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Pro und Contra ADAC nicht mehr grundsätzlich gegen Tempolimit – was eine Beschränkung bringen würde

Seit Jahrzehnten wird ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen diskutiert
Seit Jahrzehnten wird ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen diskutiert
© Sebastian Gollnow / DPA
Der ADAC hat in der ewigen Debatte um ein Tempolimit auf Autobahnen seine jahrzehntelange ablehnende Haltung aufgegeben. Was für und was gegen eine Beschränkung spricht.

In der Debatte um ein Tempolimit auf Autobahnen hat der ADAC seine jahrzehntelange ablehnende Haltung aufgegeben. Der ADAC sei "nicht mehr grundsätzlich" gegen eine Geschwindigkeitsbegrenzung, sagte der ADAC-Vizepräsident Verkehr, Gerhard Hillebrand, der Deutschen Presse-Agentur im Vorfeld des 58. Verkehrsgerichtstags in Goslar (29. bis 31. Januar). Der ADAC ist mit gut 21 Millionen Mitgliedern der größte Automobilclub Deutschlands.

"Die Diskussion um die Einführung eines allgemeinen Tempolimits auf Autobahnen wird emotional geführt und polarisiert bei den Mitgliedern", sagte Hillebrand. "Deshalb legt sich der ADAC in der Frage aktuell nicht fest." Eine Versachlichung sei dringend erforderlich. Die Auswirkungen eines Tempolimits sollten dringend in einer umfassenden Studie geklärt werden. "Diese würde eine belastbare Entscheidungsgrundlage liefern."

Pro: Das spricht für generelle Tempolimits

Das spricht für Tempo 30 in der Stadt: Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) fordert Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in Ortschaften, weil die Zahl der Verkehrstoten seit Jahren kaum noch sinkt. "Wenn wir uns nicht damit abfinden wollen, dass jedes Jahr rund 3200 Menschen im Straßenverkehr ums Leben kommen, müssen wir uns etwas einfallen lassen", sagte der stellvertretende GdP-Bundesvorsitzende Michael Mertens. "Je schneller Fahrzeuge bei einem Zusammenstoß sind, desto größer sind auch die Kräfte, die auf die Insassen wirken", sagte Mertens.

Das spricht für striktere Tempolimits auf Landstraßen: Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat plädiert für Tempo 80 auf schmalen Landstraßen. Denn dort passierten mit Abstand die meisten Unfälle aufgrund von nicht angepasster Geschwindigkeit. Der Automobilclub ACE unterstützt die Idee: Zuletzt seien auf Landstraßen jährlich rund 1900 Menschen gestorben, das seien knapp 60 Prozent aller Verkehrstoten gewesen. Eine Senkung der Höchstgeschwindigkeit für Autos habe zudem den Vorteil, dass die Zahl der gefährlichen Überholmanöver von Autofahrern sinken werde, die langsamere Lastwagen hinter sich lassen wollen. 

Das spricht für ein Tempolimit auf Autobahnen: Die Unfallforscher der Versicherer (UDV) fordern eine Diskussion über ein Tempolimit auf Autobahnen. Die Geschwindigkeitsdifferenzen zwischen den Fahrspuren würden immer mehr zunehmen. Auch die Gewerkschaft der Polizei sieht hier Handlungsbedarf. "Wenn jemand mit Tempo 180 unterwegs ist und vor ihm schert ein Fahrzeug mit Tempo 90 auf die Überholspur aus, geht das schnell schief", sagte der stellvertretende GdP-Bundesvorsitzende Mertens.

Die meisten Länder der Welt haben Tempolimits auf Autobahnen (hier eine Übersicht über Tempolimits im Ausland).

Und das bringt ein Tempolimit für den Klimaschutz: Das Umweltbundesamt (UBA) hat das konkret für Tempo 120 ausgerechnet - allerdings auf Basis von Daten von 1996, neuere hat die Behörde nach eigenen Angaben nicht. Demnach sinken bei einen Tempolimit von 120 Kilometern pro Stunde die CO2-Emissionen der Pkw auf Autobahnen um neun Prozent, wenn 80 Prozent der Autofahrer sich daran halten. Im Jahr könnten so rund drei Millionen Tonnen CO2 eingespart werden. Insgesamt stieß der Bereich Verkehr 2017 fast 168 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente aus, eine Einheit, in die andere Treibhausgase umgerechnet werden. Ein weiteres Argument von Umweltschützern: Ein Tempolimit könnte dazu führen, dass Autobauer weniger auf schnelle Autos setzen, die viel Sprit fressen.

Contra: Das spricht gegen generelle Tempolimits

Tempolimits an Gefahrenstellen reichen aus: Der Automobilclub AvD hält einen Einfluss genereller Tempobegrenzungen auf die Unfallzahlen für nicht erwiesen. Stattdessen plädiert der Verband für Geschwindigkeitsbegrenzungen an Gefahrenstellen und Unfallschwerpunkten. Dies gebe es im Übrigen schon jetzt auf vielen Autobahnen, Land- und innerörtlichen Straßen, sagte ein Sprecher.

Diese Ansicht vertritt auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil. Der SPD-Politiker hält ein gesetzliches Tempolimit von 130 Kilometern in der Stunde auf Autobahnen in Deutschland für überflüssig. Der Grund: Eine solche Begrenzung sei faktisch längst Realität. "Ich fahre viel auf deutschen Autobahnen", sagte er im Januar dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Nach seinen Erfahrungen gebe es de facto fast bei keiner Fahrt mehr eine Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 130 km/h. "Die Realität auf unseren vollen Straßen hat diese Diskussion nicht nur eingeholt, sondern überholt."

Umbauen, wo es gefährlich werden kann: Der ADAC hält auch Beschränkungen auf unfallträchtigen Strecken sowie bauliche Maßnahmen für sinnvoll. So sollten gefährliche Kreuzungen auf Landstraßen zu Kreisverkehren ausgebaut werden. Außerdem müssten mehr Überholstreifen angelegt werden, um Unfälle mit dem Gegenverkehr zu vermeiden. In den Städten sollten mehr Fahrstreifen- und -wege angelegt und zusätzliche Ampeln für Fußgänger installiert werden.

Zweifel an Klimaschutz-Argument: Der ADAC hat untersucht, wie sich Tempo 30 im Vergleich zu Tempo 50 auf Pkw-Emissionen auswirkt. Sein Ergebnis: Tempo 30 führt aus Sicht des ADAC weder zur Reduzierung der Stickoxid- noch der CO2-Emissionen. Auch der AvD sagt, es habe bisher nicht nachgewiesen werden können, dass sich der Schadstoffausstoß durch Tempolimits verringern könnte.

Zweifel an der Argumentation mit der Zahl der Verkehrstoten: Die Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht im Deutschen Anwaltverein kann generellen Tempolimits nichts abgewinnen. "Ich bin fest überzeugt, dass eine signifikante Senkung der Zahl der Verkehrstoten dadurch nicht erzielt würde", sagte der Vorsitzende Jörg Elsner.

Hintergrund: Das sind die Geschwindigkeitsregeln auf deutschen Autobahnen

Auf dem Großteil der deutschen Autobahnen gilt nach wie vor freie Fahrt – also zumindest so schnell, wie es die Verhältnisse zulassen. Komplett ohne Tempolimits sind 70 Prozent der Fahrbahnkilometer, Baustellen nicht mitgezählt. Bei weiteren sechs Prozent zeigen elektronische Schilder bei entspannter Lage nichts dergleichen an. Dauerhaft oder zeitweise geltende Beschränkungen mit Blechschildern gibt es auf 20,8 Prozent des Netzes, wie aktuelle Daten der Bundesanstalt für Straßenwesen für 2015 zeigen - am häufigsten Tempo 120 (7,8 Prozent) und Tempo 100 (5,6 Prozent). Unabhängig von beschilderten Abschnitten gilt seit mehr als 40 Jahren eine empfohlene Richtgeschwindigkeit" von 130.

fin mit Agentur DPA

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