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Er darf nicht schlafen

Mit 18 war Lars Windhorst Deutschlands Liebling. Das "Wunderkind"! Mit 28 war er pleite. Der "Windbeutel"! Jetzt ist er 38. Bewegt als Investor Milliarden. Will es allen beweisen. Schnell. Es ist seine letzte Chance.

Von Karin Stawski

  Berlin, Friedrichstraße 95. Die 16. Etage hat Lars Windhorst für seine Investmentfirma Sapinda gemietet, inklusive Blick auf den Reichstag aus seinem Büro.

Berlin, Friedrichstraße 95. Die 16. Etage hat Lars Windhorst für seine Investmentfirma Sapinda gemietet, inklusive Blick auf den Reichstag aus seinem Büro.

Er hetzt den Gang entlang in sein Büro. 16. Stock, Friedrichstraße, Berlin. Eine Hand am Headset, die andere am Handy. "How much?", ruft er. Der Chefberater eines Scheichs vom Golf ist dran. Der Scheich will Millionen investieren. In eine von Lars Windhorsts Firmen.

Okay, okay, ruft Windhorst, läuft zum Schreibtisch, streckt sich nach der Tastatur. "Sie müssen nur dem Broker sagen, dass er kaufen soll. Ich mache den Rest." Hackt in die Tasten, hackt, hackt. Done, done! Eine Assistentin hastet herein. Scannen, mailen, schnell, raunt er. Und ruft ins Headset: "Greetings to the Sheikh!" Fertig.

Dann lächelt Windhorst und sagt, er werde den Berater seiner Hoheit an diesem Frühjahrswochenende wieder treffen. Wahrscheinlich am Golf auf irgendeiner Yacht. So genau will er das lieber nicht erzählen. Soll nicht wieder heißen, Windhorst, der Abgehobene. Soll bloß nichts an früher erinnern, an den Lars Windhorst, den Helmut Kohl 1994 ein "Wunderkind" nannte. Über den das Land staunte. Weil "der Junge", dann mit 18, schon 150 Millionen Mark Umsatz machte.

Lars Windhorst - ein Rockstar!

Die ganze Welt schnappte damals über: "Teen Tycoon" ("Hong Kong Standard"), "deutscher Bill Gates" ("Le Figaro"), "Genie ohne Führerschein" ("Bunte"). Die deutsche Wirtschaft lahmte vor sich hin, da kam er: ein Rockstar! Posierte mit den Beinen auf dem Schreibtisch über Hongkong, verkündete, er wolle den höchsten Turm Vietnams bauen, genannt, klar: "Windhorst Tower". Erste Pleite und Privatinsolvenz dann 2004. Seine Geldgeber verloren 80 Millionen Euro, mehr als einhundert Menschen ihren Job. Nächster Versuch und nächste Insolvenz 2009.

Da war aus Liebe längst Hass geworden. Wie hatte man auf so einen nur hereinfallen können? "Windei" ("B.Z.") und "Windiges Wunderkind" ("Spiegel").

So reden die Deutschen über ihn. Immer noch. Wie ihn das nervt. Wo er doch nicht mehr 18 ist, nicht 28 und pleite, sondern 38 und so viel Geld bewegt wie nie zuvor. Als Investor. Als einer, der glaubt besser zu wissen als andere, wo sich Geld verdienen lässt. Er investiert in Fußfesseln und Öl, in Landwirtschaft, in Filme und Kohle. Wer ihm glaubt, vertraut ihm sein Geld an. Fürsten und Lords, Fondsfirmen und Versicherungen wie Generali, sogar Gläubiger von damals. Auf dass er ihre Millionen mehre, mit seiner Investmentfirma Sapinda, deren Zentrale in London liegt, in Mayfair, der Heimat vieler Hedgefonds. Er besitzt die Mehrheit an Sapinda. Sein geschätztes Vermögen: 400 Millionen Euro. Aber was sind schon 400 Millionen? Höchstens ein Anfang.

Drei Leben - die Karriere des Lars Windhorst
Vietnam 1995

Lars Windhorst war 18, trug Ripp unterm Hemd, als ihn der Kanzler auf eine Reise mitnahm. Er erzählte, dass er hier super Geschäfte mache. Helmut Kohl sagte: "Junge, setz dich mal neben mich."

© Foto:Tim Brakemeier/Picture Alliance
Lars Windhorst 1995 ganz relaxed in seinem Büro in Hongkong
Hongkong 1995

Eine Zeit voll jugendlichen Überschwangs, sagt er. Andere sagen, typisch Windhorst: mehr Schein als Sein, Riesenbüro im Ausland – kaum Mitarbeiter darin

© Foto:GO GOERTZ
Bonn, 1996

Eigentlich schraubte er Computer zusammen. Plötzlich wollte er den höchsten Turm Vietnams errichten. Mehr als das Modell, hier bei der Präsentation, wurde nie gebaut

© Foto:Gero Breloer/Picture Alliance
Berlin, 2000

Michael Douglas hatte er im Urlaub auf Mallorca kennengelernt, der Star reiste an zur Büroeröffnung am Potsdamer Platz; wieder ein neuer Superlativ. 2004 kam die Pleite

© Foto:Schulz Christian/Picture Alliance
  Security personnel walk at the site of a plane crash in Almaty airport December 26, 2007. A small German-owned private jet crashed during take-off from Almaty airport on Wednesday, killing its only passenger, Kazakhstan's Emergency Ministry said.  REUTERS/Pavel Mikheev (KAZAKHSTAN) - RTX50AJ
Kasachstan, 2007

Nach der Insolvenz ging Windhorst noch größere Risiken ein. Erst stürzte sein Flugzeug ab, dann das Geschäft

© Foto:Pavel Mikheev/Reuters
Berlin, 2009

Ein Gläubiger verklagte ihn wegen Insolvenzverschleppung, Betrug, Untreue. Windhorst musste 3,5 Millionen Euro zahlen, war vorbestraft. Und wieder pleite: Seine Investmentfirma Vatas meldete Insolvenz an

Berlin, 2011

Ein seltener öffentlicher Auftritt in Deutschland: Windhorst mit Ehefrau Tatjana auf der "Ein Herz für Kinder"-Gala

© Foto: Sven Simon/Picture Alliance
Sapinda-Weihnachtsfeier 2014 im Natural History Museum in London
London, 2014

Auch so können Weihnachtsfeiern aussehen: Im Natural History Museum zelebrierte er für Freunde und Mitarbeiter seiner neuen Firma Sapinda den Erfolg

© Foto:TWOBYTWOVIDEO


Die Geister seiner Vergangenheit verlangen mehr von ihm, viel mehr. Sie jagen ihn um die Welt, bringen ihn um den Schlaf. Man kann dabei zusehen, wenn man ihn ein paar Monate begleitet. Weiter nach oben will er, an die Weltspitze, jetzt erst recht. Anerkennung, nicht nur in der Finanzwelt. Auch bei den Deutschen. So viele Chancen wird er nicht mehr bekommen. Diesmal muss es klappen. Rockstar!

Oder Windei. Für immer.

Drei Handys, eine Fitness-App

Woher kommen Sie gerade, Herr Windhorst? Ein Abend in Berlin, 20 Uhr. Er läuft die Treppe im China Club hinunter, dem Nobel-Vereinsheim für Geschäftsleute. "Genf?" , fragt er irritiert. "Nein, hm. Hannover. Ich komme aus Hannover." Er lässt sich in ein Privatzimmer führen. Runder Tisch vor lindgrün bespannter Wand. Ein Kellner reicht Wasabi-Garnelen. Ende eines normalen Tages.

2.15 Uhr aufstehen in Genf.
2.30 Uhr joggen.
3.30 Uhr Abfahrt zu Max von und zu Liechtenstein, dem Sohn des Fürsten. Der will in seine Agrarfirma investieren.
8 Uhr Termin.
9 Uhr Termin, weiter nach Zürich.
11 Uhr nächster Termin.
12 Uhr geschäftlicher Lunch.
14.30 Uhr Flug nach Hannover, Termin mit einem Unternehmer.
18.30 Uhr Flug nach Berlin.
Und gleich habe er noch einen Termin, werde danach viereinhalb Stunden schlafen, wie meist unter der Woche. "Ich arbeite und schlafe." Es klingt wie eine der typischen Managerlegenden. Er springt auf, ruft: "Nein, ich kann's beweisen." Greift eines seiner drei Handys, läuft um den Tisch, öffnet seine Fitness-App.
2.31 Uhr, Jogging-Beginn, steht im Verlauf. Darunter jeden Tag ein Eintrag. "Jeden Tag" , sagt er.

Er will es allen beweisen - aber vor allem sich selbst

Jeden Tag. Beweisen. Darum geht's. Es allen beweisen. Aber vor allem: sich selbst. "Seit meiner Jugend habe ich ein und denselben Traum", sagt er. "Ich will in der Wirtschaft etwas Großes aufbauen. Von den Allerbesten respektiert werden."

Und wie viel davon haben Sie schon erreicht? Stille. Er überlegt. Wischt über das Tischtuch. Ach, sagt er dann, und seine Stimme klingt plötzlich verächtlich. "Ehrlich gesagt, bei Weitem nicht genug. Ich habe viel zu viel Zeit verloren."

Dann nimmt er seinen Schlips ab, für eine kurze Atempause, der kleine Mann im Maßanzug, mit den dunklen Brauen, die ihn so böse aussehen lassen, wenn er ernst schaut. Und dem Bubengrinsen, das ihn so viel jünger aussehen lässt, wenn er sich freut. Er habe sich durchchecken lassen, sagt er. Der Arzt befand, er halte sein Pensum noch ein paar Jahre durch, vier bis sechs sicher. Das ist seine Deadline. Vier bis sechs Jahre.

  Unverkennbar Lars Windhorst. Nur die Pausbacken von damals sind weg.

Unverkennbar Lars Windhorst. Nur die Pausbacken von damals sind weg.


Seine Firma Sapinda expandiert rasend schnell. Weil er rasend schnell Geld sammelt. Er findet vielversprechende Branchen und Geschäftsmöglichkeiten. Dann überzeugt er Privatleute oder Firmen, mit ihm zu investieren. Mal schnell und kurzfristig. Mal beteiligt er sich langfristig oder gründet selbst Unternehmen, hält sie, bis sie sich gut verkaufen lassen. Er sagt, er habe für seine Investoren im vergangenen Jahr 405 Millionen Euro angelegt und 1,4 Milliarden seit 2011, als er wieder richtig loslegte.

Wieder kann das niemand überprüfen, er veröffentlicht keinen Geschäftsbericht. Die 400 Millionen Privatvermögen will er nicht kommentieren, die Schätzung des "Manager Magazins" bezieht sich unter anderem auf seine Anteile an den Sapinda-Beteiligungen. Viele sind Hoffnungswerte.

"Kleckern war ja noch nie sein Ding"

London, 17. Dezember, Weihnachtsfeier. Blau strahlt das berühmte Natural History Museum in die Nacht, Sapinda-Blau. Kerzen flackern im Wind, Hunderte Gäste schreiten über rote Teppiche. "Ah!" , rufen sie, und "Oh!" . Einer raunt: "Na ja, kleckern war ja noch nie sein Ding."

Windhorst steigt auf ein Podest. Hoch über ihm spannt sich das Skelett eines Dinosauriers. Diplodocus, 150 Millionen Jahre alt. Zu dessen Füßen wird Sushi gereicht, am Schwanzende türmen sich Meeresfrüchte, unter den Augenhöhlen bringt DJ Bob Sinclar Manager zum Zucken. "Wow, hast du die Weine gesehen!", ruft Joachim Hunold, der Gründer von Air Berlin. Die Weine heißen Opus One oder Château Haut-Brion und kosten um die 350 Euro pro Flasche.

Windhorst drückt seinen Rücken durch, reckt den Kopf, wie immer. Diese Party diene dem wichtigsten Sapinda-Ziel, sagt er ins Mikrofon. "Es geht darum, lebenslange Beziehungen zu schaffen." Lebenslange Beziehungen? Zig Hedgefonds-Manager, die normalerweise den Reiz der Kurzfristigkeit schätzen, jubeln. Und mit ihnen britische Lords, südafrikanische Minenbetreiber, Anwälte, Kunsthändler. Sie nennen ihn "Lars, my friend". Überall Freunde, ja: Fans, kaum auszuhalten. Hier ist er wieder der Rockstar. Wie damals. Hier wird niemandem mulmig. Unterm Dino ist seine Geschichte keine vom Fallen, sondern eine vom Aufstehen.

Der Junge aus der Provinz

Eine von einem Jungen aus der Provinz, der es allein geschafft hat, als zweites Kind von Wilhelm, dem Besitzer eines Schreibwarenladens, und Ursula, der Realschullehrerin. Von Eltern, die bis heute rätseln, warum ihr Sohn so ist, wie er ist. Die ihn immer gestützt haben, wenn sonst keiner mehr etwas mit ihm zu tun haben wollte.

Es gibt in Rahden kein Hochhaus, nur flaches Ostwestfalen, 16 500 Einwohner und die Sparkasse. Aber er zeichnete als Kind Hochhäuser, samt Schriftzug: "Lars Windhorst" . Er kam mit Aktenkoffer zur Schule, las unter der Bank das "Handelsblatt" . Mit 14 schraubte er Computer zusammen, die Teile kaufte er billig von Mellon Zhang, einem chinesischen Händler in Düsseldorf.

Wie er diesen Teil seiner Geschichte liebt! Er verstellt seine Stimme, quietschiger, und spielt jenen Chinesen. In den Sommerferien 1993 fragte Windhorst Zhang, ob er nicht bei ihm anfangen wolle. "Ich bin aber erst 16." Zhang, damals Ende 20, staunte. Windhorst überzeugte ihn, wie so viele danach: mit seiner Begeisterung, die Idee für das Geschäft zu haben.

Zhang zog bei ihm zu Hause in Rahden ein. Windhorst schmiss die Schule. Das Geschäft mit ihren Computern boomte gewaltig; sie machten Millionenumsätze und stellten Mitarbeiter ein. Die Geschichte vom jungen Erfolgsunternehmer verbreitete sich in der Republik, wenig später saß er mit Helmut Kohl in der Regierungsmaschine zu Staatsbesuchen. Alter Kanzler und junger Macher, was für Bilder! Er sprach als "Young Global Leader" auf dem Weltwirtschaftsforum; zahlte bei McDonald's mit Tausendern; kündigte Großprojekte in aller Welt an.

Zhang wurde nervös. "Lars, das ist mir zu viel", sagte er. "Lass uns uns trennen. Wenn du pleitegehst, kannst du bei mir anfangen." Windhorst rief: "Pleite? Ich?"

Die erste Pleite

Genau vier Jahre, eine Woche und drei Tage später, so hat er das mal ausgerechnet: die Konten gepfändet. Insolvenz. Gläubiger drohten, ihn um den Globus zu jagen. Er hatte getrickst und betrogen, um zu verschleiern, wie schlimm es stand, sich unter falschen Vorwänden immer neues Geld geliehen, um alte Schuldner zu bedienen, bis es krachte. Alle hingen mit drin: Deutsche Bank, Sparkasse Rahden, Siemens, Michael Douglas, die westfälische Unternehmerprominenz. Es war kaum mehr was zu holen. Und er privatinsolvent.

Zhang schickte, weil Windhorst kein Konto mehr hatte, einen Kurier mit einem Geldumschlag. Windhorst kaufte sich ein Prepaidhandy, weil ihm niemand einen Vertrag gab, und fing zum ersten Mal wieder von vorn an. Rief Geschäftspartner an, flehte sie an, sich mit ihm zu treffen, damit er sich erklären konnte.

Sapinda-Weihnachtsfeier 2014 im Natural History Museum in London

London, 2014. Auch so können Weihnachtsfeiern aussehen: Im Natural History Museum zelebrierte er für Freunde und Mitarbeiter seiner neuen Firma Sapinda den Erfolg


Jetzt steht er unter dem Dino-Schwanz. Fehlt nur ein weißer Anzug, und man könnte, ohne etwas zu verändern, "The Great Gatsby" verfilmen. Dann ruft er auch noch am Ende seiner Rede: Nein, das mit den Weinen sei nicht crazy. Schließlich sei Wein eines seiner wenigen Hobbys. Enjoy!

Joachim Hunold, Mitglied im Sapinda-Beirat, lässt sich einen 2006er Opus One bringen und knurrt, dass so ein Event in Deutschland schwer vorstellbar wäre. "Hier bist du der Hero, und bei uns wirst du von manchen Leuten abgeschrieben, nur weil du früher Fehler gemacht hast." Edwin Eichler schlendert vorbei, seit Anfang 2014 ist er Geschäftsführer von Sapinda, vorher leitete er die Stahlsparte bei Thyssen-Krupp. Nicht mal ein Konto bekomme Sapinda bei Deutscher Bank und Commerzbank, sagen die Manager, was die Banken nicht kommentieren wollen.

Ältere Herren mit Beschützerinstinkt

Eichler ist ein etablierter Manager, er hat einen Ruf zu verlieren. Wie hat Windhorst ihn gekriegt? "Mit seiner entwaffnenden Ehrlichkeit. Er sagte: 'Google mich, wir können über alles reden, was da steht'" , sagt Eichler. Alle hätten gesagt, Windhorst sei ein Blender. Für ihn sei er der "geborene Investor und Unternehmer", mit Mut, Instinkt für Geschäfte und der Fähigkeit, langfristige Beziehungen aufzubauen.

Und Roland Berger, Beraterlegende, sagt: "Er weiß, dass er gelegentlich selbst die größte Gefahr für sich darstellt, weil er zu viel will. Das finde ich bemerkenswert." Berger sitzt auch im Beirat und hat in Sapinda investiert. Wie viel, sagt er nicht, nur dass er es sehr bedauern würde, wenn es weg wäre. "Herr Windhorst muss nach den schmerzhaften Erfahrungen zeigen, dass noch mehr in ihm steckt. Einen besseren Antrieb gibt es kaum."

Hört man ihnen zu, den viel älteren Herren, ahnt man, was Windhorst in ihnen weckt: die Lust aufs große Geschäft – und den Beschützerinstinkt. Da ist einer, der ist genial, vielleicht sogar genialer als ich. Aber er braucht meine Hilfe, der Junge.

Mit Windhorst geht alles schneller und unkomplizierter 

Oft beginnen die Windhorst-Geschäfte so wie dieses: Hedgefonds-Manager in London erzählten ihm, Land in Afrika werde das nächste große Ding. Er hörte zu, lernte auf irgendeinem Event Carl Heinrich Bruhn kennen, Agraringenieur aus Schleswig-Holstein, das war vor fünf Jahren. Heute kann man Bruhn in Sambia besuchen.

Scheinwerferlicht durchflutet den Busch. Motoren heulen. Bagger reißen Büsche aus dem Boden, schaffen Platz für riesige Felder, für Mais, Weizen, Soja. Mitten in der Nacht, 200 Kilometer westlich von Lusaka, der Hauptstadt. Windhorst-Land. "Wir arbeiten 24 Stunden, um vor der Regenzeit neue Flächen für die Aussaat vorzubereiten" , sagt Bruhn und stapft den Baggern hinterher.

"Amatheon Agri" heißt ihre gemeinsame börsennotierte Holding, nach Amaethon, dem keltischen Gott des Ackerbaus, benannt. Bruhn sagt, mit Windhorst gehe alles schneller und unkomplizierter als mit Banken. Mehr als 30.000 Hektar haben sie bislang vom Staat gepachtet. Erst 3000 bewirtschaften sie. Bruhn führt das Geschäft, Windhorst taucht auf, wenn er neue Investoren gefunden hat, dann zeigt er ihnen die Farm. Sie wollen Stauseen bauen, Rinder züchten. "Die Wertschöpfungskette kontrollieren", sagt Bruhn. "Soja an die Rinder verfüttern, die wir zu Steaks verarbeiten." Ihre Produkte wollen sie vor allem regional verkaufen. Nur eines war ganz wichtig: Sie durften nicht auffallen. "In Deutschland wird jede Landinvestition in Afrika sofort als Landraub abgestempelt", sagt Bruhn. Und dazu noch dieser Name: Windhorst.

Gerade ist Günter Nooke, der Afrika-Beauftragte der Bundeskanzlerin, zu Gast. Bruhn spaziert mit ihm zur Schule, die Amatheon gebaut hat, erzählt, dass nur fünf illegale Siedler umgesiedelt wurden und gleichwertiges Land erhielten. Dass sie den lokalen Bauern Überschüsse abkaufen. Nooke nennt die Farm "eines der besten Agrarprojekte in Afrika", die er kenne.

Windhorst scheitert ein zweites Mal

Was es einmal abwirft? Niemand weiß das. Amatheon ist eine der vier großen Firmenbeteiligungen von Sapinda, neben den Öl-, Gas- und Kohlegeschäften – und steckt wie die anderen noch in der Aufbauphase. Wieder von vorn, wieder Wetten auf die Zukunft. Wieder dient all das Tun und Trachten: ihm selbst. Nur einmal habe er kurz überlegt auszusteigen, etwas ganz anderes zu machen, sagt er. Nachdem auch sein zweiter Versuch gescheitert war. Einer seiner Gläubiger, der südafrikanische Milliardär Robert Hersov, hatte ihn in seine Investmentfirma Vatas geholt. Windhorst sollte Schulden abarbeiten, spekulierte auf Schwankungen an der Börse, organisierte Geld für Firmen, denen Banken keines geben wollten. Hohes Risiko. Zuerst crashte sein Privatjet, in Kasachstan, kurz nach dem Start. Der Pilot starb. Windhorst lag in der Steppe, gebrochene Rippen, sein rechtes Ohr war weg. Sie fanden es wieder, aber bis heute fehlt das Läppchen.

Kurz darauf kam die Finanzkrise und riss ihn mit, 2009 ging Vatas pleite. Es war nicht so schlimm wie beim ersten Mal, sagt er, eine Mutterfirma habe die Angestellten übernommen, niemand habe seinen Job verloren. Aber er war wieder gescheitert.

Business hat etwas Sexuelles für ihn

Danach saß er deprimiert im Südafrika-Urlaub. In einer Sushi-Bar mit Aussicht auf den Hafen. Dort ankerte ein Öltanker. "Das hört sich jetzt verrückt an", sagt er, "aber das Bild hat etwas in Gang gesetzt in meinem Kopf. Das hat mich so stimuliert." Business hat etwas Sexuelles für ihn. Er kann nicht anders.

Windhorst hat auch eine Frau. Tatjana. Er hat sie in einem italienischen Restaurant in Frankfurt kennengelernt. Sie ist Russin, sie haben in London geheiratet, 2009. Es sei eine freundschaftliche, aber schwierige Beziehung, sagt er. Wegen seiner Art zu arbeiten? "Ja. Meine Frau hat gedacht, das muss ja irgendwann besser werden, weniger Arbeit. Aber es ist aus ihrer Sicht noch schlimmer geworden." Ist er selbst glücklich mit seinem Leben? "Ja, auf jeden Fall", sagt er. Und er strahlt.

An jedem Abend malt er in seinen Kalender ein kleines "+" oder ein "–". "+", das sind gute Tage voller Geschäfte und interessanter Gesprächspartner. Sie werden mehr, seit es bei Sapinda aufwärts geht.

Bleibt ein Problem: er und Deutschland.

Es war in Berlin-Charlottenburg, Ende vergangenen Jahres. Kurz vor der Eröffnung der Fotogalerie C/O. Ein wenig verloren stand Windhorst im VIP-Bereich, den Rücken durchgestreckt. Der Hemdkragen ein wenig zu eng, ein leichter Schweißfilm auf seiner Stirn. Hier war er nicht in Rockstar-London, sondern in Loser-Deutschland. Neben ihm wachte Andreas Fritzenkötter, 2,04 Meter groß, der einst Pressechef bei Kohl war und ihn damals mit dem Kanzler bekannt machte. Seit vier Jahren ist er Sapindas Kommunikationschef. Er wirkte wie ein Schutzpatron bei diesem ersten öffentlichen Termin in der Heimat seit Langem. Er arbeite an Deutschland, sagte Windhorst, es werde langsam ein wenig besser. "Manchmal war es frustrierend. Wenn ich bei einer Bank ein Investment vorstellen wollte, kam es manchmal gar nicht zum Termin. Die hörten Windhorst. Und sagten: Nein, danke." Geschäftlich brauche er Deutschland nicht. Aber die Eltern und die Schwester lebten in Rahden, sein Neffe, sein Patenkind, auch. In Berlin fühle er sich zu Hause, viel mehr als in London.

Im Foyer der Galerie hängt eine Tafel mit seinem Namen. Windhorst gibt Geld, schenkt Deutschland Kunst. Vielleicht beginnt es, ihn mit anderen Augen zu sehen. Hey, big spender. Das ist die Idee.

Richtig sicher kann niemand sein

Als Klaus Wowereit ankam, damals Bürgermeister, bildete sich eine Menschentraube, Windhorst stellte sich dazu. Wowereit hatte erkennbar kein Interesse, mit ihm zu sprechen. Windhorst blieb stumm am Rand.

Er glaubt, dass ihm nur eines hilft: "Ich brauche nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg, sonst hat alles keinen Sinn." Er will Anerkennung. Er denkt, dass er sie nur bekommt, wenn er Geld verdient, viel Geld. Lars wolle nicht erst im Rentenalter rehabilitiert sein, sagen Geschäftsfreunde. Deswegen gebe er so Gas. Manchmal wird ihnen mulmig. "Ich glaube nicht, dass er noch einmal so scheitert. Aber, gut, letztlich weiß man nie", sagt Berater Berger. Alles ist möglich. Alles zwischen Milliardenfirma und "fürchterlicher Ansehenskatastrophe für alle", sagt ein anderer Geschäftspartner.

Viele Glückssucher schreckt das nicht. Auch Mellon Zhang ist wieder da. Der Chinese. "Wäre doch schade, wenn Lars in 20 Jahren so reich wie Warren Buffet ist, und ich hätte die Chance verpasst, einzusteigen", sagt er. Vorsichtshalber will er nicht allzu viel investieren.

Warum sollte es diesmal gut gehen? Weil er gelernt habe, sagt Windhorst. "Dumm, naiv, abgehoben und unbelehrbar" sei er gewesen damals. Seine Schwäche sei "die langweilige Seite des Geschäfts: das Abarbeiten der Details". Er habe an sich gearbeitet, habe jetzt gute Leute an seiner Seite. Ziemlich genau so hat er das schon oft gesagt, auch Ende der Neunziger, vor der ersten Pleite.

Es ist Nacht geworden, am Tag des Scheichs. Plingpling, macht eines der Handys. Eine Whatsapp vom Chefberater. Windhorst grinst, zeigt die Nachricht. Da steht, Seine Hoheit habe es sich noch mal überlegt. Er will nun doppelt so viele Millionen investieren. Alles ist möglich.

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