Die Pharmaindustrie bezahlt Ärzte dafür, dass sie teure Medikamente in den Markt drücken. Der stern zeigt die geheime Liste der Hersteller, die dabei mitmachen. Von Markus Grill

Ihr Arzt hat vielleicht gedacht, es sei das beste Medikament für Sie© Frank May/DPA
Das Geld erreicht den Arzt unter dem Deckmantel eine Studie. Konkret läuft das so: Ein Pharmareferent kommt in die Praxis und fragt den Arzt, ob er nicht an einer sogenannten Anwendungsbeobachtung (AWB) teilnehmen möchte. Offiziell sind das Studien mit Patienten über Arzneimittel, die längst zugelassen sind. Wenn der Arzt mitmacht, kann er für jeden Patienten, dem er das Mittel verordnet, ein Honorar erhalten, meist 50 Euro pro Patient. Gelegentlich, wie im Fall des teuren Krebsmedikaments Glivec der Firma Novartis, können es für den Arzt auch 1000 Euro pro Patient sein. Nach Berechnungen des Wissenschaftlichen Instituts der Techniker Krankenkasse kosten die AWBs in Deutschland "Jahr für Jahr 930 Millionen Euro".
Anwendungsbeobachtungen stehen schon lange in dem Verdacht, vor allem teure Medikamente unter die Patienten zu bringen. Doch wie problematisch diese Scheinstudien wirklich sind, zeigt jetzt erstmals eine Untersuchung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), die die Interessen der niedergelassenen Ärzte vertritt. Die Studie mit dem sperrigen Titel "Evaluation der wissenschaftlichen Qualität von Anwendungsbeobachtungen in Deutschland" enthält auf 101 Seiten eine Menge brisanter Statistiken. Doch die Kassenärztliche Vereinigung hält das Werk unter Verschluss. KBV-Sprecher Roland Stahl: "Erst wenn der Endbericht bei uns eintrudelt, werden wir entscheiden, ob und was wir veröffentlichen."
Dem stern liegt die Untersuchung vor - und die Ergebnisse zerstören den von der Pharmaindustrie genährten Mythos, dass es bei AWBs stets um wissenschaftliche Erkenntnisse über Arzneimittel geht. Nach Sichtung aller im zweiten Halbjahr 2005 angemeldeten AWBs kommen die Autoren der KBV-Studie zu dem Ergebnis: "Der überwiegende Teil der AWBs fungiert vordergründig als Marketinginstrument und stellt damit wissenschaftliche Ansprüche oftmals infrage." Im Klartext: Die Studien sind Bluff, tatsächlich geht es vor allem darum, den Absatz bestimmter Medikamente zu fördern. So fand sich nur bei 19 Prozent aller AWBs in den Unterlagen überhaupt ein Hinweis auf eine geplante Veröffentlichung der Studienergebnisse. Gerade die fehlende Publikation ist nach Ansicht der Autoren ein klares Indiz, dass die AWB "als Marketinginstrument" anzusehen ist. Schon im Jahr 2002 hatten Experten der KBV eine interne Einschätzung abgegeben, dass "nur zwischen 10 und 20 Prozent der AWBs der Gewinnung von wissenschaftlicher Erkenntnis" dienen. Von den nun analysierten AWBs enthielten nur 28 Prozent beispielsweise einen Studienplan, die Liste der teilnehmenden Ärzte, Fachinformationen und den Erfassungsbogen, den der Arzt ausfüllen soll. Bei 67 Prozent der AWBs war nicht einmal klar, welche Ergebnisse sie überhaupt liefern sollten, "da entweder keine Ziele benannt wurden oder kein Studienplan vorhanden war", wie es in der KBV-Studie heißt.
Was ist aber so schlimm daran, kann man sich fragen, wenn ein Arzt an einer Scheinstudie teilnimmt und dadurch sein Honorar ein bisschen aufbessert? Das Problem ist, dass dafür vor allem die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen und die Medikamente, die in den AWBs verordnet werden, meist hochpreisige Präparate sind. Dazu kommt, dass die Patienten nach Beendigung der AWB das teure Präparat jahrelang weiter nehmen - für die Pharmafirmen also eine lange sprudelnde Geldquelle. Im Juni dieses Jahres erschien im angesehenen amerikanischen Ärzteblatt "JAMA" ein Aufsatz von Forschern der dänischen Universität in Odense. Sie hatten zehn Arztpraxen untersucht, die an AWBs teilnahmen, und sie verglichen mit 165 anderen Arztpraxen. Das Ergebnis: Die AWB-Ärzte verordneten noch nach zwei Jahren 26 Prozent mehr das entsprechende Medikament, für das sie Honorar von der Pharmafirma erhalten hatten.
In Deutschland muss jede AWB der Kassenärztlichen Vereinigung gemeldet werden. Doch die hält nicht nur ihre eigene Untersuchung zu dem Thema unter Verschluss, sondern weigert sich auch, die Namen der Arzneimittel, die Zahl der Ärzte, der Patienten und die Pharmafirmen, die AWBs durchführen, zu nennen. "Wir können keine Statistiken herausgeben", wimmelt KBV-Sprecher Stahl eine Anfrage des stern ab. "Die Liste der 30 teilnehmerstärksten Patientenbeobachtungen können und dürfen wir nicht rausgeben."
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Stern
Ausgabe 05/2007