Darum explodieren die Ökostrom-Kosten

15. Oktober 2010, 11:26 Uhr

Zum Jahreswechsel zahlt jeder Stromkunde 70 Prozent mehr für erneuerbare Energien. Das findet seine Gründe im Solarboom - und in der zögerlichen Politik. Die Antworten auf die wichtigsten Fragen. Von Nikolai Fichtner

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Der Boom bei der Solaranergie hat auch seine Schattenseiten - Ökostrom wird deutlich teurer©

Der Beitrag der Stromkunden zum Ausbau der erneuerbaren Energien wird zum Jahreswechsel stark steigen. Statt bisher 2 Cent pro Kilowattstunde werden 3,5 Cent für die sogenannte EEG-Umlage fällig. Es ist eine Zahl, die auch politisch Sprengstoff birgt - und eine Debatte darüber auslöst, wie viel diesem Land die Förderung von Ökostrom wert ist.

Wie funktioniert die Ökostromförderung?

Strom aus Wind, Sonne oder Biogas ist immer noch teurer als herkömmlicher Strom und ließe sich an der Börse kaum verkaufen. Darum gilt seit dem Jahr 2000 eine garantierte Einspeisevergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Pro Kilowattstunde erhalten Produzenten von Solarstrom für neue Anlagen bis zu 33 Cent. Für Windstrom gibt es ungefähr zehn Cent, jeweils für 20 Jahre garantiert. Der Börsenpreis für Strom liegt derzeit bei rund fünf Cent. Die Differenz zwischen Ökostromvergütung und Börsenpreis wird von den Netzbetreibern für das kommende Jahr auf insgesamt zwölf Milliarden Euro geschätzt.

Welche Kosten kommen damit auf die Stromkunden zu?

Die zwölf Milliarden Euro Zusatzkosten werden per Umlage auf den Strompreis von allen Kunden bezahlt - ab Januar in Höhe von 3,5 Cent pro Kilowattstunde plus Mehrwertsteuer. Ein Durchschnittshaushalt, der pro Jahr 3500 Kilowattstunden verbraucht, wird mit zwölf Euro EEG-Umlage auf seiner monatlicher Stromrechnung belastet. Bisher waren es sieben Euro. Wie stark die Stromrechnung letztlich konkret steigt, hängt aber auch von anderen Faktoren ab, zum Beispiel der Einkaufspolitik der Versorger oder den Gebühren für Stromnetze. Die Anbieter werden im November ihre Kunden per Brief über die höheren Preise informieren.

Warum steigt die Umlage jetzt so stark?

Das liegt vor allem am Solarboom in Deutschland. Bis 2008 entwickelte sich der Zubau an Fotovoltaikanlagen auf Dächern und Feldern nur langsam. Im Jahr 2009 schnellte die installierte Leistung dann von knapp 6000 auf knapp 10.000 Megawatt hoch. Weil dieses Wachstum vor einem Jahr nicht vorhergesehen wurde, geriet das EEG-Konto mit einer Milliarde Euro ins Minus. Jetzt muss es ausgeglichen werden.

Dieser einmalige Nachholbedarf erklärt 0,3 Cent der 3,5 Cent Umlage. Noch dramatischer ist das Wachstum 2010: Regierungs- und Branchenvertreter rechnen mit einer Verdopplung der Leistung auf knapp 20.000 Megawatt. Durch die hohe Vergütung des Solarstroms entstehen enorme Kosten, die mehr als die Hälfte der EEG-Umlage betragen dürften - obwohl Fotovoltaik nur ein Fünftel des Ökostroms produziert.

Was ist da schiefgelaufen?

Erst hat die Solarbranche verschwiegen, wie stark sie ihre Kosten wirklich senken kann. So konnten Solarinvestoren enorme Renditen erwirtschaften. Als die Politik dann vor einem Jahr den Boom bemerkt hat, hat sie zu lange gewartet mit der Senkung der Vergütung. Die Senkung wurde zwar immer wieder angekündigt, ihre Umsetzung aber mehrmals verschoben - erst von April bis Juli, dann zum Teil bis in den Oktober. Die Folge war ein permanenter Schlussverkauf, bei dem die Solarbranche immer wieder mit den anstehenden Kürzungen werben konnte.

Wie wird es jetzt weitergehen?

Die Vergütungssätze für neue Anlagen werden wie immer zum Jahreswechsel sinken - bei Solaranlagen aufgrund des Booms sogar um 13 Prozent. Allerdings wird die Ökostromumlage auf absehbare Zeit hoch bleiben, da die Kosten für die in diesem Jahr gebauten Anlagen noch 20 Jahre lang als Kostenblock anfallen. Langfristig kommt es darauf an, wie sich der Börsenpreis entwickelt. Steigt er, dann sinken automatisch die Zusatzkosten für erneuerbare Energien.

Wie reagiert die Branche?

Die Ökobranche fürchtet angesichts der höheren Strompreise um ihre Akzeptanz - zumal die Koalition im nächsten Jahr das EEG umbauen will. Die Verbände reagieren mit Werbung in eigener Sache. Sie betonen den volkswirtschaftlichen Nutzen der Förderung: 340.000 Arbeitsplätze, die Exportchancen und den technologischen Fortschritt. Parallel dazu arbeiten sie an Vorschlägen, wie sie die Kosten in Zukunft weiter senken können.

Was sagt der Umweltminister?

Norbert Röttgen (CDU) verteidigt die Ökostrom-Förderung vor Kritik an den steigenden Kosten für Verbraucher. Der "Financial Times Deutschland" sagte er, der ökonomische Wert der erneuerbaren Energien übersteige die Kosten bei weitem. "Nachhaltige und klimaschonende Energiesicherheit ist ein Wert, der auch einen Preis hat", so Röttgen. So biete die Branche inzwischen 340.000 Arbeitsplätze, eine rasant wachsende Wertschöpfung und entscheidende Innovationsimpulse.

Der Umweltminister stellte sich auch hinter die Solarenergie, die für den Großteil der Mehrkosten verantwortlich ist. "Langfristig brauchen wir alle verfügbaren Technologien, um eine sichere und klimaschonende Energieerzeugung zu erreichen." Zugleich rief Röttgen die Solarbranche auf, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Es sei jetzt an der Branche, durch Innovationen, Senkung der Kosten und die Erschließung von Auslandsmärkten ihre Abhängigkeit vom deutschen Markt zu vermindern.

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