Obdachlos trotz Fulltimejob

11. November 2012, 10:59 Uhr

Immer mehr Menschen in den USA sind ohne Dach über dem Kopf, obwohl sie einen Vollzeitjob haben - sie leben in Vans. Im ganzen Land entstehen Parkplätze für die neue Klasse berufstätiger Obdachloser. Von Corinna Kreiler

USA, Santa Barbara, FTD, Immobilienpreise, Schulden, Obdachlosigkeit

Busfahrer Julius Torrevillas (r.) und seine Frau leben in einem Van©

Fast jeden Tag fragt sich Julius Torrevillas, 58, warum er das alles überhaupt macht. In dieser Enge in seinem rostigen Dodge Van leben, ohne fließendes Wasser, ohne Dusche, ohne Toilette. Dazu der Zwang, jeden Morgen aufzustehen, zur Arbeit zu gehen, dort gepflegt auszusehen und freundlich zu sein. Doch er weiß ganz genau: Er hat keine andere Wahl.

Denn von irgendetwas muss er ja leben und ihn, den Busfahrer aus der Nähe von Berkely, hat es nun einmal an die Küste nach Santa Barbara verschlagen. Dort hat er mitten in der Wirtschaftskrise einen Job gefunden, er und seine Frau Mary hätten sich sehr gefreut damals, vor fast drei Jahren, sagt er. Sie hatten gehofft, dass jetzt alles besser wird, wo er wieder einen Job hat. Dass sie ihre Schulden abstottern können, die sie als Arbeitslose mit ihren Kreditkarten angehäuft haben und dass sie bald in eine kleine Wohnung ziehen können.

Mehr als 15 Prozent der Menschen in den USA gelten offiziell als arm, fast die Hälfte von ihnen hat einen Job. Die Tendenz ist steigend, ebenso wie die Zahl der Obdachlosen. "Die Zahl derjenigen, die sich trotz Vollzeitjob kein Dach über dem Kopf leisten können, nimmt zu, nicht nur in Santa Barbara", sagt Nancy Kapp, die sich in der Kleinstadt um Menschen wie die Torrevillas kümmert. Sie sind Teil der amerikanischen Mittelschicht, die von den Krisen der vergangenen Jahre hart getroffen wurde. Seit Jahrzehnten fallen die mittleren Einkommen in Amerika, allein im Jahr 2011 durchschnittlich um fast zwei Prozent.

Sie wollten nur vorübergehend in einem Van wohnen

Von den Hoffnungen des Ehepaares hat sich fast nichts erfüllt. Nur vorübergehend wollten sie damals in einem Van wohnen, sagt Torrevillas, um die Miete zu sparen und weil die Wohnungen hier in Santa Barbara, auch amerikanische Riviera genannt, so teuer sind. Also haben sie sich einen rostigen Dodge gekauft, ihn "Pink" getauft, die Sitze hinten herausgerissen eine Matratze hineingelegt. Eine Toilette gibt es in dem Auto nicht, dafür muss ein Plastikeimer mit Deckel herhalten, in dem eine Mülltüte steckt, die regelmäßig entsorgt wird. Morgens duscht er in der Busfahrerbaracke, seine Frau in dem Fitnessstudio, in dem sie Mitglied ist.

Rund 1,3 Millionen Dollar muss man im Schnitt hinblättern, wenn man in Santa Barbara ein Haus kaufen will. Der Ort lockt Touristen und Prominente aus aller Welt an und die Hügel hinter der Strandpromenade sind gesäumt von Villen. Rund 1400 Dollar kostet eine kleine Einzimmerwohnung zur Miete durchschnittlich im Monat. Wer vom Vermieter den Zuschlag bekommen will, muss das rund Dreifache an Gehalt vorweisen können. So viel verdient Julius bei dem kommunalen Busunternehmen Santa Barbaras nicht. Ein zweites Gehalt haben sie nicht, da seine Frau keine Arbeit findet.

Zwar gibt es in Santa Barbara ein staatliches Hausprogramm für Geringverdiener, dafür ist der Verdienst des Busfahrers nicht gering genug. "Wir werden von beiden Seiten in den Hintern getreten", sagt Mary Torrevillas. Doch zumindest haben die beiden jetzt keine Angst mehr, wenn sie nachts im Auto liegen.

Denn seit rund einem Jahr nutzen sie das Safe Parking Program von Santa Barbara. Dort können die Betroffenen von sieben Uhr abends bis sieben Uhr morgens kostenlos und auf einem bewachten Parkplatz bleiben, ohne dass die Polizei oder sonstwer sie stört. Initiativen wie diese gibt es mittlerweile im ganzen Land. Vornehmlich dort, wo die Immobilienpreise hoch sind wie in Kalifornien und Oregon, aber auch in einigen Städten im mittleren Westen.

Die Warteliste für Parkplätze ist lang

Rund 120 Menschen wohnen in ihren Autos über die sicheren Parkplätze von Santa Barbara verteilt. Die Warteliste ist lang. "Gerade in Gegenden wie hier, wo so viele reiche Menschen wohnen, verschwindet die middle class einfach oder sie driftet in Armut ab", sagt Kapp. Wenn Mitt Romney gewählt worden wäre, hätte es für die Obdachlosen noch mehr Probleme gegeben: Er hätte dieses und andere soziale Programme wohl gestrichen.

Viele Menschen würden ihn fragen, warum er sich das antue, meint Torrevillas. Busfahren könne er ja schließlich auch an einem billigeren Ort in den USA. Doch das will er nicht. Denn er mag seinen Job in Santa Barbara und er hat endlich Anspruch auf ein paar Sozialleistungen und eine kleine Rente. Also bleibt er.

Ganz aufgegeben will er den amerikanischen Traum immer noch nicht, den Traum vom Haus, dem Auto und dem guten Job. Ja, es sei härter geworden, in einer Zeit, in der es immer härter werde für die middle class. Aber er will dafür kämpfen, jeden Tag wieder. Manchmal, wenn die Sonne über der Bucht von Santa Barbara untergegangen ist, spielt er für seine Frau Mary Gitarre. Die beiden stellen sich dann vor, wie es schön es wäre, wieder ein eigenes Haus zu haben. Vielleicht klappt es ja wieder sagt er, irgendwann.

Übernommen aus ... FTD zur Homepage

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