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16. August 2005, 12:18 Uhr

Schwaben lernen Hochdeutsch

Schwaben können alles. Außer Hochdeutsch. Denkste! Seitdem Sprecherzieherin Ariane Willikonsky Kurse in Hochdeutsch anbietet, rennen ihr die Schwaben das Haus ein.

Spracherziehung im Fon Institut für Sprache und Stimme in Stuttgart© Norbert Försterling/DPA

Schwaben können alles - auch Hochdeutsch. Wenn sie wollen. Und der Manager Jürgen Heyer will. Er besucht einmal wöchentlich den Kurs von Sprecherzieherin Ariane Willikonsky in Stuttgart. "Mein Schwäbisch trug in Geschäftskreisen immer zur Belustigung bei, je mehr ich mir Mühe gab, Hochdeutsch zu sprechen, desto lächerlicher kam ich mir vor", sagt der 42-Jährige mit nur noch leichter Stimmfärbung. Seitdem Willikonsky den selbstironischen und preisgekrönten Imagespruch des Landes "Wir können alles. Außer Hochdeutsch" in "Wir können alles. Auch Hochdeutsch" ummünzte, rennen ihr die Schwaben das Haus ein.

"Weil das Schwäbisch bei manchen Lauten weit hinten im Mund gebildet wird, die Zunge nach hinten fällt, wirkt der Dialekt in hochdeutscher Umgebung manchmal klosig und zurückhaltend", sagt sie. Dem Schwaben schmeckt nun einmal eine "Wurscht" besser als eine Wurst. Viele "bruddeln" in sich hinein und haben Probleme mit der Grammatik. "Der Sofa" und "der Butter" kommen ebenso vor wie daneben geratene Relativsätze der Art "der Mann, der wo am Tresen steht", oder "die Frau, die was geschtern Geburtstag gehabt hat".

Ausländische Kollegen verstehen Deutsch, aber kein Schwäbsich

In Willikonskys Institut kommen keine Bäcker oder Straßenbahnfahrer. "Es sind Menschen, die im Beruf Hochdeutsch sprechen müssen, wenn sie Karriere auf nationaler und internationaler Ebene machen wollen." Auch einer Lehrerin, über deren schwäbische Zunge sich Eltern beschwert hatten, hat sie die Hochlautung beigebracht. Eine Unternehmensberaterin sei zu ihr gekommen, weil sie angeblich wegen des Dialekts den Job verlor.

Sprechschüler Heyer hält das für nachvollziehbar. Er lernt, den Mund beim Sprechen richtig zu öffnen und bildet zur Übung Sätze wie: "Es sitzt ein Hahn auf der Bahn und schaut mich an". "Ich habe Kolleginnen aus Holland und Irland, die Deutsch können, aber eben kein Schwäbisch verstehen", sagt er.

Die Spracherzieherin Ariane Willikonsky zeigt an einer Tafel den Unterschied zwischen schwäbischem Dialekt und Hochdeutsch© Norbert Försterling/DPA

Daumen zwischen die Zähne und Mund weit öffnen

Willikonsky rät ihren Schülern schon einmal, den Daumen zwischen die Zähne zu schieben, um den Mund richtig zu öffnen. "Die Bayern und Berliner etwa bilden ihre Laute überwiegend vorn im Mund: das wirkt kommunikativer als das Schwäbische", sagt sie. Dabei gehe es nicht darum, den Dialekt abzuschaffen, sondern nur bei Bedarf in die Hochlautung wechseln zu können, betont die "Ur-Schwäbin".

"Der Dialekt stirbt nicht aus, höchstens kleinräumige Mundarten gehen verloren", sagt Dr. Karl-Heinz Bausch vom Institut für Deutsche Sprache in Mannheim. Besonders in der Jugendsprache und im Kindergarten werde Dialekt gesprochen. Bausch hat zudem herausgefunden, dass einmal im Beruf Etablierte wieder zu ihren Wurzeln zurückkehren und Schwäbisch oder das im Badischen beheimatete Alemannisch sprechen. Dialekt werde in vertrauter Umgebung gesprochen und sei ein Ausdruck von Heimatgefühl.

Der Dialekt wird nicht aussterben

"Der Dialekt ist die Muttersprache, die aus dem Bauch kommt; es ist deshalb sicher schwerer, jemandem Schwäbisch beizubringen", sagt sie. Für die Pflege der Mundarten setzt sich beispielsweise der Förderverein Schwäbischer Dialekt ein, wie der Tübinger Kulturwissenschaftler Eckart Frahm sagt. Frahm speichert gerade 2000 historische Tonaufnahmen aus 500 verschiedenen Orten in Baden-Württemberg und Bayern, die künftig im Internet abrufbar sein sollen. "Der Dialekt bildet kreative und intellektuelle Fähigkeiten aus, und es gibt auf jeden Fall einen Trend zur Zweisprachigkeit", meint er. Auch Manager Heyer will sich von seinem Dialekt nicht endgültig trennen: "Meine Frau ist immer noch mein Schätzle".

Ulf Mauder/DPA
 
 
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