Zuschauer auf der 56. Biennale in Venedig in ihren Bann

Venedig, die bröckelnde Schöne, hat sich fein gemacht. Wenn alle zwei Jahre die Biennale der Kunst ihre Tore öffnet, dann wird die Stadt zur Bühne und Partymeile für all die Schönen, Wichtigen und Glamourösen, die sich mit Kunst schmücken wollen. Da stöckeln sie über schmale Stege, staksen in schwankende Boote, quetschen sich mit 800 anderen bei der Party des Sammlers und Milliardärs François Pinault im ehemaligen Kloster San Giorgio oder dinieren im Luxushotel Danieli zu Ehren von Georg Baselitz. Die Schauspielerin Cate Blanchett ist in Venedig. Und sogar Rapper Kanye West besucht die Biennale, angeblich möchte er auch mal so eine schöne Ausstellung kuratieren. Dabei sein ist alles.

89 Länder zeigen ihr Bestes oder das, was sie dafür halten. Jedes Land feiert, reicht Häppchen, präsentiert sich so gut es eben kann – von Albanien bis Zimbabwe. Die Palazzi glitzern, die Nächte sind mild, man steht auf Terrassen am Canal Grande und in verwunschenen Höfen, die man normalerweise nicht zu sehen bekommt. Venedig zur Biennale-Eröffnung – besser geht’s nicht.

Im Mittelpunkt steht: die Kunst

Da könnte man fast vergessen, was hier eigentlich im Mittelpunkt seht: Kunst. Und in diesem Jahr: sehr schwere, sehr harte, nicht besonders unterhaltsame Kunst. Der Nigerianer Okwui Enwezor, Direktor des Hauses der Kunst in München, stellte sie in der zentralen Ausstellung "All the World’s Future" zusammen. 163 Teilnehmer lud er ein, viele davon aus Afrika, Asien, Lateinamerika, kritisch und politisch. Ibrahim Mahama aus Ghana etwa. Er verhängte die Ostfassade des Arsenale und die gegenüberliegenden Gebäude mit groben Säcken, in denen einst Kakao transportiert wurde, später Kohle, bis sie völlig zerschlissen waren. Nun laufen die schick gekleideten Biennale-Besucher durch eine hohe, schmale Gasse zwischen den Säcken hindurch und beginnen zu ahnen, wie viel Schweiß und Schmerz darin steckt.

John Akornfrah aus Ghana zeigt auf einer dreiteiligen Riesenleinwand Aufnahmen von Meer und Eisbergen, Fischen, Seesternen und riesigen Walen. Fast ein bisschen zu schön, bis er plötzlich Walfang-Bilder dazwischen schneidet. Harpunengeschosse, rasen auf die schweren Tiere zu, verwunden sie, das Meer färbt sich blutrot. Brutale Szenen, schwer zu ertragen.

Totenkopf Bilder und Kettensägen

Nur ein paar Schritte weiter Walker Evans’ Fotos ärmlicher Kinder und ihrer ausgelaugten, abgearbeiteten Eltern aus der Zeit der großen Depression. Oder das vietnamesische Video über die Frauen, die unterschrecklichen Bedingungen perlen aus Muscheln pulen und auffädeln müssen. Monica Bonvicini, Italienerin aus Berlin, lässt verschmierte Kettensägen von der Decke baumeln. Die Südafrikanerin Marlene Dumas zeigt einen ganzen Raum voller Totenkopf-Bilder.

Und die Amerikanerin Adrian Piper wagt sich sogar an den Kunstraub der Nazis heran und zeigt ein riesiges Foto von Joseph Gobbels beim Aussuchen hübscher Kunstwerke für Hitlers Museum. Daneben auf Schultafeln der Satz: „Everything will be taken away“, wieder und wieder, als hätte ein Kind ihn zur Strafe hundertmal schreiben müssen. Dafür bekam Piper den Goldenen Löwen als beste Künstlerin der Schau.

Eine Verneigung vor mächtigen Galeristen

Dazwischen immer wieder Werke von Größen des Kunstmarktes, die gar nicht passen wollen zu diesen harten, kritischen Arbeiten. Georg Baselitz’ neue Riesenbilder von nackten, kopfstehenden Männern etwa oder Katharina Grosses knallbunter Raum aus Stoff, Erde und Farbe. Eine Verneigung vor mächtigen Galeristen, ohne die kein Ausstellungsmacher mehr arbeiten kann?

Mittendrin, in einer neu gebauten Arena: "Das Kapital" von Karl Marx. Über die gesamte Dauer der Ausstellung, bis zum 22. November, wird das Buch von zwei Schauspielern in täglich drei Häppchen von 30 Minuten gelesen. Ein starkes Statement – dem aber kaum jemand lauschen möchte. Zu anstrengend, zu zerhackt, zu viel Lärm und Getöse drum herum.

Helge Schneider mit Pickelhaube

Dann lieber das Video mit Helge Schneider gucken. Der trägt eine Pickelhaube und spricht mit Alexander Kluge über den Begriff "Vaterland". Und über Karl Marx und dessen lächerlich hohe Stimme.

Oder zum ehemaligen Wachturm des Arsenale ganz am Ende der Ausstellung wandern. Dort wehen die Töne der deutschen Nationalhymne durch den idyllischen, kleinen Arsenale-Garten. Aber irgendwas stimmt nicht. Was ist das für ein Text? Der Nigerianer Emeka Ogboh hat das Original in zehn verschiedene afrikanische Sprachen wie Igbo oder Yoruba übersetzt und vom Berliner Afro Gospel Chor singen lassen. Nun klingt das Lied nicht mehr nach Deutschland und Haydn, sondern nach Afrika. Schön.

Die Deutsche Bank, der Bösewicht

Und dann sind da noch die Pavillons der 89 Länder. Den Preis für den besten bekam Armenien für seine poetische Schau auf der Insel San Lazzaro. Die Deutschen zeigen vier Künstler, darunter Tobias Zielony mit Bildern zur Flüchtlingsproblematik und Olaf Nicolai mit einer Bumerang-Produktion auf dem Dach des Pavillons. Ab und zu sieht man so ein gebogenes Holzstück über die Bäume fliegen, aber meist bleibt dieses Kunstwerk unsichtbar, der Wirklichkeit enthoben.

Ganz wunderbar dagegen und sehr geerdet das freche und intelligente Video der Berlinerin Hito Steyerl im Hauptraum des Deutschen Pavillons. Im Stil eines Computerspiels erzählt sie die Geschichte von Geld und Kapitalflüssen. Goldene Tänzer hüpfen geschmeidig umher, die Deutsche Bank ist der Bösewicht, Stalinköpfe rollen und über allem thront der Berliner Teufelsberg mit der pittoresk verfallenen Abhöranlage der Amerikaner. Vielleicht die beste Arbeit auf der gesamten Biennale.

Eine ganz andere Party

Weit weg von Giardini und Arsenale, im Stadtteil Cannaregio, hat der Schweizer Christoph Büchel eine ambitionierte Arbeit gestartet. Eingeladen vom isländischen Pavillon wandelte er die leerstehende Kirche Sante Maria della Misericordia in eine Moschee um. Denn obwohl in Venedig viele Muslime leben und arbeiten, gab es für sie bisher keinen Gebetsraum in der Altstadt.

Nun strömen mehr als hundert Muslime in die neue Moschee, schleppen zu Feier der Eröffnung selbstgebackene Kekse an, trinken Wasser und Apfelsaft aus Palstikbechern, machen Musik, beten und hoffen, dass dieses Biennale-Projekt die Stadt verändern wird – auch über das Ende der Biennale hinaus. Von den Schicken und Schönen ist keiner gekommen. Aber egal, das hier ist eine ganz andere Party.