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15. Dezember 2008, 11:27 Uhr

Der Skandal, der die Republik erschütterte

Es war der Skandal des Jahres: Der Discounter Lidl ließ seine Mitarbeiter systematisch bespitzeln. Aufgedeckt wurden die Vorgänge durch Reporter von stern.de und stern, die dafür nun zu "Journalisten des Jahres" gekürt wurden. Lesen Sie hier noch einmal den Skandal, der das Land im Frühjahr erschütterte.

Lidl, Überwachungsskandal, Bespitzelung, Kamera

Malte Arnsperger (l.) und Markus Grill während ihrer Recherche zur Überwachung von Mitarbeitern bei Lidl© Frank Schinsky

Der Lebensmitteldiscounter Lidl ließ voriges Jahr systematisch die Beschäftigten in zahlreichen Filialen überwachen. Dem stern und stern.de liegen mehrere Hundert Seiten interner Lidl-Protokolle vor, in denen jeweils mit Tag und Uhrzeit notiert, wann und wie häufig Mitarbeiter auf die Toilette gehen, wer mit wem möglicherweise ein Liebesverhältnis hat, wer nach Ansicht der Überwacher unfähig ist oder einfach nur "introvertiert und naiv wirkt". Die meisten dieser Einsatzberichte stammen aus Lidl-Filialen in Niedersachsen, dazu kommen einzelne Abhörberichte aus Rheinland-Pfalz, Berlin und Schleswig-Holstein.

Die Überwachung funktionierte immer nach dem gleichen Muster: Montag morgen installierten von Lidl beauftragte Detektive in der jeweiligen Filiale meist zwischen fünf und zehn Miniaturkameras. Dem Filialleiter wurde erzählt, es gehe darum Ladendiebe aufzuspüren. Tatsächlich notierten die Detektive aber auch ihre genauen Beobachtungen der Lidl-Mitarbeiter.

Kritik an Lidl

Achim Neumann, Handelsexperte der Gewerkschaft Verdi, erklärte gegenüber dem stern, er sei zwar einiges gewohnt von Lidl, von solch einer systematischen Mitarbeiterüberwachung aber habe er noch nie gehört. "Diese Dimension ist mir völlig neu." Der Hamburger Arbeitsrechtler Klaus Müller-Knapp, dem die Protokolle vorab gezeigt wurden, hält sie für "in höchstem Maße skandalös", weil es nicht um Arbeits-, sondern um Verhaltenskontrolle geht. "Das stellt einen klaren Verstoß gegen Artikel zwei Grundgesetz dar, der die freie Entfaltung der Persönlichkeit schützt."

Lidl selbst bestritt die Existenz der Protokolle gegenüber dem stern nicht, behauptet aber zunächst, sie "dienen nicht der Mitarbeiterüberwachung, sondern der Feststellung eventuellen Fehlverhaltens", so Lidl-Sprecherin Petra Trabert. Auch von den detaillierten Protokollen aus der Privatsphäre der Beschäftigten distanziert sich das Unternehmen im Nachhinein und erklärt, die "Hinweise und Beobachtungen entsprechen weder im Umgangston noch in der Diktion unserem Verständnis vom Umgang miteinander."

Mittlerweile räumte Lidl ein, dass in einzelnen Filialen Mitarbeiter möglicherweise mit Überwachungskameras bespitzelt wurden. "Ich kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausschließen, dass es dazu Aufträge gegeben hat", sagt das Mitglied der Lidl-Geschäftsführung, Jürgen Kisseberth, am Mittwoch in Neckarsulm. "Das war aber nicht der Auftrag der Geschäftsleitung." Die zwei Detekteien hätten den Auftrag gehabt, über Kameraanlagen vor allem Diebstähle von Kunden aufzudecken.

Erst wenn alle Aufträge im Bundesgebiet geprüft worden seien, könnten alle Verdachtsmomente ausgeschlossen werden, erklärte Kisseberth.

Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, erklärte gegenüber dem stern, dass das Protokollieren eines Toilettenbesuchs und ähnliches einen schweren Verstoß gegen das Bundesdatenschutzgesetz darstelle: "Ich gehe davon aus, dass, wenn solche Vorgänge bekannt werden, die zuständige Datenschutzbehörde tätig wird und Ermittlungen einleitet."

Wegen der Mitarbeiterbespitzelung ist Lidl nun ins Visier von Datenschützern gerückt. Es werde datenschutzrechtlich geprüft, ob die Beschäftigten in zahlreichen Filialen systematisch überwacht wurden, sagte eine Sprecherin des baden-württembergischen Innenministeriums am Mittwoch in Stuttgart. Die Datenschützer für den nicht-öffentlichen Bereich in Baden- Württemberg werden nach Angaben des Innenministerium den Fall unter die Lupe nehmen. "Der Sachverhalt muss aufgeklärt werden", betonte die Ministeriumssprecherin.

Günther Schedler, Datenschutzbeauftragrer in Baden-Württemberg, kritisierte im Gespräch mit stern.de vor allem die Organisation von Lidl: "Das Problem bei Lidl fängt mit der Verschachtelung des Unternehmens in eine Vielzahl von Unterfirmen an. Wir müssen prüfen, welche GmbH & Co KG für was verantwortlich ist", sagte er und kündigte an, den Fall genau zu prüfen: "Man muss sich das wohl Filiale für Filiale genau ansehen. Wir werden Lidl einige Fragen stellen."

Von Markus Grill und Malte Arnsperger
 
 
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