Billig ist nicht immer besser

14. November 2006, 12:45 Uhr

Bis zum 30. November können Autobesitzer ihre Kfz-Versicherung wechseln - die Anbieter unterbieten sich schon seit Wochen. Was gern verschwiegen wird: Für Billigtarife gibt's meist auch weniger Leistung. Von Karin Spitra

Kfz-Versicherung, Versicherung, Versicherungsvergleich, Versicherungswechsel

Im Preiskampf der Versicherungen könnte der Kunde auf der Strecke bleiben©

Wer eine Kfz-Versicherung hat, erwartet von ihr eigentlich etwas ganz simples: Wenn's knallt, soll die Versicherung einspringen - und die Beiträge sollten bitte auch recht günstig sein. An diese Sparsamkeit appellieren derzeit die Anbieter, einige haben in den vergangenen Wochen ihre Tarife gesenkt. Denn zum 30. November können die Versicherten wechseln.

Noch sind Versicherungen billig Über hundert Anbieter machen sich derzeit Konkurrenz, selten konnten Kunden bei einem Wechsel so viel sparen. Der Gedanke, ein der für viele verockend ist - schließlich wird das Benzin nicht billiger und die Erhöhung der Versicherungs- und Mehrwertsteuer wird die Brieftasche im kommenden Jahr zusätzlich belasten.

Doch nur auf den billigsten Versicherungstarif zu schauen, könnte im Schadenfall zu Problemen führen: Denn es zählt nicht nur der Preis, sondern auch, was man dafür bekommt. Schließlich wirtschaften Versicherungen auch nicht anders, als andere Branchen: Die angebotenen Billigpreise werden mit Leistungskürzungen erkauft. Und diese werden gerne im unübersichtlichen "Kleingedruckten" versteckt.

Zu wenig Beratung "Die Versicherungslandschaft ist vielfältig, der Abschluss einer Police ist nicht so simpel, wie ein Einkauf im Supermarkt," warnt Sven Janssen, Pressesprecher des Automobilclub von Deutschland (AvD). Er bedauert, dass bei der momentanen Preissschlacht die Beratung in den Hintergrund gedrängt wird, obwohl seiner Meinung nach vor einem Abschluss viel geklärt werden muss. "Erst muss ich überlegen, was für mich gilt: fahre ich nur 5000 km im Jahr? Sitzt auch der Partner am Steuer, fahren auch junge Leute mit dem Wagen, und vieles andere mehr. Erst wenn ich dies alles weiß, dann erst kann ich mich daran machen, die Angebote zu vergleichen," so Janssen.

Das bestätigt auch Karl-Heinz Reimer, Vorstand des unabhängigen Versicherungsanalysten Fss-Online: "Der Verbraucher muss schon auch wissen, was mit seiner Versicherung alles abgedeckt ist - und was nicht." Eine zu geringe Deckungssumme oder der Ausschluss von Versicherungsleistungen bei grober Fahrlässigkeit können zum Beispiel zu großen Problemen führen, wenn's wirklich kracht. "Auch kleine Entscheidungen haben große Folgen," erklärt Reimer. "Es macht sehr wohl einen Unterscheid, ob man nur gegen Marderbiss, oder auch gegen dessen Folgeschäden versichert ist."

Ziel ist die "maßgeschneiderte" Police "Dann ist es auch nicht schlimm, wenn man für seine Versicherung 20, 30 oder 40 Euro mehr zahlt, als die billigste Variante," findet Janssen, "denn dafür hat man dann eine auf die eigenen Bedürfnisse maßgeschneiderte Versicherung, und das soll ja das eigentliche Ziel sein."   Wer also nicht nur eine günstige Versicherung sucht, sondern für sein Geld auch eine entsprechende Leistung erwartet, sollte die Angebote auch nach bestimmten Mindestanforderungen durchsuchen. stern.de hat dafür mit den Versicherungsexperten von AvD und Fss-Online eine Checkliste zusammengestellt.

Welche Kriterien machen den Tarif günstiger?

Bei jedem Versicherungswechsel empfiehlt sich eine Überprüfung der eigenen Lebensumstände. Vielleicht hat sich etwas verändert, was der Versicherung bares Geld wert ist. Nachfolgend einige Punkte, die verlässlich fast jede Versicherung billiger machen:   eigene Garage Wohneigentum statt Miete Neuwagen Kinder (unter 16 Jahren) im Haushalt Laufleistung pro Jahr (wer wenig fährt, baut auch wenig Unfälle).

Verhandeln lohnt sich!

Wie hoch sollte die Deckungssumme sein?

Bei der Haftpflichtversicherung gibt es drei Modelle mit einer Deckungssumme in Höhe von entweder 2,5 Millionen, 50 Millionen oder 100 Millionen Euro. Die Variante mit 2,5 Millionen Euro ist die gesetzliche Mindeststumme, diese Variante ist aber nicht empfehlenswert, weil die Summe viel zu niedrig ist.

Die vom Gesetzgeber vorgegebenen Mindestabdeckungen beläuft sich auf folgende Summen: 2,5 Millionen bei Personenschäden (maximal 7,5 Millionen beim Tod oder der Verletzung von drei oder mehr Personen); 500.000 Euro bei Sachschäden (und die sind schnell erreicht) sowie 50.000 Euro bei Vermögensschäden.

"Zwar gibt es am deutschen Markt noch keinen Fall, wo die Summe von 50 Millionen Euro überschritten wurde", erklärt Frank Bonifer, Leiter Versicherungsservice beim Automobilclub von Deutschland (AvD). "Da aber bei den meisten Angeboten die Preisdifferenz zu einer Deckungssumme von 100 Millionen nur fünf Euro beträgt, würde ich immer die teurere Variante empfehlen," so Bonifer weiter.

In dieser Deckungssumme ist mittlerweile auch fast schon standardmäßig eine Deckung von acht Millionen Euro für Personenschäden enthalten. Sicherheitshalber sollte das aber kontrolliert werden, denn gerade Personenschäden sind richtig teuer - besonders, wenn mehrere Personen verletzt wurden.

Sollten auch Glasschäden mitversichert werden?

Ein Glasbruch lässt sich nicht reparieren und erfordert deshalb den Austausch der Scheibe. Dies ist immer sehr teuer und kann bei einer Windschutzscheibe leicht bis zu 1500 Euro kosten. Anders bei der Glasreparatur. Hier übernimmt die Versicherung die Reparatur, um den teuren Austausch zu vermeiden. Da aber derartige Reparaturen meist zwischen 70 und 100 Euro kosten - was ja innerhalb der oft vorhandenen Selbstbeteiligung von 150 Euro liegt - zahlt der Versicherer diese Rechnung.

Versicherungsgesellschaften verzichten dann unter Umständen auf den Abzug des Selbstbehaltes, wenn zum Beispiel die Windschutzscheibe "nur" repariert wird. Diese Versicherungsart ist grundsätzlich mit inkludiert.

Ein Versicherter kann aber auch einen Gutschein für die Reparatur erhalten, wenn die Reparatur bei einem Vertragspartner der Versicherungsgesellschaft ausgeführt wird. Zudem können unter Umständen die Kosten für die Innenreinigung des Fahrzeuges nach einem Glasbruch teilweise oder ganz übernommen werden.

Muss ich mich auch gegen grobe Fahrlässigkeit versichern?

Eine KFZ-Versicherer kann gegenüber dem Versicherten auf den Einwand der grob fahrlässigen Herbeiführung eines Versicherungsfalles ganz oder eingeschränkt verzichten. Dieser Passus wird in der Vollkasko mitversichert.

Wer zum Beispiel beim Wechseln einer CD kurz unaufmerksam war und dann einen Unfall verursacht hat, hat ohne diesen Zusatz Pech: Bei grober Fahrlässigkeit müssen die Versicherungen nicht zahlen, der Autofahrer bleibt auf den Kosten sitzen. Anders mit diesem Zusatz. "Das ist wirklich empfehlenswert und sollte unbedingt mit abgedeckt werden," empfiehlt deshalb der AvD-Versicherungsexperte.

Brauche ich eine Abdeckung von Unfällen im Urlaub?

Ein Unfall im Auslandsurlaub kann schnell zum finanziellen Albtraum werden, wenn die in Deutschland bestehende Kfz-Haftpflicht des Fahrers keine Europa-Zusatzdeckung - auch "Mallorca-Police" genannt - enthält. Doch mittlerweile haben eigentlich schon sehr viele Versicherungen dies mit abgedeckt.

"Wirklich wesentlich ist diese Risikoabsicherung für Auslandsurlauber, die sich vor Ort auch einen Mietwagen bei einem lokalen Anbieter holen," erklärt Bonifer. Denn gerade in beliebten Urlaubsländern wie Portugal oder Spanien ist die Deckungssumme bei einem Mietwagen sehr niedrig. Kommt es dann zu einem Unfall mit Personenschaden und die Mietwagenpolice deckt die Zahlungen nicht, muss der Autofahrer die Differenz selber zahlen.

Wer also gerne im Urlaub spontan ein Auto mietet, sollte drauf schauen, dass diese Police mit enthalten ist. Alle anderen können diesen Versicherungsschutz auch erst vor den Auslandsurlaub für wenig Geld "nachrüsten" .

Der Marderbiss - ein wichtiger Versicherungsfall?

Beim Marderbiss sind meist nur die direkt durch den Marder geschädigten Teile versichert. Beißt ein Marder beispielsweise den Kühlschlauch durch, und es kommt durch die ausgelaufene Kühlflüssigkeit zum Motorschaden, dann ersetzt die Versicherung zwar die paar Euro für den Schlauch, auf den wesentlich teureren Reparaturkosten für den Motorschaden bleibt der Fahrer aber sitzen.

Wer auf Nummer sicher gehen will, kann dann auch eine erweitere Deckung verlangen, dann werden auch die Folgeschäden versichert. Aber hier sollte dann schon ein gewisses Risiko bestehen, denn diese zusätzliche Absicherung kostet meist auch extra.

Wer dieses Risiko abdecken will, sollte sich erst überlegen: Wo und wie wohne ich? "Auch hier sollte man vielleicht erst einmal in der Nachbarschaft herumfragen, ob es schon Fälle von Marderbiss gab," so Bonifer.

Sollte die Neuwertentschädigung auf sechs oder zwölf Monate angelegt sein?

Diese wurde urspünglich bei Einführung Anfang der 90er Jahre groß beworben. Nach etlichen Betrugsfällen, bei denen das Auto plötzlich am 334. Tag des ersten Jahres kaputt ging, wurde die Neuwertentschädigung von der Versicherungswirtschaft drastisch auf sechs Monate heruntergesetzt. Jetzt sind oft auch wieder die 12 Monate zu haben - "wirklich wichtig ist das aber nur für Besitzer von Neuwagen oder jungen Fahrzeugen," so Bonifer.

Problematisch ist es bei Leasingfahrzeugen. Hier sollten die Besitzer unbedingt eine Gap-Versicherung abschließen (gap = engl. für Lücke). Diese Versicherung schließt nach einem Jahr bei einem Totalschaden die Lücke beim Wertverlust.

Was hat es mit "Rabattrettern" auf sich?

Versicherungen bieten ihren Kunden im Rahmen des Tarifes auch so genannte Rabattretter an. Dieser Rabattretter kann entweder nur für die KFZ - Haftpflichtversicherung oder aber auch für die Vollkaskoversicherung Gültigkeit haben. Wenn der Rabattretter angeboten wird und der Versicherungsnehmer nach einem Unfall den Rabattretter in Anspruch genommen hat, bleiben in der Regel die Rabattprozente erhalten, es erfolgt jedoch eine Rückstufung in eine niedrigere SF Klasse.

Ist eine Werkstattbindung sinnvoll?

Verträge mit Werkstattbindung sind zwischen fünf und 20 Prozent günstiger als diejenigen mit freier Werkstattwahl - beim gleichen Versicherer. Sie machen aber für Besitzer von Neuwagen oder noch sehr jungen Autos keinen Sinn. Denn bei diesen Autos hat man meist eine Mobilitätsgarantie. Diese sieht vor, dass der Wagen in einer Vertragswerkstatt repariert wird. Eine Werkstattvorgabe der Versicherung widerspricht dem aber - welche Absicherung soll also gelten: die Werkstattbindung oder die Mobilitätsgarantie?

"Für ältere Fahrzeuge, die keine Mobilitätsgarantie haben, ist der Rabatt bei einer Werkstattbindung aber sicher eine sehr interessante Sache," so Bonifer.

Auch das von vielen Versicherungen angebotene Schadenmanagement ist eine interessante Alternative. Denn hier geht der Kunde keine fixe Werkstattbindung ein, bekommt aber guten Service. Beim Schadenmanagement regelt die Versicherung selbst die Reparatur. Dazu wird dann das Auto in eine Partnerwerkstatt gebracht, meist gibt es einen kostenlosen Hol- und Bringservice und auch ein kleines Auto während der Reparatur ist noch mit drin. Damit will die Versicherung Tricksereien bei der Abrechnung vermeiden - und ist dafür bereit, auf bis zu 50 Prozent der vertraglichen Selbstbeteiligung zu verzichten. Wer dann trotzdem auf die Werkstatt des Herstellers oder die seines "Vertrauens" besteht, muss den vollen Selbstbehalt zahlen.

Lohnt es sich, im Schadenfall einfach selber zu zahlen?

Bei einem Vollkasko-Schaden soll der Versicherungskunde einfach entscheiden, ob er den Schaden selbst zahlt, oder über die Versicherung regelt. Manchmal entpuppt sich eine Reparatur hinterher aber als billiger, als ursprünglich vermutet. Und nicht jeder Schadensfall ist - zumindest was die Kosten angeht - unübersehbar.

Deshalb fangen manche Autobesitzer nach der Rechnungslegung der Werkstatt das Rechnen an: Lohnt sich die Abwicklung über die Versicherung wirklich? Wenn man die erhöhten Prämien gegenrechnet, nicht immer. Dann räumen einige Versicherungen auch einen nachträglichen Schadenrückkauf ein. "Ist sinnvoll," urteilt Bonifer.

Wer muss sich gegen Wildschäden absichern?

Beim Wildschaden gibt es zwei Policenmodelle, den normalen und den erweiterten Wildschaden.
Normaler Wildschaden:
Hier sind Schäden durch "Zusammenstoß mit in Bewegung befindlichen Haarwild" abgedeckt. Zum Haarwild zählen alle dem Jagdrecht unterstehenden Säugetiere (in Abgrenzung zum Federwild), also etwa Rehe, Hirsche, Hasen oder Wildschweine. Wer in einer Großstadt wohnt und kaum einsame Landstraßen benutzt, ist auf diese Versicherung nicht besonders angewiesen.

Erweiterter Wildschaden:
Eine Kuh oder ein Pferd sind kein Haarwild, haben aber meist einen Besitzer, der dann für den Schaden aufkommen muss. Was aber, wenn der Pferdehalter oder Bauer selbst keine Haftpflichtversicherung hat - also nicht zahlen kann? Dafür gibt es dann die Police mit erweitertem Wildschaden - die "Zusammenstöße mit Tieren aller Art" abdeckt. Diese Prämie ist kaum teurer, als beim normalen Wildschaden, "könnte man also abschließen, wenn es für einen Sinn macht," so Bonifer.

Wie hoch muss die Deckungssumme für Zubehör sein?

Dazu gehören Navigationsgeräte, Stereoanlage, etc. Dabei sind meist nur fest mit dem Fahrzeug verbundene Geräte versichert. Gerade die besonders beliebten PDAs, die mit einem Saugnapf an der Windschutzscheibe befestigt werden, werden bei einem Diebstahl von der Versicherung üblicherweise nicht ersetzt. "Das gilt zum Beispiel für fast alle Modelle, die man bei Aldi oder Lidl kaufen und einfach 'mitführen' kann," so Bonifer. Gleiches gilt übrigens auch für Handy-Halterungen.

Nachträglich eingebautes Zubehör oder nicht serienmäßig mitgelieferte Zubehörteile, werden von Versicherungsgesellschaften oft nur bis zu einer bestimmten Gesamtsumme ersetzt. Dazu gehören auch Radio-, Musik-, Funk- und Navigationssysteme.

Eine gute Versicherung bietet bei Verlust von Zubehörteilen eine Deckungssumme von 5000 Euro. Das wäre bei einer richtig teuren Stereo-Anlage oder einem tollen Navigationsgerät empfehlenswert, "wirklich wichtig ist das aber nicht, bei einer Autoversicherung ist das ein Nebenschauplatz" urteilt Bonifer. Wer so teure Sachen eingebaut hat, weiß normalerweise um deren Wert und erweitert meist die bestehende Police.

Möglich ist auch, sich von der Versicherung bei Zerstörung oder Verlust des Autoradios den Neupreis für das Gerät ersetzen zu lassen. Das geht aber nur, wenn das Autoradio nicht älter als zwei Jahre ist und die Originalrechnung über den Kauf des Radios vorgelegt wird.

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